„Ganz wichtig ist der Abstand zu den Autos, die am Straßenrand parken“, erklärt János Árva zu Beginn jedes Fahrsicherheitstrainings. In einer Großstadt wie Budapest stelle die falsche Positionierung auf der Straße nämlich eine der Hauptgefahrenquellen für Radler dar. Aufgehende Autotüren von parkenden Fahrzeugen können zu ernsthaften Unfällen führen.


„Ich mache das mal kurz vor“

Der Gründer von „Velo Budapest“ zeigt auf ein Fahrradsymbol, das mit gelber Farbe inmitten der Straße aufgemalt ist. Genau auf dieser Position könne man sicher fahren. „Ich mache das mal kurz vor“, sagt er, schwingt sich auf sein Fahrrad und fährt los. Durch seine grellgelbe Warnweste ist er für Autofahrer und Kursteilnehmer gut sichtbar. Automatisch werden die Autos hinter ihm langsamer.

Sobald am rechten Straßenrand mehr Platz ist, blickt er über seine Schulter, gibt ein Handzeichen, macht einen zweiten Schulterblick und schert in die Lücke ein, um die folgenden Autos vorbeifahren zu lassen. Anschließend kommt er zurück und erkundigt sich, ob noch jemand Fragen habe.

Dann sind die Teilnehmer an der Reihe. Bevor es losgeht, muss überprüft werden, ob sich die Schnürsenkel und die Kleidung nicht in den Speichen beziehungsweise am Pedal verfangen können. Dies ist eine wichtige Sicherheitsmaßnahme.

Nach der Darbietung jedes einzelnen Teilnehmers gibt der Fahrsicherheitstrainer Feedback zu dessen Fahrstil.


Vom Traum zur Wirklichkeit

Dass János Árva sein Beruf und die damit verbundene Weitergabe eines Sicherheitsbewusstseins im großstädtischen Straßenverkehr am Herzen liegt, ist ihm klar anzumerken. Der Wunsch nach einer Fahrschule für Radfahrer kam bei Árva bereits vor einem Jahrzehnt auf. „Zu der Zeit bin ich in Budapest schon sehr viel geradelt – jeden Tag so um die zwei Stunden.“ Die Idee, selbst eine solche Fahrradfahrschule zu gründen, kam ihm jedoch erst vor drei Jahren.

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Abseits der Straßen erklärt János Árva seinen Teilnehmern, welche Techniken beim Radfahren wichtig sind. (Foto: Velo Budapest)


Damals habe er erfahren, dass eine Freundin Fahrradsicherheitstrainings in London coacht. Interessiert erkundigte er sich bei ihr nach dem Konzept und las sich mehr in die Thematik ein. Anschließend ging es für den Fahrradbegeisterten auf Reisen: „Ich bin nach Belgien und England gereist, um an solchen Trainings teilzunehmen“, erinnert sich Árva. Auch seine Ausbildung zum Fahrsicherheitstrainer absolvierte der sportliche Ungar im Ausland.

Im Februar 2018 ging schließlich seine Webseite „Velo Budapest“ online. Rund zwei Monate später starteten die ersten Kurse. Je nach Saison betreut Árva ungefähr eine Gruppe sowie sechs Einzelpersonen pro Woche. Dabei sind die Übungen auch für internationale Radfreunde geeignet, denn der „Velo Budapest“-Gründer spricht neben Ungarisch auch fließend Englisch und Schwedisch.


Training mit drei Schwierigkeitsstufen

„Velo Budapest“ sei eine international verständliche Bezeichnung. Dies wäre einer der Gründe, warum er sich für diesen Unternehmensnamen entschieden habe. Ursprünglich sollte seine Marke „Budapest Bike School“ heißen. Als Árva jedoch erfuhr, dass der Begriff „Schule“ bei den Kunden anderer Fahrsicherheitstrainings im Ausland eher abschreckend gewirkt habe, verwarf er den Gedanken schnell wieder. Für die Verwirklichung seines Traums setzte der Unternehmer damals alles auf eine Karte und kündigte seinen früheren Job, bei dem er für internationale Firmen gearbeitet habe.

Seine Trainings orientieren sich am dreiphasigen Standardmodell für Fahrradsicherheitstrainings der britischen Regierung. Dieses habe er an die Verhältnisse in Budapest angepasst. Während der ersten Phase trainiere man an Örtlichkeiten, die fernab von befahrenen Straßen seien. Die zweite Phase finde auf Straßen mit stark begrenzter Fahrzeuganzahl statt. Während der dritten Phase gehe es für die Zweiradlehrlinge auf die vielbefahrene Straße der Großstadt.

Zu jedem der drei Schwierigkeitsgrade wird neben der Praxis auch Theorie vermittelt. „In London lernt man beispielsweise erst gegen Ende, wie man sein Rad sicher abschließt. Das bringe ich meinen Kursteilnehmern schon am Anfang bei“, so Árva. Insgesamt dauere das komplette Fahrsicherheitstraining acht Stunden.


Sicherheit geht immer vor

Das Radfahren in der Großstadt unterscheide sich maßgeblich vom Fahren in ländlichen Gegenden. Dementsprechend gebe es im urbanen Umfeld auch andere Dinge zu beachten. Viele riskante Momente könnten passieren, wenn Radfahrer die Vorfahrtsregeln missachten oder sich auf der Straße falsch positionieren. Ein weiterer Gefahrenfaktor sei die eigene Unsicherheit beim Fahrradfahren. „Bei wenig Selbstsicherheit fährt man automatisch schlechter“, weiß der Trainer.

Deshalb sei es wichtig, anfangs auf gering genutzten Straßen zu üben und sich langsam an die typischen Großstadtsituationen heranzutasten. Sicherheit gehe generell immer vor, denn eine achtsame Fahrweise schütze andere Verkehrsteilnehmer sowie einen selbst. „In 99 Prozent der Fälle kommt man so nur geringfügig langsamer am Ziel an, als wenn man eine egoistische und unachtsame Fahrweise an den Tag legt“, erläutert Árva. Für diese Rücksichtnahme sollte man immer Zeit finden.

Weitere Informationen finden Sie unter velobudapest.hu

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