Am 29. Mai war die renommierte Schriftstellerin Terézia Mora zu Gast im Goethe-Institut in Budapest. Mitgebracht hatte die Deutsch-Ungarin ihren 2016 erschienenen Erzählband „Die Liebe unter Aliens“. Im Gespräch mit der Literaturwissenschaftlerin und Germanistin, Kristina Kocyba, sprach sie über ihre deutsch-ungarische Identität. Doch zuvor las sie einen Auszug aus ihrem Werk vor. Anders als der Titel vermuten lässt, geht es in den Erzählungen nicht um Aliens. Es geht um „die Molekularstruktur von Beziehungen“, so die Autorin. Doch wieso Aliens, wenn es um menschliche Beziehungsgeflechte geht? „Ich saß mit einer Freundin in der Küche und plötzlich sagte sie: ‚Da ist so ein Licht. Ich kann dich nicht anschauen. Du siehst aus wie ein Alien.‘“

Dieser Satz habe sie danach lange beschäftigt und fasziniert, da das Gefühl von Fremdheit nicht auf fernen Planeten, sondern in zwischenmenschlichen Beziehungen gefunden werden könne. „Mein Mann sagt, ‚Die Liebe unter Aliens‘ ist Literatur über das Durchwursteln oder die Suche nach Glück“, so die Autorin.


Szenen des Alltags

Im Goethe-Institut las Mora einen Auszug aus der ersten Erzählung, „Fisch schwimmt, Vogel fliegt“, vor. Die eingangs geschilderte Szene, in der ein agiler Greis – in der Geschichte „Marathonmann“ genannt – einen Taschendieb überrascht, kam beim Publikum in Budapest sehr gut an.

Denn hier zeigt sich auch Moras Vorliebe zum szenischen Schreiben. „An dem Tag, um den es hier geht, ist Marathonmann mit Mütze unterwegs, grau in grau, der Einkaufsbeutel in seiner Hand hingegen ist kanarienvogelgelb. Der Boden des Beutels ist etwas schmutzig. Im Stoffbeutel, in eine Ecke gerutscht: Portemonnaie und Schlüsselbund.“ Durch diese klare Sprache ist es dem Leser ein Leichtes, sich in den Protagonisten hineinzuversetzen. Den Jungen erwischt Marathonmann, trotz seiner Ausdauer, nicht mehr. Aber das sei auch egal, so die Autorin. „Denn dann passiert irgendwas“, weckte sie die Neugierde des Publikums.

Für die zehn Erzählungen in „Die Liebe unter Aliens“ wurde Terézia Mora 2016 mit dem Bremer Literaturpreis ausgezeichnet.

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Terézia Mora erklärte dem Publikum ihre szenische Art des Schreibens.


Wie in so vielen Geschichten Moras ist der Protagonist kein reines Hirngespenst. So erinnerte sie sich: „Während meiner Schulzeit in Ungarn unterhielt ich mich im Zug mit einem alten Mann, der für einen Marathon extra nach Wien gereist war.“ Dieser habe – ohne Übernachtung – direkt nach seiner Ankunft den Marathon bestritten, um daraufhin wieder heimzukehren. Seitdem wusste Mora, dass er ihr eines Tages als Inspiration für eine Geschichte dienen würde.


Georg-Büchner-Preisträgerin

Ob Mora damals auch schon wusste, dass sie einmal für ihr Gesamtwerk mit dem wohl wichtigsten deutschsprachigen Literaturpreis, dem Georg-Büchner-Preis, ausgezeichnet wird? Wohl eher nicht. „In ihren Romanen und Erzählungen widmet sich Terézia Mora Außenseitern und Heimatlosen, prekären Existenzen und Menschen auf der Suche und trifft damit schmerzlich den Nerv unserer Zeit“, begründete 2018 die Jury des Georg-Büchner-Preises ihre Wahl.

Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung verleiht seit 1951 den Georg-Büchner-Preis an herausragende Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Zu den Preisträgern gehörten beispielsweise Elfriede Jelinek, Heinrich Böll und Ingeborg Bachmann.

Terézia Mora ist aber nicht nur als Autorin tätig und erfolgreich. Sie zählt auch zu den renommiertesten Übersetzern aus dem Ungarischen. Für ihre Übersetzung des Buches „Der Kadaverräumer“ von Zoltán Danyi ist Mora für den Internationalen Buchpreis nominiert, welcher Mitte Juni vergeben wird.


Mora eckte schon früher an

Terézia Mora zeigte sich im Gespräch mit der Germanistin Kristina Kocyba selbstbewusst und schlagfertig und wusste das Publikum mit ihren Anekdoten zu unterhalten. Diese Charakterzüge seien ihr schon immer zueigen gewesen, erwähnte die Autorin am vergangenen Mittwochabend.

Terézia Mora wurde 1971 im ungarischen Sopron (deutsch: Ödenburg) an der Grenze zu Österreich geboren. Sie wuchs in einer Familie auf, die zur deutschen Minderheit gehört, zweisprachig ungarisch und deutsch. Schon zu Schulzeiten im kommunistischen Ungarn sei sie durch ihre selbstbewusste Art bei ihren autoritären Lehrern aufgefallen: „Für den Übergang auf das Gymnasium musste meine Lehrerin Charakterbeurteilungen verfassen. Bei mir stand, dass ich stolz und selbstbewusst sei – und das meinte sie negativ.“

Mit diesem Selbstbewusstsein ging die junge Mora nach der politischen Wende in Ungarn 1990 zum Studium der Hungarologie und Theaterwissenschaften an die Humboldt-Universität nach Berlin. Die deutsche Hauptstadt nennt sie seitdem auch ihr Zuhause. Nach negativen Erfahrungen als Produktionsassistentin schrieb sich Mora an der Deutschen Film- und Fernsehakademie ein, um sich dort zur Drehbuchautorin ausbilden zu lassen. 1998 erschien ihr erstes Werk „Seltsame Materie, Erzählungen.“. Seitdem ist sie freie Autorin.

Terézia Mora hat bislang nur Werke in deutscher Sprache veröffentlicht. „Wie kommt das?“, fragt man sich im Publikum. Moras Antwort darauf, wie es um ihre schriftstellerischen Ambitionen im Ungarischen stehe: „Ich habe es mal für mich ausprobiert. Auf Ungarisch bin ich viel roher, wütender und jugendlicher.“

Mora ließ allerdings offen, ob ihre Leserschaft eines Tages vielleicht auch diese jugendlich-ungarische Seite kennenlernen darf.

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„Die Liebe unter Aliens, Erzählungen.“

Von Terézia Mora

Luchterhand Literaturverlag, München

ISBN 978-3-630-87319-0

Taschenbuch: 10 Euro

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