Nach der Messe treffen sich die gläubigen Kopten im Hinterhof der Kirche der Heiligen Jungfrau Maria und des Erzengels Michael, der einzigen koptisch-orthodoxen Kirche Ungarns. Die Menschen genießen das schöne Wetter, essen zusammen und unterhalten sich. Kinder spielen mit einem Fußball. Die Stimmung ist gut. Pater Khalil, ein älterer Mann leitet die Kirchengemeinde. Insgesamt, so erzählt er, zähle sie etwa 500 Personen oder 100 Familien. Es gebe auch einige Studenten und Singles unter ihnen.


Entstehung des koptisch-orthodoxen Glaubens

Der Beginn des koptischen Glaubens reicht bis ins erste Jahrhundert zurück. Sorgfältig erläutert Pater Khalil die Geschichte des Heiligen Markus, welcher vom Heiligen Petrus getauft wurde und zusammen mit dem Heiligen Paulus nach Ägypten gereist sein soll. Durch ihn habe sich dort das Christentum etabliert. Die Ägypter seien zur damaligen Zeit für die Geschichte Jesus Christus prädestiniert gewesen, denn diese suchten schon immer nach dem ewigen Leben, so Pater Khalil. Im Jahre 68 nach Christus, so nimmt man an, starb der Evangelist Markus den Märtyrertod. Er gilt als erster Patriarch der koptisch-orthodoxen Kirche.

Die Geschichte des koptischen Christentums oder „Das Wunder des Fortbestandes“, wie die Soziologin Ghada Botros im Journal of Historical Sociology schreibt, besteht aus zahlreichen Facetten der kulturellen und religiösen Konservierung des spezifisch ägyptischen Christentums.

Besonders eklatant für die Eigenart und die spezifische Geschichte der Kopten ist das im Jahr 451 nach Christus stattfindende Konzil von Chalcedon. Dieses Datum markiere, so Botros, den Beginn der nationalen christlichen Kirche in Ägypten. Bis dahin predigten die ägyptischen Christen im Einklang mit jenen aus Europa. Es gibt unterschiedliche Ansichten über die Gründe für die Kirchenspaltung. Einerseits, wie auch in der Zeitschrift für Islam and Christian-Muslim Relations von Randall P. Henderson beschrieben, gab es einen theologischen Streit über die Natur beziehungsweise die Naturen Jesus Christus. Nach der Meinung Roms und Konstantinopels soll Christus sowohl eine menschliche als auch eine göttliche Natur, unvermischt und unverworren, innegehabt haben.

Nach Meinung der östlichen, orientalischen Christen ist die Natur von Christus sowohl göttlich als auch menschlich, jedoch unzertrennlich und damit nur als eine Einzelne anzusehen gewesen. Dies führte dazu, dass die orientalischen Christen, zu denen etwa auch aramäische oder armenische Christen zählen, als Monophysiten oder Miaphysiten bezeichnet werden. Tatsächlich könnte es sich bei dem Schisma von 451 aber in erster Linie um politische Auseinandersetzungen und Einflussnahme zwischen dem Patriarchat von Alexandria und jenem von Konstantinopel gehandelt haben, so Botros.


Arabische Eroberung Ägyptens und Situation heute

Geringere Aufmerksamkeit im eigenen historischen Verständnis und der Identitätsbildung koptischer Christen wird der arabischen Eroberung Ägyptens 641 zuteil. Zu jener Zeit sollen etwa 80 Prozent aller Ägypter Christen gewesen sein. Es gibt unterschiedliche Ansichten darüber, wie viel Prozent der heutigen Bevölkerung Ägyptens Christen sind. Der Fischer Weltalmanach beziffert diese mit einem Anteil von etwa zehn Prozent an der Gesamtbevölkerung (Stand 2006).

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Die Kirche der Heiligen Jungfrau Maria und des Erzengels Michael befindet sich im XVIII. Budapester Bezirk.

In der ersten Zeit nach der arabischen Eroberung herrschte noch eine relativ gute Beziehung zwischen der Kirche und den neuen muslimischen Anführern. Mit der Einführung der Dhimma, einer Art Schutzvertrag verbunden mit einer Zahlungspflicht, erhielt die christliche Bevölkerung einen Sonderstatus. Durch Konversion zum Islam wurde man von der Zahlung der sogenannten Dschizya, übersetzt Kopfsteuer, befreit.

In jüngster Vergangenheit waren Kopten immer wieder von Anschlägen extremistischer Gruppen betroffen. Pater Khalil bezeichnet die Situation heute jedoch als gut. Jedenfalls sei die Lage der christlichen Minderheit in Ägypten nicht so schlimm wie etwa während der Herrschaft der Muslimbruderschaft. Der amtierende Präsident Abd al-Fattah as-Sisi respektiere die christliche Bevölkerung sehr und behandle diese wie normale Ägypter, so Khalil. Wenn es doch zu Problemen komme, dann seien diese nur individueller Natur.

Die Emigration aus Ägypten sei derzeit sehr gering und die finanzielle, die religiöse und die soziale Situation wären heute um einiges besser. Viele beispielsweise nach Europa emigrierte Kopten würden sogar an eine Rückkehr nach Ägypten denken, so Pater Khalil. Selbst besuche das Oberhaupt der Budapester koptisch-orthodoxen Kirche sein Herkunftsland zwei- bis dreimal im Jahr. Bei dieser Gelegenheit, so sagt er, könne er sich gut ein Bild von den Gegebenheiten vor Ort machen.


Koptische Sprache und die Kirchenorganisation

Die koptische Sprache leitet sich von der altägyptischen Sprache der Hieroglyphen ab. Sie ist deren jüngste Entwicklungsstufe, gehört zur afroasiatischen Sprachfamilie und bildet innerhalb dieser einen eigenen Zweig. Sie wird als Sakralsprache in den Gottesdiensten der koptisch-orthodoxen Kirche verwendet.

The Cambridge History of The Bible erklärt die Etymologie der Worte Kopte oder koptisch. So leiten sich diese vom arabischen Wort „qubt“ ab, welches seinen Ursprung wiederum in der griechischen Bezeichnung „Aigyptios“, für die indigene Bevölkerung Ägyptens hat.

Der Kirchengemeinschaft steht der koptisch-orthodoxe Papst vor. Dieser heißt seit 2012 Tawadros II. Ihm zur Seite steht der Heilige Synod, bestehend aus Metropoliten (Oberbischöfen) und Bischöfen. Die Kirche wird geographisch in einzelne Diözesen eingeteilt. In Ägypten existieren derzeit mehr als 80 Diözesen. Aber auch außerhalb von Ägypten leben viele koptische Christen, etwa in Europa oder Amerika. Allesamt unterstehen dem Papst von Alexandria.


Zwischen Herkunft und neuer Heimat

Die Gemeinde von Pater Khalil in Ungarn wachse nur langsam. Dies erkläre er sich durch die geringe politische und wirtschaftliche Attraktivität des Landes für Flüchtlinge. Dennoch fühle er sich hier sehr willkommen. Die koptisch-orthodoxe Kirche in Budapest genieße die gleichen Rechte wie alle anderen anerkannten Kirchen des Landes. Als besonderes Zeichen der Wertschätzung durch die neue Heimat Ungarn, erzählt Pater Khalil vom Besuch des vorherigen koptisch-orthodoxen Papstes Shenouda III., der auf Einladung der Regierung im Jahr 2011 nach Budapest kam. Bei dieser Gelegenheit weihte der Papst die Kirche im XVIII. Bezirk ein und erhielt zudem die Ehrendoktorwürde der katholischen Péter-Pázmány-Universität in Budapest.

Als Migrant würde man sich intensiver an seine religiöse Herkunft als Identität stiftender Faktor klammern, so die Soziologin Ghada Botros. Dass Kopten auf ihre Herkunft stolz sind und ihren Glauben gerne vorstellen, hat auch Pater Khalil durch seine Worte bestätigt. Das Blut in seinen Adern würde auf eine 7.000 Jahre andauernde Geschichte zurückgehen, erzählt der Ägypter. Nicht aber, ohne gleich darauf klarzustellen, dass er ebenfalls stolz darauf sei, nun auch Ungar zu sein. Ungarn habe seine Kirche umarmt, seine Leute, seine Gemeinde. Als spiritueller Vater schätze er das Land sehr, insbesondere, da er spüre, dass sich seine spirituellen Kinder hier wohlfühlen.

Die koptisch-orthodoxe Kirche hat als Teil der christlichen Gemeinschaft eine isolierte und spezielle Geschichte. In Anlehnung an den Buchtitel eines koptischen Physikers könnte man behaupten, diese Kirchengemeinschaft habe die Zeit wie eine „Lilie zwischen den Dornen“ überdauert.

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