Das Auto als Fortbewegungsmittel ist aus unserem heutigen Alltag nicht mehr wegzudenken. Vor mehr als hundert Jahren baute der deutsche Erfinder Carl Benz das erste praxistaugliche Fahrzeug mit Gasmotorantrieb. Im Januar 1886 meldete er seinen dreirädrigen „Motorwagen“ beim Kaiserlichen Patentamt zum Patent an. Doch wie sich die Automobilindustrie von hier an weiterentwickeln würde, das hätte sich Benz damals nicht erträumen können. Auch wir haben nur eine sehr vage Vorstellung davon, wie die Automobile der Zukunft aussehen könnten. Werden sie fliegen? Werden sie einen Elektroantrieb haben und werden sie überhaupt noch einen Fahrer benötigen?

Derzeit entsteht in der Nähe des westungarischen Zalaegerszeg eine Teststrecke, auf der die Autos der Zukunft schon bald auf Herz und Nieren geprüft werden sollen.


Die Entstehungsphase

Das als ZalaZone bezeichnete Projekt wurde im April 2017 in Angriff genommen und erstreckt sich auf einem 265 Hektar großen Gebiet. In das modernste, autoindustrielle Projekt Mitteleuropas sollen insgesamt rund 42 Milliarden Forint investiert werden.

Der Bau unterliegt gehobenen Sicherheitsanforderungen und geht sogar über Vorschriften hinaus, die etwa für das Errichten einer Autobahn gelten. Über 1.300 Mitarbeiter arbeiten tagtäglich daran, dass bis zur Fertigstellung alles auf den Millimeter genau stimmt. ZalaZone ist aber nicht nur ein Projekt der Autoindustrie. Auch Entwicklungen im Bereich der Telekommunikation und der Infrastruktur können hier getestet werden. Die Tests könnten unter anderem dabei helfen, die Voraussetzungen für rechtliche Rahmenbedingungen des Verkehrs der Zukunft zu prüfen. Zur Verwirklichung all dieser Ziele pflegt ZalaZone auch enge Beziehungen zu verschiedenen Universitäten in Ungarn.

Der Grund dafür, dass das 240 Kilometer von Budapest entfernte Zalaegerszeg als Standort gewählt wurde, ist, dass sich in der Region zahlreiche Autohersteller und Zulieferer befinden.


Aufbau der Teststrecke

Wer die bekannteste ungarische Rennstrecke, den Hungaroring, kennt, hat vielleicht eine grobe Vorstellung davon, wie eine Teststrecke aussieht. Die ZalaZone übertrifft diese Erwartungen jedoch bei Weitem.

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Das Empfangsgebäude der ZalaZone.
Die Autos können hier auf verschiedenen Ebenen getestet werden. Die erste Ebene beinhaltet die Testbahn selbst mit ihrer einzigartigen, nachgebauten Kleinstadt, der sogenannten „Smart City Zone“. Doch die Tests werden nicht nur hier ausgeführt, sondern beziehen auch das nahe gelegene Zalaegerszeg mit ein. Neben der eigentlichen Teststrecke wurden auch Autobahnanbindungen erbaut, auf denen ebenfalls unterschiedliche Versuche durchgeführt werden. Die potenzielle weitere Testbahn zieht sich dann von Zalaegerszeg über Budapest, Győr, Szombathely und endet wieder am Ausgangspunkt. Sollte jemand die Autos auf internationaler Ebene testen wollen, ist auch dies möglich, so etwa auf der Autobahn von Zalaegerszeg über Graz bis ins slowenische Maribor.

Die Testbahn selbst beinhaltet verschiedene Strecken, die jeweils unterschiedliche Situationen und Fahrbahnbedingungen simulieren. Erbaut werden die Strecken in drei Etappen. Die erste begann 2018 und endete bereits im Januar 2019. Dabei wurden zunächst die wichtigsten Module entwickelt: etwa der dynamische Parcours (eng.: dynamic surface), der Handlingkurs (eng.: handling course), der Bremsparcours (eng.: braking surfaces) und die Landstraßen sowie ein Drittel der „Smart City Zone“.

In einer zweiten Etappe wird derzeit der ovale Hochgeschwindigkeitsparcours (eng.: high-Speed oval), die Autobahn und weitere Strecken der „Smart City Zone“ errichtet.

In der letzten Etappe sollen die sogenannten „schlechten Straßen“, die Steigungen, Lärmtestsabschnitte und die Wasserbecken errichtet werden.


Hochgeschwindigkeitsmanöver unter sicheren Bedingungen

Der dynamische Parcours ist ein speziell asphaltiertes Modul. Er ermöglicht eine gefahrlose Ausführung von Hochgeschwindigkeitsmanövern. Die Autos können hier unter sicheren Bedingungen auf bis zu 200 Stundenkilometer beschleunigen. Der Parcours ist kreisförmig und hat einen Durchmesser von 300 Metern.

Auf dem Bremsparcours hingegen werden verschiedene Bremssysteme getestet. Er hat ein speziell eingebautes Bewässerungssystem und ist 200 Meter lang.

Der Handlingkurs besteht aus einer kleinen und aus einer großen Fahrbahn. Hier werden hauptsächlich die Fahrdynamikregelung und die Lenkung getestet. Die große Fahrbahn umfasst eine Länge von 2.030 und eine Breite von zwölf Metern. Auf dieser Strecke kann man eine Geschwindigkeit von 120 Stundenkilometern erreichen. Die kleine Strecke hingegen ist 1.330 Meter lang und ermöglicht eine Geschwindigkeit von bis zu 60 Stundenkilometern.

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Die „Smart City Zone“ ist eine einzigartige und komplexe Entwicklung. Der zu Testzwecken errichtete Nachbau einer Kleinstadt enthält alle stadttypischen Elemente, wie etwa Bushaltestellen, ein Parkhaus, Kreisverkehre, Ampeln und Gebäudefassaden. Auf weiteren Straßenabschnitten kann man beispielsweise überprüfen, ob Elektroautos auch bei Hochwasser mit 60 bis 70 Zentimeter hohen Wasserständen noch den Sicherheitsstandards gerecht werden.


Ziele von ZalaZone

Das wichtigste Ziel des ZalaZone-Projekts ist die Schaffung einer komplexen und einzigartigen Testumgebung für die vollständige Prüfung selbstfahrender und elektrisch angetriebener Fahrzeuge. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Entwicklung von verschiedenen Forschungslaboren. Zukünftig soll auf den Teststrecken auch ein IT-Netzwerk entwickelt werden, das Mobilfunk auf 5G-Niveau anbietet.

Langfristig helfen Teststrecken wie die in Zalaegerszeg die Sicherheit von Autos zu erhöhen und die Zahl von Autounfällen zu verringern. Die Forschung und die Entwicklungstests, die hier stattfinden, könnten mit dazu beitragen, dass es zukünftig weniger Staus gibt, die Menschen bequemer an ihr Ziel kommen und dabei auch noch viel Zeit sparen. Die ZalaZone soll voraussichtlich bis Ende 2020 fertiggestellt werden.

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