Am Rande der ungarischen Hauptstadt bietet das Art Quarter Budapest, kurz AQB, einen Treffpunkt für kreative Köpfe. Aktuell zeigt das Kunstzentrum eine Ausstellung mit Arbeiten von 15 internationalen Künstlern. Inspiriert von den großen Fragen unserer Zeit, regt „The Great Globe“ Ausstellungsbesucher zum Nachdenken an und fordert sie dazu auf, jedes Werk ganz individuell zu interpretieren. Noch bis zum 30. Juni kann sich jeder im AQB selbst ein Bild davon machen.


Wyld‘s Great Globe

Mitte des 19. Jahrhunderts hatte der britische Geograf und Besitzer eines Kartografie-Betriebes, James Wyld, die Idee, mit einem großen Kunstprojekt für Aufsehen zu sorgen und so sein Geschäft bekannter zu machen. Er ließ mithilfe von Architekten eine über 18 Meter hohe Nachbildung der Erde bauen. Innen hohl ließ sich diese über Treppen besteigen. Der Globus sollte die Erdinnenfläche geologisch möglichst akkurat abbilden und somit die „Unterseite“ von Flüssen, Gebirgen und Ozeanen sichtbar machen. Aufgestellt wurde die Attraktion im Londoner Leicester Square, wo sie zehn Jahre lang verblieb.

Wylds Werk diente den 15 Künstlern aus aller Welt, die sich für die Ausstellung im AQB zusammenfanden, als Inspirationsquelle. Auch sie setzten sich mit dem Zustand des Systems Erde auseinander, erweiterten das Ganze aber noch um gesellschaftliche Fragen. Entstanden sind dadurch einzigartige Werke, die sich mit Umweltschutz, Globalisierung, mit modernen Technologien und Erkenntnissen der Wissenschaft auseinandersetzen. Sowohl filmische Inszenierungen als auf Fotografien und abstrakte Zeichnungen können in der Ausstellung betrachtet werden.


Ironische Gesellschaftskritik

Ein Film beginnt mit einer Sequenz aus einem Werbevideo des Internetriesen Google. Darin wird das Prinzip der „Cloud“ erklärt – sie ist die IT-Infrastruktur, die im modernen Internetzeitalter alles und jeden miteinander vernetzt. Plötzlich wird die Szene von Videoaufnahmen aus Afrika überlappt. Menschen schrauben an Computer-Gehäusen herum und nehmen sie auseinander. Im Hintergrund sind lodernde Flammen zu sehen. Es wird klar, dass es sich um eine afrikanische Elektromülldeponie handelt. Wieder öffnet sich ein neues Video, diesmal zeigt es die Fließbandproduktion von Elektrogeräten. Immer wieder überlappt ein Clip den anderen. Im Hintergrund hört man neben dem immer noch laufenden Google-Werbevideo mittlerweile auch das Knistern der Flammen und die Rufe der Menschen auf der Müllhalde.

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In einigen Fällen werden die Besucher dazu aufgerufen, mit den Ausstellungsstücken zu interagieren.


Der Film stammt von dem Briten Louis Henderson und trägt den Titel „All that is solid“. Er ist nur eines der Ausstellungsstücke im Project-Space des AQB und macht auf die Schattenseiten der heutigen Konsum- und Wegwerfgesellschaft aufmerksam.

Die Ausstellung zeigt noch sechs weitere Filme, die alle auf direkte oder indirekte Weise verschiedenen Aspekte unserer modernen Gesellschaft kritisieren.

Doch auch traditionellere Kunstwerke werden gezeigt. So beispielsweise minimalistische Skizzen des russischen Künstlers Vadim Fishkin. Sie stellen das Erdinnere in Form von Inseln und Vulkanen dar und sind somit eine direkte Hommage an das Werk Wylds.

Auch der Ungar Tibor Horváth ist in der Ausstellung mit einer Zeichnung vertreten. Das eher sarkastisch anmutende Werk hat eine starke Ähnlichkeit mit dem Logo des Onlineversandhändlers Amazon. Jedoch heißt es auf dem Bild stattdessen „Amazonas“ und der symbolische Pfeil nach oben geht bei Horváth wie ein traurig verzogener Mund nach unten.


Über Wissenschaft und Natur

Wer die einzelnen Ausstellungsstücke aufmerksam betrachtet, kann sogar noch etwas dazulernen. Einige bilden die Welt in geradezu wissenschaftlich akkurater Form ab. Beispielsweise das Werk „Linear World“ des französischen Kunstkollektivs Société Réaliste, welches die Entfernung zwischen verschiedenen Ländern in Form von maßstabsgerechten ununterbrochenen Linien zeigt. So kann der Betrachter den Abstand der Länder direkt miteinander vergleichen.

Ähnlich aufschlussreich ist auch der Beitrag des deutschen Künstlers Felix Kiessling, der sich die Frage gestellt hat, wie groß die Erderschütterung ist, wenn er einen Sprung macht. Den Betrachter lädt er damit ein, sich Gedanken darüber zu machen, welchen Effekt ein einzelner Mensch auf den Planeten haben kann.

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Einige der Ausstellungsstücke basieren auf wissenschaftlichen und geografischen Fakten, wie hier das Werk des Portugiesen Paulo Moreira.


Das Thema Umweltschutz und die aktuelle Klimakrise spielen ebenfalls eine wichtige Rolle in der Ausstellung. So kommentieren einige der Künstler mit ihren Werken die aktuelle Lage auf kritische, aber dezente Weise und geben Anstoß dazu, die eigene Lebensweise zu hinterfragen. Eines der beachtenswertesten Projekte ist das Werk der Tschechin Klara Hobza „Diving through Europe“. Sie dokumentierte anhand von Videos, wie sie durch verschiedene Flüsse und Meere in ganz Europa tauchte. Die durch die Wasserverschmutzung trüben Unterwasseraufnahmen machen schnell bewusst, dass dieses Projekt nicht der Ästhetik halber gefilmt wurde, sondern darauf aufmerksam machen soll, in welch schlechtem Zustand sich unsere Gewässer befinden. Immer in Begleitung einer Plastikflasche, sorgt Hobza durch sarkastische Bemerkungen für ein unterhaltsames, aber dennoch augenöffnendes Werk.

Einen Besuch ist die Ausstellung „The Great Globe“ allemal wert. Nicht nur um eine abwechslungsreiche Ausstellung zu betrachten, sondern auch, um sich mehr Gedanken um den Planeten und die Menschen auf ihm zu machen.


Art Quarter Budapest

Budapest, XXII. Bezirk, Nagytétényi út 48-50

Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 12 bis 18 Uhr

Eintritt frei.

Weitere Informationen finden Sie unter www.aqb.hu

Konversation

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