Fortepan ist ein frei verfügbares Onlinearchiv für Fotos, die zwischen 1900 und 1990 entstanden sind. Sie zeigen die ungarische Historie von einer ganz privaten und persönlichen Seite. Fotografiert von größtenteils Amateuren, reflektieren die Bilder wichtige Ereignisse der ungarischen Geschichte aus den Augen von Personen, die sie miterlebt haben. Aber auch Familienfotos, die dokumentieren, wie sich das alltägliche Leben im Laufe des 20. Jahrhunderts verändert hat, sind in der Sammlung zu finden. Bis zum 25. August kann man in der Ungarischen Nationalgalerie nicht nur eine Auswahl an Fotos des Archivs betrachten, sondern auch mehr über deren Entstehungsgeschichten erfahren. Auch das Fortepan-Projekt an sich stellt sich vor.


Wie eine simple Idee zum Gemeinschaftsprojekt wurde

Angefangen hat alles mit den zwei Klassenkameraden Miklós Tamási und Ákos Szepessy, die in den 80er-Jahren begonnen hatten, alte Fotos zu sammeln, die sie auf Flohmärkten und bei Haushaltsauflösungen fanden. Es dauerte mehrere Jahrzehnte, bis sie ihre fleißige Sammlerarbeit mit der Öffentlichkeit teilten. Erst 2010 ging die Webseite Fortepan online. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung umfasste die Sammlung bereits 5.000 Fotos, die alle vor 1990 entstanden.

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Ein Hochzeitsfoto aus dem Jahr 1913. (Foto: fortepan / Judit Hegedűs)


Der Name Fortepan erinnert an die ungarische Fotochemie-Fabrik Forte. Der Staatsbetrieb war besonders in den 1960er-Jahren einer der größten Hersteller für fotografische Ausrüstungen in Ungarn. Hier wurden unter anderem jährlich bis zu 1 Millionen Quadratmeter Negativfilme hergestellt. Eines ihrer populärsten Produkte war das „Fortepan Negativ“, welches hauptsächlich von Amateurfotografen verwendet wurde. Da die meisten der Fotos in der Fortepan-Kollektion ebenfalls von Amateuren und Hobbyfotografen gemacht wurden, benannten Tamási und Szepessy ihr Projekt nach dem beliebten Produkt.

Schnell verbreitete sich das Onlinearchiv und es meldeten sich Spender. Sowohl Privatpersonen als auch Institutionen boten an, ihre eigenen Fotos für die Sammlung zur Verfügung zu stellen. Mittlerweile sind über 600 Spender registriert.


fortepan.hu - „frei und allen zugänglich“

Heute bietet das Onlinearchiv eine Sammlung von mehr als 110.000 Fotos. Monat für Monat kommen neue hinzu. Die Bilder sind nach Entstehungsjahren geordnet, allerdings kann man im Archiv auch mithilfe von Stichwörtern navigieren und so etwa Fotos zu bestimmten Ereignissen der ungarischen Geschichte finden. Größtenteils in Schwarz-Weiß fotografiert, zeigt jedes Bild eine sehr persönliche Seite der verschiedenen Generationen Ungarns, die man so nur selten sieht.

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Eine Gruppe Jugendlicher im Jahr 1972. (Foto: fortepan / Lajos Kováts)


Unter dem Motto „frei und allen zugänglich“ ermöglicht Fortepan es jedem und zu jeder Zeit durch das Archiv zu stöbern und auch gefundene Fotos zu verwenden. Es gibt keine Bedingungen oder Einschränkungen. Das Archiv ist auch unabhängig von der Sprache allen zugänglich, weil im Visuellen keine Sprach- oder Kulturbarrieren existieren und somit jeder die Bilder auf seine eigene Art wahrnimmt und interpretiert.

Der Großteil der Fotos hat keinen bekannten Hintergrund oder zugehörigen Kontext, wodurch die Fantasie des Betrachters gefragt ist, um sich die Geschichte hinter dem Bild selbst auszumalen. Beachtenswert ist jedoch, welchen langen Weg manche von ihnen hinter sich haben: So wurden einige der Bilder bereits von Generation zu Generation vererbt und weitergegeben, bis sie von Enkeln und Urenkeln für das Archiv zur Verfügung gestellt wurden. Aber es gibt auch Zufallsfunde. So wurden beispielsweise mehrere im Müll entdeckte und noch nicht entwickelte Negativfilme dem Archiv hinzugefügt. Die letztlich entwickelten Fotos wurden noch nicht einmal von dem Fotografen selbst gesehen.


„Jede Vergangenheit ist meine Vergangenheit“

Unter dem Titel „Minden múlt a múltam“, zu Deutsch „Jede Vergangenheit ist meine Vergangenheit“ hat die Ungarische Nationalgalerie nun eine Auswahl an Fortepan-Bildern zusammengestellt. Rund 200 Fotos werden den Museumsbesuchern vorgestellt. Sie sind auf verschiedene Weise in Szene gesetzt worden.

So gibt es beispielsweise eine Wand mit Leserbriefen von Leuten, die beim Durchstöbern der Fortepan-Seite auf bekannte Gesichter gestoßen sind. Familienmitglieder oder alte Freunde wurden auf einigen Fotos erkannt, aber auch die Leser selbst fanden sich einige Male wieder. In solchen Fällen konnte man von einem kleinen Teil der Geschichte hinter den Fotos erfahren.

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Die Zerstörung des Stalin-Denkmales 1956. (Foto: fortepan / Franz Fink)


Neben den Bildern ist immer das Entstehungsjahr und, wenn bekannt, auch der Entstehungsort und die Namen der Personen, die abgebildet sind, angegeben. Zu 16 der Fotos gibt es nähere Informationen und weitere Ausstellungsstücke. Sie spiegeln größere historische Ereignisse in der ungarischen Geschichte wider. Unter anderem erfährt man mehr über die Kádár-Ära und die damaligen Gewalt- und Staatsverbrechen, anhand von Fotos, die von Budapester Tatortermittlern gemacht wurden. Oder von der Zerstörung des Stalin-Denkmales zu Beginn des Volksaufstandes 1956, die mit Originalbildern dokumentiert wurde. Sogar das linke Ohr der zerstörten Stalin-Statue wird in der Galerie ausgestellt.


Erinnerung an bedeutende Personen

Auch über bedeutende Einzelpersonen wird einem in der Ausstellung viel Wissenswertes vermittelt. Zum Beispiel über den ungarischen Fünfkämpfer István Hegedűs, der 1948 Modell für eine Männerdarstellung auf dem Zwanzig-Forint-Schein stand und wenig später von der kommunistischen Polizei erschossen wurde. Oder über Carl Lutz, der zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges rund 62.000 ungarische Juden mithilfe von Schutzbriefen rettete. Eines dieser Originaldokumente wird ebenfalls gezeigt.

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Eine Schulklasse von 1949. (Foto: fortepan / Márton Ernő Kovács)

Eingeteilt in Generationen, ermöglicht es die Fortepan-Ausstellung, das Leben von Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen und Älteren über die verschiedenen Jahrzehnte hinweg zu vergleichen. So sieht man etwa die Unterschiede zwischen Partyfotos der Hippie-Szene der 60er- und der Punks der 80er-Jahre. Aber auch die verschiedenen Hochzeits- und Urlaubsbilder in der Erwachsenensammlung oder die Kinderfotos, die das Schulleben in den verschiedenen Jahrzehnten zeigen, geben einen visuellen Eindruck der gesellschaftlichen Entwicklungen, die im Verlauf des 20. Jahrhunderts stattgefunden haben.


Ungarische Nationalgalerie

Budapest, I. Bezirk, Szent György tér 2

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr, montags geschlossen

Eintritt: 3.000 Forint

Weitere Informationen finden Sie unter www.mng.hu

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1945: Die im Verlauf der Schlacht um Budapest gesprengte Elisabethbrücke. (Foto: fortepan)
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