Zum Heiligen wurde István aufgrund seiner erfolgreichen Vereinigung der heidnischen Magyaren-Stämme erklärt, die zur anschließenden Christianisierung des Landes führte. Dieser Prozess ist umso bedeutungsvoller, als er noch vor dem „Großen Schisma“ stattfand: der Trennung der östlich-orthodoxen und der römisch-katholischen Kirche im Jahre 1054.


Zwischen Ost und West

In dieser Zeit existierten in Europa zwei kirchliche und zwei weltliche Machtzentren, wovon eines Byzanz war. Das Byzantinische Reich war nicht nur politisch und militärisch eine Weltmacht, sondern zugleich das geistig-spirituelle Zentrum des östlichen, also des orthodoxen christlich-kirchlichen Ritus. Dahingegen repräsentierte das Heilige Römische Reich Deutscher Nation – und zwar aufgrund der Reichsgewalt, der sogenannten „Translatio Imperii“, die dem Frankenkönig Karl dem Großen von Papst Leo III. übertragen worden war – „nur“ die weltliche Macht. Diese blieb bis ins Spätmittelalter auf das engste mit Rom als der geistlich-kirchlichen Macht im Westen verbunden.

Der Weg, den István nun zusehends in Richtung des christlichen Europas einschlug, wurde bereits von seinem Vater Géza vorgezeichnet. Denn schon der Árpáden-Großfürst und verbündete Magnaten des Hochadels hatten erkannt, dass es – wollten sie den Fortbestand ihres Landes und des Ungarntums sichern – notwendig sein würde, Land und Volk in die Gemeinschaft der Christen einzugliedern. So unterhielten sie nicht nur gute Beziehungen zu Byzanz, sie ließen sich auch in Byzanz taufen und begünstigten die Gründung eines Klosters in Ungarn nach christlich-orthodoxem, also byzantinischem Ritus in Szávaszentdemeter.

Wirklich entscheidend für die Zukunft der Ungarn waren jedoch zwei weitere Ereignisse: zum einen die Taufe Vajks als István durch den römisch-katholischen Bischof Adalbert von Prag, und zum anderen die Eheschließung Istváns mit der bayrischen Prinzessin Gisela, einer Schwester des späteren Kaisers Heinrich II. Die Ausrichtung Ungarns nach Westen war damit endgültig festgelegt.


Dem Westen zugehörig und doch souverän

In der Gefolgschaft Giselas kamen nicht nur römisch-katholische Geistliche ins ungarische Königreich, auch viele Händler, Handwerker und Ritter machten sich auf den Weg. Darunter befanden sich die Gebrüder Hont (Hunt) und Pázmány (Pazman), die aus einem schwäbischen Adelsgeschlecht stammten und sich bald als zuverlässige Stützen Istváns bewähren sollten: Auf der einen Seite fungierten sie als Heerführer bei dessen Kämpfen gegen die „heidnische“ Opposition, auf der anderen widmeten sie ihre organisatorischen Fähigkeiten dem notwendigen Aufbau des ungarischen Staatswesens.

Auf diese Weise schuf István die rechtlichen, gesellschaftlichen und kirchlichen Grundlagen für die territoriale und geistig-geistliche Inkorporation des ungarischen Königreichs in das westliche Europa.

Dabei sollte jedoch eines nicht aus den Augen verloren werden: Seinen Titel „Apostolischer König“ nahm István weder vom deutschen noch vom byzantinischen Kaiser entgegen: Vielmehr erhielt er ihn unmittelbar vom Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche – ein unübersehbares, nicht zu ignorierendes Zeichen für die Souveränität des Landes! So wurde auch König István I., der Staatsgründer höchstpersönlich, zu einem markanten Symbol für die Unabhängigkeit Ungarns.


Ungarn in Europa

Über all die Jahrhunderte erbrachte Ungarn bedeutende Beiträge zum europäischen Kulturgut: nicht nur in der Neuzeit während so bedeutender Epochen wie Renaissance, Reformation oder Aufklärung, auch im Mittelalter trug Ungarn ganz wesentlich zur europäischen Zivilisation bei. Exemplarisch sei die von König András II. ausgegebene „Goldene Bulle“ genannt: nach der englischen „Magna Charta“ von 1215 die erste schriftlich niedergelegte Verfassung in Europa.

Mit der Erklärung von Torda aus dem Jahr 1568 war Ungarn weltweit Vorreiter in Sachen Gewissens- und Religionsfreiheit. „Das größte Geschenk Gottes ist der Glaube an Gott“ war der Leitspruch des dort wirkenden und daran mitwirkenden siebenbürgischen Unitarier-Bischofs Ferenc Dávid. Seit 1920 gehört Torda als Turda zu Rumänien.

Als ganz Europa im Jahre 1848 von Revolutionen erschüttert wurde, verfolgten auch die ungarischen Revolutionäre in ihrem geistigen und bewaffneten Kampf das Ziel, die Gesellschaft rechtlich umzustrukturieren und den Absolutismus durch eine konstitutionelle Monarchie zu ersetzen.

Ihre Opferbereitschaft im Kampf für die Freiheit stellten die Ungarn mehr als hundert Jahre später erneut unter Beweis: mit ihrem ebenso mutigen wie verzweifelten Aufstand gegen die stalinistisch-bolschewistische Tyrannei. Mit der Grenzöffnung für die DDR-Deutschen im Jahre 1989 bewiesen sie, dass sie nicht nur bereit sind, für die eigene Freiheit und den eigenen Wohlstand zu kämpfen, sondern auch für das Wohlergehen ihrer Mitmenschen einzustehen und dafür Risiken einzugehen.


Im Geiste König Istváns I.

Über all diese Jahrhunderte, bei all diesen historischen Ereignissen der ungarischen Geschichte, die gleichzeitig auch Meilensteine der europäischen Zivilisation darstellten, hat die weit überwiegende Mehrheit der Ungarn aus dem Erbe und dem Geist des Heiligen István Kraft geschöpft. Sie haben damit auch immer wieder gezeigt, dass Volk und Staat der Ungarn fest in christlichen Werten verankert sind.

Die mumifizierte rechte Hand mit der geballten Faust des Heiligen Istváns steht für Kraft und Entschlossenheit des Einsatzes für christliche Werte, für Volk und Land. Nicht zuletzt wegen der Botschaft, die aus dieser Symbolik spricht, wird der Schrein mit der darin befindlichen rechten Hand an SEINEM Tag, dem 20. August, in feierlicher Prozession in Budapest verehrt. Tausende und abertausende Gläubige nehmen daran teil: Mitglieder des römisch-katholischen Glaubens ebenso wie eine große Zahl von Angehörigen anderer Konfessionen.

Mögen diese und ähnliche Zusammenkünfte auch in der Zukunft dazu Anlass geben, das Zusammengehörigkeitsgefühl der Magyaren in Ungarn und anderen Ländern, in denen sie als nationale Minderheit leben oder beruflich tätig sind, zu fördern und ihre Identität zu stärken!

Der vorliegende Artikel basiert auf einer Rede, die Dr. Siegfried Brugger, Honorarkonsul von Ungarn für Südtirol und Trentino, am 20. August vor in Bozen versammelten Ungarn gehalten hat.

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