Das positive Bild der Linken ist historisch begründet. Sie waren die ersten Verfechter des Naturrechts gewesen, Theologen der Aufklärung, die basierend auf dem vom französischen Philosophen Jean-Jacques Rousseau im Jahre 1762 verfassten „Gesellschaftsvertrag, dem „Contrat social“, zum ersten Mal die Idee verfochten, dass jedwede Staatlichkeit auf einem Vertrag zwischen freien Individuen beruhe. Sie waren es, die man im 18. Jahrhundert bereits als „socialistae“ bezeichnete, als Vertreter von Ideen, die als „gerecht“ und „einer Gemeinschaft zuträglich“ galten.


Frühsozialisten setzen auf Vernunft

Insofern waren es diese Aufklärer gewesen, die sich dann Mitte des 18. Jahrhunderts als erste gegen den so genannten Manchester-Kapitalismus wandten, einer ersten Form des „wilden Kapitalismus“ im England und im Europa der einsetzende Industrialisierung. Dieser Kapitalismus stand für Kinderarbeit, für Arbeitszeiten von bis zu 16 Stunden, für willkürliche Behandlung, Hungerlöhne, Altersarmut und Schutzlosigkeit bei Arbeitsunfällen. Von daher waren die Frühsozialisten engagierte Menschen gewesen, die moralisch argumentierten, die sich für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen einsetzten und die die Hoffnung hegten, dass jedwede Standesunterschiede langfristig überwunden werden können, dass die Völker der Erde sich dank der Vernunft und der Entwicklung der Wissenschaften über jede Form von Nationalismus und Völkerhass erheben werden. Zu ihnen zählten der Franzose Charles Fourrier (1772- 1837, der Engländer William Godwin (1756-1836) und der in Bonn geborene Moses Hess (1812-1875). Sie alle gehörten nicht der Arbeiterklasse an, sondern entstammten dem mittelständischen europäischen Bürgertum.

Ende des 19. Jahrhunderts spaltete sich diese frühsozialistische Bewegung dann auf, in den Anarchismus einerseits und andererseits in den Kommunismus und die parlamentarisch orientierte Sozialdemokratie. Letztere wurde im Deutschen Kaiserreich zu einer politisch bedeutenden Gruppe, insbesondere unter der Leitung von Ferdinand August Bebel (1840-1913), der sich vom radikalen Marxismus einer Rosa Luxemburg (1871-1919) und Karl Liebknecht (1871-1919) abwandte und den Sozialismus als Teil der parlamentarischen Demokratie verstand. Mit der blutigen Niederschlagung des Spartakusaufstandes am 12. Januar 1919 hatte sich die deutsche SPD dann gänzlich von dem radikalen Marxismus verabschiedet. Dieser konnte dann über Wladimir Lenin (1870-1924) erst in Russland und dann nach 1945 in ganz Osteuropa Fuß fassen. (1)


Demokratisierung des Sozialismus

Über die Demokratisierung des Sozialismus in Deutschland etablierte sich in Deutschland und in Frankreich ein positives Bild in Bezug auf alles Sozialistische, welches grundsätzlich als Vorreiter aller demokratischen und liberalen Entwicklungen gesehen wurde. Dass die konservativen Parteien später bestimmte sozialistische Ideen realpolitisch umsetzten, spielte keine Rolle mehr. So wurde etwa unter Reichskanzler Otto von Bismarck im Deutschen Kaiserreich die erste gesetzliche Krankenkasse eingeführt.

Darum steht alles „Linke“ in Deutschland und in Frankreich bis heute für Menschenrechte, für soziale Gerechtigkeit, für Frieden, Toleranz und für den Versuch der Völkerverständigung. An diesem Bild wurde im Laufe der kommenden Jahrzehnte auch nicht mehr gerüttelt. Ganz im Gegenteil, die 68er Bewegung mit ihren Hippies, ihren Liedern und blumigen „Sit-ins“ (2) fügten der sozialistischen Idee von Gleichheit und Demokratisierung noch einen Happening-Aspekt hinzu. Was waren es doch für lustige Zeiten, als es dank der Vollbeschäftigung so gut wie keine Arbeitslosigkeit gab, als „Make love not war“-Gestalten bärtig, langhaarig und in wallenden, bunten Gewändern durch die Straßen tingelten, laut Gitarre spielten und tanzten. Als in den Universitäten nicht mehr studiert, sondern debattiert wurde und in den Schulen die Lehrer plötzlich als Freunde der Schüler auftraten. Populäre politische Gestalten kamen auf, wie der Nazigegner und Sozialdemokrat Willy Brandt. Sie repräsentierten einen ganz neuen Anfang in Westdeutschland. Sie standen für die Überwindung einer altdeutschen Verwaltung, in denen immer noch Vertreter des Nationalsozialismus das Sagen hatten. (3)


Sozialdemokraten bekämpften Linksterroristen

Dass aus der linken 68er Bewegung auch terroristische Einheiten, wie die Rote-Armee-Fraktion hervorgingen, wurde aus dem schönen Bild ausgeblendet. Zumal diese von einem echten Sozialdemokraten bekämpft wurden, nämlich von Bundeskanzler Helmut Schmidt, der sich für den freiheitlichen Rechtsstaat und gegen den terroristischen Linksfanatismus einsetzte und dadurch erneut eine klare Trennlinie zog zwischen Linksextrem und den Werten einer demokratisch orientierten Sozialdemokratie. Ebenso ausgeblendet war der Alltag in den osteuropäischen Ländern, die hinter dem Eisernen Vorhang viel weiter weg waren, als die USA oder Australien.

Alles, was als „linker Wert“ auftrat, galt von daher als gut und erstrebenswert und diesem politischen Empfinden, diesem unwiderruflich linken Positivismus haben sich die konservativen Parteien Westeuropas in den darauffolgenden Jahrzehnten immer mehr unterworfen. Darum sind sie sozusagen „in die Mitte“ gerückt. Die Konservativen zog es immer weiter nach links, aber auch die Linken, als die neuen rechtsstaatlich gesinnten, „guten Demokraten“, zog es immer weiter nach rechts. In dieser Mitte der politischen Werte und eben aus der Tatsache heraus, dass auch die konservativen Parteien im Laufe der Jahrzehnte sehr viele ursprünglich sozialistische Werte umgesetzt haben, hat sich ein Pool aus „absolut guten Werten“ entwickelt und daraus schöpft die heutige Gesellschaft ihre gesamte politische Korrektheit, (4) die nicht in Frage gestellt werden darf.


Linke Terrorherrschaft im Osten

Ganz anders sah es im Osten Europas aus. Mit dem Ausbruch der bolschewistischen Revolution im Oktober 1917 geriet im Laufe der darauffolgenden Jahre nicht nur Russland unter eine linke Terrorherrschaft, sondern auch eine ganze Reihe anderer mittel- und osteuropäischer Staaten, zu denen die Räterepublik der Slowakei ebenso gehörte, wie die Terrorherrschaft in Ungarn unter Béla Kun. (5)

Schnell beherrschten Verfolgung und Tod diese Regionen und der Begriff „sozialistisch“ entwickelte hier im Gegensatz zum Westen keine positiv belegten Wertvorstellungen. Kommunisten und Sozialisten herrschten nach 1948 auch gemeinsam, eine parlamentarisch orientierte Sozialdemokratie, die mit anderen politischen Parteien in einen politischen Wettstreit tritt, konnte sich jedoch nicht wirklich etablieren. Natürlich erfuhren die Menschen eine Art sozialer Gerechtigkeit, man verdiente zwar wenig, aber alle waren gleich, man hatte Arbeit und profitierte von einem insgesamt funktionierenden Gesundheitssystem.

Es entstand ein kultureller Internationalismus, der Toleranz predigte, dann jedoch all jene verfolgte, die sich in Kirchen und religiösen Bewegungen engagieren wollten. Man sprach von der Befreiung der Arbeiter und Bauern, erschuf aber einen perfekt funktionierenden Kontrollapparat, der Andersdenkende verhaftete und hinrichtete. Hier etablierte sich ein doppelgesichtiges sozialistisches Wertesystem und die Menschen in Mittel-und Osteuropa wussten um diese Widersprüche, die sie zum Teil mit viel Humor ertrugen. Begriffe wie „links“ und „sozialistisch“ sind in diesen Regionen darum bei weitem nicht so positiv besetzt wie im Westen.


Linke Dissidenten scheiterten

Selbst der Versuch der jungen osteuropäischen und vor allem ungarischen Dissidenz unter Ivan Szelényi eine Art neuer linker Kulturbewegung ins Leben zu rufen, scheiterte. In den 70er Jahren ging es dieser Bewegung um eine Linke, die innerhalb der marxistischen Ideologie für eine relative intellektuelle Freiheit und geistigen Austausch stehen darf, um eine intellektuelle Linke, die es den sozialistischen Staaten ermöglichen würde, die ursprünglich sozialistischen Ideale realpolitisch zu verwirklichen.

Aus dieser Bewegung ging zwar eine eigene Intelligenzija hervor, zu der auch die im Westen sehr bekannte Philosophin Agnes Heller, der Schriftsteller György Konrad und auch Peter Esterhazy gehörten, aber sie blieb zu sehr dem Marxismus verhaftet. Das wurde dieser Bewegung nach dem politischen Wandel 1989 zum Verhängnis. Die osteuropäische und ungarische Bevölkerung konnte und kann mit ihnen weniger anfangen als die westeuropäischen Intellektuellen. Insofern ist der Linken in Mittel- und Osteuropa bis heute kein demokratischer Neuanfang gelungen. Sie definieren sich ausschließlich über ihre Opposition zu der so genannten „Rechten“, was nicht reicht, denn das allein bietet kein eigenständiges neues Programm.


Marxisten und Sozialdemokraten im EU-Parlament Hand in Hand

Es ist von daher wirklich seltsam zu sehen, wie im Europäischen Parlament eine Partei der Europäischen Sozialdemokraten sitzt, die sich aus zwei vollkommen unterschiedlichen sozialistischen Strömungen zusammensetzt: Aus osteuropäischen (ehemaligen) Marxisten und westeuropäischen Sozialdemokraten. Dass daraus Missverständnisse in Bezug auf die ungarische und mittelosteuropäische Politik entstehen, liegt auf der Hand.

Denn das, was die Nichtsozialisten in Mittel- und Osteuropa tun, wird von den dortigen Sozialisten immer noch durch die marxistische Brille gesehen und allzu gerne als „faschistisch“ definiert. Und die westlichen Sozialdemokraten übernehmen viele dieser Sichtweisen vollkommen unkritisch, da sie glauben sie sprächen die gleiche Sprache, wie ihre osteuropäischen Kollegen. Denn auch im Westen gibt es ja eine reale neofaschistische Gefahr.

Doch leider ist die Realität in Mittel- und Osteuropa eine vollkommen andere, was aufgrund des bestehenden Missverstӓndnisses jedoch nicht wahrgenommen wird. Hinzu kommt, dass der Westeuropӓer im Glauben ist, schon lange das „demokratischere System“ zu besitzen. Insofern hat er den „linken“ Werten gegenüber keine Distanz. Er erkennt nicht, dass „gute“ Werte auch missbraucht werden können. Sie haben ja bislang als Referenzwerte auch bestens funktioniert.

Der Osteuropӓer hingegen, der rund vierzig Jahre lang immer in Distanz zu ideologischen Werten stand, ist auch heute viel kritischer gegenüber dem, was die Mӓchtigen ihm anzubieten haben. Insofern besteht auch hier ein Widerspruch, der die Kommunikation zwischen Ost und West nicht leichter macht.

Die Autorin publiziert Artikel und produziert Radiosendungen zu politischen Themen und religionshistorischen Debatten in Europa und Israel. Sie wuchs in Heidelberg auf, studierte in Paris und lebt seit 1990 abwechselnd in Bukarest, Paris und Budapest.

1. Die österreichische Slawistin Elisabeth Heresch hat in Büchern wie Geheimakte Parvus oder die gekaufte Revolution zum ersten Mal ausführlich dokumentiert, wie das Deutsche Kaiserreich den Sturz des Zaren und die gesamte bolschewistische Revolution in Russland finanziert hat. Wladimir Lenin wurde ebenfalls dank deutscher Intervention nach Russland eingeschleust. Die Verantwortung des Deutschen Kaiserreiches für den Sieg des Bolschewismus in Russland wird sicherlich ein noch viel diskutiertes Thema werden.


2. So nannte man die Blockaden auf den örtlichen Straßenbahnschienen oder in den Bahnhöfen oder auf öffentlichen Plätzen. Dort saßen die Demonstranten, sangen und verteilten Blumen an die Bevölkerung. Für uns Schüler waren das bunte und fröhliche Veranstaltungen, die uns zudem erlaubten „zu spät“ zum Unterricht zu kommen. Zudem durfte man dann auch mit dem Fahrrad in die Schule fahren, was an den Nachmittagen nach dem Schulunterricht zu gemeinsamen Fahrradausflügen führte.


3. Die so genannte „Denazifizierung“ wurde 1949 vom christdemokratischen Bundeskanzler Konrad Adenauer gestoppt, da sie große Lücken in den Verwaltungsapparat riss. Die Regierung sah sich genötigt, „belastete Personen“ beim Aufbau eines westdeutschen Bollwerkes gegen den Kommunismus mit heranzuziehen. Das hinterließ jedoch den Eindruck einer Nazi-Kontinuität innerhalb der Bundesrepublik. Der NS-Verwaltungsjurist Hans Globke blieb ebenso in Amt und Ehren, wie der CDU-Abgeordnete Kurt Georg Kiesinger, der bis 1945 ein aktives Mitglied der NSDAP gewesen war.


4. Es wäre sicherlich ein wichtiger Teil der politologischen Forschung, herauszuarbeiten, wie es zu dieser Entwicklung kommen konnte.


5. Im Osten und Süden der heutigen Slowakei existierte vom 16. Juni bis 7. Juli ein kommunistischer Marionettenstaat. In Ungarn existierte zwischen dem 21. März und dem 1. August 1919 eine kommunistische Räterepublik.

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