Es ist nicht einfach, ein Kind im Teenager-Alter zuhause zu haben. Besonders dann nicht, wenn man alleinerziehend ist. Doch mit 88 Jahren – einem Alter, in dem andere bereits selbst auf Hilfe im Alltag angewiesen sind –, noch seine 14-jährige Urenkelin großzuziehen, scheint eine schier unmögliche Aufgabe zu sein. Trotzdem hat sich Erzsébet Kovács (Anm.: Name auf Wunsch von der Redaktion geändert) noch einmal auf dieses Abenteuer eingelassen. Um sich mit anderen Alleinerziehenden über die alltäglichen Herausforderungen auszutauschen, die mit einer solchen Entscheidung einhergehen, kommt die fast 90 Jahre alte Dame regelmäßig in das Budapester Zentrum für Alleinerziehende, das vor knapp einem Jahr eröffnet wurde.


Allein für Erziehung und Wohlergehen verantwortlich

„Diese Frau hat so viel Energie. Sie ist einfach unglaublich!“, erzählt Anna Nagy begeistert. Als Leiterin der Stiftung „Egyedülálló Szülők Klubja“ (dt.: Club der alleinstehenden Eltern), die sie 2005 gegründet hat und die seit 2016 auch vom ungarischen Staat finanzielle Unterstützung erhält, ist sie tagtäglich mit Menschen in ähnlich schwierigen Lebenssituationen in Kontakt.

Im Zentrum für alleinerziehende Eltern, welches von der Stiftung getragen wird, werde man jeden Tag mit inspirierenden Geschichten konfrontiert, so Nagy. „Es geht um das Aufstehen, wenn man am Boden liegt, um das Geben, obwohl man selbst nicht viel hat und manchmal sogar ums Überleben.“

Wenn man plötzlich allein für die Erziehung und das Wohlergehen von Kindern und Teenagern verantwortlich ist, werde man von einem Tag auf den anderen mit vielen neuen Herausforderungen konfrontiert. Nagy ist sich dieser Problematik bewusst – sie selbst ist nach eigenen Aussagen Teil einer Ein-Eltern-Familie.

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Das Zentrum für Alleinerziehende bietet genügend Platz für die Ein-Elternfamilien.


Mit dieser Erfahrung ist sie bei Weitem nicht allein: In Ungarn gibt es laut dem Zentrum rund 300.000 Familien mit einem alleinerziehenden Elternteil, Tendenz steigend. In dieser Familienkonstellation wachsen also mehr als eine halbe Millionen Kinder auf. Hilfe von ihrem Umfeld bekämen die Alleinerziehenden häufig nicht. „Die Thematik steht nicht gerade im Fokus des gesellschaftlichen Interesses“, bedauert Anna Nagy.


Hohes Armutsrisiko

Im Zentrum für Alleinerziehende bekommen Ein-Eltern-Familien individuelle Unterstützung, sowohl aus praktischer als auch aus emotionaler Sicht. „Die Familienverhältnisse beeinflussen unser gesamtes Leben“, ist sich Nagy sicher. Als alleiniges Familienoberhaupt habe man unter anderem weniger Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Die finanzielle Situation von alleinerziehenden Müttern und Vätern stelle daher häufig ein großes Problem dar.

Weltweit würden 50,9 Prozent der Kinder aus Familien mit nur einem Elternteil in Armut leben. Auch in Ungarn sei dies ein Problem. Oftmals bekomme man als Single-Elternteil keine finanzielle Unterstützung durch Familienmitglieder, erklärt Nagy. „Mit nur einem Einkommen Kinder aufzuziehen, ist jedoch sehr schwierig.“

Trotzdem: Die rechtliche Lage bezüglich der finanziellen Situation Alleinerziehender sei in Ungarn klar geregelt. So gebe es ein Gesetz, das besage, dass der andere Elternteil den die Kinder betreuenden ehemaligen Partner finanziell unterstützen muss. Dazu komme es jedoch oftmals nicht. „Leider wollen viele Leute einfach keine Verantwortung übernehmen und nicht zahlen. Sie finden sehr kreative Wege, um sich davor zu drücken“, kritisiert Nagy. Nach einem halben Jahr sei man als Single-Elternteil dazu berechtigt, beim Staat Ausfallzahlungen anzufordern, die jeweils für ein paar Monate gewährt würden. Dies sei jedoch keine Dauerlösung.

Im Zentrum für Alleinerziehende engagieren sich deshalb Rechtsanwälte ehrenamtlich, um beispielsweise bei Unterhaltsfragen rechtliche Hilfestellung zu leisten. Zudem würden Jobmessen organisiert, um die berufliche Situation Alleinerziehender zu verbessern.


Einsamkeit und Ausgrenzung

Gründe, warum ein Elternteil den Nachwuchs allein großzieht, kann es viele geben. Vorrangig assoziiere die Gesellschaft damit eine zerbrochene Ehe. Danach kümmere sich die Mutter in circa 90 Prozent der Fälle um die Kinder, während der Vater eine Besucherfunktion einnehme, erklärt Nagy. Es gebe jedoch auch viele Fälle, in denen der Partner verstorben sei. Zudem dürfe auch ein lediger Erwachsener in Ungarn ein Kind adoptieren. Dabei handele es sich häufig um Kinder, die aufgrund ihres Alters oder ihres gesundheitlichen Zustands andernfalls nur schwer vermittelbar seien.

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Alleinerziehende Eltern erfahren, wie sie ihre Kinder in der neuen Situation unterstützen können.


Aus welchem Grund auch immer: Eine Gemeinsamkeit, die fast alle Alleinerziehenden teilen, sei die Vereinsamung. „Besonders, wenn es sich um die erste Scheidung in der Familie handelt, sind die Verwandten oft überfordert mit der Situation und distanzieren sich von dem geschiedenen Familienmitglied“, erzählt Nagy. Auch Freunde des ehemaligen Paares würden häufig den Kontakt abbrechen. „Sie wollen sich einfach nicht für eine Seite entscheiden“, erklärt die Leiterin der Stiftung für Alleinerziehende.

Doch selbst Witwen und Witwer können sich von ihrem Umfeld oft im Stich gelassen fühlen. „Bis zu Beerdigung sprechen ihnen viele ihre Unterstützung zu. Kaum ist die Trauerfeier vorbei, meldet sich plötzlich niemand mehr“, beklagt Nagy. Oft läge das an der Angst, in der sensiblen Situation etwas falsch zu machen. „Soll ich anrufen oder passt es gerade eher nicht? Was soll ich sagen?“ – das seien, so Nagy, die Gedanken, die den Freunden und der Familie häufig durch den Kopf gehen würden.


Selbstliebe in schwierigen Situationen

„Kinder brauchen Liebe, Kontinuität sowie das Gefühl von Sicherheit“, betont Nagy. Fühlt sich das für das Kind zuständige Elternteil jedoch stigmatisiert, so könne dies zu Depressionen führen – eine der schlimmsten Szenarien für Eltern und Kinder.

Damit die Alleinerziehenden in der schwierigen Situation ihre Selbstliebe nicht verlieren und folglich auch weiterhin gut für ihre Kinder sorgen können, werden im Zentrum für Alleinerziehende Aktivitäten angeboten, bei denen die Teilnehmer ein Gemeinschaftsgefühl entwickeln können. Von Yoga über Sprachkurse bis hin zu Salsa-Tanzstunden – für jeden ist etwas dabei. Zudem gibt die Einrichtung Tipps, wie man den Kindern im Umgang mit der neuen Situation helfen kann. Auch für den Nachwuchs werden Aktivitäten angeboten. „Einmal im Monat haben wir eine große Veranstaltung für Kinder“, erzählt Nagy freudestrahlend.

Zudem bieten pensionierte Lehrer Nachhilfestunden an. Daraus habe sich schon das eine oder andere Mal ein Verhältnis ähnlich einer Großvater-Enkel-Beziehung entwickelt. Am beliebtesten seien jedoch die Feriencamps, welche den Ein-Eltern-Familien unter anderem mithilfe staatlicher Unterstützung ermöglicht werden. Hierbei kommen die Teilnehmer zu einem Preis von umgerechnet drei Euro pro Person für eine Woche voller Spaß und Entspannung in Camps unter.


Zentrum für Alleinerziehende ist internationales Vorbild

Seit der Gründung der Stiftung vor rund 14 Jahren hat sich einiges getan. „Einer unserer größten Erfolge in dieser Zeit ist definitiv die Eröffnung des Zentrums für Alleinerziehende“, findet Nagy. 4.500 Familien konnte seitdem schon geholfen werden. Das rund 700 Quadratmeter große Zentrum sei ungarnweit einzigartig und mit seiner konzeptionellen Kombination von Begegnungsstätte, Informationsaustausch und Krisenbewältigung international als Vorbild anzusehen. Sogar bei der UN habe es schon Beachtung gefunden.

Neben der Hauptinstitution in Budapest gibt es kleinere Zweigstellen des Zentrums in Pécs, Veszprém, Szekszárd, Kecskemét, Csikszereda und Székelyudvarhely (die letzten beiden in Rumänien). Diese bieten einen Teil des Programms des großen Zentrums an, immer abgestimmt auf die Bedürfnisse in der jeweiligen Region.

In Ungarn wird man mit seinen Problemen als Alleinerziehender also nicht alleingelassen. Für frisch gebackene Single-Eltern hat Nagy einen Tipp: „Glauben Sie daran, dass die Dinge besser werden und haben Sie keine Angst davor, Hilfe anzunehmen! Kommen Sie gerne vorbei, wenn Ihnen danach ist.“

Weitere Informationen zum Zentrum für Alleinerziehende finden Sie auf www.egyszulos-kozpont.hu/english

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