Zu den Teilnehmern der Runde gehörten Historiker Dr. Andreas Schmidt-Schweizer, die Soziologin Dr. Beáta Dávid und der Journalist Gábor Horváth. Geführt wurde das Gespräch von der Leiterin der Abteilung Information und Bibliothek im Goethe-Institut, Judit Klein. Der Fall des Eisernen Vorhanges und die politische Wenden in den Staaten des ehemaligen Ostblockes bedeuteten für Europa eine historische Zäsur. Seitdem sehe die Welt anders aus.

Diese Prämisse, die der auf Deutsch und Ungarisch gehaltenen Veranstaltung zugrunde lag, stimmte auch Dr. Andreas Schmidt-Schweizer zu, der in der Gesprächsrunde den Anfang machte. Der Historiker beschäftigt sich schon seit Jahren mit den Beziehungen zwischen Ungarn und Deutschland, vor und nach der Wende. Er skizzierte unter anderem die wirtschaftlichen Verflechtungen der DDR und der Volksrepublik Ungarn ab den 60er-Jahren bis Ende der 80er, die mit der Wende natürlich schlagartigen Veränderungen ausgesetzt waren. Schmidt-Schweizer ging aber auch auf politische Entwicklungen in Ungarn ein: „Der Systemwechsel begann in Ungarn bereits Mitte 1987“, befand der Historiker. Damals seien neue Zeitungen und Parteien entstanden, aus den Parteien wiederum habe es neue Impulse für die Politik gegeben.

Die Soziologin Dr. Beáta Dávid wiederum sprach über die Rolle der Frau und der Familie vor und nach dem Systemwechsel. Frauen würden heute später eine Familie gründen, das Durchschnittsalter der Erstgebärenden sei rapide gestiegen und immer mehr entschieden sich sogar ganz gegen Kinder. Dies habe zum einen damit zu tun, dass Frauen heute einen stärkeren Fokus auf Ausbildung und Karriere legen würden. Aber auch damit, dass lange Zeit nach der Wende Unsicherheit hinsichtlich einer materiellen Stabilität herrschte. Heute sehe die Situation nach Ansicht Dávids jedoch schon deutlich besser aus.

Der Journalist Gábor Horváth berichtete wiederum, wie er selbst die Wende erlebt hat. Er habe zur damaligen Zeit in Moskau studiert. „Damals wurde uns gesagt, wo und wie wir arbeiten sollten. Man durfte nichts Negatives schreiben. Die Wende hat deshalb für den Journalismus eine wichtige Rolle gespielt. Man konnte spüren, dass etwas Großes im Gange ist“, erinnerte sich Horváth. Der Journalist berichtet, dass man damals besonders auf die Bundesrepublik Deutschland geschaut habe. „Die Journalisten dort waren viel freier beim Verfassen ihrer Artikel und Äußern ihrer Meinungen“, so Horváth.

Er erzählte auch, dass Axel Springer nach der Wende der erste große deutsche Verlag gewesen sei, der nach Ungarn kam und Journalismus westlicher Art mitbrachte. Das habe den Journalismus in Ungarn nachhaltig verändert. Dazu habe auch gehört, dass aufgeklärt wurde, welche Rechte und Pflichten beispielsweise Journalisten, aber auch Interviewpartner haben. „Es wurde viel deutlicher, was man als Journalist zu tun hat“, schilderte Horváth.

Die Gesprächspartner im Goethe-Institut waren sich letztendlich einig, dass trotz vieler Veränderungen selbst 30 Jahre nach dem Mauerfall in Ungarn noch immer ein Schwarz-Weiß-Denken vorherrsche. Dies sei in vielen Sphären ein Problem. „In der Schule hat man in Ungarn Angst, seine Meinung zu sagen. Wenn man nicht das sagt, was der Lehrer hören möchte, dann kann sich das nachteilig auswirken. Und Sicherheit ist für die Ungarn sehr wichtig“, meinte Dr. Beáta Dávid.

Konversation

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