István Horváth, damals ungarischer Botschafter in Deutschland, war einer der politischen Strippenzieher. Auch ich tat, was ich konnte. Später wurden wir gemeinsam für unsere Unterstützung auf Schloss Esterhazy im burgenländischen Eisenstadt geehrt.


Die Wende war auch eine persönliche Zäsur

Für unser Unternehmen OBO Bettermann, für meine Familie und für mich bedeuten die Wendejahre 1989/1990 ebenfalls eine bedeutende Zäsur, ohne dass wir es damals auch nur ahnten. Für meinen Sohn Christoph, der seit Kindertagen auf den Rollstuhl angewiesen ist, suchte ich Anfang der 1990er Jahre in ganz Europa nach der besten Förderung und fand sie im Budapester Pető-Institut.

Ohne meinen heute 34-jährigen Sohn, der mittlerweile auch in Ungarn lebt, perfekt Ungarisch spricht und mein ganzer Stolz ist, wäre OBO Bettermann nicht dort, wo wir heute mehr als 1.200 unserer insgesamt über 4.000 Mitarbeiter beschäftigen. „Christoph ist die Seele des Konzerns", sagte einst Hans-Dietrich Genscher. Viktor Orbán nennt Christoph seinen Freund, der genauso gut Ungarisch spreche wie er, der ungarische Ministerpräsident.

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Portrait der Büste von Hans-Dietrich Genscher.


Von drei auf 1.200 Mitarbeiter

Genscher, der frühere deutsche Außenminister und Vizekanzler, machte 2013 drei Jahre vor seinem Tod deutlich, dass in einem mittelständischen Unternehmen auch Emotionen ihre reale Bedeutung haben. Wir feierten damals das 20. Jubiläum unseres Werkes, das 1993 mit drei Mitarbeitern in einem Budapester Vertriebsbüro an der Ágnes út gestartet war.

Wir haben unsere Aktivitäten in Ungarn immer weiter ausgebaut und außereuropäischen Billiglohnländern von hier aus Paroli geboten. Unser Werk in Bugyi bei Budapest zählt zu den wichtigsten und modernsten Produktions- und Logistikstandorten von OBO Bettermann weltweit. Wir sind ein mittelständisches, wertebewusstes Familienunternehmen, das 1911 von meinem Großvater in Deutschland gegründet worden war. Über hundert Jahre wird ein Unternehmen nur, wenn es stets vorangeht.


Das Hans-Dietrich-Genscher-Haus in Bugyi bei Budapest

Um diesen Fortschritt bemühe ich mich als Unternehmer. Mein Leben lang bin ich auch ein politischer Mensch, ohne einer Partei anzugehören. Zu Helmut Kohl und Franz Josef Strauß hielt ich immer den Faden des guten Gesprächs. Mit Gerhard Schröder verbindet mich nach wie vor eine enge Freundschaft. Nach dem Tod meines Freundes Hans-Dietrich Genscher haben wir im Jahr 2017 auf unserem ungarischen Firmengelände das neue OBO Europa Forum errichtet. Es ist Hans-Dietrich Genscher gewidmet und seinem Werk als deutscher, europäischer und weltweit geachteter Staatsmann und trägt seinen Namen.

Ministerpräsident Viktor Orbán gab uns die Ehre, dieses Gebäude zu eröffnen. Auch ihn darf ich zu meinen Freunden zählen und bin stolz darauf. Ungarn setzt unter seiner Führung auf politische Stabilität, solide Staatsfinanzen und ein einfaches Steuersystem. Ungarn betreibt wirksame Familienförderung statt planloser Einwanderung.


Wenige Jahre nach 1989/1990 wieder Krieg in Europa

Die Menschen vergessen leider schnell. Das gilt auch für jene Zeitenwende von 1989 und 1990. An sie und ihre Bedeutung haben wir 1993 an unserem deutschen Stammsitz mit dem „Mendener Forum“ erinnert, als ich Michail Gorbatschow, Henry Kissinger und Hans-Dietrich Genscher auf die Bühne bat. Zu der Zeit tobte in Jugoslawien ein schrecklicher, europäischer Krieg.

Erst wenige Jahre zuvor war mit der Öffnung der ungarisch-österreichischen Grenze jener Eiserne Vorhang, der Europa seit 1945 mitten durch den Kontinent geteilt hatte, durchlässig geworden und bald ganz gefallen. Der kalte Krieg in Europa ging vor 30 Jahren zu Ende. Deutschland und Europa fanden ihre Einheit in Freiheit wieder. Damals ging die Sonne für Europa in Ungarn auf, weil das kleine, aber mutige Ungarn den riesigen kommunistischen Sowjetblock zum Einsturz brachte.

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Ulrich Bettermann mit Viktor Orbán und einem Kleinabdruck der Genscher-Büste, die alle Gäste der Eröffnung des Europa Forums erhielten.


2013 vor tausend Gästen aus Europa, Asien, Afrika und Amerika legte Genscher in Bugyi bei der Geburtstagsfeier unseres ungarischen Werkes ein leidenschaftliches Bekenntnis zur europäischen Einigung ab: „Ohne die Einheit Europas würden wir zum Spielball anderer Teile der Welt.“ Der damals 86-Jährige setzte sich für persönliche Selbstverantwortung und unternehmerisches Engagement ein: „Wo der Staat den Menschen die Verantwortung abnimmt, verlieren sie ihre Kreativität, Individualität und Freiheit.“


„Keine Macht der Welt kann Menschenwürde und Freiheit auf Dauer stoppen“

Im Zuge der europäischen Wende 1989/1990 haben manche geglaubt, wir hätten den ewigen Frieden oder gar das Ende der Geschichte erreicht. Das habe ich schon damals für einen Trugschluss gehalten. Heute stehen wir in Europa und der Welt weiter vor großen Herausforderungen. Ich bin ein Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs geboren und gehöre zu jener Generation, die noch weiß, welche Verwüstungen Hass, Gewalt und Krieg hinterlassen.

Das OBO Europa Forum im Hans-Dietrich-Genscher-Haus in Bugyi bei Budapest soll dazu beitragen, miteinander statt übereinander zu reden. Menschen treffen sich hier, um über ihre Sorgen und Nöte zu sprechen und gemeinsam die Zukunft in Frieden, Freiheit und Wohlstand zu gestalten. Am Eingang steht eine Genscher-Bronzeplastik, die der Leverkusener Bildhauer Kurt Arentz geschaffen hat. Auf dem Sockel steht ein Zitat von Hans-Dietrich Genscher: „Keine Macht der Welt kann Menschenwürde und Freiheit auf Dauer stoppen.“

Der Autor ist Präsident der Unternehmensgruppe OBO Bettermann, die mit der OBO Bettermann Hungary Kft. seit über einem Vierteljahrhundert auch in Ungarn vertreten ist.

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