Nur wenige ungarische Spieler starteten in den letzten zwanzig Jahren zu einer erfolgreichen Karriere im Ausland durch. Tamás Hajnal jedoch gehört zu jenen, die den Durchbruch schafften. Heute ist er für viele Nachwuchsspieler ein Vorbild.


„Die deutsche Mentalität steht mir sehr nahe“

Hajnal hat einen langen Weg hinter sich. Nach erfolgreichen Jugendjahren beim Traditionsklub Ferencváros Budapest schaffte er es mit nur sechzehn Jahren zum FC Schalke 04. Im Gespräch mit der Budapester Zeitung betont der heute 38-Jährige, dass es für ihn nicht einfach war, in einer neuen Kultur mit einer anderen Sprache Fuß zu fassen. Damals hätte er sich nicht träumen lassen, dass er fast sechzehn Jahre in Deutschland verbringen würde. Hajnal schwärmt über die Blau-Weißen. Sie hätten alles in ihrer Macht stehende getan, damit er sich gut in Deutschland integrieren konnte. Seine Jugendzeit verbrachte er in Gelsenkirchen, jedoch wurde er ironischerweise bei Borussia Dortmund zum landesweit bekannten Bundesligastar. Mit funkelnden Augen und einem beinahe kindlichen Lächeln erzählt er der Budapester Zeitung: „Ich bin sehr glücklich und stolz, dass ich ein Teil der Bundesliga sein durfte.“

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Zweimal gewann Hajnal in den Farben des FTC den ungarischen Pokal, 2016 wurde er mit seinem Verein Meister.


Außer bei den beiden Vereinen aus dem Ruhrgebiet verbrachte Hajnal weitere Jahre beim 1. FC Kaiserslautern, beim Karlsruher SC, beim VFB Stuttgart und zuletzt beim FC Ingolstadt. „Ich war immer sehr ehrgeizig, versuchte mich zu verbessern und aus meinen Fehlern zu lernen“, so der Fußballstar. Seine Bilanz mit 149 Bundesligaspielen und 17 Toren kann sich durchaus sehen lassen. Unter Lothar Matthäus wurde er 2004 zum ersten Mal in die ungarische Nationalmannschaft berufen und spielte fast zehn Jahre für sein Heimatland. Tamás Hajnal betont während des Gesprächs, das für ihn in Ungarn, außer dem Ferencváros, kein anderer Verein in Frage käme. 2014 kehrte er zu seiner großen Liebe zurück und hängte dann 2018 die Fußballschuhe endgültig an den Nagel. Seitdem arbeitet er als Sportmanager bei seinem Heimatclub und tritt als Fußballexperte im ungarischen Fernsehen auf.


Erfolge der Vergangenheit

Der ungarische Fußball konnte in den letzten drei Jahren große Erfolge verbuchen. Nach 44 Jahren qualifizierten sich die Ungarn erstmals wieder für eine Europameisterschaft. 2016 schaffte es die Nationalmannschaft unter dem deutschen Trainer Bernd Storck, über sich hinauszuwachsen und als Gruppenerster ins Achtelfinale einzuziehen. Auf die Frage, ob es für Hajnal ebenfalls so unerwartet gewesen sei, wie für die gesamte ungarische Bevölkerung, antwortet er selbstbewusst: „Ich war nicht überrascht, da in den vergangenen Spielen schon eine klare Entwicklung erkennbar war.“ Der 59-fache Nationalspieler erklärt der Budapester Zeitung, dass Hertha-Trainer Pál Dárdai davor eine herausragende Arbeit geleistet und aus der Mannschaft eine echte Einheit geformt habe.

„Damit so ein Erfolg zustande kommt, müssen viele Komponenten stimmen“, findet Hajnal. Neben dem Teamgeist hebt er die gute Kondition der einzelnen Spieler hervor, aber auch das Quäntchen Glück, das zum Fußball gehöre. Leider war für die tapferen Ungarn dann im Achtelfinal gegen die Weltklassemannschaft aus Belgien Endstation.

Nach der guten Performance bei der Europameisterschaft folgten jedoch einige Tiefpunkte im ungarischen Fußball: Man verlor Spiele gegen kleinere Fußballnationen wie Andorra und Luxemburg. Laut Tamás Hajnal seien diese Rückschläge stark damit verbunden, dass wichtige Spieler wie Gábor Király, Roland Juhász und Zoltán Gera ihre Nationalmannschaftskarriere beendeten. Spieler, die sowohl auf dem Platz als auch außerhalb einen großen Einfluss auf die Mannschaft hatten.

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Hajnal war bekannt für seine technische Stärke und gab in jedem Spiel vollen körperlichen Einsatz.


Ein weiterer großer Erfolg war 2018 die Teilnahme des Mol Vidi FC an der UEFA Europa League. Die Ungarn konnten sich leider neben Schwergewicht Chelsea aus England und dem weißrussischen Fußballverein Bate Borisov nicht durchsetzen, zeigten gegen die haushohen Favoriten jedoch eine gute Leistung. „Es ist toll für den ungarischen Fußball, dass Videoton in der Europa League erfolgreiche Spiele feiern konnte. Wichtig ist, dass unser Nachwuchs sich verbessert“, fügt Hajnal zufrieden hinzu. Für den ungarischen Fußball im Allgemeinen habe er insbesondere einen Rat: „Aus dem Misserfolg die richtigen Lehren ziehen und bei Erfolgen auf dem Boden bleiben.“


Deutsche Trainer in Ungarn

Im März bezwang die ungarische Nationalmannschaft den Vizeweltmeister Kroatien in der EM-Qualifikation mit 2:1. Die euphorisierten Anhänger hätten große Erwartungen an die Mannschaft. „Unsere Fans dürfen ruhig groß träumen. Warum sollten wir ihnen das Recht dazu nehmen?“, findet Hajnal. Der Ex-Bundesligaprofi meint, dass man nicht immer den großen Favoriten bezwingen kann, da es auch gewisse körperliche Grenzen gibt. Damit so ein Erfolg sich öfter wiederhole, müsse es mehr Spieler geben, die das Niveau der Mannschaft erhöhen und in guten Ligen spielen. Hajnal betont auch, dass man vorsichtig mit so einem Erfolg umgehen müsse: „Die Fans sind emotional aufgeladen. Wichtig ist, dass die Spieler professionell damit umgehen.“

In den letzten 15 Jahren waren auch zwei deutsche Experten als ungarische Nationaltrainer tätig. Die Fußballlegende Lothar Matthäus und EM-Trainer Bernd Storck. Doch der erwartete Erfolg, den man sich von den Trainern erhoffte, blieb aus. Auf die Frage, warum die beiden nicht so erfolgreich waren, antwortete Hajnal kritisch: „Was bedeutet Erfolg?“ Im Gespräch erklärt er, dass Lothar Matthäus für viele junge Spieler die Tür zur internationalen Bühne öffnete und Spielern wie ihm selbst, sowie Roland Juhász und Szabolcs Huszti die Möglichkeit bot, sich international zu beweisen.


Jugendarbeit im ungarischen Fußball

„Die Gegebenheiten sind vorhanden, damit sich die Nachwuchsspieler gut entwickeln können“, meint Hajnal. In den letzten zehn Jahren habe die ungarische Regierung große Summen in den Nachwuchsbereich des ungarischen Fußballs investiert. Unter anderem seien Fußballinternate wie die Puskás-Akademie in Felcsút und die Talentschmiede in Agárd errichtet worden. Leider bisher noch nicht mit dem erwarteten Erfolg.

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Tamás Hajnal auf dem Trainingsgelände des Ferencváros Budapest beim BZ-Interview. (Foto: Felipe Ramírez)


Hajnal erzählt der Budapester Zeitung, dass das Scoutingsystem heute viel moderner und breiter gefächert sei, als es in seiner Jugendzeit war. „Es gibt Promotionsvideos über die einzelnen Nachwuchsspieler. So können sie schneller in das Blickfeld der Topklubs gelangen.“

Der Ungar erklärt, zu seiner Zeit habe man eine sehr gute Nachwuchsmannschaft gehabt und viele Turniere gewinnen können. Die ungarische Mannschaft habe sich sogar für die Jugendeuropameisterschaft in Deutschland qualifiziert.

An seine Anfangszeit in Gelsenkirchen erinnert sich Hajnal gerne zurück, obwohl die Klubs noch nicht auf dem Niveau gewesen wären, wie sie es heute sind: „Ich wurde sehr gut empfangen. Die Vereine waren aber noch nicht so gut ausgestattet und konnten den Spielern, die frisch aus dem Ausland kamen, noch nicht das bieten, was die heutigen Fußballschulen bieten können.“

Begeistert erzählt Hajnal, dass seine Generation auch außerhalb des Trainings jede freie Minute auf dem Fußballplatz verbracht habe. „Es bringt nichts, dass wir die besten Fussballschulen haben, denn anderthalb Stunden Training pro Tag reichen bei Weitem nicht aus.“ Die Schulen würden versuchen, das mit einer guten Ausstattung und Infrastruktur zu kompensieren, doch Hajnal zeigt sich kritisch.


Unterschiede zwischen Deutschland und Ungarn

Wie schon erwähnt, bekommt der ungarische Fußball großen Rückenwind von der Regierung. Auf die Frage, ob Hajnal dies auch in Deutschland so empfunden habe, antwortet er: „In Deutschland gibt es nicht diesen politischen Hintergrund wie in Ungarn. Unsere Regierung investiert viel in den Fußball. Wir müssen dankbar sein.“

Wir sprechen mit Tamás Hajnal auch über die Unterschiede zwischen dem deutschen und ungarischen Fußball. Er erklärt der Budapester Zeitung, dass ein Fußballer aus mehreren Komponenten besteht. Aus dem mentalen, körperlichen und taktischen Verständnis. „Wir müssen uns in allen Belangen verbessern. Die Demut und Leidenschaft ist nicht immer vorhanden.“ Als grundlegenden Unterschied sieht Hajnal die mentale Stärke der Deutschen. „Was die Menschen in Deutschland ausmacht, sowohl im Leben als auch im Fußball, ist, dass sie sehr demütig und ehrgeizig sind und immer bis zur letzten Minute kämpfen.“ Man müsse schon in jungen Jahren großen Erwartungen entsprechen. Laut Hajnal kann man es mit dieser Einstellung auch mit weniger Talent zu etwas bringen.

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Hoffnungsträger der Zukunft

Als größtes ungarisches Talent hebt Hajnal den 18-jährigen Dominik Szoboszlai hervor, der beim RB Salzburg aktiv ist. „Er ist in guten Händen und muss sich jede Woche gegen eine starke Konkurrenz behaupten.“ Doch der 38-Jährige warnt. Der Weg zum erfolgreichen Fußballprofi sei schwer und mit vielen Rückschlägen verbunden. Als weiteren großen Hoffnungsträger sieht Hajnal den beim italienischen FC Bologna spielenden Ádám Nagy. „Ich hoffe für ihn, dass er sich in seinem Verein zu einem Stammspieler entwickeln kann“, so Hajnal.

Der ungarische Fußballnachwuchs habe noch einen weiten Weg vor sich, um in die Fußstapfen von Fußballlegenden wie Ferenc Puskás oder Nándor Hidegkúti treten zu können. Die Erfolge der letzten Jahre zeigten jedoch eine positive Tendenz, findet Tamás Hajnal. Sowohl die Liebe zum Fußball als auch die Kritik würden in Ungarn immer groß sein. Aber wie es der Ex-Bundesligastar ausdrückt: „Kritik ist immer eine Möglichkeit, sich zu verbessern.“

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