Orbáns Rhetorik spaltet das Land

Viktor Orbán ist ebenfalls ein eifriger Redner, doch steht er für weniger gute Sachen ein, seine Rhetorik spaltet das Land. Es gibt jene, die ihm alles und solche, die ihm gar nichts glauben.

In gewisser Weise hatte unser Vorvater Kossuth es einfacher – damals gab es noch kein Google, wo jeder Schusterjunge hätte nachsehen können, was sich hinter den großen Worten verbirgt. Vor diesem Hintergrund könnte man denken, wie schwer es dagegen unser aufrechter Anführer haben muss, schließlich kann heute doch jedes seiner Worte im „digitalen Lexikon“, dem Internet, nachgeprüft werden – oder? Trotzdem gerät er nicht in Bedrängnis. Und zwar nicht nur, weil es heute keine Schusterjungen mehr gibt, sondern auch deshalb, weil unser digitales Großlexikon außer von Wissenschaftlern und Experten verfassten, überprüften Wahrheiten auch Wortmeldungen mit ungeprüften, „unwissenschaftlichen” Dummheiten enthält. Der Managementassistent aus der Schuhindustrie wird heutzutage mit Informationen zugeschüttet, ohne entscheiden zu können, wo es sich um die Wahrheit handelt, und wo nicht. Deshalb kann Viktor Orbán sagen, was er will.


Ein Drittel unserer Mitbürger ist mit Orbán zufrieden

Fast hätte ich geschrieben, was er sich nicht schämt, zu sagen, doch so etwas wie eine Schamgrenze, wenn es um das Zurechtbiegen der Wahrheit geht, hat er nicht. Wem sein “Wir sind ja unter uns”-Lächeln gefällt, der wird ihm auch durchs Feuer folgen. Und immerhin ein Drittel unserer Mitbürger ist mit dem Gelassenheit, Zynismus und Selbstvertrauen ausstrahlenden Anführer zufrieden. Das reicht für die Zweidrittelmehrheit.

Wir sollten nicht glauben, dass das ein rein ungarisches oder gar ein Phänomen des Balkans sei. Auch in Ländern mit großen demokratischen Traditionen sind Idioten durch den im Netz verbreiteten, unkontrollierten Blödsinn – und vor allem durch absichtliche Irreführung – an die Spitze gelangt. Präsident Trump beispielsweise übertrifft sich von Tag zu Tag in seinen Lügen und Dummheiten selbst. Seine Beliebtheit ist jedoch unverändert hoch. Wem seine Frisur und seine geschäftlichen Erfolge in Moskau gefallen, auf den wird er ewig zählen können. Warum sollte er sich also dafür interessieren, dass seine (wahrlich schwache) Gegenkandidatin drei Millionen Stimmen mehr erhalten hat.


Überfluss an Informationen nutzt besonders offensichtlich unglaubwürdigen Politikern

Es ist tragikomisch, dass der Überfluss an Informationen nicht etwa den glaubwürdigen, sondern gerade den offensichtlich unglaubwürdigen Politikern Erfolg zu bescheren scheint.

Allerdings heißt das nicht, dass das immer der Fall sein muss. Die erste Voraussetzung für einen glaubwürdigen Politiker ist eine saubere, am besten beruflich erfolgreiche Vorgeschichte.

Diese Bedingung ist in den meisten Fällen erfüllt. Das polizeiliche Führungszeugnis ist Formsache. Dass die straffreie Vorgeschichte jedoch kein absolutes Muss ist, zeigt das Beispiel Kossuths. Als junger Anwalt wurde dieser in einen strafrechtlichen Betrug verwickelt und war deswegen für drei Jahre im Gefängnis. Wer jedoch als Zwanzigjähriger in die Politik geht, der hat keine Vorgeschichte. Aus dem wird bestenfalls auch nur ein weiterer Berufspolitiker. Wenn wir also einzig das jugendliche Alter favorisieren, erwartet uns am Ende vielleicht ein zweiter Fidesz.

Eine weitere Voraussetzung für einen guten Politiker ist, dass seine „beruflichen Erfolge” keinesfalls nur „geschäftliche Erfolge” sein sollten. Denn Erfolge im Geschäftsleben sind – wenn wir es höflich formulieren – „das Produkt rücksichtsloser Selbstverwirklichung”. Diese Art von Egoismus tut der Politik nicht gut. Daraus erwächst selten Anstand in Verwaltungsdingen. Doch wir sollten auch nicht ausgrenzen: Wenn der Geschäftsmann Politik machen will, muss er dafür nur alle seine geschäftlichen Interessen sowie auch die seiner Verwandtschaft und seiner Freunde zurückstellen.


Es braucht einen Friedensstifter

Die dritte – vielleicht wichtigste – Voraussetzung ist, dass die eigene Persönlichkeit dazu geeignet ist, unterschiedlichste Interessengruppen zu vereinen. Kurz: Es braucht einen Friedensstifter. Dafür hält sich natürlich fast jeder. Doch wer denkt, er ist friedliebender als alle anderen und wer sein eigenes „Volk” für friedliebender hält als andere, der ist meist eher für den Posten als Militärführer oder Diktator geeignet.


Der Autor ist Chirurg.

Der hier in Auszügen wiedergegebene Kommentar erschien am 11. Juli auf dem Onlineportal der linksliberalen Wochenzeitung Magyar Narancs.

Aus dem Ungarischen von Elisabeth Katalin Grabow

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