In seiner Heimat Ungarn zählte Zsolt Erdei in seinen aktiven Jahren zu den Erfolgreichsten des Boxsports. Gleich in zwei Gewichtsklassen boxte er sich zum Weltmeistertitel. Bekannt war er vielen unter dem Spitznamen „Madár“(dt.: Vogel).


„Ich wollte nie Boxer werden“

Zsolt Erdei wuchs in Budapest auf. Er erinnert sich: „Wie viele Kinder, habe ich stets voller Energie gesteckt, aber oft nicht gewusst, was ich damit anfangen sollte.“

Mit gerade einmal zehn Jahren begann er deshalb, zu boxen: „Ich wollte damals eigentlich Ringer werden. Jedoch meldeten mich meine Eltern auf einer Sportschule an, wo ich keine Möglichkeit hatte, diese Sportart auszuüben“, erzählt der heute 45-Jährige im Gespräch mit der Budapester Zeitung.

Er habe sich aber für zwei Sportarten entscheiden müssen, also wählte er das Boxen und die Leichtathletik. „Meine Eltern wollten, dass ich die Energie auf eine positive Art und Weise nutze und nicht nur den ganzen Tag draußen mit meinen Freunden rumhänge“, erinnert sich Madár, der diesen Spitznamen im Übrigen einer besonderen Beziehung zu Vögeln zu verdanken hat: „Als ich Kind war, flogen in einem Trainingslager ständig Vögel in mein Zimmer. Das passierte überraschenderweise immer nur bei mir.“


„Durch den Sport habe ich vieles gelernt“

In der Boxwelt habe sich Erdei trotz der anfänglichen Bedenken immer wohl gefühlt. „Ich entwickelte schnell eine große Liebe für diese Sportart“, sagt er im Interview mit der Budapester Zeitung. Der Traum vom Weltmeistertitel sei jedoch erst später entstanden.

Der Sport habe ihm vieles beigebracht, ist sich Erdei sicher. Durch das Boxen habe er zum Beispiel gelernt, sich gesund zu ernähren, sich in eine Hierarchie einzuordnen und Demut zu zeigen. „Wer es im Sport schafft, erfolgreich zu sein, der kann sich auch im Leben durchkämpfen“, erläutert der zweifache Weltmeister.

Als junger Sportler habe Erdei zahlreiche Vorbilder gehabt, die ihn motiviert hätten, Großes zu erreichen. Darunter legendäre Namen wie Muhammed Ali, Joe Louis und Rocky Marciano. Diese hingen bei ihm sogar als Poster an der Wand, erinnert sich der Ungar.

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„Ich war vor jedem meiner Kämpfe aufgeregt“

Im Amateurbereich bestritt Zsolt Erdei in seiner Jugend 220 Kämpfe und verlor 20 davon. Auf die Frage, wie er mit den Niederlagen umgegangen sei, antwortet er: „Ich verlor meinen ersten Boxkampf mit 13 Jahren und kann mich seitdem an jede Niederlage erinnern. Natürlich stellte ich nach der ersten Niederlage alles infrage. Ist es sinnvoll weiterzumachen? Wie kann man mit so viel Training trotzdem verlieren?“

Doch laut dem Boxer würden auch Misserfolge den Menschen weiterbringen. Denn sie zeigen, wie viel Arbeit noch vor einem liegt. Mit 18 Jahren gewann Erdei dann die Jugendeuropameisterschaft in Schottland: „Ich zählte als großes Talent und die Leute setzten große Hoffnungen in mich. Damals saß ich auch das erste Mal in einem Flugzeug“, erzählt der ehemalige Boxer lachend.

Anfangs sei sein Boxstil noch sehr wild und unausgereift gewesen. Doch nach eigenen Aussagen habe er schon damals gewusst, dass er – wenn er sich nur verbessert – das Talent besitze, einer der Besten zu werden.

1997 fand die Amateurweltmeisterschaft im Boxen in Budapest statt: „Ich wollte alles für den Titel tun, also schickte mich mein Trainer zum Sportpsychologen. Ich wollte mit mir und meinem Können im Reinen sein“, schildert Erdei seine damalige Situation. Tatsächlich wurde er dann Weltmeister.

Der Boxsport bringt zahlreiche Verletzungen mit sich, doch Zsolt Erdei fürchtete sich nach eigenen Aussagen weder vor Nasen- noch Rippenbrüchen: „Meine größte Angst war es, zu verlieren. Ich stand 30 Jahre lang im Boxring und war vor jedem meiner Kämpfe aufgeregt. Die Angst kann man nur besiegen, wenn man mutig ist. Aber mutig zu sein, bedeutet nicht, dass man keine Angst hat“, erklärt Erdei der Budapester Zeitung.


Sieg und Niederlage

Bei den Olympischen Spielen in Sydney im Jahr 2000 galt Zsolt Erdei als sicherer Titelkandidat. Im selben Jahr wurde er sogar Europameister. „Ich habe so hart für die Spiele trainiert, dass ich bei jedem Training dreieinhalb Kilo abgenommen habe“, erinnert sich der Boxer. Unglücklicherweise habe er sich vor den Olympischen Spielen jedoch zwei schlimme Verletzungen zugezogen. So reichte es am Ende nur für eine Bronzemedaille: „Ich hätte gewinnen müssen. So bin ich weinenden Auges von den Olympischen Spielen nach Hause gefahren“, fügt Erdei hinzu.

Danach wechselte Zsolt Erdei zu Universum Box-Promotion, einem bekannten Hamburger Boxstall, der damals unter anderem die Klitschko-Brüder und Felix Sturm unter Vertrag hatte.

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Zsolt Erdei beim Training in den USA. Hier boxte er die letzten vier Jahre seiner aktiven Karriere.


Seinen ersten großen Kampf bestritt der Ungar dort Ende 2000. Zehn Jahre verbrachte er bei den Hamburgern: „Ich denke gerne an meine Zeit bei Universum zurück und bin ihnen zu Dank verpflichtet. Sie haben aus mir einen bekannten Boxer gemacht“, so Erdei.

Von 2004 bis 2009 war er Weltmeister im Halbschwergewicht. Ganze zwölf Mal konnte er seinen Titel verteidigen. In Deutschland lernte Zsolt Erdei nach eigenen Aussagen vieles dazu: „Bis dahin war ich berühmt für mein schnelles und präzises Boxen. In Deutschland zeigten sie mir, wie ich ruhiger und sicherer boxen kann“, erzählt er der Budapester Zeitung.


„Ich wollte niemandem etwas vormachen“

Viele Boxer versuchen, den Gegner schon Wochen vor dem Kampf zu provozieren, doch Erdei unterschied sich in seiner Art von solchen Kollegen. Er war bei Pressekonferenzen freundlich, grüßte jeden und hatte für alle ein nettes Wort übrig: „Boxen ist eine Sportart. Es geht darum, sich sportlich und fair zu verhalten und sich den Regeln entsprechend auf den Kampf vorzubereiten. Ich wollte niemandem etwas vormachen. Wenn mich jemand mag, dann soll er mich mögen, weil ich so bin, wie ich bin.“

Erdeis Zeit bei Universum Box-Promotion in Deutschland hatte aber auch Schattenseiten: Am Ende verklagte er den Boxstall sogar auf 100 Millionen Forint Schadensersatz. Laut Vertrag sollte man ihm innerhalb von zwei Jahren fünf Kämpfe garantieren, jedoch wurden diese Bedingungen nicht eingehalten: „Hätte ich einen deutschen Pass gehabt, wäre vieles anders gelaufen“, vermutet Erdei.

„Sie meinten, dass sie keinen Gegner in meiner Gewichtsklasse finden. Ich sollte eine Gewichtsklasse höher boxen und meinen Weltmeistergürtel im Halbschwergewicht abgeben.“ Trotz anfänglicher Zweifel entschied er sich schließlich dafür, die Herausforderung anzunehmen: Erdei nahm zehn Kilo zu und wurde am Ende auch Weltmeister im Cruisergewicht.


Der Abschied

2010 trennte sich Zsolt Erdei von den Hamburgern, aber boxte noch vier Jahre in Amerika weiter. 2014 war dann endgültig Schluss: „Ich war körperlich einfach erschöpft“, konstatiert der Sportler. Um sich von seinen Fans verabschieden zu können, bestritt er allerdings noch einen letzten Abschiedskampf. Danach wurde er Trainer.

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Einer der ganz Großen des ungarischen Boxsports: Zsolt Erdei, genannt „Madár“.


Auf die Frage, wie er sich als Coach mache, antwortet Erdei bescheiden: „Ich bin streng, aber fair. Es gibt keine Situation im Boxring, die ich nicht schon erlebt habe. Aber noch immer habe ich einiges zu lernen.“

2017 wurde er dann zum Präsidenten des ungarischen Boxverbandes gewählt. Nach eigenen Aussagen sei es ihm wichtig, dass ungarische Boxer wieder an den Olympischen Spielen teilnehmen und dass der Boxsport beliebter wird. „Wir müssen mehr Boxer in den Ring bekommen. Talente zu entdecken, ist nicht schwer, sie zu halten jedoch schon”, findet Erdei.

Seiner Meinung nach müsse man sich so um den Nachwuchs kümmern, dass dieser sich um nichts anderes mehr Sorgen machen muss: „Wir müssen ein System entwickeln, wo die Jungs 20 bis 25 Stunden die Woche trainieren können“, ergänzt der 1,78 Meter große Ungar.


Der größte Erfolg

Zsolt Erdei hat 35 Profiboxkämpfe in seiner Karriere absolviert. 34 Siege, 18 KOs und eine Niederlage. „Das wir überhaupt in den Boxring steigen, widerspricht jeglicher menschlicher Logik“, philosophiert Erdei.

Der in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsene Boxer schaffte es ganz nach oben und ist heute für viele Nachwuchsboxer ein Vorbild: „Ich hoffe, dass die Jugendlichen eines Tages vielleicht mich als Poster an der Wand haben werden und meinen Werdegang als gutes Beispiel betrachten“, erklärt Erdei bescheiden lächelnd. Auf die Frage, was in all den siegreichen Jahren sein größter Erfolg gewesen sei, antwortet er: „Mein größter Erfolg ist, dass ich Erfahrungen sammeln durfte, die mich im Leben weitergebracht haben. Denn wir Boxer müssen den Kampf in erster Linie nicht gegen den Gegner gewinnen, sondern gegen uns selbst.“

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