Über 11 Millionen Objekte befinden sich im Besitz des Ungarischen Naturhistorischen Museums (ung.: Magyar Természettudományi Múzeum, kurz MTTM) – eine der größten Sammlungen in ganz Europa. Doch nur ein Bruchteil dieser Gegenstände kann von der Öffentlichkeit in Augenschein genommen werden. Für mehr reichen die Ausstellungsflächen einfach nicht aus.

Dies merkt man auch bei einem Besuch des Museums am Ludovika tér. Ursprünglich sollte der gesamte Gebäudekomplex, welcher bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges als Militärakademie fungierte, ab 1996 für das Naturhistorische Museum renoviert werden, erzählt Zoltán Korsós. Der Eingangsbereich des Museum wurde 2002 fertiggestellt. Er verbindet das Hauptgebäude mit dem angrenzendem kleineren Gebäude. Noch aus Militärzeiten stammt dessen Bezeichnung: „Reitschule“.

Leider, erzählt Korsós schwermütig, seien die Renovierungspläne infolge der Wirtschaftskrise des Jahres 2008 auf Eis gelegt und mit dem Regierungswechsel von 2010 endgültig verworfen worden.

Als 2012 zudem die neugegründete Universität für den Öffentlichen Dienst in die ehemalige Militärakademie einzog, sei dies ein weiterer schwerer Schlag für die Zukunftsaussichten des Museums gewesen. Als „Tragödie des Naturhistorischen Museums“ bezeichnet Korsós die weitere Entwicklung seither. Pläne, den zum Gebäude gehörenden Garten in Form einer Dinosaurier-Ausstellung ins Museum zu integrieren, mussten verworfen werden. Der Garten gehöre seit 2011 nicht länger dem Naturhistorischen Museum, sondern ebenfalls der Universität. Diese würde sich sukzessive immer weiter ausbreiten, bedauert Direktor Korsós.


Neuer Standort?

Im Gespräch sei nun ein Umzug des Museums. Dafür werde aber zurzeit noch nach einem geeigneten Standort gesucht. „Die Regierung hat sogar die Übersiedlung nach Debrecen ins Spiel gebracht“, offenbart Korsós. Dies halte er aber nicht unbedingt für sinnvoll. „Viele Besucher, vor allem Studenten, würden uns dort verloren gehen“, so der Direktor. Auch die fehlende Infrastruktur in der ostungarischen Stadt ist seiner Meinung nach problematisch.

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Diese täuschend echt wirkende Figur eines Neandertalers zählt ohne Zweifel zu den Prunkstücken der Dauerausstellung „Diversity of Life“.


Im Hinblick auf die adäquate Lagerung und Ausstellung der teilweise sehr alten und sensiblen Exponate, wünscht sich Korsós auch, dass das Museum nicht in ein altes, bereits bestehendes Gebäude übersiedeln muss. Es sollte ein modernes und „grünes“ Gebäude für die speziellen Anforderungen eines Naturhistorischen Museums entworfen und gebaut werden, so die Idealvorstellung des Direktors. „Letztlich entscheidet darüber aber die Politik“, so Korsós.


Probleme des Museums

Zu kämpfen habe das Naturhistorische Museum ebenfalls mit der finanziellen Situation. „90 Prozent des Budgets werden für die Gehälter der Mitarbeiter ausgegeben“, so Korsós. Die übrigen zehn Prozent reichen kaum für die Instandhaltung der Exponate, die Betriebskosten sowie die Reinigung und Wartung der Räumlichkeiten aus. Sämtliche Einnahmen des Museums müssten daher ebenfalls in dessen Instandhaltung investiert werden. Wissenschaftliche Projekte würden folglich zu kurz kommen, erzählt Korsós enttäuscht.

Um mehr Geld zu machen, seien schon jetzt 1.800 Quadratmeter der gesamten musealen Fläche – eine der größten Ausstellungsflächen in ganz Budapest – für temporäre Ausstellungen reserviert, so der Direktor. Derzeit vermiete das Museum diese an Lego. Im kommenden Jahr plant Korsós, die internationale Wanderausstellung „Animal Bodies“ in diesen Räumlichkeiten zu zeigen. Doch wirklich viel verdienen könne das Museum auch durch diese Vermietung nicht. Ein weiteres Problem sei auch die große Fluktuation des Personals. Niedrige Löhne – ein generelles Problem des Museumssektors – nennt Korsós als Hauptursache.


Geschichte des Museums

Das Naturhistorische Museum blickt auf eine lange Geschichte zurück. Im Jahr 1802 vermachte Graf Ferenc Széchenyi seine Privatbibliothek dem ungarischen Staat. Kurze Zeit später tat es ihm seine Gemahlin Julianna Festetics, mit ihrer mineralogischen Sammlung und ihrem Herbarium, einer Sammlung konservierter Pflanzen, gleich. Aus diesem Grundstock entwickelte sich über die Jahre das heute eigenständige Naturhistorische Museum. Bereits ab 1870 wurde zwischen einzelnen Fachbereichen unterschieden, wobei die Mineralogie und Paläontologie noch zusammengehörten. Mittlerweile gliedert sich das Museum in fünf verschiedene Fachbereiche: Mineralogie, Paläontologie, Botanik, Zoologie und Anthropologie. Letzterer kam erst im Jahr 1945 und damit relativ spät hinzu.

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Überreste des Hungarosaurus wurden zu Beginn des 21. Jahrhunderts in Ungarn entdeckt. Der aus der späten Kreidezeit stammende Dinosaurier zählt zur Gruppe der Ankylosaurier und zeichnet sich durch seine Panzerung aus.


Alle Fachbereiche innerhalb eines Gebäudes zusammenzubringen, sei aufgrund der komplizierten Lage am Ludovika tér bis heute nicht möglich gewesen, schildert Korsós.

„In den Jahren 2011 und 2012 wurde das Museumsnetzwerk Ungarns reorganisiert.“ Viele kleinere Museen in ländlichen Regionen hätten daraufhin schließen müssen. Zwei dieser Museen mit einer „sehr guten naturhistorischen Sammlung“, seien im Zuge jener Umstrukturierung Teil des Ungarischen Naturhistorischen Museums geworden: das Mátra Múzeum in Gyöngyös sowie das Bakonyi Természettudományi Múzeum in Zirc.


Ausstellungen und spezielle Angebote

Auf mehreren Ebenen der „Reitschule“ können Besucher im Naturhistorischen Museum in verschiedene Welten eintauchen. Tierexponate, wunderschöne Edelsteine, Knochenfunde oder auch Dinosaurierinstallationen sind auf der vergleichsweise kleinen Ausstellungsfläche liebevoll präpariert und für Besucher ausgestellt. Besonders die Ausstellung „Diversity of Life“, also „Vielfalt des Lebens“, mit ihren lebensnahen Neandertalern und einem riesigen Mammut versetzen so manchen Besucher ins Staunen.

Einziges Manko: Lediglich bei einer geführten Tour erfährt man wichtige Hintergrundinformationen zu den Exponaten. Insgesamt versucht das Museum jedoch, seinen Besuchern ein schönes und lehrreiches Erlebnis zu ermöglichen.

Kindergeburtstage werden in den Räumlichkeiten ebenso veranstaltet, wie besondere Führungen für benachteiligte Menschen, erzählt Korsós. Es gebe einen sogenannten „Discovery Room“, also einen Entdeckungsraum, in dem alle dort ausgestellten Objekte unter Anleitung in die Hände genommen werden dürfen. Dieses haptische Erlebnis sei speziell für blinde Menschen, aber auch für Kinder von besonderem Interesse, empfiehlt der Direktor.

Einmal im Monat, so Korsós, lade das Naturhistorische Museum auch obdachlose Menschen zu sich ein. Diese könnten bei Tee und Gebäck diversen Vorträgen, naturhistorischen Inhalts lauschen.

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Die Lange Nacht der Museen und der Tag der Biodiversität würden vom Museum zudem mit speziellen Angeboten gefeiert. Jedes Jahr werde eine „Spezies des Jahres“ in drei verschiedenen Kategorien gewählt: „Säugetier des Jahres“, „Fisch des Jahres“ sowie „Pilz des Jahres“.


Fazit

Trotz des im Vergleich zu anderen Naturhistorischen Museen geringen Ausstellungsumfanges, ist das Ungarische Naturhistorische Museum einen Besuch wert. Die besonderen Angebote für Kinder und benachteiligte Menschen verdeutlichen das liebevolle und soziale Engagement seiner Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Bei einer Führung in ungarischer oder englischer Sprache erhält man viel Hintergrundwissen zu den ausgestellten Objekten.


Ungarisches Naturhistorisches Museum

Budapest, VIII. Bezirk, Ludovika tér 2-6

Öffnungszeiten: Täglich von 10 – 18 Uhr (dienstags geschlossen)

Weitere Informationen erhalten Sie auf www.mttm.hu


Der Eintritt für Erwachsene kostet 1.600 Forint, Jugendliche bis zum Alter von 26 sowie Personen ab 62 zahlen 800 Forint. Am ersten Sonntag jedes Monats ist der Eintritt für Personen unter 26 und für Familien mit Kindern unter 18 frei.

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