Der Kalte Krieg trennte Europa in zwei Lager. Neben der innerdeutschen Grenze und der Berliner Mauer war unter anderem auch die Grenze zwischen Österreich und Ungarn Teil dieser Trennlinie. Wer sie unerlaubt übertrat, musste um sein Leben fürchten. Für die Generation die nach 1989 geboren wurde, sind das schwer zu fassende Lebensumstände. Die diesjährigen Absolventen des Masterstudienganges „Mitteleuropäische Studien – Diplomatie“ der Andrássy Universität Budapest (AUB) haben nun eine Veranstaltung organisiert, die sich genau damit beschäftigt: Zwei junge Künstlerinnen haben ihre Empfindungen zum Fall des Eisernen Vorhangs künstlerisch inszeniert. Entstanden ist eine grenzübergreifende Darbietung aus Tanz, Musik und Schauspiel mit dem Namen „Brück/che“, welche eine außergewöhnliche Interpretation der Geschehnisse bot.


Ein länderübergreifendes Projekt

„Es gibt keine andere Ausdrucksform, welche sich besser mit ambivalenten Themen beschäftigen kann als die Kunst“, bescheinigte der Prorektor der Andrássy Universität Budapest, Georg Trautnitz in seiner Eröffnungsrede. Und Grenzen seien ein ambivalenter Gegenstand. „Sie schränken ein, aber stellen oftmals eine Notwendigkeit dar“, sagte Trautnitz. Die Studenten der Kulturdiplomatie und zwei Künstlerinnen haben sich mit dieser Ambivalenz auseinandergesetzt.

Rückblick: Die Studenten der Kulturdiplomatie hatten Anfang des Jahres für ihr Abschlussprojekt mit einem „Open Call“ nach Künstlern aus Ungarn und Österreich gesucht. Ausgewählt wurden zwei Frauen aus Ungarn und Österreich – beide jünger als der Mauerfall. Zsófia Safranka-Peti studierte zeitgenössische Tanzkunst in Budapest und versucht in ihren Choreografien das „natürlich Menschliche“ einzufangen. Das Schaffen der Wienerin Barbara Neu lässt sich als interdisziplinäre Experimentierkunst verstehen.

Die Idee hinter der 20-minütigen Performance der AUB-Studenten war es, die historische Bedeutung des Falls des Eisernen Vorhangs mit der Gegenwart zu verknüpfen und herauszuarbeiten, was eine europäische Identität im Zusammenhang mit den offenen und geschlossenen Grenzen Europas ausmacht. Die Künstlerinnen haben eine Woche im Rahmen einer gemeinsamen Künstlerresidenz im Art Quarter Budapest miteinander verbracht, um an ihrer Darbietung zu schleifen. Zuvor gab es nur einen Austausch über die sozialen Medien. Über das Internet haben beide von der Ausschreibung der Andrássy Universität erfahren.


Getanzter Widerstand

Der ausdrucksstarke Tanz Safranka-Petis zollte dem Freiheitswillen der Menschen in der Ostzone Tribut. So waren es mal harte, mal weiche Bewegungen, mit denen die ausgebildete Tänzerin eine Mischung aus Widerstand und Angst ausstrahlte. Hinter den Künstlerinnen befand sich ein großflächiger Spiegel, welcher als Grenze diente. Um ihn windeten sich die Tänzerin und die Musikerin. Deren Klarinettenspiel wechselte sich mit Audio-Einspielern und eindringlichen Monologen aus Briefen von Franz Kafka und Ingeborg Bachmann ab. Zwischen ihnen und den Zuschauern bildete sich eine unsichtbare Mauer und der Zuschauer sah den jungen Frauen machtlos beim Kampf um die (Bewegungs-)Freiheit zu. Die friedliche Öffnung der Grenzen – in der Darbietung als zerbrochener Spiegel verdeutlicht – ließ die Zuschauer erleichtert aus dem Saal gehen.

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Die Zuschauer schauten gebannt dabei zu, wie Tänzerin Safranka-Peti gegen die als Spiegel dargestellte Grenze ankämpfte.


Für beide Künstlerinnen war es eine neue Erfahrung und alle Beteiligten waren froh, wie gut Neu und Safranka-Peti miteinander harmonierten. „Wir hätten noch viel länger daran arbeiten können und wollen. Aber es war auch so gut!“, sagte Barbara Neu im Anschluss. Neben dem künstlerischen Austausch bescheinigten die Künstlerinnen und Studenten einen näheren Bezug zu den Geschehnissen um 1989 gewonnen zu haben. Zsófia Safranka-Peti: „Ich habe mit meiner Familie über den Kalten Krieg gesprochen und erfahren, dass mein Vater für kurze Zeit an der Grenze stationiert war.“


Angst als Alltagserfahrung

Studentin Réka Vitálvos führte durch den Abend. Für sie und ihre zehn Kommilitonen war es das erste große Gemeinschaftsprojekt. „Ich finde es schön, dass wir einen künstlerischen Rahmen in unserer eher sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Universität unterbringen konnten“, so Vitálvos. Das Projekt ist die praktische Abschlussprüfung für die angehenden Kulturdiplomaten und dient als Vorbereitung auf das Berufsleben. Die neun Studentinnen und zwei Studenten konzipierten, organisierten und setzen das Projekt selbst um. Auch Werbemaßnahmen durften hierbei nicht fehlen.

Ein übervoller Saal zeugte von der wirksamen Werbetrommel. Aufgrund der hohen Nachfrage wurde spontan eine zweite Aufführung organisiert. Unter den Gästen war auch die österreichische Botschafterin für Ungarn, Elisabeth Ellison-Kramer. Sie könne sich noch sehr gut daran erinnern, wie unmenschlich und willkürlich die Grenze war. „Ich hatte Glück, auf der richtigen Seite gelebt zu haben“, so die Botschafterin. Dass die Grenzöffnung letztlich so friedlich verlief, hält Ellison-Kramer für ein Wunder.

Auch Péter Sárdi, ungarischer Staatssekretär für auswärtige Beziehungen, besuchte die Veranstaltung. Er zeigte sich von der Darbietung der jungen Künstlerinnen begeistert. Die Projektteilnehmer hätten die Emotionen der Menschen im Kalten Krieg gut widergespiegelt. „Eine bedrückende Angst war während des kommunistischen Regimes Teil des ungarischen Alltags“, sagte der Staatssekretär.

Das Österreichische Kulturforum (ÖKF) hat das Projekt finanziell und künstlerisch unterstützt. Anlässlich des 30-jährigen Jubiläums des Falls des Eisernen Vorhangs veranstaltet das ÖKF in seiner Galerie am 23. Mai eine Ausstellung mit dem Titel „Grenzfälle“. Neben den ausgestellten Kunstwerken wird auch die Kunstperformance von Barbara Neu und Zsófia Safranka-Peti in abgeänderter Form zu sehen sein.


Ausstellung „Grenzfälle“

Am 23. Mai, um 19 Uhr

In der Galerie des ÖKF

Budapest, VI. Bezirk, Benczúr utca 16

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