Autor Philippe de Villiers führt die Leser zurück zu den Anfängen der Europäischen Union und damit zu den Weichenstellungen der heutigen EU, so wie sie zurzeit funktioniert, als zentralistische Macht mit ihrem Parlament, ihrer Kommission, mit ihrem Europäischen Rat, den Agenturen und Lobbyisten. Eine EU, die, so de Villiers, seit ihren Anfängen vor allem ein Ziel vor Augen hat, nämlich die Errichtung der Vereinigten Staaten von Europa. Vorbild dieses Europas sind die USA und nicht die Vorstellungen jener Kreise, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts von einem friedfertigen Europa der vielen Kulturen träumten.


„Vereintes Europa“ vs. Vereinigte Staaten von Europa

Das Europa als Kontinent mit einer eigenen historischen und politischen Entwicklung gibt es schon lange. Laut de Villiers reichen die Anfänge bis zum Westfälischen Frieden 1648 zurück. Aus diesem Frieden, gingen die Nationen hervor, die Europa heute ausmachen. Europas Grenzen waren nach Russland hin fließend und die Idee von einem „vereinten Europa“ kursierte am Anfang des 20. Jahrhunderts in den intellektuellen Kreisen von Berlin, Wien, Budapest und Paris.

Vertreter dieser Idee waren der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig ebenso, wie sein Freund, der französische Schriftsteller Romain Rolland und auch Mitglieder des europäischen Hochadels, wie Helene von Hindenburg, Harry Graf Kessler oder Richard Graf von Coudenhove-Kalergi. Letzterer war der Begründer der paneuropäischen Bewegung, die noch unter Otto von Habsburg am 19. August 1989 mit ihrem paneuropäischen Picknick zur Grenzöffnung zwischen Ungarn und Österreich beitrug. Das Europa der kulturellen Vielfalt, der Demokratie und des Friedens war ihr Ziel und es bleibt eine schöne Idee, die viele Künstler, Politiker und Intellektuelle auch heute noch inspiriert.

Doch nicht dieses Europa hat sich durchgesetzt, meint Philippe de Villiers. Die heutige EU ist eben nicht das Europa, das aus den europäischen Völkern hervorgegangen ist, sondern ein rein politisch-wirtschaftliches Konstrukt – „made in USA“.


Heutige EU ist ein Konstrukt der geopolitischen Interessen der USA

Das Buch von Philippe de Villiers belegt auf rund 200 Seiten und mit vielen photokopierten Dokumenten, wie die heutige EU als Konstrukt der geopolitischen Interessen der USA entstand, als ein in Washington vom American Committee on United Europe konzipiertes Bollwerk gegen die Sowjetunion und darüber hinaus auch als Plattform einer bereits in den sechziger und siebziger Jahren geplanten internationalen Verflechtung der Wirtschaft. Vor dem Hintergrund all dieser Informationen erscheint die heutige EU im Buch von Philippe de Villiers wie ein künstliches, ausgehöhltes Gebilde, ohne eigene authentische Identität und darum auch ohne Rückgrat gegenüber den Herausforderungen einer mittlerweile entfesselten Globalisierung. Doch wie konnte es dazu kommen?

Natürlich war es vielversprechend, als nach zwei schrecklichen Kriegen der deutsche Kanzler Konrad Adenauer und der französische Staatspräsident, General Charles de Gaulle die deutsch-französische Freundschaft ins Leben riefen, als am 25. März 1957 die Römisches Verträge unterzeichnet wurden und die meisten Bürger glaubten, endlich in einem friedlichen Europa leben zu dürfen.

Doch laut Philippe de Villiers wurden die falschen Weichen bereits 1919 gestellt und zwar schon in den Friedensverträgen von Versailles. Er nennt das die „DNA der Intention der Gründerväter“ und zitiert Lord Lothian, den ehemaligen Berater des englischen Premiers David Lloyd George, der während der Konferenzen zu den Pariser Vorstadtverträgen bereits gesagt haben soll: „Die Nationalstaatlichkeit ist die Wurzel allen Übels und der Grund für die wiederkehrende Rückkehr der Menschheit zur Barbarei und Verderben.“


Negative Beurteilung der europäischen Nationalstaaten hat eine lange Tradition

Damit wurde die Rechtmäßigkeit der auf dem europäischen Kontinent entstandenen typischen politisch-historischen Einheiten verneint. Diese negative Beurteilung der europäischen Nationalstaaten wurde im Laufe der europäischen Konstruktion denn auch beibehalten, weil die Verheerungen des Dritten Reiches sie tatsächlich zu bestätigen schienen. Seither gilt innerhalb der EU: die Einzelinteressen der Nationalstaaten müssen zugunsten einer „supranationalen europäischen Zentralmacht“ eingeschränkt werden.

Der große Irrtum dabei ist, so de Villiers, dass man seit Ende des Zweiten Weltkrieges nationales Denken mit dem deutschen Nationalsozialismus des Dritten Reiches gleichsetzt. Adolf Hitler war jedoch kein Freund der „Nation“, schreibt de Villiers. Ganz im Gegenteil. „Er selbst bezeichnete sich immer wieder als Feind alles rein Nationalen. Er wollte die „Rasse“ und das „Volk“, nicht aber eine Gruppe von Menschen, die sich als Nation über eine Verfassung oder über eine legitime Macht definiert.“

Darum werden heute diejenigen Nationen, die sich auf ihre legitime Macht, auf ihre Selbstbestimmung und Unabhängigkeit berufen, für einen rassischen Fanatismus verantwortlich gemacht, der mit ihnen weder historisch noch politisch etwas gemein hat. Und durch diese Bresche verläuft der ganze Irrweg der jetzigen EU. Statt nach dem Subsidiaritätsprinzip nationalstaatliche Einheiten anzuerkennen, die im Namen ihrer Bürger miteinander verhandeln und sowohl im Interesse der eigenen Nation, als auch im Interesse einer Nationengemeinschaft zu entscheiden versuchen, will man in Brüssel das Prinzip einer supranationalen zentralistischen Macht etablieren, die unter Androhung von Strafen den einzelnen Nationen Gesetze aufzwingen darf.


EU entfernt sich von vielversprechenden demokratischen Prinzipien

Und genau das ist alles andere als europäisch und weit entfernt von den einst so vielversprechenden demokratischen Prinzipien, die in den letzten zweihundert Jahren auf dem alten Kontinent erdacht wurden. Hier überschreiten wir eine Grenze, meint de Villiers, denn in einer solchen EU werden „die Regierenden wieder zu Herrschenden, Gesetze werden simple Dekrete, aus einem fest umrissenen Gebiet wird ein freier Markt und aus vielen unterschiedlichen Nationen eine zivile und offene Gesellschaft“.

Das klingt verlockend. Nur wird eines dabei nicht bedacht: In einem solch grenzenlosen Raum kann es für die Völker Europas keine politische Selbstbestimmung mehr geben, stattdessen aber ein fein gesponnenes Netzwerk aus Lobbyisten, Industriellen, Kommissaren und Technokraten, die fortan über die Köpfe der Bürger hinweg entscheiden.

Heute gibt es offiziell rund 11.250 Lobbyisten, die sich in Brüssel niedergelassen haben und aktiv die Entscheidungen der Europäischen Kommission mit beeinflussen, die Dunkelziffer liegt jedoch viel höher, nämlich bei etwa 25.000. Wie einflussreich diese sind, zeigt deutlich das Auftreten des ungarisch-amerikanischen Spekulanten George Soros. Wäre die EU mit ihrem Parlament eine korrekt funktionierende Demokratie, hätte ein Bankier da nichts verloren, denn die europäischen Einrichtungen hätten sich ausschließlich nach dem Willen der Völker zu richten und nicht nach den Interessen multinationaler Wirtschaftseinheiten.


EU dient eher internationalen Wirtschaftsinteressen und weniger den eigentlich europäischen

George Soros spaziert derweil in der Kommission ein und aus, als wäre er ein gewählter Vertreter mit irgendwelchen Vollmachten. Doch das sei nicht weiter verwunderlich, so de Villiers, da bereits die Gründerväter der EU von Anfang an eher internationalen Wirtschaftsinteressen dienten und weniger den eigentlich europäischen. Seit 1949 war es ihr Ziel, aus der EU in erster Linie einen offenen Markt zu machen, in dem die zukünftig globalisierten Wirtschaftsmächte das tun und lassen können, was ihnen gefällt.

Das Buch von Philippe de Villiers ist darum auch in dieser Hinsicht sehr ernüchternd. Es belegt, wer diese Gründerväter eigentlich waren und wie ihre Biographien verfälscht wurden, um aus ihnen für das breite Publikum attraktive und „echte Europäer“ zu machen. So erfährt der nicht wenig erstaunte Leser, dass die 1976 erschienenen „Erinnerungen“ des Europäers Jean Monnet im Grunde nur eine banale Mystifizierung sind, bezahlt von der amerikanischen Ford-Foundation, recherchiert und konzipiert von eigens dafür beauftragten Instituten in den USA, und verfasst vom französischen Ghostwriter Franҫois Fontaine. Jean Monnet selbst machte im Laufe seines Lebens vor allem als amerikanischer Bankier auf sich aufmerksam und diente mehr den Interessen der USA und des internationalen Welthandels, als denen Europas.

Der Franzose und Europäer Robert Schumann entpuppt sich ein paar Seiten weiter als kleiner Beamter, der die Wirren des Zweiten Weltkriegs lieber unter dem Schutz des hitlerfreundlichen Vichy-Regimes überlebte, statt sich der Resistance anzuschließen oder für das freie Frankreich von Charles de Gaulle zu kämpfen. Schlimmer noch steht es um den ersten Präsidenten der Europäischen Kommission, Walter Hallstein. Er war zwischen 1933 und 1945 ein überzeugter Nazi gewesen. Im Bundesarchiv in Berlin fand Philippe de Villiers die Mitgliedskarte, die Hallstein als Mitglied des NSLB (Nationalsozialistischer Lehrerbund) auszeichnet. 1943 gehörte er zur NSFO, der Gruppe der Nationalsozialistischen Führungsoffiziere, die damit beauftragt waren, den Soldaten der Wehrmacht die „richtige“ Ideologie einzutrichtern.

Die Gründerväter der EU waren also alles andere als redliche Demokraten und Kämpfer für Freiheit und Frieden und ebenso wenig authentisch waren ihre Erklärungen und Deklarationen. Die Schumann-Doktrin etwa, so Philippe de Villiers, sei ebenfalls ein von amerikanischen Instituten ausgearbeitetes Opus.


Europa muss den Weg zurück zu seinen Nationen finden

Und was nun? fragt sich der Leser bei der Lektüre des Buches. Die Antwort des Autors darauf ist klar. Europa muss den Weg zurück zu seinen Nationen finden. Nur ein Europa der Vaterländer, ein Europa, das auf die Stimmen der unterschiedlichen demokratisch gewählten Regierungen hört und auf der Ebene der Nationen verhandelt, hat eine Zukunft.

Das jetzige EU-Europa ist hohl, es dient den Interessen von Lobbyisten und internationalen Konzernen, es wird zum Schauplatz neuer globaler Wirtschaftsinteressen, zerrissen zwischen chinesischen Expansionsbestrebungen, den Invasionen aus den muslimischen Ländern und dem illegalen Menschenhandel aus dem afrikanischen Kontinent.

Insofern haben die so genannten Gründerväter zunächst einmal ihr Ziel erreicht. Denn, so schreibt Philippe de Villiers: „Es scheint als ob das jetzige EU-Europa nichts Eigenes mehr sein will, nichts anderes, als ein leerer Raum, der es dem Anderen erlaubt, voll und ganz das zu sein, was er will.“

Will das EU-Europa von heute aber überleben, muss es wieder zu sich selbst finden, so Philippe de Villiers, und das kann es nur über die Rückkehr zum demokratischen und kulturellen Selbstbestimmungsrecht der Nationen. Diesbezüglich ruft der Autor dann zur Vorsicht auf. Der Brexit sei der erste Ruf nach einer Rückkehr zur nationalen Selbstbestimmung und sollte sehr ernst genommen werden.

Die Nationen Europas sind zurzeit dabei, eine politische und kulturelle Kehrtwende einzuleiten. Jetzt sei es an der EU darauf zu hören. Tut sie es nicht, wird die Diskrepanz zwischen dem, was die Bürger wollen und dem, was die EU-Beamten entscheiden, zu groß, und kann das EU-Europa letztlich daran zerbrechen.

Philippe de Villiers: J’ai tiré sur le fil du mensonge et tout est venu, Edition Fayard, Paris März 2019. Erhältlich als Taschenbuch unter anderem bei amazon.com für 18 Euro.

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