In einer Nebenstraße des Ostbahnhofs liegt das Polizeimuseum Budapest, welches von außen ein eher unscheinbares Klinkergebäude ist. Eine ungarische Flagge und eine Polizisten-Puppe schmücken die Rundbogentür zur Eingangshalle. Während der Woche sind neben einigen Gruppen nur wenige Besucher vor Ort.

Bereits 1908 wurde das staatliche Museum in Budapest eröffnet. Bis in die 90er-Jahre diente es aber ausschließlich der Ausbildung von Polizeischülern, die sich mit Kriminalfällen der Vergangenheit bekannt machen sollten. Außerdem sollten sie anhand von Modellen Suizide von Morden unterscheiden und Tatverläufe nachvollziehen lernen. Heute ist das Museum für die Öffentlichkeit zugänglich und porträtiert die wichtigsten Ermittler, tierischen Begleiter, Gauner und Mörder des Landes.


Über 100 Jahre Polizeigeschichte

Der Eingang der Ausstellung ist schlicht gehalten. Links geht es zur historischen Sammlung des Museums. Während des Zweiten Weltkriegs wurden viele Stücke aus der Zeit vor 1945 fast vollständig zerstört. Besonders stolz ist das Museum auf die prachtvollen Uniformen der königlichen Gendarmerie. Aus der kommunistischen Periode gibt es unter anderem Uniformen mit dem roten Stern und von Generälen verfasste Befehle in kyrillischer Schrift zu sehen.

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Spannende Kriminalfälle im Museum: „Whiskey-Räuber“ Attila A. überfiel von 1993 bis 1999 30 Banken und Postfilialen entfloh sogar aus dem Gefängnis und unterstützt heute die Polizei.


Präsentiert werden außerdem Waffen für Militärparaden, Rangabzeichen, Detektivpässe, Polizeiausweise, Urkunden, Bombenanzüge und viele weitere Besonderheiten aus der ungarischen Polizeigeschichte.

Rechts vom Eingang geht es weiter zur Fotoausstellung, die ganz unter dem Motto „Vergangenheit und Gegenwart“ steht. Sie vergleicht schwarz-weiße Fotos aus dem Archiv mit Farbfotos aus dem Jahre 2008, die am gleichen Ort aufgenommen wurden.

Zu sehen ist beispielsweise ein Alkoholtest aus den 50er-Jahren und eine Verkehrskontrolle aus dem Jahre 1933 – zu dieser Zeit herrschte in Budapest noch Linksverkehr, erklärt der Museumsmitarbeiter Gábor Androvicz. Die Fotos feiern außerdem technische Errungenschaften wie den ersten Scanner für Fingerabdrücke, der noch wenige Jahre vorher aus Tinte und einem Blatt Papier bestand.


Von Räubern und Serienmördern

Das Highlight des Museums ist allerdings die kriminaltechnische Halle. Diese wirkt etwas provisorisch eingerichtet, birgt aber umso spannendere Geschichten. Aufgrund der detaillierten Fotografien von Tatorten ist sie teilweise erst ab einem Alter von 16 Jahren freigegeben.

Sie präsentiert zum Beispiel den Fall von Attila A., der 1993 seinen ersten von insgesamt 30 Bank- und Postüberfällen beging. A. suchte damals nach einem Weg, um seine erheblichen Schulden zu begleichen, die sich durch seine Spielsucht angesammelt hatten und bemerkte schnell, wie schlecht die Sicherheitsvorkehrungen der ungarischen Banken waren. Vor jeder seiner Taten trank er sich mit einem Glas Whiskey Mut an, was ihm den Namen „Whiskey-Räuber“ verlieh. Maskiert und bewaffnet nutzte er die Sicherheitslücken der Banken über sechs Jahre hinweg aus und erbeutete umgerechnet eine halbe Millionen Euro.

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Das Polizeimuseum fällt in die Kategorie „klein aber fein“.


1996 wurde er verhaftet. A. konnte allerdings aus dem Gefängnis fliehen und drei weitere Banken überfallen, bis er 1999 schließlich zu 17 Jahren Haft verurteilt wurde. 2012 kam er wegen guter Führung frei. Im Polizeimuseum wird die Aufklärung seines Falls auf mehreren Tafeln beschrieben. Mittlerweile gibt sich der ehemalige Bankräuber geläutert: Durch ihn konnten beispielsweise die Sicherheitsanlagen zahlreicher Banken verbessert werden, zudem unterstützt er heute die Polizei bei der Aufklärung von Raubüberfällen.


Ungarns Bonnie und Clyde

Auch die Kriminalgeschichte von László F. und Tünde N., allgemein bekannt als die ungarische Version von Bonnie und Clyde, ist in der Halle ausgestellt. Das junge Paar von grade mal 16 und 26 Jahren erbeutete in den 90er-Jahren in Miskolc rund 27 Millionen Forint. Ein halbes Jahrzehnt lang lieferten sie sich danach ein filmreifes Katz- und Mausspiel mit den Behörden, wobei sie Autos stahlen, in Brand setzten und schließlich ein Opfer schwer verletzten. Während László F. sich das Leben nahm, erhielt Tünde N. im Jahre 2000 eine Haftstrafe und ist mittlerweile wieder auf freiem Fuß.

„Ein weiterer spannender Fall war der Fund mehrerer Frauenleichen, die über Monate hinweg in ungarischen Wäldern entdeckt wurden. Alle Frauen wurden durch Stichverletzungen getötet“, erzählt Androvicz und deutet auf die Fotos der Akte. „Zunächst hatte man mit Hochdruck nach einem Serienmörder gesucht. Zum Schluss stellte sich aber ein aggressiver Hirsch als Mörder heraus.“


Spurensuche

Neben konkreten Fällen können Besucher vor allem forensische Techniken begutachten, wie Gipsabdrücke von Schuhsohlen, Knochenrekonstruktionen oder Proben von Hautgewebe. Auch Polizei-Motorräder und ein mechanischer Stuhl, auf dem früher Vernehmungsfotos geschossen wurden, sind in der Halle zu sehen.

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In der kriminaltechnischen Halle kommen Krimi-Fans voll auf ihre Kosten.
Ein weiterer Höhepunkt der Ausstellung, erzählt Androvicz, sei auch der Polizeihund Kántor, der in den 50er- und 60er-Jahren als Spurensucher mehr als 500 Fälle gelöst habe. Später wurde seine Geschichte sogar verfilmt. In einer Ecke sind gefälschte Forintscheine zu sehen, die teilweise in penibler Kleinstarbeit nachgezeichnet oder mit zusätzlichen Nullen versehen wurden. Das Museum hat über Jahre hinweg verschiedene Exemplare gesammelt.

Bis Ende Oktober befindet sich im hinteren Teil der Halle außerdem eine weitere Fotoausstellung über die Geschichte der Frauen bei der ungarischen Polizei. Diese begann mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges, als ausreichend Männer für den Dienst fehlten. Zwar bekamen die Damen in den 40er-Jahren noch andere Uniformen, übernahmen aber die gleichen Aufgaben wie ihre männlichen Kollegen. Laut Androvicz arbeiten heute 53.000 ungarische Staatsbürger im Polizeidienst, davon sind 33 Prozent Frauen.


Fazit

Das Polizeimuseum fällt in die Kategorie „klein aber fein“. Die Räume wirken provisorisch gestaltet und könnten ein paar interaktive Elemente gut vertragen. Inhaltlich überzeugt das Museum aber auf voller Linie. Die historische Ausstellung präsentiert ein Jahrhundert ungarischer Polizeigeschichte. In der kriminaltechnischen Halle kommen Krimi-Fans voll auf ihre Kosten. Sie können hier durch die Modelle eigene Entdeckungen machen. Auch erfahren die Besucher viel Wissenswertes für den Alltag, zum Beispiel welche Tricks Taschendiebe anwenden oder wie ein echter Polizeiausweis aussieht. Zwar sind nicht alle Teile der Ausstellung auf Englisch übersetzt worden, allerdings können Besucher sich für kostenlose Führungen in englischer Sprache anmelden, was besonders für die Kriminalfälle und forensischen Geräte zu empfehlen sei, so Androvicz.

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Rendőrmúzeum

Budapest, VIII. Bezirk, Mosonyi utca 5

Öffnungszeiten: Dienstag bis Samstag von 9 bis 17 Uhr

Eintritt: kostenlos

Weitere Informationen finden Sie auf www.rendormuzeum.com

Konversation

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