Immer dunklere Wolken jagen über den Budapester Heldenplatz. Noch ist es an diesem Tag trocken. Erstaunlich, denn dieses Jahr scheint es endlich wieder einmal einen richtigen Frühling zu geben, nur dass sich das Aprilwetter in den Mai verlagert hat. Die letzten Jahre hatte man eher das Gefühl, dass der Frühling aufgrund des Klimawandels mitteleuropäischen Dürreperioden weichen musste. Doch dieser Mai erinnert nostalgisch an früher. Und auch so manches andere erinnert hier an vergangene Zeiten, denn auf dem Heldenplatz steht die Vergangenheit nahezu chronologisch Seite an Seite in Form von zehn großen Ikarus-Bussen. Modelle aus den Jahren 1952 bis 2003. Ikarus ist nicht irgendein beliebiger Oldtimer; vielmehr parkt hier der ungarische Nationalstolz sozialistischer Zeiten, der auch noch heute einen besonderen Platz in der Erinnerung einnimmt.

Gleich geht es los. Denn in Székesfehérvár wartet im renommierten Szent István Király Museum die Vernissage von „Ikarus – der Bus“. Das Museum konnte erst kürzlich mit seiner Ausstellung „Vonalba zárt történetek“ („Geschichten in geschlossenen Linien“) über Kinderbuchillustrationen von László Réber den ungarischen Preis für die „Ausstellung des Jahres“ abräumen. Für die Fahrt zur Eröffnung haben die Organisatoren eine Kolonne von restaurierten Ikarus-Bussen bestellt. In einer Online-Lotterie wurden Tickets für die Hin- und Rückfahrt nach Székesfehérvár verlost. Organisiert wurde die Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem Budapester Technik- und Verkehrsmuseum, das zur Zeit geschlossen ist, da sein früherer Sitz im Stadtwäldchen 2017 den Plänen der Regierung weichen musste. Der neue Gebäudekomplex, der mit geplanten 30.000 Quadratmetern die bisherige Anlage um einiges übertrifft, wird derzeit im Budapester Stadtteil Kőbánya errichtet.

Ungarische Busse in alle Welt

Wer Ikarus den Namen gab, ist nicht bekannt und auch, wer das Logo der Busmarke entwarf, ist nach Aussagen des ehemaligen leitenden Ingenieurs Győző Kegye unklar. Es gab Verwicklungen mit einer serbischen Firma, die bereits zur Zeit des Ersten Weltkriegs unter dem Namen Ikarus Flugzeuge herstellte und die mit dem ungarischen Unternehmen sogar einen Rechtsstreit um den Namen führte.

Fest steht jedoch, dass ab 1949 die eigentliche Autobusproduktion der berühmten Oberleitungs- und Omnibusse in Budapest Mátyásföld unter dem Namen Ikarus begann und 1963 die Fabrik in Székesfehérvár eröffnete. Dort hatte eine Flugzeugfabrik geschlossen und es wurde nach neuen Arbeitsmöglichkeiten für die ansässigen, lokalen Fachkräfte gesucht. Von nun an sollten sie Ikarus Flügel verleihen.

Der damalige Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe im Ostblock (kurz RGW), der eine bessere wirtschaftliche Spezialisierung und Arbeitsteilung zwischen den sozialistischen Staaten zur Aufgabe hatte, beschloss 1963, dass Omnibusse für alle Länder hinter dem Eisernen Vorhang fortan in Ungarn und zwar von Ikarus gebaut werden sollten. Das verhalf dem ungarischen Bus zu internationaler Bedeutung. Von der Sowjetunion bis nach Jugoslawien, aber selbst in Angola oder dem Iran fuhren und fahren teilweise noch immer die Busse der Marke Ikarus. Bis 1968 konnte die Budapester Fabrik den Autobusbedarf allein decken und Székesfehérvár war für Armee- und andere Spezialfahrzeuge verantwortlich, doch schließlich wurde die Produktion in beiden Fabriken aufgrund der hohen Nachfrage ausschließlich auf Autobusse umgestellt.

In den 80er Jahren wurden pro Jahr durchschnittlich 8.900 Autobusse produziert; um die 33 pro Arbeitstag. So zählte Ikarus damals zu den größten Busherstellern der Welt. Würde man alle produzierten Busse aneinanderreihen, ergäbe sich eine Strecke von Lissabon bis Moskau. Allein über 30.000 Busse wurden in die DDR ausgeliefert und auch heute noch hält sich in Ost-Deutschland zäh der Kult um diese Fahrzeuge. Jährliche Treffen laden zur Besichtigung der inzwischen in die Jahre gekommenen Oldtimer ein. Die bekanntesten Modelle sind die 200er Autobusse, deren Produktion ab 1967 begann.

Busparade auf der Andrássy út

Unter den Gästen des Ausflugs ist auch Tamás Szabadi. Auf seinem T-Shirt prangt ein großer gelber Ikarus-Bus. Es stammt vom großen Internationalen Ikarus-Treffen in Tapolca im Mai letzten Jahres, wo alle zwei Jahre „ein unterhaltsamer Tag mit der Familie in nostalgischer Stimmung“ auf alle Freunde alter Ostkarossen wartet. Seit seiner Kindheit ist Tamás Oldtimer-Fan, und teilt dieses Interesse mit seinem Freundeskreis aus Schulzeiten, der gemeinsam zu diesen Veranstaltungen pilgert.

Inzwischen wird die Lage auf dem Platz angesichts der aufziehenden Regenwolkenfront immer ungeduldiger. Die ersten Tropfen fallen. Der Leiter des Budapester Technik- und Verkehrsmuseums Dávid Vitézy eilt zum Rednerpult und wünscht hastig eine gute Fahrt.

Im nächsten Moment prasselt auch schon ein Regenguss herab, in Windeseile sitzen alle auf ihren Plätzen in den Bussen. Der Bus für die Lotteriegewinner gehört zur Modellreihe 66, die von 1952 bis 1973 produziert wurde. Dieser Bus war ursprünglich bei Berlin im Einsatz, wurde in Ungarn restauriert und kann nun auch gemietet werden. Für einen älteren Bus ist er erstaunlich leise. Der Motor schafft es unterwegs auf rund 80 km/h.

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In Kolonne geht es nun erst einmal quer durch die Budapester Innenstadt. In allen Orten werden die Busse von strahlenden Gesichtern verfolgt, fotografiert und gefilmt.

Ikarus-Busse sind indes nicht immer rein ungarischen Produkte, denn Achsen, Motoren oder Getriebe stammten – je nach Modell – auch mal aus ostdeutscher Präzisionsarbeit. Die Servolenkung steuerte Russland bei, sodass beispielsweise die 211-er Modelle durchaus international waren.

Ein roter Crown-Ikarus 286, der von Anna László entworfen und unter dem Spitznamen „Annas Baby“ bekannt wurde, hat es selbst in den USA und speziell in San Francisco zu einer gewissen Popularität gebracht. Die Crown-Ikarus-Linie, die auf dem Ikarus 280 Modell basierte, war eine Spezialanfertigung, die von 1980 bis 1986 für die USA hergestellt wurde.

Den stärksten Ikarus der Welt findet man übrigens im ostungarischen Örtchen Csirketelep, wo laut Tamás einer der fanatischsten, ungarischen Ikarus-Liebhaber namens Antál Béke lebt, dessen Bus auch bei besagtem Treffen in Tapolca zugegen war. Béke hat ihn auf rund 750 PS (!) aufgerüstet. Auf seinem umfangreichen Youtube-Kanal kann man unter anderem auch bestaunen, wie dieser Bus selbst einen großen Traktor über eine Schlammpiste zieht.


Ankunft im Szent Király István Museum

Schließlich nähert sich die Kolonne dem Ziel. Pünktlich zur Ankunft klart der Himmel auf, als wäre es mit den Veranstaltern abgesprochen. Selbst die Museumsmitarbeiter stehen Ikarus sehr nahe. Die Museumspädagogin des Szent István Király Museums Gabriella Parej ist ein Kind aus einer Ikarus-Familie, die im südlichen Teil der Stadt namens Maroshegy aufwuchs. Dieser Stadtteil wird von vielen ehemaligen Arbeitern bewohnt. Insgesamt drei große Fabriken veränderten ab den 70er Jahren die Siedlungsstruktur der Stadt, wie sie berichtet.

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„Würde man alle jemals produzierten Ikarus-Busse aneinanderreihen, ergäbe sich eine Strecke von Lissabon bis Moskau.“


Neben Ikarus waren das noch die Radio- und Fernsehfabrik Videoton und die Leichtmetallfabrik Kőfém. Viele Leute siedelten für den Arbeitsplatz in den Fabriken vom Land über, teilweise in die eigens von den Firmen errichteten Häuser, wobei sie jedoch ihre dörfliche Wohnkultur oft beibehielten, was auch eines der Forschungsthemen von Parej ist. Sie halfen sich gegenseitig und hatten ihr eigenes, besonderes Wertesystem, dass sich auch nach der Wende erhielt. Auch heute treffen sich noch regelmäßig die alten Arbeiterbrigaden oder auch die Kindergärtnerinnen des Firmenkindergartens.


Schwere Zeiten nach der Wende

Videoton und Ikarus gehörten zu den großen Wendeverlierern in Ungarn. Viele Existenzen sind damals zusammengebrochen. Seit 1989 gab es zahlreiche Versuche, Teile der staatlichen Produktion zu erhalten. Die Werke wurden mehrere Male geschlossen, wiedereröffnet und in kleinere Privatfirmen umgewandelt. Doch die glänzenden Produktionszeiten waren vorüber und die spezielle „Unternehmenskultur wurde zerschlagen“ wie einer der damaligen Arbeiter erzählt. Viele Menschen wurden arbeitslos. Das bedeutete aber nicht nur das Ende ihrer Stelle und die Sorge um die Finanzen, sondern betraf auch das soziale Gefüge tiefgreifend. Diese Erfahrung prägte die Stadt.

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Ikarus-Experte und -Fan Tamás Szabadi.
Die Leute gingen zusammen zur Arbeit, brachten ihre Kinder in den Fabrikkindergarten, fuhren regelmäßig zu Betriebsausflügen oder lieferten ihre Busse auf gemeinsamen Fahrten im Ausland ab. Die Bibliothekarin Hajnalka Szőnyegi berichtet, dass sich die Menschen sehr stark mit ihrem Produkt identifizierten und selbst die übrigen Bewohner von Székesfehérvár stolz waren, wenn sie im Urlaub in fernen Ländern ihre Ikarus-Busse vorbeifahren sahen.

Hajnalka Szőnyegi ist begeistert vom Zusammenhalt unter den ehemaligen Arbeitern. 2014 veröffentlichte die Bibliothekarin der Regionalbibliothek mit einem Schwerpunkt auf Lokalgeschichte ihr Buch „Die Flügel des Ikarus“, das in über dreißig Interviews das Alltagsleben und die Entwicklung der Fabrik einfängt. Es sei ein Ereignis gewesen, das Buch zu schreiben, „denn die Menschen lieben sich gegenseitig, liebten ihre Firma und am meisten natürlich ihre Busse.“ Auch in der Gemeinde waren die Arbeiter aktiv und halfen beispielsweise bei städtischen Renovierungsarbeiten mit.

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Die Original-Front eines Ikarus ziert den Eingang zur Ausstellung. (Foto: MMKM)

2007 verließ schließlich der letzte Bus die Werkshalle. Der Zusammenhalt ist allerdings geblieben. Auch heute noch treffen sich jedes Jahr um die 350 Arbeiter und auch die Ausstellung wird von ihnen in der Hoffnung besucht, vielleicht ein paar alte Bekannte zu treffen.


Bewahrung des kulturellen Erbes

Die Ausstellung verschreibt sich der Bewahrung dieses Stückes des kulturellen Erbes, das auch der Bürgermeister András Cser-Palkovics als prägend für seine Stadt beschreibt. Dávid Vitézy kündigte bei der Eröffnung an, dass im neuen Budapester Museum in Kőbánya auch die Ikarus-Geschichte den ihr gebührenden Platz bekommen werde. Bis dahin kann man im Székesfehérvárer Museum durch die zahlreichen erstaunlich detailgetreuen Miniaturmodelle, Original-Entwurfsskizzen sowie zahlreiche historische Tafeln (leider nur auf Ungarisch) und Fotografien, sowie einige Rauminstallationen einen Überblick über die Fabrikgeschichte bekommen.

Auf der Rückfahrt winken dem Bus am Ortsausgang von der Kneipe „Apukám Világa Söröző“ (Bierstube - Welt meines Vaters) und auch von der Matróz-Kneipe ganze Tischgesellschaften fröhlich von der Terrasse zu.

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Dávid Vitézy, Leiter des Budapester Technik- und Verkehrsmuseums, verspricht, dass die Marke Ikarus im neuen Museum in Kőbánya einen würdigen Platz bekommen wird.


Bis zum 21. Juli ist die Ausstellung im Szent István Király Museum in Székesfehérvár zu besichtigen. Das Museum ist von Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

Mehr Infos hierzu unter: www.szikm.hu

Wer mal einen Ikarus mieten möchte, kann sich unter der E-Mail-Adresse buszberles@volanbusz.hu an Volánbusz Zrt. wenden. Es gibt Modelle von 8 bis 59 Plätze, die für Klassentreffen, Gruppenreisen, In- und Auslandsreisen, Sonderveranstaltungen, u.a. vermietet werden.

Den ungarischen Fankreis der Ikarus-Busse findet man im Internet (und auch auf Facebook) zum Beispiel unter nosztalgiabusz.hu

Und wer noch tiefer in die Ikarus-Welt eintauchen will, der findet auch die Videos von Antál Béke alias „Béke Toni“ auf Youtube.

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