„Ich schaue auf das Hochhaus, das mit dreihundertachtundsechzig Augen zurückschaut, [...] Auf den Balkonen hängt regungslos verwaschene Kleidung an den Wäscheständern, weil selbst der Wind das Viertel nicht besucht.“ Mit diesen Worten beginnt Karosh Tahas Debütroman „Beschreibung einer Krabbenwanderung“. Darin erzählt sie die Geschichte der Ich-Erzählerin Sanaa. Die 22-jährige Studentin floh, als sie noch ein Kind war, gemeinsam mit ihrer Familie aus ihrer Heimat, dem Irak, nach Deutschland, wo sie in einen Hochhauskomplex zogen.

Im Verlauf einer Podiumsdiskussion auf den Budapester Buchfestival beschrieb Taha ihren Roman als eine Geschichte in der Geschichte.


Auswanderung mit Familienproblemen

Die Krabbenwanderung ist ein zentrales Motiv und zieht sich wie ein roter Faden durch den ganzen Roman. Er beginnt damit, dass Sanaa als Kind in einem Fluss badet und dabei von einer Krabbe gezwickt wird. Daraufhin erzählt ihr Vater ihr die Geschichte der Krabbenwanderung: Als alle Krabben weiterwanderten, sei nur diese eine vergessen zurückgeblieben. Seitdem irre sie wütend an diesem Strand herum und zwicke Leute ins Bein.

Diese kleine Geschichte soll Sanaa eigentlich trösten, doch stattdessen verfolgt sie die Protagonistin durch ihr ganzes Leben. Später wandert sie mit ihren Eltern nach Deutschland aus, wobei sie sich mit einer kneifenden Realität, die sie an die Krabbe erinnert, konfrontiert fühlt. Sanaa leidet unter ihrer depressiven Mutter, ihrer orientierungslosen Schwester, ihrem völlig entfremdeten Vater, der gescheiterten Ehe ihrer Eltern sowie einer konfliktreichen Tante, die an einer Tabaksucht leidet.

Von der Realität überfordert, rebelliert sie gegen ihr Familienchaos, indem sie sich in eine Dreiecksbeziehung mit ihrem festen Freund und einem weiteren Liebhaber flüchtet.


Parallelwelten

Alles begann 2012 als Karosh Taha eine Kurzgeschichte verfasste, die sich als unvollendet herausstellte. Bald darauf diente ihr diese Kurzgeschichte als Grundlage für ihren Debütroman. Doch erst nach ihrem Anglistik- und Geschichtsstudium auf Lehramt an der Universität Duisburg-Essen schrieb sie 2016 und 2017, während ihrer Zeit im US-amerikanischen Kansas, an ihrem Erstlingswerk.

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Auf dem Budapester Buchfestival waren die deutschsprachigen Autoren Donat Blum (links), Karosh Taha und Nava Ebrahim (rechts) zu Gast. (Foto: Sofie Kokas)


In Vorbereitung auf ihr Buch habe sie sich intensiv mit dem Thema Migration und insbesondere damit beschäftigt, wie sich diese auf das Familiengefüge von Migranten auswirke, erzählt Taha beim Budapester Buchfestival. Denn mit ihrer Figur Sanaa verbinde Karosh Taha nicht nur die irakisch-kurdische Kultur, sondern auch, dass beide als Kinder nach Deutschland emigrierten.

Geboren wurde die Autorin 1987 in der Kleinstadt Zaxo im Nordirak.

Sie wisse, wie es sei, in Deutschland aufzuwachsen und noch immer komische Blicke zu ernten, erzählte sie in Budapest. Zuerst sei sie davon ausgegangen, dass sie einfach zu sensibel wäre, doch im Gespräch mit ihrem Freundeskreis, habe Karosh Taha schnell gemerkt, dass auch diese von ähnlichen Erfahrungen berichten.

„Manchmal möchte ich die Menschen schütteln und ihnen sagen, es ist 2018, kommt damit klar, dass die Welt globalisiert ist, akzeptiert die Realität, wie sie ist und dass sie sich auch in den nächsten zehn Jahren verändern wird“, sagte Karosh Taha einmal in einem Interview mit der Heinrich-Böll-Stiftung.

Der Alltagsrassismus, den sie von Kindesbeinen an erlebt habe, äußere sich manchmal in Kleinigkeiten, zum Beispiel die Falschschreibung ihres Namens, steigere sich aber auch schon mal zu befremdlichen Vorfällen. Einmal habe ihr eine Sachbearbeiterin im Ausländeramt nahegelegt, sie solle doch in den Karnevalsverein eintreten, um ihre Integrationsbemühungen zu zeigen.

„Ist es da wirklich verwunderlich, dass sich Einwanderer diskriminiert fühlen und sich in ihre eigenen Parallelwelten flüchten wollen?“, fragte Karosh Taha in Budapest.


Kritik an der eigenen Community

Kinder, die multikulturell aufwachsen, fühlten sich oftmals hin- und hergerissen. Für sie sei es besonders schwer, ihre eigene Gemeinschaft zu kritisieren, weiß die Deutsch-Irakerin Taha. Sie empfand es deshalb als einen Befreiungsschlag, als sie ihr Buch verfasste. Darin spricht sie offen und ehrlich auch über die Schattenseiten ihrer Kultur. „Mir war es aber gleichzeitig wichtig, meine eigene Community zu kritisieren, die Freiheit junger Menschen nicht unter dem Deckmantel der Tradition zu beschneiden“, äußerte sich Taha einmal nach der Veröffentlichung ihres Romans.

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Diese Kritik legt sie unter anderem ihrer Protagonistin Sanaa in den Mund, die beispielsweise über kurdische Männer und deren Körperbehaarung herzieht sowie versucht, sich und ihre jüngere Schwester vor der „kurdischen Logik“ ihrer Tante zu schützen.

Vielleicht ist es genau dieser liberale, humorvolle Schreibstil, mit dem Taha den Nerv unserer Zeit trifft. So lobt Literaturkritiker Jérôme Jaminet im Spiegel: „Karosh Taha hat ihre eigene Sprache gefunden, die zwischen opulenter Bildhaftigkeit, lässigem Humor und ungehobelter Direktheit changiert. Und sie ist eine Meisterin der Rückblende.“

Wie sie in Budapest erzählt, will Karosh Taha sich in Zukunft einem weiteren Buchprojekt widmen. Verraten wollte sie bisher aber bloß, dass es um Frauen gehen werde und darum, wie diese ihren Körper wahrnehmen. Zurzeit arbeitet Taha in Vollzeit als Autorin. Möglich ist das unter anderm durch ein Aufenthaltsstipendiums des Literarischen Colloquiums Berlin (LCB), vergeben durch den Berliner Senats, ein Heinrich-Heine-Stipendium sowie den auf 7.500 Euro dotierten Förderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen, den Taha 2018 gewinnen konnte. Wir dürfen also auf weitere Romane aus der Feder von Karosh Taha hoffen!


„Beschreibung einer Krabbenwanderung“

Von Karosh Taha

240 Seiten

Erschienen 2018 beim DuMont Buchverlag in Köln

ISBN 978-3-8321-9880-0


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