Die Ausstellung „The Neighbor’s Window” besteht aus zehn Kunstwerken und 3D-Installationen. Über 200 Schüler und Studenten aus sechs ungarischen Bildungsstätten – von der Grundschule bis zur Universität – arbeiteten daran mit. Das Projekt hinter dieser Ausstellung wurde von der Budapester NGO Visual World Foundation konzipiert. Ihr Ziel ist es, Toleranz und Inklusion mithilfe von Medien und Bildung zu stärken. Die Schüler und Studenten untersuchten soziales Verhalten anhand von zwei historischen Beispielen: dem Holocaust und dem Genozid im afrikanischen Ruanda 1994.

Dabei fokussierten sich die jungen Teilnehmer vor allem auf den Großteil der passiven Bevölkerung, der den Gräueln tatenlos zusah. Zsuzsanna Kozák leitet die NGO, welche Frieden durch Medienpädagogik fördern möchte.

„Herkömmliche pädagogische Methoden neigen dazu, sich nur mit den Opfern und Tätern zu beschäftigen“, sagte die Medienpädagogin Kozák im Rahmen der Veranstaltung am 14. Mai. Das Projekt sollte den Teilnehmern aber nahebringen, welche Gründe Menschen dazu veranlasst haben, ihren Freunden, Klassenkameraden und Nachbarn in Not nicht zu helfen. Daher auch der Name der Ausstellung, welcher sich mit „Des Nachbarns Fenster“ übersetzen lässt. Im Gegensatz dazu analysierten sie die Mutigen, die ihren Mitmenschen beistanden und so letztendlich Leben retteten.


Eine lange Reise

Die Idee hinter „The Neighbor’s Window“ hat eine lange Reise hinter sich. Rückblick: 2015 war Kozák Teil einer internationalen Gruppe von Pädagogen, welche sich in Washington D.C. im United Nations Holocaust Memorial Museum zu einer Konferenz versammelten. Besprochen wurden Maßnahmen zur pädagogischen Aufarbeitung des Holocausts. Die eingeladenen Pädagogen kamen aus zehn Ländern – Ungarn, Chile, Indien, Litauen, Mexiko, Marokko, Namibia, Südkorea, Ruanda und der Türkei. In diesen Staaten werde das Thema Genozid – laut der UNESCO – im Schulunterricht zu wenig besprochen. Die Teams verließen die Konferenz mit Projektideen, um diesen Umstand zu verbessern.

Das ungarische Team machte sich mit einer Idee auf den Heimweg, aus der sich „The Neighbor’s Window“ entwickelte. Vier Jahre später ist das Projekt nicht nur erfolgreich abgeschlossen, sondern hat bereits als Ausstellung einige Orte besucht. So startete die Wanderausstellung in der kanadischen Botschaft in Budapest mit einem besonderen Fokus auf Menschenrechten und der Menschenwürde. In einem Kino im westungarischen Szombathely ging es wiederum darum, wie Opfer dargestellt werden. Die Ausstellung wird somit an die Begebenheiten und Interessen des Standortes angepasst.

Der Fokus in der CEU lag auf „Forgiveness“, also Vergebung. Neben der eigentlichen Ausstellung, welche vom 2. bis zum 20. Mai in der Universität zu sehen war, wurde am 14. Mai ein Workshop angeboten und im Anschluss ein Film gezeigt.

Vor allem Lehramtsstudenten waren am interkulturellen Workshop beteiligt. Geleitet von Medienpädagogin Zsuzsanna Kozák und der interkulturellen Trainerin Ildikó Lázár, beschäftigten sich die Workshop-Teilnehmer mit dem Thema Identität und erkundeten kulturelle Gemeinsamkeiten und Unterschiede. „Ungarische Lehrer müssen besser darauf vorbereitet sein, über diese Themen im Unterricht zu sprechen“, erklärte dabei Ildikó Lázár.


Eine interdisziplinäre Thematik

17 Lehrer unterschiedlicher Fachrichtungen – wie Geschichte und Psychologie – waren in Ungarn am Projekt beteiligt und hielten sich mehrere Monate über die sozialen Medien gegenseitig auf dem Laufenden. „Das Thema Genozid ist interdisziplinär!“, fasste eine beteiligte Schülerin, Zsófia Stewart, diesen Umstand zusammen. Das Projekt und die dazugehörige Ausstellung begleiteten die Schülerin nun bereits seit drei Jahren. In den Ausstellungsräumen der CEU erzählte die mittlerweile 18-Jährige über ihre Erfahrungen. So habe man als Teilnehmer nicht nur ein genaues Geschichtsverständnis des Holocausts entwickelt, sondern daraus auch seine eigenen Lehren ziehen können.

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Die Ausstellung wird an die Begebenheiten und Interessen des Standortes angepasst. (Foto: Bianka Zöldi)


„Wir haben uns gefragt: Wie würden wir einem Mitschüler helfen, der gemobbt wird?“, sagte Zsófia Stewart. Die Schülerin dankte den Unterstützern des Projekts: „Ich bin sehr dankbar dafür, dass dieses Projekt in meiner Schule durchgeführt wurde!“

Stewart stellte außerdem das Werk ihrer Gruppe vor: In einem durchsichtigen Kasten ist eine Schwarz-Weiß-Fotografie zu sehen. Auf die Vorderseite wurde ein Davidstern geklebt. Das Foto wurde 1929 im norddeutschen Bremen aufgenommen und zeigt neun posierende Nachbarsjungen. Die unschuldige Aufnahme erzählt jedoch eine dunkle Geschichte: Eines der abgebildeten Kinder – ein Jude – muss neun Jahre später während der Novemberpogrome den Mord an seiner Mutter miterleben. Später wird er Rabbiner. Ein anderes Nachbarskind wird Wachmann im Konzentrationslager Bergen-Belsen. Als der Rabbiner viele Jahre später davon erfährt, schreibt er seinem ehemaligen Spielkameraden. Der Kontakt bricht aber nach einem Briefwechsel ab. Eine Entschuldigung erhielt er bis zu seinem Tod nicht.


Die Wichtigkeit des Entschuldigens

Finanziell unterstützt wurde das Projekt von der kanadischen Regierung. Am späten Nachmittag des 14. Mai hielt die kanadische Botschafterin in Ungarn, Isabelle Poupart, in der CEU eine Rede. Sie betonte, wie wichtig es für eine demokratische Gesellschaft sei, historische Ereignisse aufzuarbeiten und eine Erinnerungskultur zu schaffen. Dazu gehöre es, sich den negativen Aspekten der Vergangenheit zu stellen und sich bei Opfern politischer Fehlentscheidungen zu entschuldigen. Hierfür sei ein saloppes „Sorry“ nicht ausreichend, so die Botschafterin. Als Beispiel für die kanadischen Bemühungen nannte sie eine offizielle Stellungnahme aus dem Jahr 2008.

Der damalige Premierminister Stephen Harper entschuldigte sich bei Angehörigen der indigenen Bevölkerung Kanadas. Die damalige Assimilationspolitik der Regierung habe sich schädlich auf die Sprache und Kultur der indigenen Bevölkerung ausgewirkt. „Die Regierung bat die indigene Bevölkerung des Landes, welche sie grundlegend enttäuscht hatte, um Vergebung“, sagte die kanadische Botschafterin. Außerdem betonte sie: „Das Wort Vergebung beinhaltet, dass bereits etwas Falsches getan wurde. Wie wäre es, wenn wir früher richtig handeln würden und Vergebung somit unnötig würde?“


Unverzeihlich?

Dass es möglich ist, selbst die grauenhaftesten Taten zu vergeben, vermittelte der im Anschluss gezeigte Film „Unforgivable“ des Italieners Giosuè Petrone. Sein Dokumentarfilm erzählt die Geschichte von Alice and Emmanuel, die während des Genozids in Ruanda auf gegnerischen Seiten standen.

Vor nur 25 Jahren startete der organisierte Völkermord an der Minderheit der Tutsi in Ruanda. Während dieser Tragödie töteten Angehörige der Hutu-Mehrheit mehr als 800.000 unschuldige Menschen, darunter hauptsächlich Tutsi, aber auch gemäßigte Hutu, die sich dem sinnlosen Abschlachten widersetzten. Regisseur Giosuè Petrone war im Auditorium der CEU zu Gast und stellte sich der Vielzahl an Fragen aus dem Publikum. Ein Zuschauer fragte den Regisseur, wie es möglich sei, dass Alice den Mördern ihres Kleinkindes vergeben konnte. „Ich glaube, wenn du deinen Tätern nicht vergibst, wird die Bitterkeit dein Herz verzehren“, antwortete Giosuè Petrone.

Bei Interesse an der Ausstellung „The Neighbor’s Window“ wenden Sie sich bitte per E-Mail an zsuzsanna.kozak@visualworld.org.

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