Nagy stellt aber auch einige Missverständnisse klar. So erklärte er unter anderem, dass das paneuropäische Picknick nichts mit der Paneuropa-Union zu tun hatte. Für das Picknick waren in erster Linie Aktivisten des Ungarischen Demokratischen Forums (MDF) verantwortlich. Eine Verbindung zur Paneuropa-Union gab es lediglich über Otto von Habsburg. Allerdings wurde ihm die Schirmherrschaft über das Picknick wegen seines pro-ungarischen Engagements als Europa-Abgeordneter angetragen, und nicht etwa in seiner Eigenschaft als Präsident der Paneuropa-Union.

Heute wird das Picknick vor allem mit den Bildern von flüchtenden Ostdeutschen assoziiert. Umso bemerkenswerter ist die Feststellung von Nagy, dass das Picknick keinesfalls als Fluchthilfe-Event für Ostdeutsche konzipiert war, sondern sich ursprünglich vor allem an die Bürger beider Nachbarländer, also an Ungarn und Österreicher richtete. Man sei regelrecht überrascht gewesen über den Zuspruch, den das Picknick plötzlich bei den in Ungarn festsitzenden Ostdeutschen fand.

Dieser hatte vor allem damit etwas zu tun, dass die Flyer der Veranstalter, die von ihnen nur in der näheren Umgebung verteilt wurden, plötzlich in riesiger Auflage in Budapest und am Balaton auftauchten. Die Picknick-Organisatoren hatten damit nichts zu tun, stellt Nagy klar. Er wagt sogar die These, dass der westdeutsche Geheimdienst seine Finger im Spiel gehabt haben könnte. Es ist sicher eine dankbare Aufgabe für Historiker herauszubekommen, wer wirklich hinter dem Nachdruck und der Verbreitung der zusätzlichen Picknick-Flyer stand.

Wer auch immer dafür verantwortlich war, Tatsache ist wohl, dass das ungarisch-österreichische Picknick ohne den plötzlichen massenhaften Zuspruch von Seiten ostdeutscher Flüchtlinge nicht diese historische Größe bekommen hätte. Unabhängig von der Teilnahme der ostdeutschen Gäste spielte es aber auch in der „Strategie der Testballons“ der damaligen Regierung eine wichtige Rolle. So sollte auch mit dem Picknick die Toleranz der Sowjets und der sowjetischen Besatzer ausgetestet werden, wie der damalige Ministerpräsident Németh vor fünf Jahren in einem BZ-Interview erklärte.

Das Picknick hat in einer Situation der allgemeinen Unsicherheit wesentlich dazu beigetragen, eine festgefahrene Situation zu dynamisieren. Letztendlich war damals den meisten klar, in welche Richtung die Reise gehen müsste. Dennoch scheuten viele Protagonisten davor zurück, die richtigen Schritte zu unternehmen. Schließlich ging vom jahrzehntelang herrschenden Status Quo ein deutliches Trägheitsmoment aus. Auch das durchaus vorhandene Risiko eines Putsches durch Hardliner in Moskau wirkte hemmend. In dieser Situation kam der kleinen Truppe um Nagy mit einem Mal eine große Bedeutung zu. Während an den Schalthebeln der Macht noch gezaudert und abgewogen wurde, begannen plötzlich einige einfache Bürger, beherzt und aus eigenem Antrieb zu handeln und damit unbewusst Geschichte zu schreiben.

Das paneuropäische Picknick ist ein schöner Beweis für die gestalterische Kraft der einfachen Bürger. Politische Entscheidungsträger gebieten zwar über eine große Macht, wenn ihnen jedoch in gewissen Situationen nicht von unten einige Denk- und Handlungsanstöße gegeben werden, wirken sie zuweilen recht verloren.

PS: Mit der vorliegenden Ausgabe des BZ Magazins verabschieden wir uns von Ihnen in unsere alljährliche dreiwöchige Sommerpause. Das nächste BZ Magazin erscheint am 30. August. Wenn Sie bis dahin nicht auf zuverlässige deutschsprachige Informationen über Ungarn verzichten wollen, dann schicken wir Ihnen während der Magazin-Pause ohne zusätzliche Kosten gerne unsere weiterhin erscheinende Tageszeitung BZ heute. Bei Interesse schicken Sie mir bitte einfach eine kurze E-Mail an jan.mainka@bzt.hu. Im Namen unseres BZ-Teams wünsche ich Ihnen möglichst erholsame August-Tage.

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