Das Leben wurde als Durchgangsstation auf dem Weg ins Paradies betrachtet. In vielen Kirchen wurde an den Wänden das Paradies prächtig dargestellt. Für die Analphabeten des Mittelalters waren diese Bilder die einzige Informationsquelle zum Thema Religion. Der Mensch möge in Demut sein Leben gestalten und alle Gefahren wie etwa Armut und Hungersnöte in Eigenregie meistern. Kirche und Glauben waren deshalb für die Menschen die einzige maßgebliche Orientierung, Zuflucht und ein Ort der Hoffnung und des Trosts.


Aktive Jenseitsvorsorge

Da der liebe Gott jedoch weit weg und der Tag des Jüngsten Gerichts unbekannt war, versuchten die Menschen sicherheitshalber schon auf Erden aktive Jenseitsvorsorge zu betreiben. So betrieben sie intensive Frömmigkeit, Heiligenverehrung und bemühten sich etwa mittels Wallfahrten und Beichten um Sündennachlass oder sogar den kompletten Erlass vermeintlicher Sünden. So wurden beispielsweise einem Kreuzzugsteilnehmer sämtliche Sünden erlassen, egal ob es sich Mord, Diebstahl oder Raub handelte.

Auch mit der Teilnahme an Wallfahrten konnte man einen Ablass erwerben. Wer es sich leisten konnte, ging auf Wallfahrt, wer arm war, bemühte sich auf andere Weise, seinen Heiligen näher zu kommen. Es gab sogar den Beruf Wallfahrer, der Gläubige, die keine Zeit dafür hatten oder aus gesundheitlichen Gründen nicht selbst die Reise antreten konnten, gegen Honorar vertrat.


Reliquienkult

In jeder Kirche gab und gibt es eine Reliquie, die aus einem Altar einen geweihten Ort Gottes macht. An hohen Feiertagen, beispielsweise in Verbindung mit dem Kirchweihfest (heute Kirtag genannt) wurden die Reliquien der betenden Gemeinde in der Kirche gezeigt und durften manchmal sogar berührt werden. Um möglichst viele Menschen an so einer Handlung teilnehmen lassen zu können, veranstaltete man Heiltumweisungen im Freien. Heiltum ist das deutsche Wort für Reliquie.

Man zeigte dem Volk bei besonderen Gelegenheiten die kirchlichen Schätze vom Balkon oder der Empore einer Kirche oder eines Doms. In vielen europäischen Städten wurden auch temporäre Gerüste aus Holz aufgestellt, die man unter anderem mit Teppichen verzierte und die der Weisung dienten. Oft wurden auch Prozessionen durch eine Stadt organisiert. Die Reliquien wurden in besonderen Behältnissen aus Edelmetallen und Edelsteinen aufbewahrt. Diese nennt man Reliquare.


Heilender Blick aufs Heiltum

„Der heiligende Blick“ auf ein Heiltum war für die Menschen des Mittelalters von sehr großer Bedeutung. So ein Heiltum oder eine Reliquie entspricht dem Grundbedürfnis des Menschen, etwas Greifbares zu sehen, zu berühren oder gar selbst zu besitzen. Die Betrachtung der Reliquie sollte an das Leben und den Glaubensweg des Heiligen erinnern. Sie sind als Zeugen des Wortes Gottes zu verstehen. Man findet auch Textstellen in alten Büchern, die Gebeine von Heiligen als wertvoller als Gold und Edelsteine bezeichnen.

Die Bibel berichtet von Aposteln, die mit Reliquien Heilungen vollbrachten oder gar Tote zum Leben erweckten. Märtyrer wurden schon immer wie Heilige verehrt, in allen Kulturen und Religionen. Die Verehrung fand anfänglich an deren Grabmälern oder in ihnen gewidmeten Kirchen statt.


Die Symbolkraft zählt

Woher kamen aber diese Reliquien? Die allermeisten wurden aus Gräbern und Katakomben gestohlen. Die Sammler wussten, dass sie diese von Dieben und Hehlern kauften. Die Echtheit einer Reliquie glaubte man an ihrer Wirkung zu erkennen. Erfolgten Wunder, dann waren sie echt. Die Frage der Echtheit ist in katholischen Kreisen aber nicht so wichtig, vielmehr geht es um die Symbolkraft der Reliquie. Die Heil(ig)tümer sind Hilfsmittel, die die Gläubigen mit Jesus, Maria und vielen anderen Heiligen in Verbindung bringen.

Wenig bekannt ist der Wiener Heiltumstuhl, obwohl er rund 200 Jahre vor dem Wiener Stephansdom gestanden ist. Er ist wahrscheinlich der einzige gemauerte Heiltumstuhl im Regnum Teutonicum und befand sich ungefähr am Beginn der Rotenturmstraße.



Ungarische Heiltümer

Wie in jedem Land gibt es auch in Ungarn zahlreiche Heiltümer. Zu den berühmtesten Reliquien zählt die in Budapest in einer Seitenkapelle der Basilika aufbewahrte Heilige Rechte, eine mumifizierte Hand des heiligen Stephans. Das dazugehörige Reliquar hat die Form der Matthiaskirche. An jedem 20. August, dem Stephanstag wird die Reliquie durch die Stadt getragen. In der Stephanskapelle gibt es auch noch die Fingerknochen von Königin Gizella, der Frau König Stephans. Sie befinden sich in einer reich geschmückten Reliquienmonstranz.

Besonders verehrt und Gegenstand von Wallfahrten war und ist auch das Grab des Heiligen Ladislaus, dessen Reliquien sich heute großteils in Oradea/Großwardein befinden. Sein bekanntes Kopfreliquiar ist heute in Győr in der ihm gewidmeten Kapelle zu finden.

Eine sehr bedeutende Reliquie ist auch die des heiligen Johannes, der auch Almosengeber genannt wird, die Matthias Corvinus 1480 von Sultan Mehmed II geschenkt bekam. Ein Fuß ist in der Gara-Kapelle in Budapest, der Rest im Martinsdom in Bratislava. In der Gara-Kapelle gibt es auch noch Reliquien von Franz von Assisi, Antonius von Padua und vom Bischof Stanislaus von Krakau. Die ungarische Krone wird ebenfalls als Reliquie verehrt und befindet sich derzeit im Parlament in Budapest. Papst Sylvester sandte sie seinerzeit aus Rom nach Ungarn.

Ungarische Gläubige waren und sind auch heute noch in ganz Europa wallfahrend unterwegs. So findet man in der einschlägigen Literatur eine Erwähnung von 1489, dass die Wallfahrer aus Ungarn in Nürnberg eine eigene Pilgergruppe bildeten. In einem Bericht über Aachen ist von kontinuierlichen Besuchen ungarischer Pilger die Rede, da diese Aachenfahrten durch die ungarischen Könige aus dem Hause Anjou gefördert wurden.

In Aachen findet noch heute im 21. Jahrhundert alle sieben Jahre eine große Heiltumsweisung statt, die wegen des großen Interesses mehrere Tage dauert. Dort hat es auch während des Zweiten Weltkriegs eine Heiltumsweisung gegen Hitler und das Naziregime gegeben.


Die Dornenkrone von Notre-Dame

In aller Munde bei dem schrecklichen Brand im April 2019 war die Dornenkrone aus Notre-Dame, eine der bedeutendsten Reliquien der katholischen Kirche. Übereinstimmenden Medienberichten zufolge soll Kaplan Jean-Marc Fournier, Seelsorger der Feuerwehr, in die brennende Kathedrale gerannt sein, um die Dornenkrone und andere Reliquien in Sicherheit zu bringen. Bis zum Brand von Notre-Dame wurde sie jeden ersten Freitag im Monat und in der Fastenzeit jeden Freitag ausgestellt.

Auch in jüngster Zeit kann man immer wieder neue Reliquien bestaunen, so beispielsweise in der Basilika in Budapest seit etwa fünf Jahren eine Büste von König Karl IV von Ungarn (Karl I. von Österreich), die einen Schulterknochen als Reliquie beinhaltet. Sie befindet sich im linken Seitenschiff. Nach Wien wurde in den ersten Maitagen 2019 aus Rom eine Reliquie von Papst Paul für den Stephansdom überbracht. Wo sie hier ihren endgültigen Platz bekommt, ist noch unbekannt.

Die allerneuesten Reliquien sind Diamanten, die man aus der Asche Verstorbener herstellen lassen und dann etwa als Halskette oder Ring für immer tragen kann. Auch heute noch ist allen Menschen die Frage gegenwärtig: Wohin gehen wir? Wo ist das Paradies in Anbetracht des für uns Laien täglich durch neue Forschungsergebnisse größer werdenden Weltraums? „Sehen ist glauben“ wird zwar immer schwieriger, hat aber an Aktualität nichts eingebüßt.

Die Autorin lebt in Wien und beschäftigt sich bereits seit Jahrzehnten mit der Reliquienforschung.

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