Gebannt sitzen die schick gekleideten Damen und Herren auf ihren mit dunkelrotem Stoff überzogenen Sitzplätzen. Hier und da unterhalten sich Paare sowie Familienmitglieder miteinander. Plötzlich ertönen sanfte Klänge gefolgt von dem bekannten nervigen Handyklingelton, der – wie im Kino auch – darauf hinweist, dass die Zuschauer ihre Mobiltelefone ausschalten sollen. Dann wird der Saal nach und nach immer dunkler. Schlagartig wird es still im Zuschauerraum. Alle Augen starren wie gebannt auf die Bühne, vor der sich die schweren Vorhänge gerade geöffnet haben und den Blick auf eine Auktion freigeben: zu Versteigern ist unter anderem eine Spieluhr, die wie eine Miniaturausgabe der Pariser Oper aussieht, aber auch ein Kronleuchter. Es handele sich dabei um jenen Lüster, den das Phantom damals in die fiktive Zuschauermenge hat fallen lassen.

Aus dieser Perspektive wird das Musical „Das Phantom der Oper“, das derzeit wieder im Madách-Theater in Budapest aufgeführt wird, bereits einigen bekannt sein. Das Schauspielhaus zeigte das Stück bei seiner diesjährigen Premiere am 4. Mai 2019 bereits zum 832. Mal. Sogar noch mit der Originalbesetzung, die schon vor 15 Jahren die Rollen des Phantoms sowie dessen großer Liebe Christine spielten.

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Sándor Sasvári als Phantom

Insgesamt drei Schauspieler wechseln sich in der Rolle des geheimnisvollen Phantoms ab. Einer von ihnen ist Sándor Sasvári, der am Abend der Premiere die Budapester Zeitung in seiner Garderobe empfing. Seine Schauspielkarriere habe Anfang der 1980er-Jahre mit der Bewerbung beim Rock-Theater in Budapest begonnen. Dort sei nicht nur das Singen und Tanzen geübt worden, sondern auch das Schauspielern und richtige Sprechen. Der Schauspieler denkt sehr gerne an die Anfangszeit seiner Karriere zurück: „Wir waren eine fantastische Truppe“, erinnert er sich schmunzelnd. Ob in Deutschland, der Schweiz oder Liechtenstein – mit dem Rock-Theater sei er ständig unterwegs gewesen.

1986 bekam er schließlich die Rolle des Jesus im Musical „Jesus Christ Superstar“, das damals erstmalig in Ungarn aufgeführt wurde. Auch in die Figur des Jean Valjean in „Les Misérables“ sei er bereits geschlüpft. „Dafür stand ich sechs Mal in der Woche auf der Bühne“, erzählt Sasvári. 2003 ging er zum Casting von „Das Phantom der Oper“ und wird seitdem als Phantom eingesetzt. Über 350 Mal habe er die Rolle bisher bereits gespielt, erzählt der Musicaldarsteller.

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Das Geheimnis der Maske

Das Spielen des vielschichtigen Charakters sei eine große Herausforderung. „Das Phantom ist nicht nur ein Mörder, sondern hat auch eine liebevolle Seite“, weiß Sasvári. Um die Spannung und Emotion, die die Rolle mit sich bringt, rüberzubringen, versuche der Schauspieler immer alles zu geben. Einmal habe er jedoch in der Hektik die weiße Maske hinter der Bühne vergessen. Dies sei ihm erst im allerletzten Moment aufgefallen. Glücklicherweise habe man in Ungarn die Maske mit Magneten ausgestattet, sodass sie schneller am Gesicht angebracht werden kann. Dadurch konnte Sasvári flink genug sein, sich die Maske rasch wieder anzuklipsen, ohne dass jemand den Fehler bemerken konnte.

Unter der weißen Maske verbirgt sich das entstellte Gesicht des Hauptcharakters. Die Verunstaltungen sind jedoch natürlich nur geschminkt. Mindestens 30 Minuten seien notwendig, um das Make-up aufgetragen zu bekommen. Zusätzlich brauche der Schauspieler fast 20 Minuten, um es nach der Vorstellung wieder zu entfernen.


Hinter den Kulissen herrscht reger Betrieb

Insgesamt vier Maskenbildner kümmern sich um die Gesichter und Frisuren der Schauspieler und Tänzer. Doch diese Personen sind nicht die einzigen helfenden Hände, ohne die hinter den Kulissen von „Das Phantom der Oper“ nichts funktionieren würde. In einem Vorraum des Theaters – nur wenige Meter von Sasváris Garderobe entfernt – hängen fein säuberlich die Kostüme, die während des Stücks ihre Anwendung finden. Sechs Theatermitarbeiter kümmern sich darum, dass die Gewänder gut in Schuss sind und wie angegossen passen.

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„Viele der Kostüme sind noch aus der Anfangszeit der Aufführung und gut erhalten. Manche mussten jedoch während der Jahre nachgeschneidert werden“, erzählt Zsusza Tompai bei ihrer Führung durch jene Bereiche des Madách-Theaters, die den Zuschauern des Musicals normalerweise verborgen bleiben. Tompai ist Theateringenieurin und kümmert sich um den reibungslosen Ablauf hinter den Kulissen. Bei Musicalaufführungen läuft natürlich nichts ohne den richtigen Ton und geeignete Lichtverhältnisse, weiß sie. Deshalb seien für das Stück sechs Tontechniker im Einsatz, während sich weitere fünf Personen um das Licht kümmern.


Das Bühnenbild muss sich stets verändern

Unter der Bühne befinden sich zwei Aufzüge. Der kleinere sei für Menschen gedacht. Damit fahre beispielsweise das Phantom des Öfteren auf die Bühne. Der größere helfe bei der Beförderung der Requisiten. Dass es davon sehr viele gibt, wird im Raum auf der linken Seite klar. Er gleicht einer Lagerhalle. Neben einem nachgebauten Elefanten, der am Anfang des Stücks zum Einsatz kommt, ist hier auch ein nachgebautes Zimmer inklusive großem Bett zu sehen.

„Alle fünf Minuten muss sich die Szenerie verändern. Das ist eine Regel“, erläutert Tompai. Damit dies reibungslos funktioniert, würden die Bühnenarbeiter Kopfhörer tragen, über die sie Anweisungen empfangen. Mit vereinten Kräften und der Hilfe des großen Aufzugs kann so auch die aus Holz und Plastik nachgebaute Opernkuppel, auf der sich das Phantom versteckt, während es das Liebespaar Christine und Raoul belauscht, auf die Bühne transportiert werden.


„Die Leiche ist nicht echt!“

Ebenfalls unter der Bühne befindet sich ein kleiner Raum für das Orchester. Denn Lieder wie „Music of the Night“, welches eines der Lieblingsstücke von Sándor Sasvári aus dem Musical ist, werden selbstverständlich live gespielt. Ein Stockwerk darüber, unmittelbar hinter der Spielfläche, befinden sich kleine Bildschirme, die einen Überblick über die gesamte Bühnensituation geben. So könne schnell eingegriffen werden, wenn etwas nicht planmäßig laufe, so Zsuzsa Tompai.

Die Decke hinter der Bühne befindet sich in 24 Metern Höhe. Zwischen dem Boden und der Decke sind mehrere Emporen angebracht, auf denen diverse Kabel liegen. Von hier aus werden auch die Bühnenbilder von insgesamt fünf Theatermitarbeitern auf die Spielfläche niedergelassen und anschließend wieder hinaufgezogen. Auf der obersten Empore liegt eines der Opfer des Phantoms. „Die Leiche ist natürlich nicht echt. Sie wird im Laufe des Stücks auf die Bühne herabgelassen“, erklärt die Theateringenieurin.

Im Allgemeinen sei hinter den Kulissen alles sehr gut organisiert. Wenn jedoch mal etwas schieflaufe, werde es sehr stressig. „Zum Glück kommt so etwas nur selten vor!“, weiß die Theateringenieurin.

„Das Phantom der Oper“ läuft noch bis zum 18. Mai im Madách-Theater in Budapest. Weitere Informationen und die Option zur Ticketbuchung finden Sie auf www.madachszinhaz.hu/EN/

Was Sie über das Musical wissen müssen

„Das Phantom der Oper“ besteht aus zwei Akten. Die Hauptrollen sind die Opernnachwuchssängerin Christine, deren Jugendfreund Raoul und Erik, der aufgrund seiner schlimmen Entstellungen als maskiertes „Phantom“ in den Katakomben des Pariser Opernhauses lebt. Von dort aus beobachtet er das Treiben und verliebt sich bald in die begabte Christine. Aus diesem Grund versucht er, ihre musikalische Karriere voranzutreiben. Die Mittel, die er dabei nutzt, werden im Laufe der Handlung jedoch immer fragwürdiger. Als das Phantom die junge Frau schließlich in seine Welt unter der Oper entführt, reißt sie ihm die Maske ab und erschrickt vor seinem entstellten Antlitz. Getrieben von seiner Obsession mit Christine und der rasenden Eifersucht auf Raoul geht das Phantom sogar über Leichen. In einem packenden Finale stellt er Christine vor die Wahl: er oder Raoul.

Über 130 Millionen Zuschauer auf der ganzen Welt haben diese Handlung schon verfolgt. „Das Phantom der Oper“ von Sir Andrew Lloyd Webber und Richard Stilgoe gilt als das erfolgreichste Musical aller Zeiten. Erstmals aufgeführt wurde es am 9. Oktober 1986 am Her Majesty’s Theatre in London. Zwei Jahre später erreichte es auch den Broadway in New York und eroberte von dort aus die ganze Welt. Seit über einem Jahrzehnt wird es im Madách-Theater gezeigt. Das Budapester Schauspielhaus ist eines der ersten Theater, das das Musical als „Non-replica production“ aufführen durfte. Das heißt, das sowohl Kostüme als auch Choreographie von der Originalaufführung abweichen können.

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