Der Burgberg bietet einen fantastischen Blick auf die Kettenbrücke, eine der schönsten Sehenswürdigkeiten Budapests. Zwischen den Urlaubern, die von diesem Standpunkt aus Selfies mit dem Donauüberweg machen, steht an diesem Tag auch ein Ehepaar, das sich durch seine futuristisch anmutende Ausstattung von den anderen unterscheidet. Dem Mann und seiner Frau baumeln VR-Brillen um den Hals. Einen Audioguide tragen sie ebenfalls bei sich. Über diesen haben sie bereits vor ein paar Minuten auf Deutsch erfahren, dass die Kettenbrücke der erste Verbindungsweg zwischen Buda und Pest war, der über die Donau führte.

„Wollen wir zum Zweiten Weltkrieg übergehen?“, fragt Máté Király von VR Tours Budapest, der das Paar auf der eineinhalbstündigen Tour begleitet. Beide nicken und setzen sich die VR-Brillen auf. Ihr Blick ist noch immer auf die Kettenbrücke gerichtet, doch statt von den Touristen sind sie nun von Schutt und Asche umgeben. Auf den Überresten eines Gebäudes wurde eine Flagge mit Hakenkreuz gehisst.

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Mithilfe von VR-Technologie ermöglicht VR Tours eine Zeitreise in längst vergangene Zeiten.


Das Paar befindet sich im Jahr 1945. Es ist Januar und es schneit. Rechts neben ihnen steht ein Mann. „Ist da unten noch jemand?“, ruft er. Das Paar sieht nach unten. Es scheint nicht so, als befinden sich am Fuße der Brücke noch Überlebende. Das sieht der Mann neben ihnen wohl genauso und gibt ein Kommando, dessen Auswirkungen die beiden unmittelbar zu sehen bekommen. Direkt vor ihnen wird die Kettenbrücke gesprengt.


Ein Spaziergang brachte die Idee

„Der Budapester Burgpalast ist Schauplatz so vieler bedeutender historischer Ereignisse!“, dachte sich Máté Király, als er vor circa dreieinhalb Jahren früh morgens mit seinem Hund im Burgviertel Gassi ging. Es sei jedoch nicht so leicht, sich die Ausmaße dieser Ereignisse bildlich vorzustellen, wenn man sie nur aus dem Geschichtsunterricht in der Schule sowie aus Büchern kenne. „Ich wollte die Vergangenheit sichtbar machen“, sagt der Unternehmer. Zwar hatte er zu diesem Zeitpunkt noch keinen persönlichen Bezug zur virtuellen Realität (VR), war von der Technik dahinter aber durchaus beeindruckt. „Ein guter Unifreund von mir startete damals ein Unternehmen, das auf 3D-Animationen spezialisiert ist“, erklärt Király.

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Besser als in jedem Geschichtsbuch: So sah der Budaer Burgberg im Jahr 1243 aus.
Die Idee, historische Stadtrundgänge unter Zuhilfenahme von VR-Technologie anzubieten, stieß bei dem Freund von Anfang an auf offene Ohren. „Er meinte, das Vorhaben sei zwar verrückt und ganz anders als alle Projekte, die in seiner Firma zuvor bearbeitet wurden, aber es sei machbar“, erzählt Király. Erste Experimente des 3D-Unternehmens bestätigten diese Einschätzung, sodass fortan an der Software für VR Tours Budapest gefeilt werden konnte.


„Wir hatten keinen Leitfaden, was wir genau tun müssen“

Von Gebäuden über die Menschen bis hin zu Kanonenkugeln und Vögeln, die über dem Geschehen hinwegfliegen – jedes einzelne Detail musste von Grund auf programmiert werden. Doch in nur etwas mehr als zehn Monaten erschufen zwölf 3D-Experten eine virtuelle Welt, die es den Gäste von VR Tours heute ermöglicht, sich in die Vergangenheit zurückzuversetzen.

Dabei gab es eine ganz besondere Schwierigkeit: „Wenn die Tourteilnehmer vor der heutigen Kettenbrücke stehen, sich die VR-Brillen aufsetzen und sich die Verbindung von Buda und Pest in der virtuellen Umgebung ansehen, dann muss die Brücke an genau derselben Stelle sichtbar sein, wie das heutige Original“, so Király. Auch der Burgpalast müsse sich in jedem der Videosequenzen an der richtigen Stelle befinden. Während der Entwicklungsphase seien viele Systemfehler aufgetreten und behoben worden. Király sieht daher in der Softwareentwicklung eine der größten Herausforderungen die VR Tours zu überwinden hatte: „Sie war sehr zeitaufwendig. Zudem hatten wir keinen Leitfaden, was wir genau machen müssen.“

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Innerhalb von eineinhalb Stunden bekommt man einen guten Überblick über die Geschichte Ungarns.


Virtual-Reality-Touren gebe es zwar auch in anderen Städten, die Qualität der Software sei bei VR Tours Budapest jedoch besonders herausragend, ist sich Király sicher.


Die Hardware muss einiges können

Damit die historischen Ereignisse für die Teilnehmer der Tour sichtbar werden, ist eine geeignete Hardware erforderlich. Bei VR Tours Budapest habe man sich für die Oculus Go entschieden. Dieses VR-Headset muss nicht an PCs angeschlossen werden und benötigen auch keine Smartphones, um zu funktionieren. Ganz ideal sei die Oculus Go für das Unternehmen jedoch nicht: „Die VR-Sequenzen haben eine sehr hohe Auflösung von 8k. Abgespielt werden können jedoch nur 4k“, erklärt Király. Bei heißem Sommerwetter könne das VR-Headset zudem überhitzen.

Auch die Bündelung von Sonnenlicht an den Linsen führe mitunter zu großen technischen Problemen. „Es handelt sich eben um Hardware, die eigentlich für Innenräume entwickelt wurde“, ist sich der junge Unternehmer bewusst. Ein weiteres Problem: Die Batterie habe eine Laufzeit von nur ungefähr zwei Stunden. Deshalb sei die Mitnahme von zusätzlichen VR-Brillen unabdingbar. „Insgesamt besitzen wir 100 Headsets. So sind wir in jedem Fall gerüstet, wenn die Batterie mal versagt oder andere Probleme mit einem Gerät auftreten“, erzählt Király.

#Der Blick auf die Kettenbrücke im Jahr 1945.


Auch Schulklassen sind willkommen

Bis zu 25 Leute können an einer Tour teilnehmen. Bei dieser hohen Personenzahl seien jedoch mindestens zwei der insgesamt fünf Tourleiter des Unternehmens dabei. „Wir achten unter anderem auf die Sicherheit der Teilnehmer“, so Király. Sicherheit gehe generell immer vor, denn die Tour führt mitunter durch belebte Straßen. Deshalb gelte die Regel: „Nur wenn man steht, darf die VR-Brille genutzt werden.“

Obwohl die Touren erst seit Anfang Juni angeboten werden, sind sie laut Király knapp einen Monat später schon so beliebt, dass täglich zwischen 30 und 40 Personen an ihnen teilnehmen. Dabei handele es sich nicht nur um junge Leute, die sich für virtuelle Realitäten interessieren. „Auch ältere Personen haben uns positives Feedback gegeben“, strahlt der Wirtschaftsstudent.

Bis zum Saisonende, voraussichtlich im Oktober, rechnet er mit bis zu 100 Tourteilnehmern pro Tag. Das Unternehmen möchte auch mit Schulen zusammenarbeiten. „Wir wollen jungen Menschen zeigen, dass die Geschichte, die sie aus dem Unterricht und den Büchern kennen, wirklich stattgefunden hat. Und zwar genau an den Orten, an denen sie jeden Tag vorbeikommen“, erklärt Király, der gebürtiger Budapester ist. Auch für Teambuilding-Maßnahmen sei VR Tours Budapest interessant.


VR Tours kommt einer Zeitreise nah

Zwischen den VR-Sequenzen werden die Teilnehmer über einen Audioguide mit Zusatzinformationen versorgt. Die gesprochenen Texte entstanden in enger Zusammenarbeit mit historisch versierten Personen, darunter ist auch der ehemalige Geschichtslehrer Királys. Aufgenommen wurden sie mit professionellen Sprechern. Die auditive Begleitung wird momentan in acht Sprachen angeboten, unter anderem in Deutsch und Englisch.

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Besonders bei Ungarn habe sich das Konzept von VR Tours bereits herumgesprochen. „Momentan nehmen mehr Einheimische als Touristen an der Tour teil“, erzählt der Budapester. Mithilfe von hiesigen Hotels, die Tickets für die Touren verkaufen, sollen jedoch auch mehr Touristen erreicht werden. „Wir möchten die Menschen auf eine historische Reise mitnehmen. VR Tours bietet ein Erlebnis, das mit den heutigen Mitteln einer Zeitreise am nächsten kommt“, fasst Király abschließend zusammen.


VR Tours Budapest

Budapest, I. Bezirk, Lánchíd utca 23

Weitere Informationen sowie die Option zur Ticketbuchung finden Sie auf https://vrtoursofficial.com/

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