Aus „Wut“ wird „Düh“: Am Mittwoch, den 15. Mai wurde die ungarische Übersetzung von Elfriede Jelineks Stück „Wut“ im Budapester József-Katona-Theater vorgestellt. Das Österreichische Kulturforum (ÖKF) war für die zweisprachige Veranstaltung verantwortlich. Einen Einblick, wie es ist, eine komplexe Literatin wie Jelinek zu übersetzen, gab der Übersetzer von „Wut“, Zóltan Halasi.

Für die theater- und literaturwissenschaftliche Expertise war Dr. Silke Felber aus Wien angereist. Diese lehrt am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien und beschäftigt sich mit dem Fortwirken der griechisch-antiken Tragödie im Theater Elfriede Jelineks. Eine Geschmacksprobe der ungarischen Übersetzung bot die Schauspielerin Eszter Kiss dem Publikum an. Das vielschichtige Stück befasst sich mit der Wut religiöser Fanatiker und vermeintlich anständiger Bürger.


Eine bitterböse Analyse

Bereits nach den ersten Zeilen wird klar: Diesen Text muss man mindestens zwei bis zehnmal lesen. Gewohnt bissig und intellektuell ist Jelineks Werk „Wut“ aus dem Jahre 2016. Gut also, dass am Abend der Buchvorstellung in Budapest die Jelinek-Expertin Dr. Silke Felber vor Ort war.

Um Jelineks Gedankenwelt in ihrer Gänze zu erfassen, müsste die Expertin einem tatsächlich bei der Lektüre des Dramas von der ersten bis zur letzten Seite beistehen. Denn die österreichische Nobelpreisträgerin schichtet in „Wut“, wie üblich in ihren Werken, viele Bedeutungsebenen übereinander. Anlass für „Wut“ waren die Anschläge von Paris 2015. Also jene tödlichen Attentate auf acht Redaktionsmitglieder des Satiremagazins Charlie Hebdo, zwei Polizisten und vier Kunden eines jüdischen Supermarkts in der französischen Hauptstadt. Das Magazin hatte zuvor Karikaturen des islamischen Propheten Mohammed veröffentlicht.

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Die Schauspielerin Eszter Kissmwurde vom Publikum für ihre ungarische Interpretation von „Wut“ gelobt.


Die Wut über das Unbeschreibliche hat somit diesen Text angeleitet. Jelinek wäre aber nicht Jelinek, wenn sie einzig bei diesen Terroranschlägen bliebe. Im Stück ist ein „Konglomerat an Stimmen blinder Wut“ zu finden, sagte Jelinek-Expertin Silke Felber in Budapest. Darunter befinden sich die Ausrufe deutscher Wutbürger und des griechischen Helden Herakles, der wegen der Göttin Hera im Wahn seine eigene Familie auslöschte. Und nicht zuletzt blickt auch Jelineks wütende Stimme über die eigene Ohnmacht durch die Zeilen hindurch.


Absurde Grausamkeit

Eine der besprochenen Szenen beinhaltet den Anschlag auf den koscheren Supermarkt im Osten von Paris, wird aber schnell auf eine philosophische Metaebene gehoben. „Das ist eine fantastische Passage, die sehr schön zeigt, wie Jelinek arbeitet“, bemerkt Expertin Felber im Gespräch mit dem Übersetzer. In der Passage wird auch dargestellt, wie der Terrorist verzweifelt auf der Suche nach einer Internetverbindung ist, um sich mit einem Video der Tat unsterblich zu machen: „[…] der Kämpfer kommt nicht ins Internet, da kämpft er nun, und keiner soll es erfahren?“

Durch das Aufzeigen der Absurdität seiner Handlung holt Jelinek den narzisstischen Terroristen von seinem Thron herunter. Diese abstrusen Momente der grausamen Realität brachte den einen oder anderen im Publikum zum Lachen. Der Täter bedient sich schließlich an einem Computer des Ladens.

Die Zuschauer zeigten sich von den vorgetragenen Ausschnitten des Stücks in der Interpretation von Eszter Kiss begeistert. „Ich hatte das Gefühl, Jelinek wäre hier“, lobte eine Zuschauerin die Schauspielerin. Einige Plätze blieben an diesem Abend trotz freiem Eintritt leer. Ein Aufritt der sehr zurückgezogen lebenden Elfriede Jelinek hätte das Foyer des József-Katona-Theaters wohl restlos gefüllt.


Eine gelungene Übersetzung

In der Fragerunde gratulierte man Zoltán Halasi zur gelungenen Übersetzung. Seine Version habe ihren ganz persönlichen Witz und reime sich oftmals. Für den Übersetzer ist es nicht die erste Arbeit mit einem Werk von Elfriede Jelinek. „Jeder Text von ihr ist eine neue Herausforderung“, so Zoltán Halasi.

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Für Zoltán Halasi war „Düh“ nicht die erste Übersetzung eines Werks von Elfriede Jelinek.


Äußerst hilfreich seien für ihn bei der Übersetzung von „Wut“ die Arbeiten von Dr. Silke Felber gewesen, weshalb er die junge Wissenschaftlerin zur Veranstaltung eingeladen habe. Auf die Frage aus dem Publikum, wie die Vielzahl an Stimmen in bereits vorhandenen Inszenierungen gehandhabt wurde, antwortete sie: „Gute Frage, schwierige Frage.“ Es gebe viele mehr oder weniger spannende Interpretationen. So tendiere der Theaterregisseur und langjähriger Wegbegleiter Jelineks, Nicolas Stehmann, dazu, der Stimmenflut eine „Bilderflut“ hinzuzufügen.

Stehmanns Inszenierung von „Wut“ wurde im April 2016 an den Münchner Kammerspielen uraufgeführt. Am 28. Mai 2019 findet dort die nächste Aufführung des Stücks statt. In Budapest sei nach Wissen Zoltán Halasis keine Aufführung von „Wut“ beziehungsweise „Düh“ geplant. Eine Inszenierung ihres aktuelleren Werks „Auf dem Königsweg“ soll hingehen im József-Katona-Theater in näherer Zukunft auf den Weg gebracht werden. In diesem Stück rechnet Jelinek mit dem derzeitigen Präsidenten der Vereinigten Staaten, Donald Trump, ab.

Elfriede Jelinek ist seit Jahrzehnten das Enfant terrible der österreichischen Literaturszene. 1946 in der Steiermark geboren und in Wien aufgewachsen, ist sie für ihren sarkastischen, provokanten und für viele verstörenden Stil bekannt. Jelineks Werk umfasst Romane, Theaterstücke, Drehbücher, Gedichte, Hörspiele und Essays. In Österreich und Deutschland räumte die Autorin hierfür alle maßgeblichen Auszeichnungen ab. 2004 wurde ihrer Laufbahn mit dem Literaturnobelpreis für ihr Werk und „den musikalischen Fluss von Stimmen und Gegenstimmen in Romanen und Dramen“ die Krone aufgesetzt. Elfriede Jelinek zeigt in ihren Werken Missstände im öffentlichen, politischen, aber auch im privaten Leben der (österreichischen) Gesellschaft auf.

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