Herr Weeks, wie würden Sie ELI einem Zehnjährigen erklären?

ELI ist das Kürzel für „Extreme Light Infrastructure“. Es handelt sich dabei um die stärksten Laser der Welt! Es gibt natürlich noch andere, leistungsstarke Laser. Doch sind diese meist zweckgebunden, zum Beispiel für den Anwendungsbereich der Kernfusion. Unsere Laser sind für die unterschiedlichsten wissenschaftlichen Forschungen geeignet. Man kann also mit ihnen experimentieren. Wichtig ist hierbei, zu wissen, dass die Laser nicht gerade handlich sind, sondern mehrere Räume füllen können.

Der Lichtstrahl des Lasers strahlt auch nicht kontinuierlich, wie beispielsweise das Licht einer Glühbirne, sondern er pulsiert. Ähnlich wie der Blitz einer Kamera. Mit dem Strahl kann auch etwas angeschossen werden, um die Reaktion darauf auszutesten. Die Frequenzen des Strahls sind ganz kurz und das macht ihn so leistungsstark. Das lässt sich so erklären: Stellen Sie sich vor, sie haben eine gewisse Menge an Energie und drücken diese zusammen. Es bleibt die gleiche Menge Energie, nur ist sie komprimierter und damit intensiver. Wir komprimieren Laserstrahlen auf sehr kurze Zeiträume, bis auf ein Billionstel eines Milliardstels einer Sekunde. So lange braucht Licht, um ein Atom zu durchqueren. Diesen Zeitraum nennt man eine Femtosekunde. In diesem Laserstrahl hat man dann im Grunde genommen die gesamte Energie, welche auf der Erde an einem Tag verbraucht wird, vereinigt. Das ist für Wissenschaftler sehr aufregend!


Und wofür stehen „ELI-DC“, „ELI-ERIC“ und „ELI-ALPS“?

ELI-DC steht für ELI-Delivery Consortium und wurde 2013 gegründet. Dieses Konsortium wurde mit dem Zweck eingerichtet, die nachhaltige Entwicklung und koordinierte Umsetzung der ELI-Forschungseinrichtungen in Ungarn, der Tschechischen Republik und Rumänien zu gewährleisten. Das Ziel war hierbei ELI als „European Infrastructure Consortium“ (ELI-ERIC) zu etablieren. ELI-ERIC soll eine weltweit führende Organisation werden. Die ELI-Einrichtungen sollen von europäischen und internationalen Mitgliedsländern genutzt und finanziert werden. ELI-ALPS ist der Name des ungarischen Teils von ELI in Szeged. ALPS steht für „Attosecond Light Pulse Source“. Diese Einrichtung widmet sich unter anderem der Beobachtung und Aufnahme von Atomen und Molekülen auf der Ebene von Attosekunden.


Was macht ELI-ERIC für Europa so wichtig?

ELI gehört in Europa zu den bedeutendsten Forschungsprojekten der letzten Jahre. Das Ziel ist es, dadurch eine offizielle europäische Forschungsinfrastruktur zu schaffen. Das ESFRI oder European Strategy Forum on Research Infrastructures hat entschieden, dass ELI eins der Top-Projekte in ganz Europa ist. Es ist nicht nur aus wissenschaftlicher Sichtweise höchst interessant, es ist auch auf politischer Ebene von Bedeutung. Für ein ausgeglichenes Europa ist es wichtig, dass sich Forschungseinrichtungen nicht nur auf bestimmte Regionen konzentrieren.


Sie sind der Generaldirektor von ELI-DC. Was genau ist Ihre Aufgabe?

Wir planen ELI-ERIC seit fast sechs Jahren. Bevor es starten kann, müssen jedoch die Gebäude und Instrumente stehen. Und kurz vor diesem Wendepunkt befinden wir uns nun. Mein Job ist es, nicht nur die drei Gastländer zusammenzubringen, sondern auch Deutschland, Italien, Frankreich und Großbritannien. Und das ist eine außergewöhnliche Aufgabe. Es gibt nämlich nicht besonders viele internationale, große Laboratorien in Europa. Und die, die es gibt, beschränken sich meist auf Länder wie Frankreich, Deutschland oder zum Beispiel das CERN in der Schweiz.


Wieso wurden hierfür Ungarn, die Tschechische Republik und Rumänien auserkoren?

Zunächst einmal deshalb, weil diese Länder es wollten. Finanziell möglich gemacht hat es wiederum die Unterstützung durch den europäischen Strukturfonds. Außerdem hielten es die EU-Kommission sowie weitere relevante europäische Instanzen für eine gute Idee, diesen Ländern die Chance zu geben, ihren Wissenschafts- und Technologiesektor weiterzuentwickeln. ELI soll klugen Köpfen in dieser Gegend eine neue Forschungsmöglichkeit bieten.


Und wieso wurde ausgerechnet die Stadt Szeged als ungarischer Standort ausgewählt?

Es ist ja offensichtlich, dass sich in Ungarn vieles in Budapest abspielt. Aber da Ungarn mit seinen knapp zehn Millionen Einwohnern nicht nur aus Budapest besteht, hatten wir uns dazu entschlossen, einen anderen Standort zu wählen. Die Stadt Szeged wurde hauptsächlich aufgrund ihrer Universität ausgesucht. Deren Forscher haben bereits Vorkenntnisse in Bezug auf Lasertechnologie. Außerdem ist der Flughafen nicht allzu weit entfernt und Szeged ist gut über die Autobahn erreichbar. Szegeds gut ausgebaute Infrastruktur und lebendiges Kulturleben garantieren zudem, dass sich internationale Forscher hier wohlfühlen werden. Wenn das ELI fertiggestellt ist, werden sich mit sehr großer Wahrscheinlichkeit weitere Forschungseinrichtungen und Unternehmen in diesem Gebiet ansiedeln.


Wie weit sind die Arbeiten an der Forschungseinrichtung in Szeged?

Das Gebäude steht schon seit Juni 2017. Die Strahllinien, in denen sich die Experimente abspielen werden, sollten bis Anfang 2020 funktionstüchtig sein. Wie so viele naturwissenschaftliche Instrumente können Laser nicht einfach nur an den Strom angeschlossen werden, um einsatzfähig zu sein. Es braucht zwei bis drei Jahre, um die Laser zu justieren. Ähnlich wie bei einem neuen Formel-1-Wagen müssen erst alle Gerätschaften auf der Rennstrecke vorsichtig getestet werden, bevor man Vollgas geben kann. Ein vorschnelles Handeln könnte die Laser beschädigen. Diesen Zeitraum nennen wir die Inbetriebsetzungsphase. Wir sind somit auf einem guten Weg. Die Forscher klopfen schon bei uns an, um die Einrichtung zu nutzen.


Wird die Forschungseinrichtung bereits genutzt?

Wir befinden uns wie gesagt in der Inbetriebsetzungsphase. Doch die Laser in Szeged werden bereits ab und zu von sogenannten „friendly users“ genutzt. Damit ist gemeint, dass Forscher die Instrumente im Testbetrieb nutzen können. Deren gesammelte Erfahrungen helfen uns wiederum, die Laser für die eigentliche Inbetriebnahme vorzubereiten. Der Testbetrieb läuft bereits seit November 2017. So hatten wir beispielsweise schon Forscherteams aus Frankreich und Griechenland in Szeged. Es ist also bereits möglich, die Laser in beschränktem Umfang zu nutzen. Doch der offizielle Start ist nächstes Jahr.


Sie sind seit fast zwei Jahren der Generaldirektor von ELI-DC. Auf welche Herausforderungen blicken Sie zurück?

Ein Projekt dieser Größenordnung ist natürlich eine Herausforderung. So ist die ELI-Einrichtung in Rumänien technisch besonders anspruchsvoll und wird deswegen mehr Zeit brauchen. In Szeged und Prag verläuft die Umsetzung recht problemlos. Die größte Herausforderung ist es, die Einigungsbemühungen zum ELI-ERIC-Beitritt von Frankreich, Deutschland, Italien und Großbritannien voranzutreiben. Die Gastländer der ELI-Einrichtungen hatten sich hierbei eine schnellere Lösung erhofft, da sie zurzeit den Großteil der Kosten allein tragen. Doch die derzeitigen Verhandlungen mit diesen Staaten verlaufen erfolgversprechend.


Was sagen Sie dazu, dass drei Forscher aus Protest die Forschungseinrichtung in Szeged verlassen haben?

Das war vor allen Dingen ein Missverständnis. Wir haben in jeder Einrichtung einen beratenden Wissenschaftsausschuss. Diese Gruppe von Wissenschaftlern trifft sich seit sechs Jahren, um über die Fortschritte von ELI zu beraten. Der Ausschuss gibt hierzu Rückmeldungen und macht Vorschläge. Nun befinden wir uns in einer kritischen Phase, zwischen der Errichtung und Inbetriebnahme der Anlage. Und seit dem vorherigen Jahr gibt es in Ungarn einen neuen Minister für Innovation und Technologie namens László Palkovics, der das Projekt kennenlernen wollte. Da er kein Experte für Laserwissenschaften ist, hat er Fachleute zur ELI-ALPS Einrichtung geschickt. Der beratende Wissenschaftsausschuss und die Fachleute des Ministeriums waren teilweise unterschiedlicher Meinungen, weshalb drei Forscher den Ausschuss verlassen haben.

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„Für ein ausgeglichenes Europa ist es wichtig, dass sich Forschungseinrichtungen nicht nur auf bestimmte Regionen konzentrieren.“ (Foto: BZT / Nóra Halász)

Situationen wie diese sind in Projekten keinesfalls unüblich, wenn eine neue Phase beginnt. Ungewöhnlich ist hingegen, dass daraus eine große öffentliche Diskussion entsteht. Grund hierfür ist vielleicht, dass Minister Palkovics die Initiative ergriffen hatte, um ELI voranzubringen. Zur gleichen Zeit hatte außerdem der bisherige Leiter von ELI-ALPS gekündigt. László Jakab ist der neue Interimsmanager der Einrichtung. Seine Managementerfahrung ist in der jetzigen Phase des Projekts sehr wichtig. Die wissenschaftliche Leitung übernimmt nun Prof. Katalin Varjú. Sie ist seit sechs Jahren an ELI beteiligt und weiß, wie man die Laser einrichtet und nutzt. Das Ministerium hatte also nur die Absicht, das Projekt auf einen guten Weg zu bringen, um ELI-ERIC zu ermöglichen.


Was sind die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen ELI und Projekten, die Sie zuvor gemanagt haben?

Manchmal haben einheimische Wissenschaftler kleinerer Länder die Sorge, dass durch internationale Projekte wie ELI, etwas von ihrem potenziellen Budget weggenommen wird. In meiner Zeit als Manager an einem vergleichbaren Projekt im schwedischen Lund habe ich die gleiche Reaktion mitbekommen. Tatsächlich ist dem nicht so! Die Kosten für die Errichtung ELIs wurden größtenteils über EU-Fördergelder finanziert und sind damit nicht Teil des nationalen Wissenschaftsbudgets. So gesehen ist ELI eine Chance für Ungarn. Es handelt sich um eine Einrichtung von Weltklasse direkt in Szeged! Außerdem sind die Laser unglaublich vielseitig und können von Forschern aus den unterschiedlichsten naturwissenschaftlichen Disziplinen genutzt werden, von der Biologie bis zur Astrophysik. Alles was sie dafür tun müssen, ist einen Antrag zu stellen.


Wie wird das Projekt, abgesehen von der EU-Förderung, die 85 Prozent ausmacht, finanziert?

Die 85 Prozent beziehen sich nur auf den Bau von ELI-Anlagen. Wir sind in den Verhandlungen gerade dabei, zu klären, wer wie viel der Betriebsausgaben übernimmt. Als ELI-Gastgeber hat man bestimmte Vorteile. So bekommt Ungarn für seine Einrichtung beispielsweise operative und finanzielle Unterstützungen aus Deutschland. Dabei handelt es sich im Kern um eine Auslandsinvestition. Andererseits hat es für Deutschland auch Vorteile in ELI anstatt in eigene Labore zu investieren. Der einfache Grund hierfür ist, dass ELI führend in Sachen Lasertechnologie ist. Die Nutzer dieser leistungsstarken Laser können also nach Ungarn kommen, um zeitweise hier zu forschen, und müssen sich nicht um die Wartung oder Ähnliches kümmern.

Natürlich kann man aber nicht einfach auftauchen und mit den Lasern Experimente durchführen. Die Forscher müssen einen wissenschaftlichen Antrag stellen, welcher einer Bewertung des Wissenschaftsausschusses standhalten muss. Im Laufe der Zeit werden wir uns über die Anzahl und Art der akzeptierten Anträge einen Überblick verschaffen. Und wenn dabei zum Beispiel auffällt, dass aus einem Land besonders viele Forscher ELI nutzen, dann sollte dieses Land auch mehr bezahlen! Aber das wissen wir jetzt noch nicht. Ungarn hat bereits beträchtliche Mittel für ELI bereitgestellt und wird auch weiterhin investieren. Der Betrieb von ELI wird jährlich mehrere Millionen Euro kosten. Doch britische Studien haben belegt, dass Projekte wie diese für jedes ausgegebene Pfund, sechs Pfund Gewinn einbringen.


Gefährden die Brexit-Verhandlungen den Beitritt Großbritanniens zum Projekt?

Darüber waren wir eine gewisse Zeit lang tatsächlich besorgt. Letzte Woche hat uns jedoch ein britischer Kollege versichert, dass Großbritannien weiterhin in der Lage sein wird, Teil von ELI zu sein. Das waren sehr gute Nachrichten.


Können Sie uns ein Beispiel für den Nutzen von ELI nennen?

Laser sind in der Industrie und für unseren Alltag von großem Nutzen. Ein Beispiel hierfür ist die Möglichkeit, die Umwandlung von Elementen zu erforschen. So könnte es beispielsweise möglich sein, die Halbwertszeit von radioaktiven Stoffen zu verringern. Dabei handelt es sich um eine wissenschaftliche Initiative des 2018 mit einem Nobelpreis ausgezeichneten Physikers Gérard Mourou. Der französische Laserspezialist ist sozusagen der Vater der Idee hinter ELI. Er hatte schon vor langer Zeit die Idee, Laser zur Teilchenbeschleunigung zu verwenden. Damit lässt sich die Struktur eines Atoms verändern und beispielsweise der Grad der Radioaktivität verringern. Die Halbwertszeit von radioaktivem Abfall könnte somit von 30.000 Jahren auf einige hundert Jahre reduziert werden. Das ist für einen Menschen immer noch sehr viel Zeit, es begrenzt aber die Lagerung der Stoffe immerhin auf einen überschaubaren Zeitraum. Wir werden in Szeged aber nicht mit nuklearen Abfällen arbeiten, doch mit den Experimenten zeigen wir auf, dass die Laser dafür von Nutzen sind. Das wird nicht morgen geschehen, aber es sieht sehr vielversprechend aus.

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Allen Weeks managet seit 2005 Forschungseinrichtungen. Dadurch verfügt er über ein detailliertes Verständnis und ein umfangreiches Netzwerk im europäischen Kontext. Weeks hat einen Bachelorabschluss in Telekommunikationstechnik und einen Master in Betriebswirtschaftslehre. In seiner vorherigen Position hat er den Aufbau der „European Spallation Source ERIC” (ESS) geleitet, einer Großforschungseinrichtung im schwedischen Lund. Allen Weeks hat seit 1992 in verschiedenen europäischen Ländern gelebt, nennt aber Slowenien sein Zuhause. Geboren wurde Weeks im US-Bundesstaat Alabama.

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