Warum setzen Sie sich in jüngster Zeit gerade für das Thema Digitalisierung so intensiv ein?

Die Digitalisierung ist ein Trend, der an keinem Unternehmen vorbeigeht und unser aller Leben verändern wird. Je schneller wir von abstrakten Vorträgen, etwa zu Industrie 4.0, zu ganz praktischen Anwendungen kommen, desto wettbewerbsfähiger werden unsere Unternehmen. Dabei muss nicht jeder und kann auch nicht jeder alle Entwicklungen verfolgen. Im Rahmen der Initiative „Netzwerk Digital“ sollen von Praktikern für Praktiker digitale Ansätze und Lösungen innerhalb der deutschsprachigen Wirtschafts-community vorgestellt werden.


Welche Ziele verfolgen die Gründer des Netzwerkes?

Das „Netzwerk Digital“ möchte Ungarn auf dem Weg der Digitalisierung begleiten und durch Informationen, Erfahrungsaustausch und praktische Beispiele die Wettbewerbsfähigkeit der Mitgliedsunternehmen der fünf Gründer steigern. Durch die aktive Mitgestaltung der wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen soll zugleich auch ein Beitrag zur Erhöhung der Attraktivität des Standortes Ungarn geleistet werden. Die Netzwerkteilnehmer möchten sich als verlässliche und faire Partner der Regierung und der Verwaltung positionieren. Zweck der Vereinigung ist auch die Förderung der Aus- und Weiterbildung im digitalen Bereich. All diese Ziele sind aber nicht kurzfristig zu erreichen, sondern nur durch eine nachhaltige, längerfristig angelegte Zusammenarbeit. Wir haben es nicht mit einem Sprint, sondern einem Marathon zu tun.


Was bedeutet die Digitalisierung für Ihre Branche?

Für die Energiewirtschaft birgt die Digitalisierung große Chancen, weil sie neue Wege der notwendigen Steigerung der Effizienz aufzeigt und neue Geschäftsmodelle eröffnet. Damit meine ich nicht so sehr die viel zitierten datenbasierten Geschäftsmodelle. Auf Grund der engen GDPR-Grenzen habe ich Zweifel, ob die Energieversorgungsunternehmen hier große Potentiale abschöpfen können. Mit der Digitalisierung wird aber eine Elektrifizierung einhergehen sowie die Notwendigkeit des Ausbaus der Datenübertragungsinfrastruktur in Form von Glasfasern. Hier liegen unsere Chancen. Zudem wird die zuverlässige Stromversorgung sowohl für Geschäfts- wie auch Privatkunden eine immer größere Rolle spielen. Wer möchte schon wegen Stromausfall seine Daten verlieren oder seine Dienstleistungen nicht mehr anbieten können! Wegen all dieser Überlegungen bin ich der Meinung, dass die Energieversorgungsunternehmen Treiber der Digitalisierung sind.

Wir haben bei unserer Unternehmensgruppe das Projekt Digital@ELMŰ-ÉMÁSZ aufgesetzt, bei dem Initiativen verschiedener Unternehmensbereiche gebündelt werden. Ein Energieversorgungsunternehmen hat viele transaktionale Prozesse, deren Digitalisierung sich anbietet. So steht der e-Kundendienst ganz oben auf der Prioritätenliste. Aber auch die Robotisierung im Rechnungswesen und das große Feld der Automatisierung der Netze, also die Entwicklung von Smart Grids, sind bei uns Schwerpunkte.


Wo sehen Sie bei Ihrem Unternehmen noch weitere Digitalisierungsmöglichkeiten?

Potentiale gibt es in nahezu jedem Bereich, aber man kann nicht alles zur gleichen Zeit realisieren. Oft hindert uns auch das rechtliche Umfeld, selbst wenn sich hier die offiziellen ungarischen Stellen sehr offen für konkrete Änderungsvorschläge zeigen. Ein Beispiel dafür ist unsere, gemeinsam mit dem Ministerium für Innovation und Technologie sowie dem Regulator vorangetriebene digitale Lösung zur jährlichen Stromzählerablesung.

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„Für innogy ist die Digitalisierung ein strategischer Pfeiler.“ (Foto: ELMŰ-ÉMÁSZ-Gruppe)


Ein großes Thema ist auch die Digitalisierung des Einkaufsprozesses mit e-Auctions sowie e-Contracting einschließlich e-Signature sowie der elektronischen Verfolgung des Lieferprozesses. Diesem Themenfeld, das insbesondere für ungarische Zulieferer großer Firmen interessant sein dürfte, haben wir als DUIHK im Rahmen von „Netzwerk Digital“ eine ganze Workshop-Reihe gewidmet, die DUIHK-Vizepräsidentin Hedvig Szakács, CEO des Fleischverarbeiters ZIMBO, leiten wird.

Ein begrenzender Faktor beim Ausschöpfen der Möglichkeiten der Digitalisierung sind die digitalen Fähigkeiten unserer Mitarbeiter. Daher tun wir gut daran, verstärkt in die digitale Ausbildung unserer Mitarbeiter zu investieren. Dies wird ein entscheidender Wettbewerbsfaktor der Zukunft sein. Hierauf muss die CEE-Region ein besonderes Augenmerk legen. Im „Netzwerk Digital“ werden wir deshalb diesen Faktor mit besonderem Nachdruck verfolgen.


Welche erfolgreichen Digitalisierungsprojekte haben Sie in Ihrer Unternehmensgruppe bereits umgesetzt?

Neben den Entwicklungen im e-Kundendienst mit der digitalen Ablesung bis hin zum digitalen Zahlungsprozess und der Automatisierung der Netze entwickeln wir mit den sogenannten Smart Poles digitale Dienstleistungen im öffentlichen Bereich sowie für B2B-Kunden. Smart Poles sind Beleuchtungskörper kombiniert mit einer e-Charger-Funktion sowie WLAN-Router, Sensoren für Umweltdaten und Werbeflächen, die ferngesteuert mit Inhalten bestückt werden können. Ein Pilotprojekt mit fünf Poles haben wir gemeinsam mit Partnern entlang der Lechner Ödön fasor realisiert.


Gibt es innerhalb der innogy-Gruppe eine internationale Zusammenarbeit zum Thema Digitalisierung?

Für innogy ist die Digitalisierung ein strategischer Pfeiler. In allen Bereichen der Wertschöpfungskette wird die Digitalisierung massiv vorangetrieben und es existieren länderübergreifende Projekte. Die Kolleginnen und Kollegen der ELMŰ-ÉMÁSZ arbeiten hier aktiv mit. Die Projekte sind als sogenannte Leuchturmprojekte organisiert und umfassen Lösungen im Kundendienst wie Chatbots (intelligenter Sprachassistent) bis hin zu Lösungen im Netz wie etwa die Optimierung der Entstörung mittels Algorithmen. Die ELMŰ Netzgesellschaft arbeitet beim jüngsten Projekt des Netz- und Infrastruktursegments der innogy an der Entwicklung einer komplett digitalen Netzgesellschaft mit dem Netzbetreiber der Lechwerke in Augsburg zusammen.


In welchen Bereichen Ihrer Unternehmensgruppe sehen Sie weiteres Entwicklungspotential?

Ich sehe Potential auf vielen Gebieten über unser Kerngeschäft hinaus, so unter anderem bei nichtregulierten Netzdienstleistungen, beim Photovoltaik-Anlagenbau und -betrieb und bei der Innen- und Außenbeleuchtung. Weitere Geschäftsfelder sehe ich auch beim Energieaudit und -monitoring sowie bei E-Mobility-Lösungen. Beim Thema E-Mobility spielten wir übrigens in Ungarn eine Pionierrolle und sind auch heute noch Marktführer. Um diese Produktvielfalt unseren Kunden landesweit aus einer Hand anbieten zu können, haben wir im letzten Jahr die ELMŰ-ÉMÁSZ Solutions gegründet. Wir sind ja nicht nur im Großraum Budapest mit der ELMŰ, sondern auch in Nordostungarn mit der ÉMÁSZ vertreten. Ich freue mich besonders, dass wir nach dem letztjährigen runden Jubiläum von ELMŰ nächste Woche in Miskolc das 125. Jubiläum der ÉMÁSZ feiern können. Bei dieser Gelegenheit werden wir unser beschriebenes Produktportfolio im Rahmen einer Customer Arena erneut einem breiteren Publikum vorstellen. Die Jubiläumsfeier steht unter dem Motto „ÉMÁSZ – Ein Partner der Stadt Miskolc und der Region“.


Innovation, TechGirls, das Zertifikat „Verlässlicher Arbeitgeber“ und jetzt „Netzwerk Digital“ sind alles DUIHK-Projekte, an denen Sie als DUIHK-Vizepräsidentin wesentlich mitgewirkt haben. Welche Aktivitäten planen Sie im Rahmen der DUIHK in Zukunft?

Ja, an den genannten Projekten habe ich maßgeblich mitgewirkt. Es macht mir Freude, Themen anzustoßen, bei denen ich einen unternehmensübergreifenden Bedarf sehe und wo die real bestehenden Interessen der Unternehmen sich mit denen der Regierung decken. Wir sollten mit- und füreinander arbeiten und nicht aneinander vorbei oder gar gegeneinander. Ganz wichtig ist es, vorhandene offene Türen frühzeitig zu erkennen. Wir haben bei der Kammer vor einigen Jahren das Konzept des Jahresthemas entwickelt, das wir immer zum Jahresauftakt der Kammer vorstellen. Dieses Jahr ist es die Wettbewerbsfähigkeit des Standortes Ungarn. Das Jahresthema bildet den Rahmen, in dem dann unsere einzelnen Folgeinitiativen stehen.

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Dr. Marie-Theres Thiell im Treppenhaus der Budapester ELMŰ-Zentrale:„Durch die aktive Mitgestaltung der wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen soll zugleich auch ein Beitrag zur Erhöhung der Attraktivität des Standortes Ungarn geleistet werden.“ (Foto: ELMŰ-ÉMÁSZ-Gruppe)
Eine wesentliche neue Initiative ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, welche die Kammer und eine Reihe von Mitgliedsunternehmen in Kooperation mit dem EMMI vorantreiben. Ich freue mich, dass wir dazu Staatssekretärin Katalin Novák als Unterstützerin gewinnen konnten. Die Vereinbarkeit ist für die junge Generation ein Faktor, der unter anderem die Attraktivität eines Arbeitgebers ausmacht. Zudem werden so zusätzliche Potentiale für den Arbeitsmarkt erschlossen.

Die Arbeit in der Kammer ist aber immer Teamarbeit. Gemeinsam mit einzelnen Mitgliedern des Vorstandes arbeiten wir an den genannten Initiativen. So hat meine DUIHK-Vorstandskollegin Silke Janz, CEO von Penny-Market, ab diesem Jahr die Verantwortung für die TechGirls-Reihe übernommen. Gemeinsam mit DUIHK-Geschäftsführer Gabriel A. Brennauer verantworte ich das „Netzwerk Digital“. Bei der Initiative verlässlicher Arbeitgeber unterstützt Tamás Steványik, Leiter HR der ELMŰ-ÉMÁSZ, als Sprecher der Jury die Kammer. Unser Ziel muss es sein, die inhaltliche Arbeit der Kammer auf mehrere Schultern zu legen, um so nachhaltig und breit aufgestellt arbeiten zu können. Dies ist umso schwieriger, da es ja für uns alle – mit Ausnahme der Geschäftsführung – eine ehrenamtliche Arbeit ist, die neben dem eigentlichen Job geleistet werden muss. Ich denke jedoch, dass diese Mehrarbeit mit Blick auf die besondere Verantwortung der Unternehmensführer gegenüber Ungarn und der deutschen Wirtschaftscommunity in Ungarn voll gerechtfertigt ist.


Wie sieht es bezüglich der Vereinbarkeit von Beruf und Familie in Ihrem Unternehmen aus? Gibt es bei Ihnen besondere Projekte und Maßnahmen, die sich bewährt haben und die Sie anderen Unternehmen empfehlen könnten?

Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist ein Thema, das auch uns in dem immer hektischeren und gedrängteren Unternehmensalltag umtreibt. Die Vereinbarkeit ist nicht nur für Frauen relevant, sondern auch für die männlichen Kollegen. Hier müssen die Unternehmen sich anpassen und flexiblere Arbeitsformen anbieten.

Bei ELMŰ-ÉMÁSZ liegt ein besonderer Schwerpunkt auf dem Thema Home Office. So arbeiten in unserem Kundenservice bereits rund 150 Kolleginnen und Kollegen ganz oder teilweise in dieser Arbeitsform. Aber auch in anderen Unternehmensbereichen promoten wir dieses Modell. Home Office soll zumindest an bestimmten Tagen möglich sein. Auch Führungskräfte sollen davon Gebrauch machen können. Am Anfang stand auch ich dem skeptisch gegenüber, aber die positiven Beispiele und Erfahrungen haben mich überzeugt. Hier müssen wir wirklich umdenken.

In dem Projekt mit dem EMMI werden wir in Kürze erörtern, welche Projekte die Regierung plant, um insbesondere mehr jungen Frauen zu ermöglichen, einer Erwerbstätigkeit trotz Familie nachzugehen. So wird zugleich auch eine wertvolle Ressource für den Arbeitsmarkt gesichert.


Ihr Unternehmen ist aber auch direkt auf sozialem Gebiet aktiv…

Wir haben seit mehreren Jahren drei Partnerschaften für unser soziales Engagement: mit dem Malteser Hilfsdienst, dem Ökumenischen Hilfsdienst und dem Kinderrettungsdienst. Dies sind Profis auf ihren Gebieten. Durch unsere nachhaltige, langjährige Zusammenarbeit konnten wir hier Größeres bewegen.

Als ich 2010 CEO der Gruppe wurde, habe ich die Strategie entwickelt, die begrenzten Mittel für eine gesellschaftliche Verantwortung nicht im kulturellen Bereich oder im Sportbereich, sondern für soziale Projekte einzusetzen, die den Bedürftigen unter unseren 2,1 Millionen Kunden zu Gute kommen. Dabei ist es mir wichtig, dass wir nicht nur Geld geben, sondern uns auch persönlich engagieren. Zunächst lag der Fokus der Projekte auf der Unterstützung von Familien und Kindern. Seit einigen Jahren unterstützen wir aber auch Senioren bzw. deren Pflegeeinrichtungen.


Letzteres ist bisher noch nicht so verbreitet…

Als CEO habe ich die Möglichkeit, Akzente zu setzen. Insbesondere die Unterstützung der Seniorenpflege beruht bei mir auf eigener Erfahrung aus der Zeit, in der ich mich um meinen pflegebedürftigen Vater gekümmert habe. So glaube ich, bin ich authentisch in meiner Unterstützungstätigkeit, was die Kollegen motiviert, mich zu unterstützen. Wir haben das Thema pflegebedürftige Eltern, was nahezu jeden betrifft, bei uns thematisiert und aus der Tabuzone geholt. Alle unsere Unterstützungen haben immer auch einen unternehmensinternen Aspekt. Mir macht es Freude, solche gesellschaftsrelevanten Themen aufzugreifen und zu thematisieren.

Als Energieversorgungsunternehmen haben wir eine besondere gesellschaftliche Verantwortung, der sich Management und Mannschaft bewusst sind. Durch unsere Aktivitäten geben wir unseren Kunden etwas zurück.


Bei all Ihren Aktivitäten spielt auch Ihre große Verbundenheit mit Ungarn eine Rolle. Wie hat sich diese Beziehung entwickelt?

Ja, ich bin jetzt seit 2005 in Ungarn - zunächst fünf Jahre als CFO und seit 2010 als CEO der Unternehmensgruppe. Das war ursprünglich nicht so geplant, aber immer, wenn es eine Möglichkeit gab, in Deutschland eine Position zu übernehmen, habe ich mich dafür entschieden zu bleiben. Entweder, weil ich gerade ein Projekt begonnen hatte, das unbedingt zu Ende gebracht werden musste, oder weil es gerade sehr schwierig war und ich unter keinen Umständen ein stark problembehaftetes Geschäft übergeben wollte. Von 2011 bis 2016 war ich dann in Personalunion Mitglied der Geschäftsführung der RWE East, also der Managementgesellschaft für die Aktivitäten von RWE in CEE. Seit der Bildung der innogy im Jahr 2016 bin ich in Personalunion Bereichsvorstand der innogy und im Team von Hildegard Müller, Vorstand Netz & Infrastruktur der innogy SE, verantwortlich für unsere Netz- und Infrastrukturaktivitäten in CEE. Der Konzern hat mir also ermöglicht, übergeordnete Verantwortung zu übernehmen und gleichzeitig Ungarn verbunden bleiben zu können. Von dieser Kombination profitiert natürlich auch das Geschäft in Ungarn. Aus persönlicher Sicht verbindet mich mit Ungarn auch eine Vielzahl an Freunden in Wirtschaft und Politik, von denen ich eine hohe Wertschätzung erfahre.


Welche besonderen Erfahrungen haben Sie in den 14 Jahren als Top-Managerin in Ungarn gemacht? Welche Tipps können Sie Newcomern geben?

Wenn man neu in einem ungarischen Unternehmen ankommt, dann sollte man zuhören und versuchen, den ungarischen Weg zu verstehen. Auf gar keinen Fall sollte man versuchen, alles auf die deutsche Weise zu lösen. Ungarische Mitarbeiter arbeiten sehr gern international und sind offen, aber sie möchten Ungarn bleiben.

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„Es macht mir Freude, Themen anzustoßen, bei denen ich einen unternehmensübergreifenden Bedarf sehe.“ (Fotos: ELMŰ-ÉMÁSZ-Gruppe)


Ebenso sollte man versuchen, die Zielsetzungen der ungarischen Politik und ihren Hintergrund zu verstehen. Dafür sollte man sich auch ein Netzwerk außerhalb des Unternehmens aufbauen. Gelegenheiten dafür gibt es genug. Aber das kostet Mühe und Zeit. Wie überall sollte man vielen Stakeholdern zuhören und sich dann seine Meinung bilden, und sich nicht etwa einzig auf Meinungen des Mainstreams in den deutschen Medien stützen. Und immer sollte man bedenken: als Expat ist man Gast in diesem Land und für sein Unternehmen und seine Mitarbeiter verantwortlich. Diese Verantwortung sollte man auch gegenüber seiner deutschen Mutterfirma vertreten. Wo möglich, sollten wir uns als lokale CEOs dabei gegenseitig unterstützen.


In Ihrer Firma pflegen Sie einen sehr direkten Führungsstil. Mit vielen Ihrer Führungskräfte sind Sie per Du. Wie hat sich das entwickelt?

Ja, das war aber nicht immer so. Innerhalb unseres Konzerns haben wir in den letzten Jahren eine enorme Wandlung durchlebt, bei der es natürlich auch um Hierarchieabbau und persönliche Führung ging. Zudem ist mittlerweile Englisch unsere Unternehmenssprache, wo ja bekanntlich zwischen Du und Sie nicht unterschieden wird. Ungarn untereinander reden sich ja sowieso schnell beim Vornamen an. So habe ich nach vielen Jahren des Siezens bei einer Weihnachtsfeier in meiner Rede allen das Du angeboten. Viele waren überrascht, aber jetzt hat sich das ,Marie‘ verbreitet und durchgesetzt und ist für mich in meinen Ohren völlig natürlich geworden.


Ungarn wird immer wieder unterstellt, ein gewisses Macho-Land zu sein. Männer sollen hier ein Problem mit starken Frauen haben. Haben Sie einschlägige Erfahrungen gemacht? Was empfehlen Sie anderen Frauen, die in Ungarn in Führungspositionen tätig sind?

Dies ist eines der Klischees, das ich so nicht erlebt habe. Ganz im Gegenteil: ich erlebe die ungarischen Männer als sehr charmant (das ist ja wohl nicht mit Macho gleichzusetzen), die mir sehr respektvoll, kooperativ und wertschätzend begegnen. Natürlich muss es bei einer Frau fachlich passen und sie sollte sich nicht auf ihrem Frausein ausruhen. Mein Verhandlungsstil war schon immer hart aber herzlich. Damit bin ich natürlich nicht immer Every­body’s Darling. Ich bin bisher aber gut damit gefahren. Was vor allem zählt, sind Verlässlichkeit und Wahrhaftigkeit.

Den weiblichen Kolleginnen in Führungspositionen würde ich den Rat geben – und das ist nicht ungarnspezifisch: Vernetzt euch unternehmensübergreifend mit den Kolleginnen und Kollegen. Ich weiß, dies erfordert Zeit und Energie über den Job hinaus, aber es lohnt sich und macht Freude.


Sie engagieren sich für Ungarn auch, indem Sie immer wieder Ihr Wort erheben für ein realistischeres Ungarnbild.

Ja, ich trete für ein realistisches Ungarnbild insbesondere in Deutschland ein und scheue mich auch nicht, für einen Dialog mit Ungarn einzutreten. Dies ist bei den diversen Kontroversen auf übergeordneter politischer Ebene nicht immer einfach. Ich würde mir wünschen, dass die wirtschaftlichen Erfolge, die dieses Land nachweislich erreicht hat, sowie die vielen guten Initiativen im innovativen Umfeld in der internationalen Kommunikation besser präsentiert werden und zur Geltung kommen. Ungarn hat ein unglaubliches Potential. Überall auf der Welt erhalten sie die Reaktion „was für eine tolle Stadt“, sobald man sagt, dass man in Budapest arbeitet. Es gibt also keinen Grund, mit den vielen Vorzügen Ungarns hinter dem Berg zu halten.


Wie können und sollten sich deutsche Geschäftsleute für die Verbesserung der deutsch-ungarischen Beziehungen engagieren?

Für Ungarn eintreten, sich nicht scheuen, Vorstände und Entscheidungsträger aus den Mutterkonzernen nach Budapest einzuladen und den Dialog mit hochrang­igen Politikern suchen. Aber auch lokal sollten klar die Interessen des Unternehmens vertreten werden. Ich denke, es gibt auch noch Verbesserungspotential, wenn es darum geht, eine gemeinsame deutsche Wirtschaftsstimme zu formen und gemeinsam füreinander einzutreten.


Sie haben es geschafft, Ihre Gruppe vom quasi „unerwünschten“ Unternehmen zu einem akzeptierten Partner der Regierung zu machen. Inzwischen sind Sie bis in höchste politische Kreise gut vernetzt und seit letzten Sommer sogar Trägerin einer hochrangigen staatlichen Auszeichnung. Wie ist Ihnen diese Entwicklung gelungen?

Mit Standhaftigkeit, Durchhaltevermögen, Fairness und auch der Tatsache, dass es uns gelungen ist, immer wieder Felder der Zusammenarbeit zu finden wie beispielsweise das Thema e-Mobility, wenn es auf anderen Feldern gerade schwierig war. Gemeinsame Erfolge haben dann auf andere Gebiete ausgestrahlt. Positive Erlebnisse und Erfahrungen haben die Atmosphäre auf anderen Gebieten positiv beeinflusst. So haben wir beispielsweise in der Vorweihnachtszeit gemeinsam mit dem Fidesz-Spitzenpolitiker Szilárd Németh in Csepel auf einem öffentlichen Platz Mittagessen an Bedürftige verteilt. Also mit dem Szilárd Németh, der uns als Beauftragter für die Nebenkostensenkung zuvor das Leben schwer gemacht hatte… Wir haben den Dialog mit Politik und Regulator nie abreißen lassen. Letztlich hat sich in der Regierung die Erkenntnis durchgesetzt, dass eine stabile Energieinfrastruktur das Rückgrat des wirtschaftlichen Wachstums und die Energiewirtschaft somit systemrelevant ist. Geholfen hat mir in den schwierigen Jahren persönlich aber auch, dass unsere Konzernführung in Essen immer an Ungarn geglaubt und mir den Rücken gestärkt hat.


Wie wird es für Sie persönlich in Ungarn weitergehen? Wie lange bleiben Sie der deutschen Community in Ungarn noch „erhalten“?

Das kann ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen. Die innogy wird ja voraussichtlich von der E.ON übernommen. Die einzelnen Folgen sind heute noch nicht abzusehen. Bis die Übernahme in Ungarn zu konkreten Auswirkungen führt, wird aber noch einige Zeit vergehen. Sicher ist auf jeden Fall, dass ich Ungarn persönlich immer verbunden bleiben werde. Ein wesentlicher Teil meiner beruflichen Karriere ist mit Ungarn verknüpft. Auch eine Fülle an Freundschaften und schönen Erlebnissen verbinden mich mit Ungarn.

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