Seit eineinhalb Jahren lebt Stephanie Andrews nun schon in Budapest. „Aber oft fühlt es sich so an, als wäre ich gerade erst hier gelandet”, gesteht sie lachend. Bis heute fasziniere sie die Stadt mit ihren nächtlichen Lichtern, dem Parlament – das sie für eines der bemerkenswertesten Gebäude der Welt hält – und dem Gefühl von Leidenschaft, welches der ungarischen Hauptstadt zu eigen sei. Natürlich gibt es auch Dinge – die Touristenmassen im Sommer beispielsweise –, die sie weniger begeistern: „Ich wohne in der Innenstadt und manchmal bleibe ich lieber das ganze Wochenende daheim, nur um dem Irrsinn auf der Straße zu entgehen”, sagt Andrews.


Liebe auf den ersten Blick

Bevor es sie nach Budapest verschlug, lebte die bezaubernde Amerikanerin in Portugal und Spanien: „Für etwa ein Jahr habe ich in Südeuropa gelebt, aber ich war auf der Suche nach einer größeren Stadt, wo es auch eine Filmindustrie gibt. Budapest war weit oben auf meiner Liste. Und als ich schließlich herkam, um mir die Stadt anzusehen, habe ich mich sofort verliebt.” Nur eine Woche später fällte Stephanie Andrews die Entscheidung, nach Ungarn zu ziehen.

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Seit eineinhalb Jahren lebt und arbeitet Stuntfrau Stephanie Andrews in Budapest. (Foto: Popio Stumpf Photography)


Es ist fast unmöglich, Stephanie in nur einem Wort zu beschreiben. Ihr täglich Brot verdient sie mit ganz unterschiedlichen Dingen. So ist sie unter anderem Reisejournalistin: „Ich arbeite als Freiberuflerin, reise umher und schaue dann, was ich über die jeweilige Destination schreiben und an wen ich es verkaufen kann.”

Am liebsten reise sie dabei allein. „Ich hatte unbeschreibliches Glück, so Erfahrungen sammeln zu dürfen, die ich vermutlich nicht hätte machen können, wenn ich mit einer Gruppe von Leuten unterwegs gewesen wäre.”

Eben erst ist Andrews aus Israel zurück. Noch immer ist sie vollkommen hingerissen von dem dort Erlebten: „Ich habe einen Tag Jerusalem, einen Tag Westbank und Totes Meer gemacht und den Rest der Zeit habe ich mit Kochkursen verbracht und damit, einfach nur herumzuschlendern. Das Essen, die Menschen, die Geschichte … einfach alles an diesem Ort ist faszinierend!” Im Februar wird sie an einem Halbmarathon am Toten Meer teilnehmen. „Ich weiß schon jetzt, dass dies meine bisher coolste Reiseerfahrung sein wird”, ist sie sich sicher.

In ihrem „zweiten Leben“ ist die Amerikanerin Stuntfrau. Ein Beruf, der ihr viel abverlangt, aber noch mehr Freude bereitet. Dabei war das Stunthandwerk gar nicht ihre erste Wahl, Andrews wollte eigentlich Schauspielerin werden: „Ich schauspielere, seit ich sechs Jahre alt bin. Eigentlich habe ich immer davon geträumt, am Broadway oder in Spielfilmen zu arbeiten.”

Nach dem Studium zog sie deshalb sogar nach Chicago. Doch dort wurde sie mit einer harten Realität konfrontiert: „Mir kam es vor, als würde ich genauso aussehen, wie jede andere junge Frau, die da durch die Tür der Casting-Agentur kam. Ich wollte etwas finden, was mich aus der Masse herausstechen lässt.” Daraufhin begann Andrews nach Stuntschulen in Chicago zu suchen. „Nach nur einer Trainingseinheit war es um mich geschehen. Heute mache ich lieber Stunts als zu schauspielern”, erzählt sie.


Das Geheimnis ist Vielseitigkeit

Dass sich Stephanie Andrews für diesen Zweig des Filmbusiness entschieden hat, kam nicht von ungefähr. Schon im Kindesalter begann sie mit Gymnastik. „Ich war damals allerdings nicht mit dem Herzen dabei, was ich heute bereue.” Bis in ihre frühen Zwanziger interessierte sich Andrews nicht wirklich für Fitness und Sport, erst als sie mit dem Stunttraining begann, änderte sich alles: „Zwei bis drei Mal pro Woche ging ich zum Training, ich fing auch mit Kampfsport und Zirkustraining an, recherchierte selbst viel zu Krafttraining und richtiger Ernährung.”

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Eine weitere Leidenschaft Andrews gilt dem Aerial Hoop.


Auch dem Zirkus verfiel die junge Frau damals, eine Leidenschaft, die sie bis heute pflegt. „Ich fing also an, Zirkusstunden zu nehmen. Dabei lernte ich auch das fliegende Trapez kennen. Etwa ein Jahr später begann ich für eine Trapez-Schule in Chicago zu arbeiten und außerdem trainierte ich intensiv am Aerial Hoop”, erklärt Andrews.

Mit 30 Jahren beschloss sie schließlich, ihr Training aufs nächste Level zu heben: Sie schrieb sich für ein Vollzeit-Zirkustrainingsprogramm ein. „Das war eine der härtesten, aber auch eine der besten Entscheidungen meines Lebens. Manchmal habe ich zwölf Stunden am Tag trainiert. Nie zuvor im Leben war ich so erschöpft und doch blicke ich voller Sehnsucht und Nostalgie auf diese Zeit zurück.”

Seitdem ist Andrews Trainingsplan noch rigoroser geworden: „Ich trainiere mindestens fünf Mal pro Woche. Vor Kurzem habe ich zudem begonnen, mit einem Privattrainer zu arbeiten – und ich liebe es! Es ist der absolut beste Weg, um meine Woche zu beginnen.” Ihr Favorit sind Intervalltrainings mit hohem Intensitätsgrad. Eine große Rolle spielen dabei Eigengewichtsübungen wie Liegestütze und Klimmzüge.

Täglich eineinhalb bis zwei Stunden verbringt Andrews mit Sport, wobei sie auch Ausdauertrainings einbaut. „Das hilft mir zu entspannen, bringt meine Kreativität auf Trab und erlaubt mir, den Kopf freizubekommen.”


Körperliche Fitness ist ein Muss

Ein freier Kopf und ein fitter Körper – das braucht Stephanie Andrews auch in ihrem Job als Stuntfrau. Die Tätigkeit verlangt dem Körper einiges ab. Es ist anstrengend – überraschenderweise aber nicht so gefährlich, wie man meint. „Etwas, was ich immer wieder höre, ist: ‚Oh, du musst aber wagemutig sein!‘“, erzählt Andrews. „Dabei geht es bei Stunts nicht darum, der nächste Evel Knievel zu sein. Alles wird im Vorfeld minutiös durchdacht. Klar, Schürfwunden und blaue Flecken gehören dazu, und natürlich kann immer etwas schiefgehen, besonders wenn es sich um einen risikoreichen Stunt handelt. Doch im Großen und Ganzen sind alle am Set, vom Stunt-Koordinator über die Sicherungscrew bis hin zu den anderen Stuntleuten, darauf bedacht, den Stunt so sicher wie nur möglich zu machen.”

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„Als Stuntleute versuchen wir, Risiken zu vermeiden, und suchen keinesfalls die Gefahr!” (Foto: archerphoto)


Laut Andrews würden bei einem Stunt-Koordinator alle Alarmglocken läuten, wenn ein Neuling sich mit dem Satz „Ich bin risikofreudig” zu profilieren versucht. „Als Stuntleute versuchen wir, Risiken zu vermeiden, und suchen keinesfalls die Gefahr!”


Vertrauen in den Stunt-Koordinator ist essenziell

Doch wie läuft so ein Stunt überhaupt ab? Wie ergattert man einen Auftrag als Stuntfrau? „Bei Stunt-Jobs gibt es eher selten ein Vorsprechen. Ausnahmen sind Liveshows”, erklärt Stephanie Andrews. Stattdessen seien es oftmals die Stunt-Koordinatoren, die bereits mit vielen Leuten zusammengearbeitet haben und wissen, wessen Fähigkeiten am besten zu einer bestimmten Rolle passen. Manchmal seien es auch Kollegen aus der eigenen Stunt-Gruppe, die einen für einen Job empfehlen. Wie Andrews erzählt, habe sie aber auch schon Jobs über ihr „Stunt Reel“ – eine Art CV für Stuntleute mit filmischen Zusammenschnitten geleisteter Stunts – bekommen. Gelegentlich ist es aber auch allein die Optik, die entscheidet. Dann zum Beispiel, wenn es darum geht, als Double für einen bestimmten Schauspieler einzuspringen.

Doch egal wie man an den Auftrag gelangt ist, Sicherheit ist oberstes Gebot bei Stunt-Jobs. Vor dem Dreh wird deshalb noch einmal alles geprobt, die Szene nachgestellt und durchgesprochen, bevor es tatsächlich heißt: „Und Action!”

Deswegen ist es auch nicht der Regisseur, sondern der Stunt-Koordinator, dem Stephanie Andrews am Set unterstellt ist. „Der Koordinator stellt sicher, dass alles glatt läuft und sicher ist. Er ist sprichwörtlich dein Rettungsring.” Laut der erfahrenen Stuntfrau ist der Koordinator nicht nur für die Vorbereitung, sondern auch die Abwicklung des Stunts verantwortlich. Vor Ort überprüft er Aufhängungen, Seile sowie Matten und stellt sicher, dass alle Crewmitglieder an der richtigen Stelle sind.

Trotz guter Vorbereitung gehören Verletzungen trotzdem zum Job. „Ich habe bisher Glück gehabt und mich noch nie ernsthaft während eines Jobs verletzt”, erzählt Stephanie Andrews, fügt aber hinzu: „Doch Gott weiß, ich hab meinen Teil abbekommen.”

Andrews witzelt, sie würde gern einmal einen Ganzkörper-Scan machen lassen, um wie sie sagt, „zu sehen, wie kaputt mein Körper ist, von all dem Fallen und Geschlagenwerden.” Die Umsicht bei der Arbeit zahlt sich für Andrews jedoch aus: „Das Schlimmste, was mir je beim Dreh passiert ist, war eine Unterkühlung, mehr nicht.”


Auch Videospiele haben Stunts

Welcher Stunt-Job Stephanie Andrews am meisten in Erinnerung geblieben ist? „Ich habe das Glück, schon an wirklich beeindruckenden Sets gearbeitet zu haben. Das Coolste war wohl, als ich die Stunts für das Videospiel ‚Saints Row IV‘ drehen durfte.” Schon von klein auf war die rothaarige Schönheit in Videospiele vernarrt, doch erst als Erwachsene wurde ihr klar, dass die Bewegungen, die ihre Lieblingscharaktere im Spiel vollführen, auf den Bewegungsabläufen echter Menschen beruhen. Andrews selbst durfte Stunts für Schnittszenen im Spiel machen, unter anderem für die Figur Kinzie Kensington, eine ehemalige FBI-Agentin und Protagonistin des Spiels. Sie sieht Stephanie Andrews auch noch ähnlich.

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Andrews Trainingsplan ist rigoros: „Ich trainiere mindestens fünf Mal pro Woche.“

Doch anderer Job, der der feurigen Amerikanerin bestens in Erinnerung geblieben ist, ist ein Stunt, bei dem ihr Körper in Flammen stand.

Bei aller Anstrengung und Schmerzen – Stephanie Andrews kann sich nicht vorstellen, etwas anderes zu machen. Ihr Tipp an alle, die sich auch einmal in diesem Bereich ausprobieren wollen: Einfach die nächste Stunt-Gruppe ausfindig machen und so viel wie möglich mit ihnen trainieren. Wer vielseitig sein möchte, der lernt noch Kampfsport. „Allerdings unterscheidet sich, was man beim Trainer lernt und was vor der Kamera tatsächlich funktioniert, gelegentlich”, so Andrews. Aber dafür gibt es ja zum Glück noch den Stunt-Koordinator.

Mehr Informationen und Stephanie Andrews „Stunt Reel“ finden Sie auf http://www.scandrews.com

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Fotos: Nicola Toscani
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