Auch 50 Jahre nach der Mondlandung übt der Erdtrabant eine ungebrochene Faszination auf den Menschen aus. Dabei sind Reisen zum Mond schon lange nicht mehr nur Staatsangelegenheit. Immer mehr private Unternehmen träumen vom blühenden Weltraumtourismus der Zukunft. Das US-amerikanische Unternehmen Google beispielsweise investiert in die Entwicklung dieses neuen Wirtschaftssektors. Gemeinsam mit der gemeinnützigen X-Prize Foundation lobte der Internetriese 2007 ein „Roboter-Wettrennen“ aus. Ziel des Wettbewerbs war das erfolgreiche Landen eines privat finanzierten Mondfahrzeugs bis Ende 2018.

Dem Sieger sollte ein Preisgeld in Höhe von 30 Millionen US-Dollar winken. Beworben hatten sich Privatunternehmen aus vielen Ländern der Erde. Darunter auch Puli Space Technologies. Das Unternehmen mit Sitz in Ungarn erforscht neue Wege im Bereich der Entwicklung und Herstellung unbemannter Vehikel für den Gebrauch in der Raumfahrt. Gegründet 2010 wollte es mit seinem Moon Rover den Wettbewerb „Google Lunar X Price“ gewinnen und so zu einem wichtigen Player in der schnell wachsenden privaten Raumfahrtbranche werden. Wir sprachen mit Unternehmensgründer und CEO Tibor Pacher über den Wettbewerb und den aktuellen Stand des Mondgefährts. Pacher hat einen akademischen Hintergrund in theoretischer Physik. Seinen Doktortitel erlangte er in Heidelberg.



Mit Ihrem Unternehmen Puli Space Technologies haben Sie am Wettbewerb „Google Lunar X Price“ teilgenommen. Ziel war es, ein Mondfahrzeug zu entwickeln, welches ein unbemanntes Aufsetzen auf dem Mond schafft, fünfhundert Meter auf diesem zurücklegen und von dem Himmelskörper aus Bilder auf die Erde senden kann. Was war dabei die größte Herausforderung?

Die größte technische Herausforderung war das Bauen der Landeeinheit. Bereits zu Beginn des Wettbewerbs haben wir einsehen müssen, dass wir diese nicht alleine bauen können. Dafür ist Puli Space Technologies einfach zu klein. Deshalb haben wir uns entschieden, uns voll und ganz auf das Fahrzeug selbst, den Moon Rover, zu konzentrieren. Das Bilden sogenannter „Fahrgemeinschaften“ für den Raketenflug war laut den Regeln des Wettbewerbs zulässig. Damit konnten wir uns schnell anfreunden – auch, um finanzielle Mittel zu sparen.


Apropos Finanzierung: Welche Kosten waren mit der Teilnahme am Wettbewerb verbunden?

Zum einen gab es eine Startgebühr, die jedes Team aufbringen musste. Diese wurde gestaffelt. Teams, die sich schon früh angemeldet hatten, zahlten weniger. Wir haben uns jedoch relativ spät registriert und mussten daher eine erhöhte Startgebühr von 50.000 Dollar entrichten. Das war bereits die erste finanzielle Hürde. Mithilfe von Sponsoren und Privatpersonen konnten wir die Summe jedoch beschaffen. Auch ein Kollege von mir sowie meine Frau und ich haben jeder einen beträchtlichen Geldbetrag in das Projekt gesteckt. Sonst wäre das Vorhaben auch nicht möglich gewesen. In Ungarn ist es nicht leicht, Unternehmen für die Mitfinanzierung eines solchen Vorhabens zu begeistern. Momentan rechnen wir für unseren Rover mit Gesamtkosten von neun bis zehn Millionen Dollar. Nach unseren Schätzungen wird allein der Flug zum Mond ungefähr zwei Drittel der Summe verschlingen.


Bei einer solchen finanziellen Belastung muss die Konkurrenz zwischen den teilnehmenden Teams doch besonders hoch gewesen sein. Wie haben Sie die Wettbewerbssituation wahrgenommen?

Natürlich war einem immer bewusst, dass es sich um einen Wettbewerb handelt. Im Jahr 2011 waren wir noch um die 30 Teams. Mittlerweile arbeiten nur noch sechs Gruppen aktiv an dem Vorhaben. Manche Teams sind fusioniert, andere haben aufgegeben. Ein starkes Team im Wettbewerb waren beispielsweise die Israelis, die trotz ihres relativ kleinen Landes gezeigt haben, wie viel möglich ist. Alle haben mit ihnen mitgefiebert und jeder fand es schade, als es bei ihnen trotz aller Anstrengung nicht ganz funktionieren wollte. Für die übrigen Gruppen hieß das jedoch auch, dass noch eine Chance bestand, selbst zu den Ersten zu gehören, die die Umsetzung meistern. Dennoch ist es das primäre Ziel aller Teilnehmer, gemeinsam eine Zukunft auf dem Mond aufzubauen. Neben dem Wettbewerbsgedanken spielte also auch eine Kameradschaft zwischen den Teams eine Rolle.


Trotz des ganzen Aufwands hat es kein einziges Team geschafft, den Anforderungen des Wettbewerbs bis zur Abgabefrist gerecht zu werden. Woran lag das?

Ich denke, dass die Schwierigkeit, die nötigen finanziellen Mittel bereitzustellen, viele Teams schwer belastet hat. Man muss allerdings sagen, dass es definitiv Gruppen gab, die der Ziellinie sehr nahe gekommen sind. Die sind dann nur auf den letzten Metern ins Stolpern geraten. Ich denke auch heute noch, dass viele Teams kurz vor einem Durchbruch sind: Das deutsche Team beispielsweise wird sicher in den nächsten zwei Jahren einen Start hinbekommen. Auch die Gruppe „Astrobotics“ aus den USA wird wahrscheinlich im ersten Halbjahr 2021 für das Vorhaben bereit sein. Und es gibt noch ein bis zwei weitere Teams, die in nächster Zeit für die nächsten Schritte gerüstet sein werden. Insofern hat es zwar ein bisschen länger gedauert, doch das Vorhaben ist auch bei Weitem komplexer, als es für Außenstehende erscheinen mag.

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Ist die Motivation Ihres Teams, an dem Moon Rover zu arbeiten, gesunken, jetzt da der Google-Wettbewerb offiziell vorbei ist?

Für uns war von Anfang an klar, dass es sich um ein langfristiges Unterfangen handelt. Eine geringere Motivation ist mir bei meinen Leuten nicht aufgefallen. Das Team von Puli Space Technologies besteht aus Ingenieuren, einem Wissenschaftsteam, juristischer Unterstützung sowie aus Marketing-Mitarbeitern. Der harte Kern ist bereits seit rund neun Jahren dabei. Diese Helfer haben natürlich auch Lust auf die Arbeit. Zudem haben wir in den letzten Jahren viele Erfahrungen gesammelt – zum Beispiel bei Analogtests – und eine Menge Wissen gewonnen. Das ist doch auch viel wert. Ich sage immer: Dieses Unterfangen ist wie ein Marathonlauf. Es braucht seine Zeit. Klar, steigen auf dem Weg manche Leute aus – manchmal passen die Lebensumstände auch nicht mehr zum Projekt. Die meisten Mitarbeiter sind jedoch sehr ausdauernd.


So wie die ungarische Hunderasse Puli?

Ganz genau!



Ist das auch der Grund für die Namensgebung von Puli Space Technologies?

Wir wollten uns bei unserer Gründung einen Namen geben, der einen eindeutigen Ungarnbezug hat, aber auch von Leuten, die kein Ungarisch beherrschen, ausgesprochen werden kann. Pulis sind eigenständige und intelligente Hunde. Diese Eigenschaften wollen wir ebenfalls repräsentieren.


Wie sieht die Arbeit im Unternehmen aus? Arbeiten Sie beispielsweise alle am selben Ort zusammen?

Wir verfügen über ein kleines Büro, das regelmäßig besetzt ist. Hier können wir zum Beispiel auch die Elektronik testen. Tatsächlich sind aber nicht alle Kollegen in Budapest. Manche wohnen in anderen Regionen Ungarns. Ein paar Mitarbeiter sitzen aber auch in den Niederlanden beim ESTEC, dem Europäischen Weltraumforschungs- und Technologiezentrum der Europäischen Raumfahrtagentur (ESA). Einmal wöchentlich findet eine Online-Konferenz statt. Manchmal gibt es auch sogenannte Mannschaftstreffen. Da kommen beispielsweise alle Ressortleiter zusammen.


Wie weit ist Puli Space Technologies beim Bau des Rovers gekommen?

Wir haben bereits mehrere Prototypen gebaut. Das erste Modell war eher eine Art Spielzeug. Da haben wir viel herumprobiert. Mittlerweile haben wir einen funktionsfähigen Prototypen, den wir in einer verbesserten Form nochmals nachbauen werden. Das Modell ist sehr ausgeklügelt. Es gab dabei viel zu beachten, beispielsweise wie die wichtigen Komponenten zusammengebaut werden müssen, um möglichst effizient zum Mond zu gelangen. Außerdem haben wir uns lange mit der geeigneten Energieversorgung beschäftigt. Ein Tag auf dem Mond entspricht 29 Erdentagen. Zudem kann es dort sehr kalt, zur Mittagszeit aber auch sehr heiß werden. Zu solchen „Extremzeiten“ wird der Rover aber nicht fahren.

Momentan ist geplant, dass das Gerät mit seinen Energiereserven acht bis zehn irdische Tage auf dem Mond schaffen soll. Es ist mit Solarzellen ausgestattet und mit Batterien, die mindestens einige Stunden halten sollen. All das ist natürlich von der tatsächlichen Energienutzung abhängig. Die Batterie, der Computer – alles benötigt Energie und wir müssen effizient damit umgehen. Falls etwas kaputtgeht, dann ist der Rover zu nichts mehr zu gebrauchen. Wir haben uns deshalb für die folgende, idiotensichere Variante entschieden: möglichst wenig bewegliche Komponenten einbauen. Die gehen ohnehin schneller kaputt. Mit dem jetzigen Prototypen kommen wir sehr gut zurecht. Wir haben bereits mehrere Tests durchgeführt.


Wie kann man den Rover auf der Erde unter mond- oder auch marsähnlichen Bedingungen testen?

Bisher haben wir drei Tests durchgeführt. Der erste fand in Marokko statt. Die Bedingungen in der Wüste sind denen auf den besagten Himmelskörpern sehr ähnlich. Wir haben den Rover von Budapest aus gesteuert. Dabei haben wir eine gesicherte Internetverbindung aufgebaut, die über Innsbruck abgewickelt wurde. In der Wüste haben wir unter anderem getestet, ob die Kommunikation mit dem Rover funktioniert. Dabei konnten wir aufgrund der komplexen Leitungen leichte zeitliche Verzögerungen bei der Übertragung verzeichnen. Das hat uns jedoch nicht weiter beeindruckt, schließlich kommen Gespräche von der Erde zum Mond auch erst ungefähr drei Sekunden später an. Bei der Kommunikation zwischen der Erde und dem Mars kommt es sogar zu noch größeren Verzögerungen: Wenn man auf der Erde über Kommunikationskanäle zum Mars Kontakt herstellen möchte, so kommt die Nachricht erst 20 Minuten später dort an.

Der zweite Test fand auf einem Vulkan auf Hawaii statt, wo der Boden den Gegebenheiten auf dem Mars sehr ähnelt. Später haben wir unweit von Innsbruck auch auf einem Gletscher Tests durchgeführt. Die Verbindung von steinigem Boden, unter dem sich Eis befindet, gilt ebenfalls als ideale Testbedingung.

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Kam es beim Testen zu Komplikationen?

Ja. Ich kann mich besonders an ein Problem erinnern, das wir auf Hawaii hatten. Dabei hätten wir den Rover fast zerstört. Während der Tests gibt es Teammitglieder, die die Abwicklung an Bildschirmen von Ungarn aus kontrollieren. Dies erfolgte in Schichtarbeit. Manche unserer Mitglieder hatten dabei aber noch keine allzu große Erfahrung. Während der meisten Schichten gibt es keine Komplikationen. Wenn jedoch etwas passiert, dann sind meist mehrere Systeme betroffen. Das führt unmittelbar zu einer totalen Stresssituation. Damals auf Hawaii ist der Rover hängen geblieben und an der Unterseite fast aufgerissen. In letzter Minute konnten wir dies jedoch noch verhindern.


Die Gravitation auf dem Mond beträgt nur etwa ein Sechstel der Erdanziehungskraft. Wie kann man den Rover darauf vorbereiten?

Dafür gibt es verschiedene Simulatoren. Hier kann die Mondgravitation beispielsweise per Knopfdruck nachgestellt werden. Es gibt auch andere komplexe technische Testvorrichtungen, in denen das Gerät die Gravitation einschätzen muss und danach Anpassungen vornehmen muss.


Wie sind momentan die Chancen für private Raumfahrtunternehmen wie das Ihre?

Momentan ist eine ganz gute Zeit für uns. Dieses Jahr ist die Wiederkehr der Apollo 11-Mission genau 50 Jahre her. Dadurch wird vermehrt über Raumfahrt gesprochen. Die Amerikaner wollen in absehbarer Zeit Menschen auf dem Mond sehen. Es wird immer mehr über „Weltraumtourismus“ gesprochen – auch mit einem verstärkten Interesse daran, zum Mond zu reisen. In den nächsten zwei bis vier Jahren werden da definitiv große Zeiten auf uns zukommen. Auch die NASA kann sich eine Kooperation mit privaten Raumfahrtunternehmen vorstellen. Mit Geräten solcher Privatunternehmen sollen beispielsweise Gerätschaften für wissenschaftliche Experimente zum Mond gebracht werden. Manche schätzen, dass die gesamte Raumfahrtwirtschaft in den nächsten Jahren ein riesiges Wachstum erfahren wird.


Und welche Zukunftsaussichten sehen Sie für Ihren Rover?

Ich sehe gute Chancen, den Rover irgendwann verkaufen zu können. Solche Geräte werden mittlerweile häufiger nachgefragt. Auch können wir damit Dienstleistungen auf der Erde anbieten. Dank der Mobilität unseres Fahrzeuges können wir beispielsweise Minen in Wüstengebieten aufspüren. Das kann Menschenleben retten.


Das Interview führte Michelle Dörner

Weitere Informationen zu Puli Space Technologies finden Sie auf http://pulispace.com/

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