Nach einer Eröffnung durch die Organisatoren wurden die Teilnehmer vom deutschen Botschafter in Budapest, Volkmar Wenzel, willkommen geheißen. Der Botschafter bot den Gästen zugleich eine kurze Einschätzung der Lage Ungarns aus seiner Perspektive.


Diplomatie steht im Dienst der Außenwirtschaft

Im Anschluss daran referierte Péter Szijjártó, Minister für Außenwirtschaft und Äußeres, zur Frage „Wie sieht die Politik ausländische Unternehmen und die deutsch-ungarischen Beziehungen?“. Dabei wies er eingangs auf die besondere Strategie Ungarns hin, die klassische Diplomatie voll in den Dienst der Außenwirtschaft zu stellen. Diese seit seinem Amtsantritt als Minister, also seit 2014, verfolgte Vorgehensweise habe sich voll bewährt, konstatierte der Minister. Die Entwicklung des Außenhandelsvolumens und der Direktinvestitionen sprächen eine klare Sprache.

An die deutschen Zuhörer gewandt sprach sich der Minister dafür aus, sich bei der Bewertung des Wirtschaftsstandorts Ungarn möglichst nicht vom negativen Ungarnbild in den deutschen Medien leiten zu lassen. Dann ging er detailliert auf die positiven volkswirtschaftlichen Entwicklungen Ungarns ein. Als eine besondere Leistung erwähnte er, dass es seit 2010 gelungen sei, die Zahl der Bürger in legalen Erwerbsverhältnissen von 1,8 auf inzwischen rund 4,5 Millionen zu erhöhen.

Die dahinterstehende Herangehensweise fasste Szijjártó folgendermaßen zusammen: „Der Staat zahlt nur für erbrachte Leistungen. Und zahlt nicht für nichts.“ Deshalb habe man strengere Maßnahmen in Sachen Sozialpolitik durchgesetzt. So sei die Arbeitslosenhilfe auf drei Monate reduziert worden. Für eine längere finanzielle Grundsicherung – welche jedoch unter dem Mindestlohn liegt – müssten Arbeitsuchende eine vom Staat zugewiesene Arbeit annehmen.

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Staatssekretärin und Fidesz-Vize Katalin Novák gab Einblicke in die familienfreundliche Politik der Orbán-Regierung.


Mit Blick auf vorhandene und zukünftige Investitionen aus dem Ausland würdigte Szijjártó die günstigen steuerlichen Gegebenheiten Ungarns. Um Ungarn als Investitionsstandort weiterhin attraktiv zu halten, ist der Staat auf zahlreichen Gebieten aktiv, unter anderem durch den weiteren Ausbau des nach deutschem Vorbild geschaffenen Systems der dualen Ausbildung.

Bezüglich Ungarns Rolle innerhalb der EU stellte er klar, dass sein Land gelegentlich zwar eine vom europäischen „Mainstream“ abweichende Meinung vertrete, allen anderslautenden Gerüchten zum Trotz aber keinesfalls die EU-Mitgliedschaft des Landes in Frage stelle. Zum Schluss seines Vortrags sprach er den deutschen Unternehmen seinen Dank aus: „Ihre Investitionen haben wesentlich dazu beigetragen, dass Ungarn heute mit seiner Wachstumsrate von 4,9 Prozent zur EU-Spitze gehört.“


Das Land der deutschen Premiummarken

Nachredner Róbert Ésik, Präsident der Ungarischen Agentur für Investitionsförderung (HIPA), widmete sich in seinem Vortrag den attraktiven Standortbedingungen Ungarns. Zunächst würdigte er die Attraktivität Ungarns mit Verweis auf namhafte Investoren, die sich für Ungarn entschieden haben. So hätte sich in letzter Zeit mit BlackRock unter anderem der größte Vermögensverwalter der Welt für ein Engagement für Ungarn entschieden. Ebenso sprach er die Investitionsentscheidung von BMW an, von deren erfolgreichen Fortgang er sich persönlich in dieser Woche in Debrecen ein Bild machen konnte. Ungarn sei neben China das einzige Land außerhalb von Deutschland, in dem alle drei deutschen Premiummarken, also Audi, BMW und Mercedes-Benz mit Fabriken vor Ort sind beziehungsweise demnächst sein werden.

Das große Interesse ausländischer Investoren gegenüber Ungarn erklärte Ésik unter anderem mit „extrem unternehmensfreundlichen“ Rahmenbedingungen. Allem voran erwähnte er den niedrigen Körperschaftssteuersatz von 9 Prozent, mit dem Ungarn selbst die regionalen Wettbewerber wie Tschechien (19 Prozent), Polen (19 Prozent) und Rumänien (16 Prozent) deutlich in den Schatten stelle. Bedeutende Fortschritte hätte Ungarn auch bei der Reduzierung der Sozialabgaben erzielt. Diese und viele weitere attraktive Seiten Ungarns würden auch im Ausland deutlich wahrgenommen. „Ungarn ist trotz seiner relativ geringen Größe weltweit auf Platz 10 der ausländischen Direktinvestitionen!“, würdigte Ésik. Beim investierten ausländischen Direktkapital pro Kopf der Bevölkerung befinde sich Ungarn innerhalb der CEE-Region mit einem gewaltigen Abstand zu den nachfolgenden Ländern sogar an der Spitze.

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HIPA-Präsident Róbert Ésik wies auf die attraktiven Standortbedingungen Ungarns hin.

Im Mittelpunkt der anschließenden Fragerunde stand der allseits bekannte Fachkräftemangel, der in sämtlichen Ländern der Region, inzwischen aber sogar schon in Deutschland herrsche. Hier versuchte Ésik mit Verweis auf die durchaus noch vorhandenen Potenziale mögliche Sorgen zu zerstreuen. Noch immer befinde sich die ungarische Beschäftigungsrate unter den Werten vieler westeuropäischer Länder. Besonders mit Blick auf die erwerbsfähige weibliche Bevölkerung des Landes gäbe es noch großes Potential. Eine Entspannung der Lage auf dem Arbeitsmarkt könne sich aber auch durch eine Umkehr des „Braindrains“ ergeben. Dies sei keine vage Hoffnung, vor kurzem habe es hier eine Trendwende gegeben. Zum ersten Mal seit langem hätten ebenso viele Ungarn ihre Heimat verlassen, wie wieder zurückgekehrt sind.


Frauen als Potenzial

Mit dem Potenzial in Bezug auf Arbeitnehmerinnen beschäftigte sich auch die Staatssekretärin für Familien und Jugend im HR-Ministerium, Katalin Novák. So arbeite ihr Staatssekretariat intensiv daran, mehr als 100.000 gut ausgebildeten Müttern den Weg zurück ins Arbeitsleben zu erleichtern. Dabei habe man unter anderem einen noch immer herrschenden Mangel an flexiblen Arbeitsmodellen als eines der zu lösenden Probleme identifiziert. Im Fokus ihres Ministeriums liege auch die Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Auch bei diesem Thema setze man auf eine enge Kooperation nicht nur mit ungarischen, sondern auch mit in Ungarn aktiven deutschen Unternehmen und speziell der DUIHK.

Ebenso im Fokus ihrer Arbeit stehe der Kampf gegen ungünstige demographische Tendenzen, konkret gegen das weitere Schrumpfen der ungarischen Bevölkerung. Durch eine Vielzahl an Maßnahmen sei es immerhin gelungen, die Fertilitätsrate von durchschnittlich 1,23 Kindern pro Frau im Jahr 2011 auf im letzten Jahr immerhin schon 1,49 zu erhöhen. Das Idealziel liege jedoch bei 2,1 Prozent. Mit einem ambitiösen und mit gewaltigen finanziellen Mitteln ausgestatteten, in diesem Jahr verabschiedeten Sieben-Punkte-Plan will die ungarische Regierung diesem Ziel nun weiter näherkommen. Die Regierung habe die Förderungen von Familien im Staatshaushalt im Vergleich zu 2010 verdoppelt, von knapp 1.000 Milliarden Forint auf mehr als 2.000 Milliarden Forint. Das entspricht einem Anteil von 4,8 Prozent am ungarischen BIP. Der OECD-Durchschnitt liegt bei 2,55 Prozent. An dieser Stelle wies die Staatssekretärin auch auf den positiven Zusammenhang von Familienfreundlichkeit und Wettbewerbsfähigkeit hin.


Über tausendjährige Fundamente

Anschließend gehörte dem vielleicht namhaftesten Experten auf dem Gebiet der deutsch-ungarischen Beziehungen das Wort. In dem einstündigen Vortrag ließ der ehemalige Botschafter Ungarns erst in Berlin und dann in Bern, Gergely Prőhle, die wichtigsten Ereignisse der über tausendjährigen deutsch-ungarischen Beziehungen kurz Revue passieren. Er begann bei der Schlacht auf dem Lechfeld, „neben dem Fußballfinale 1954 in Bern das einzige Mal, dass sich Deutsche und Ungarn bekämpften“, und bewies somit den eher friedlichen bis freundschaftlichen Charakter der Beziehungen beider Völker.

Trotz ihrer großen Gewogenheit füreinander seien diese Beziehungen aber nicht ganz frei von gewissen Wolken. Ein Grund dafür sei ein teils mangelhaftes Verständnis für die gegenseitigen Befindlichkeiten. Als ein Bespiel dafür führte Prőhle die tatsächliche Begebenheit an, dass sich der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl beim ersten frei gewählten Ministerpräsidenten Ungarns, József Antal, persönlich dafür einsetzte, dass der vormalige Außenminister der Németh-Regierung, Gyula Horn, erneut das Außenministerium leiten sollte. Dabei habe es sich bei Horn nicht nur um einen Repräsentanten des untergegangenen Systems gehandelt, sondern auch um jemanden, der als Angehöriger der Kampfgruppen aktiv an der Niederschlagung der Revolution von 1956 beteiligt war, erinnerte Prőhle.


Einblicke in die ungarische Unternehmenspraxis

Nachdem es am Vormittag der ungarischen Seite oblag, ihr Land vorzustellen, übernahmen am Nachmittag in Ungarn aktive deutsche Geschäftsleute diesen Part. In einer von BZ-Chefredakteur Jan Mainka moderierten Gesprächsrunde gaben vier deutsche und ein österreichischer CEO von vor Ort aktiven internationalen Firmen einen Einblick in den unternehmerischen Alltag ihrer Tätigkeit in Ungarn: Marie-Theres Thiell (innogy Hungaria Kft. und ELMŰ-ÉMÁSZ-Gruppe), Jost Lammers (Budapest Airport Zrt.), Dale A. Martin (Siemens Zrt.), Thomas Narbeshuber (BASF Hungaria Kft.) und Klaus Windheuser (Commerzbank Zrt.). Das Publikum bekam jetzt praktisch eine Untermauerung der positiven Standortbeschreibung der ungarischen Vorredner vom Vormittag zu hören.

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CEO-Runde: Thomas Narbeshuber (BASF Hungaria Kft.), Dale A. Martin (SiemensZrt.), Marie-Theres Thiell (innogy Hungaria Kft. und ELMŰ-ÉMÁSZ-Gruppe), Jost Lammers (Budapest Airport Zrt.) und Klaus Windheuser (Commerzbank Zrt.) boten ein differenziertes, aber letztlich deutlich positives Bild des Standorts Ungarn.


Einhellig gelobt wurden die attraktiven Steuersätze, die stabile, kooperative Verwaltung, die flexible Arbeitsgesetzgebung, im Vergleich zu Deutschland kürzere Genehmigungsverfahren bei Bauprojekten und das Potenzial Ungarns als regionaler Hub. Positiv angesprochen wurde auch die vitalisierende Wirkung des noch immer sehr dynamisch wachsenden Automotive-Sektors auf andere Bereiche der Volkswirtschaft. Gelobt wurden die Kompetenz, Kreativität und die Einsatzbereitschaft ungarischer Mitarbeiter. Auch die kulturelle Nähe beider Länder wirke sich positiv auf eine gute Zusammenarbeit aus. „Die Kombination der ungarischen Kreativität eingebunden in eine deutsche Struktur ist von gegenseitigem Nutzen“, unterstrich ein Panelteilnehmer.


Fachkräftemangel ist noch zu bewältigen

Kritisch zur Sprache kam hingegen ebenso wie am Vormittag das Problem mit der Verfügbarkeit von Fachkräften. Tenor war aber, dass die Besetzung offener Stellen insgesamt zwar schwieriger geworden sei, gepaart mit entsprechend größeren Anstrengungen aber keinesfalls eine unlösbare Aufgabe darstelle. Außerdem wiesen einige Panelteilnehmer mit regionaler Verantwortung darauf hin, dass andere Länder der Region wesentlich stärker vom Fachkräftemangel betroffen seien als Ungarn. Bezüglich der Fachkräftesituation erinnerten die Teilnehmer auch wiederholt an die eigene Verantwortung. „Nicht nur der Lohn muss stimmen, wir müssen auch in die Aus- und Weiterbildung investieren, ebenso wie in die digitale Kompetenz unserer Mitarbeiter. Diesen Prozess müssen wir selber gestalten. Hier können wir uns nicht nur auf den Staat verlassen“, forderte ein Teilnehmer.

Mit Blick auf das angespannte politische Verhältnis beider Länder sprachen sich die Top-Manager mehrfach dafür aus, mit dazu beizutragen, die Darstellung von umstrittenen Themen zu versachlichen. Positiv wurde schließlich noch – alle fünf Top-Manager leben in Budapest – die hohe Lebensqualität direkt in Budapest, aber auch insgesamt in Ungarn gewürdigt. Bei der anschließenden sehr lebhaften Fragerunde kamen sämtliche relevanten Aspekte des Unternehmensalltags in Ungarn zur Sprache. Ohne etwa zu beschönigen konnten die Top-Manager auf alle Fragen antworten und warben damit letztlich ebenso wie Minister Szijjártó und Präsident Ésik am Vormittag dafür, die wirtschaftliche Erfolgsgeschichte Ungarns mit weiteren Auslandsinvestitionen fortzuschreiben.

Abschließend wurde sich von BBUG-Seite bei Marie-Theres Thiell, Aranka Jancsovics (ELMŰ-ÉMÁSZ-Gruppe), Daniel Korioth (Geschäftsführer der Robert Bosch Kft.) und Ekkehard Philipp (Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Change Consul EP Kft.) bedankt, die von ungarischer Seite wesentlich zum Erfolg der BBUG-Reise beigetragen hatten.

Der Baden-Badener Unternehmer Gespräche e. V.

Der Verein Baden-Badener Unternehmer Gespräche wurde 1955 gegründet. Zu seinen Mitgliedern zählen rund 120 deutsche Unternehmen vornehmlich der Industrie sowie Banken und Versicherungen, Unternehmen aus Handel, Verkehr, Medien und Kommunikation. Unter den Mitgliedern finden sich ein Großteil der DAX-30-Unternehmen genauso wie mittelständische Global Player. Vorsitzender des Vorstandes ist Dr. Karl-Ludwig Kley, Vorsitzender des Aufsichtsrats von E.ON SE in Essen. Vorrangiges Ziel der BBUG ist es nach eigenen Angaben, der nachfolgenden Generation von Wirtschaftsführern eine breite Perspektive auf ihre Rolle in Wirtschaft und Gesellschaft zu vermitteln.

Konversation

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