Eines der bisher deutlichsten Zeichen des Klimawandels in Ungarn konnte vergangenen Herbst in Form des historisch niedrigen Wasserpegels der Donau beobachtet werden. Nach der extremen Hitze und Trockenheit des vorangegangenen Sommers wurde in Budapest an einigen Stellen ein Rekordtief von gerade mal 43 bis 44 Zentimetern gemessen. Ungarnweit musste die Binnenschifffahrt Einschränkungen bis hin zu teilweisen Fahrverboten des Güterverkehrs erdulden. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wurde hierzulande sichtbar, wovor Wissenschaftler seit den Siebzigerjahren warnen und was andernorts auf der Welt durch Naturkatastrophen schon aufgezeigt wurde: Der Klimawandel ist Realität.

Die jungen Streikenden von Fridays For Future (FFF) haben den Weckruf gehört. „Ich möchte, dass die Menschen realisieren, dass der Klimawandel da ist und dass wir dringend handeln müssen“, erklärt Petra Buru gegenüber der Budapester Zeitung. Buru ist Biologiestudentin an der Loránd-Eötvös-Universität und organisiert die Demonstrationen von FFF in Budapest mit.


„Schulstreik für das Klima“

Ihren Anfang nahmen die heute weltweit geführten „Klimastreiks“ im vergangenen Spätsommer, als sich die damals noch 15-jährige Schwedin Greta Thunberg entschloss, nach Ende der Sommerferien nicht in die Schule zurückzukehren. Stattdessen startete sie einen dreiwöchigen „Schulstreik für das Klima“ vor dem schwedischen Parlament. Bis zu den schwedischen Parlamentswahlen am 9. September 2018 schwänzte sie jeden Tag die Schule, um zu protestieren und die schwedische Politik und Öffentlichkeit auf die ernste Bedrohung durch den Klimawandel aufmerksam zu machen. Dies ist ihr gelungen. Immer mehr Schülerinnen und Schüler in Schweden, aber auch in anderen Staaten, schlossen sich ihr seitdem an.

Mittlerweile finden die Demonstrationen nach dem Vorbild der jungen Frau jeden Freitag statt und die nun 16-jährige Schülerin ist schon lange zur Ikone einer ganzen Bewegung geworden. Für ihren Aktivismus erhielt Greta Thunberg bereits einige Preise und wurde von drei Mitgliedern des norwegischen Parlaments sogar für den Friedensnobelpreis nominiert. Zudem zierte sie die Titelseite des US-amerikanischen Time Magazine. Viele sprechen heute vom Greta-Thunberg-Effekt. Die Schwedin zeigt sich aber trotz des Hypes bodenständig. Nachdem sie und die FFF-Bewegung mit dem sogenannten „Botschafter des Gewissens“-Preis von Amnesty International ausgezeichnet wurden, richtete sich Greta Thunberg in einer Videobotschaft an die Demonstranten: „Das ist nicht mein Preis, sondern euer Preis. Das wäre ohne eure Teilnahme an den Klimastreiks nicht möglich gewesen.“


Höhepunkt 24. Mai

Dass das Mädchen aus Schweden etwas bewirkt hat, zeigt sich an den weltweit wachsenden Protesten. Der ungarische Ableger der Fridays-For-Future-Bewegung wurde Ende Februar von den beiden Biologiestudierenden Johanna Hartmann und Levente Pribéli ins Leben gerufen. Die beiden erkannten den dringlichen Handlungsbedarf in der Klima- und Umweltkrise und fanden in dieser Sache schnell Mitstreiter. In Budapest organisieren heute ungefähr zwölf Personen die Streiks, größtenteils Studierende, erklärt Petra Buru, die schon seit der ersten Demonstration dabei ist. Aber auch Schülerinnen und Schüler würden an den Protesten teilnehmen.

Ihren bisherigen Höhepunkt erreichte Fridays For Future am 24. Mai mit dem zweiten weltweiten Klimastreik. Nach Angaben der Bewegung gingen mehr als 1,6 Millionen Menschen in 131 Ländern auf die Straße. Auch in Budapest demonstrierten an diesem Tag nach Angaben der Bewegung zwischen 2.200 bis 2.400 Menschen. Die ungarischen Jugendlichen zogen vom Deák Ferenc tér bis vor das Parlament am Kossuth Lajos tér. Sie wollten sich zwei Tage vor der Europawahl noch einmal Gehör verschaffen. Neben den Tausenden Demonstranten in Budapest versammelten sich auch Klimastreik-Teilnehmer in Pécs, Tata, Szekszárd, Szeged, Miskolc, Karcag, Kecskemét, Debrecen und Győr.

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Fridays For Future begann mit Greta Thunbergs Klimastreik vor dem schwedischen Parlament. (Foto: Anders Hellberg)


Vom üblichen, freitäglichen Protest unterschied sich der zweite globale Klimastreik nicht nur aufgrund der Teilnehmerzahlen: Ein sogenanntes „Die-in“ bereicherte die Demonstration vor dem Parlamentsgebäude. Hierbei handelt es sich um eine Aktionsform des gewaltlosen Widerstands. Die Demonstranten gingen auf ein Signal hin zu Boden und stellten sich tot, um auf das klimabedingte Massensterben in der Natur und Tierwelt hinzuweisen.

Der dritte globale Klimastreik soll laut den Organisatoren am 20. September beginnen. Bis zum 27. September sollen eine Woche lang Aktionen und Demonstrationen stattfinden, um auf die Klimakrise aufmerksam zu machen. Die Veranstaltung solle einen Wendepunkt in der Menschheitsgeschichte darstellen, so die Organisatoren. Neben Fridays For Future werden sich daran voraussichtlich auch weitere Umweltbewegungen und Nichtregierungsorganisationen (NGO) beteiligen.


Fridays For Future: Die Teilnehmer

Wer diese Menschen sind, die jeden Freitag für mehr Klimaschutz streiken, sollte eine erste Untersuchung der Fridays-For-Future-Bewegung in neun europäischen Staaten herausfinden. Mithilfe von Befragungen der Demonstrierenden durch Forschungsgruppen vor Ort sowie eines Online-Fragebogens, wollten Wissenschaftler unter anderem das sozio-demografische Profil der Protestierenden ermitteln. Die Untersuchung wurde beim ersten globalen Klimastreik am 15. März 2019 durchgeführt.

Die Ergebnisse ergaben ein erstes gesichertes Bild der Teilnehmer. Die deutsche Erhebung fand in Berlin und Bremen statt und wurde vom Institut für Protest- und Bewegungsforschung und dem Forschungszentrum Socium der Universität Bremen durchgeführt. Die gewonnenen Informationen zu Alter, Hintergrund und Bildungsstand der Demonstrierenden im deutschen Teil der Studie zeigten, dass es sich bei ihnen überwiegend um junge, gut ausgebildete Personen aus der Mittelschicht handelt. So gehörten 52,8 Prozent der Befragten der Altersgruppe zwischen 14 und 19 Jahren an. Knapp die Hälfte kam aus einem akademischen Elternhaus und verfügte mindestens über eine Fachhochschulreife oder strebte diese zumindest an. Rund 70 Prozent ordneten sich selbst der Mittelschicht zu. Zwar war Ungarn nicht unter den untersuchten Streikländern, doch auch hier dürfte sich die Gruppe der Demonstrierenden ähnlich zusammensetzen.

Selbst wenn die Protestbewegung mehrheitlich aus Jugendlichen besteht, nehmen an den Demonstrationen auf dem Kossuth tér immer wieder auch ältere Menschen und Familien mit Kleinkindern teil. Eine ungarische Vertretung von „Parents For Future“, die elterlichen Unterstützer von FFF, gibt es in Ungarn noch nicht. Im deutschsprachigen Raum hat sich diese Unterstützergruppe bereits etabliert. „Parents For Future“ steht in Solidarität mit der FFF-Bewegung und möchte die jungen Menschen in ihrem Einsatz für einen ambitionierten Klimaschutz unterstützen. Die Vereinigung akzeptiert die Schulstreiks explizit als probates Mittel zum Zweck.

Außerdem haben sich unter dem Namen „Scientists For Future“ im Februar 2019 Hunderte Wissenschaftler aus dem deutschsprachigen Raum mit einem offenen Brief an die Politik gewandt. Sie zeigten sich darin von der Idee des Schülerstreiks inspiriert. Mittlerweile haben über 26.000 Akademiker die Stellungnahme unterzeichnet.


International vernetzt, aber unabhängig

Auch die länderspezifischen Gruppen von Fridays For Future arbeiten eng miteinander zusammen. Regelmäßig halten die Organisatoren internationale Videokonferenzen ab, um wichtige Entscheidungen zu diskutieren. „Die Ländergruppen können jedoch eigene Entscheidungen treffen, sofern sie nur auf nationaler Ebene relevant sind und mit den Werten und Plänen der Bewegung übereinstimmen“, erklärt Petra Buru von FFF-Ungarn. Im März hatten sich 60 FFF-Organisatoren aus 20 Ländern, unter anderem aus Ungarn und Deutschland, in Straßburg zusammengefunden. Dort habe man sich kennengelernt und zusammen eine Debatte im Europäischen Parlament verfolgt. „Seitdem ist unser Zusammenhalt noch stärker“, betont Buru.

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Fridays For Future Ungarn möchte, dass die ungarische Regierung eine konsequentere Klimapolitik verfolgt.


Nicht nur innerhalb der Bewegung herrschen reger Austausch und eine enge Zusammenarbeit. Auch mit „Extinction Rebellion“, einer weltweit aktiven Bewegung, die in der Klimakrise zu zivilem Ungehorsam aufruft, hat Fridays For Future bereits kollaboriert. Die Umweltbewegung hatte sich vor ein paar Monaten in Großbritannien gegründet. Der spektakuläre „Die-in“-Flashmob beim zweiten globalen Klimastreik in Budapest trägt beispielsweise deutlich die Handschrift der radikaleren Extinction Rebellion.


Reaktionen in Ungarn

In einem Gastbeitrag in der britischen Tageszeitung The Guardian befürwortet UN-Generalsekretär, António Guterres, die von Thunberg initiierten Schulstreiks. „Meine Generation hat es versäumt, sich ordentlich um die dramatischen Herausforderungen des Klimawandels zu kümmern. Die Jugend empfindet dies zutiefst. Kein Wunder, dass sie wütend ist.“

In Ungarn haben sich offiziell noch keine Politiker mit der FFF-Bewegung zusammengesetzt. Manchmal streike zwar der eine oder andere Politiker an den Freitagen mit, doch dann nur als Zivilperson und nicht als Repräsentant einer Partei. „Unsere Bewegung ist völlig unabhängig von der Regierung, von Politikern und von der Wirtschaftslobby“, betont Buru. So stehe es auch in der Satzung der Umweltbewegung.

Die ungarischen Medien würden ein großes Interesse an FFF zeigen. „Wir geben jeden Tag Interviews, sei es im Radio oder für Zeitungen“, behauptet Buru. Die Bewegung setzt außerdem auf die sozialen Medien. Die Gründer Johanna Hartmann und Levente Pribéli präsentieren sie beispielsweise auch auf YouTube. Auf der Facebook-Seite „Fridays For Future Magyarország“ folgen rund 6.000 Menschen den Aktivitäten der Umweltbewegung.


Ziele von „Fridays For Future“ in Ungarn

Doch was möchte die Bewegung konkret in Ungarn erreichen? „Meiner Meinung nach mögen die Ungarn die Umwelt. Wir sind stolz auf die atemberaubend schönen Stücke Natur, die wir noch intakt gelassen haben. Wir wollen diese beschützen“, sagt Petra Buru von FFF-Ungarn. Die Bewegung möchte vor allen Dingen in der Bevölkerung und Politik ein Bewusstsein für die Klimakrise schaffen. Die ungarische Regierung sollte die Vermeidung von Treibhausgas-Emissionen zum obersten Ziel ihrer Politik machen. Dazu gehöre beispielsweise ein Verbot der Energiegewinnung aus fossilen Brennstoffen. Stattdessen solle auf grüne Alternativen gesetzt werden. Durch das geschärfte Bewusstsein sollen die Ungarn auch im Alltag umweltverträglicher leben. Dazu gehöre für die Bewegung auch etwa der Verzicht auf Einweg-Plastik und das Bevorzugen lokaler Produkte.

Trotz der hochgesteckten Ziele registrieren die Demonstrierenden auch schon kleinste Erfolge: „Wenn Menschen auf mich zukommen und mir sagen, dass unsere Aufklärungsarbeit sie zu einem umweltfreundlicheren Lebensstil inspiriert hat, dann ist das die beste Motivation für mich weiterzumachen“, sagt FFF-Organisatorin Petra Buru.

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