„Wir sind Sophie und Lujza und wir wollen euch heute die ungarische Küche etwas näher bringen“, begrüßt das zweiköpfige Team hinter der Kulturkochschule Failed Housewives of Budapest am späten Vormittag ihre Gäste. Die kleine Gruppe hat sich als Treffpunkt den Pester Jászai Mari tér gewählt. Von hier aus geht es die Flaniermeile des XIII. Bezirks, die Pozsonyi út, entlang.


Sightseeing für Fortgeschrittene

Die Teilnehmer haben sich auf mehr als einen einfachen Kochkurs eingestellt, denn in dem rund vierstündigen Programm soll es vor allem darum gehen, die Ungarn besser verstehen zu lernen. In der Praxis beginnt das mit einem kleinen Stadtrundgang durch das Budapester Viertel Újlipótváros (zu Deutsch Neuleopoldstadt). Wie Sophie erzählt, galt dieses, als es Anfang des 20. Jahrhunderts gebaut wurde, als eines der modernsten Wohnviertel der Stadt, mit Thermalwärmeheizung, Toiletten in jeder Wohnung und fließend warmem und kaltem Wasser. Die hauptsächlich im Stil der Moderne errichteten Gebäude erfreuten sich damals vor allem bei einem gutbürgerlichen Publikum großer Beliebtheit. Das sei etwa daran zu erkennen, dass viele Wohnungen hier so geschnitten seien, dass neben der Küche noch eine kleine Kammer existiere. „Hier wohnte früher die Haushaltshilfe“, erklärt Lujza.

Sie macht die Gruppe auch auf ein Denkmal an einer Häuserwand aufmerksam. Es zeigt den schwedischen Diplomaten Raoul Wallenberg. Vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war der Anteil der jüdischen Bevölkerung in Újlipótváros hoch. Viele der jüdischen Anwohner wurden jedoch unter der Ägide der Nazis Mitte der Vierziger Jahre ghettoisiert, in Lager deportiert oder sogar in die Donau geschossen. Wallenberg rettete viele von ihnen mithilfe von schwedischen Schutzpässen und der Unterbringung in geschützten Häusern. „Auch meine Großmutter hat nur dank der Hilfe Wallenbergs überlebt“, erzählt Sophie, die selbst hier im Viertel aufgewachsen ist. Heute würden in Újlipótváros noch immer viele Menschen mit jüdischen Wurzeln leben, aber auch ein bunter Mix aus jungen Familien, Künstlern und, wie die junge Ungarin sagt, „Hipstern“.

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Einkaufstipps abseits der Touristenquartiere

Da es an diesem Tag aber nicht nur um Stadtgeschichte gehen soll, geben Lujza und Sophie auch Einkaufstipps, verraten in welcher Markthalle sie am liebsten Besorgungen machen und führen die Teilnehmer sogar in eine kleine Artisanbäckerei. Hier bereiten Ungarn nach französischem Vorbild Brot, Croissants und diverse Küchlein zu, erklärt Sophie. Das Konzept scheint anzukommen, denn am späten Vormittag ist das Lokal brechend voll. Auf kleinen Fensterbänken und an einigen wenigen Cafétischen tummeln sich bei Kaffee und Gebäck sogar ein paar Arbeitsnomaden mit ihren Laptops. Schnell deckt sich die Gruppe noch mit einem luftigen Preiselbeerbrot für Appetizer ein und schon macht man sich wieder auf den Weg. Alle anderen Zutaten haben die beiden Ungarinnen zum Glück bereits vorab beschafft. Der Stadtspaziergang endet an der Wohnung von Lujza.

Es gehört zum Konzept der Failed Housewives, dass sie ihren Gästen einen ganz intimen Einblick in das Leben der Ungarn – und damit ihr eigenes Leben – geben. Ihre Kochkurse finden abwechselnd in den Wohnungen der beiden statt. Eine einzigartige Gelegenheit insbesondere für diejenigen Teilnehmer, die sich nur zu Besuch in der ungarischen Hauptstadt aufhalten und so einmal einen Blick hinter die Fassaden der unscheinbaren Wohnhäuser werfen können. Sie staunen über den schön gestalteten Hinterhof des Häuserblocks, den alten, von gußeisernen Gittern umfassten Fahrstuhl und die Tatsache, dass die Stadtwohnung sogar über eine Vorratskammer verfügt, in der sich Einmachglas an Einmachglas mit allerhand Obst und Gemüse reiht – und dies, wie Lujza erklärt, noch nicht einmal etwas besonderes ist. Die meisten Ungarn hätten Bekannte oder Verwandte auf dem Land, die sie mit derartigen Leckereien versorgen, erzählt sie.


Die Vielfalt ungarischer Produkte

Nach der Bewegung an der frischen Luft hat sich bei den meisten schon der kleine Hunger eingestellt. Gut also, dass die Teilnehmer der etwas anderen Kochstunde dann sogleich in Form einer Platte von Appetizern – darunter natürlich Wintersalami, aber auch würzige Paprikakolbász, Leberpastete und Tepertő, ein ungarischer Snack aus Griebenschmalz – einen ersten Einblick in die Vielfalt ungarischer Produkte bekommen.

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Die Failed Housewives of Budapest, alias Sophie und Lujza, zeigen bei ihren Veranstaltungen, wie man in Ungarn lebt und kocht.

„Vielleicht ist euch schon aufgefallen, aber in Ungarn essen wir sehr gerne Fleisch“, erklärt Sophie, die selbst Vegetarierin ist, schmunzelnd. Sie bedient sich lieber an den verschiedenen Käsesorten und der frischen Paprika, die ebenfalls den Teller zieren.

Zu letzterer hätten die Ungarn ein ganz besonderes Verhältnis, sagt Lujza. Nicht nur gebe es hier viele verschiedene Sorten, die in anderen Ländern zum Teil unbekannt seien, so die junge Ungarin, Paprika sei auch das wichtigste Gewürz in der ungarischen Küche. Zur Demonstration holt sie aus der Küche noch einige unterschiedliche Paprikas sowie das auch im Ausland so begehrte rote Paprikapulver.

Nach der kleinen Stärkung geht es in der Küche der beiden Ungarinnen ans Eingemachte. Für jede Kochstunde überlegen sich Sophie und Lujza neue Zusammenstellungen ungarischer Klassiker. Auf dem Menü stehen heute Hühnerpaprikasch mit hausgemachten Nockerln und Gurkensalat sowie ein Dessert aus Milchbrot und Mohn, das die Ungarn Mákos guba nennen.

Alles soll unter Anleitung von den Teilnehmern selbst zubereitet werden.

Los geht’s mit dem Würfeln von magerer Hühnerbrust und Schweinespeck. Letzterer soll dem Gericht einen etwas kräftigeren Geschmack verleihen und eignet sich zudem Bestens zum Anbraten. Währenddessen wird auch schon der Gurkensalat vorbereitet.

Sophie und Lujza machen bei allem vor, wie es geht, erklären, wie groß die Fleischstücke sein sollen, damit es einerseits schnell weichkocht, andererseits aber auch noch etwas Saft darin bleibt, erklären, wie man mithilfe von Salz die Bitterstoffe aus den Gurkenscheiben zieht, bevor man sie in einer Mischung aus Zucker, Essig und Knoblauch mariniert.

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Als Hausfrauen gescheitert, als Gastgeber ein voller Erfolg

Keine der beiden Ungarinnen hat eine professionelle Ausbildung in der Küche. Sophie ist Marketingberaterin und arbeitet vor allem für Theater, Lujza ist gelernte Schauspielerin, managt aber mittlerweile ein Restaurant im Budapester Partyviertel.

Das Kochen haben sie in der eigenen Familie gelernt oder im Falle von Lujza auch aus amerikanischen Kochshows. „Zwar basieren alle Gerichte, die wir mit unseren Gästen kochen, auf Familienrezepten, aber wir halten uns nicht streng an die Traditionen, sondern fügen dem immer auch eine persönliche Note hinzu“, schildert Sophie.

Mit ihren Kochkursen haben sie vor etwa einem Jahr begonnen. „Sophie und ich haben uns kennengelernt, als ich nach acht Jahren im Ausland nach Budapest zurückgekommen bin. Wir wurden sofort beste Freundinnen und wollten gerne etwas gemeinsam auf die Beine stellen“, erklärt Lujza und fügt hinzu: „Wir sind dann ziemlich schnell darauf gekommen, dass wir beide Essen lieben und gerne neue Leute treffen. So ist dann die Idee für die Failed Housewives of Budapest entstanden.“

Über einem Glas Wein – natürlich aus einem der reichen Anbaugebiete Ungarns – erklären die beiden auch, welche Geschichte hinter dem etwas ungewöhnlichen Namen der Kulturkochschule steht: „Weder Lujza noch ich entsprechen dem traditionellen Frauenbild, das vor allem eine Rolle als Hausfrau und Mutter vorsieht“, beginnt Sophie. „Wir sind in unseren 30ern, haben keine Kinder und sind auch nicht verheiratet – oder in meinem Fall nicht mehr. Außerdem genießen wir beide einen etwas unkonventionellen Lebensstil.“ Den jungen Frauen ist jedoch auch wichtig, das Bild der gescheiterten Hausfrau infrage zu stellen. „Sind wir wirklich gescheitert, nur weil wir nicht dem Klischee entsprechen? Ich denke nicht, aber das können unsere Teilnehmer selber entscheiden“, fügt Lujza hinzu.

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Fazit

Zum Glück für die Teilnehmer ihrer Kulturkochschule sind Sophie und Lujza alles andere als angestaubte Hausfrauen, mit ihrer Kreativität und ihrer offensichtlichen Leidenschaft für die ungarische Küche und Kultur bieten die beiden einen einzigartigen Einblick in die „ungarische Seele“, der wortwörtlich über den Tellerrand hinaus auch auf Geschichte, Tagespolitik und Stadtwissen eingeht. Mit ihrer offenen und fröhlichen Art, verstehen es die beiden zu unterhalten und eine Atmosphäre zu schaffen, in der es sich gemütlich über alles plaudern lässt, was man schon immer über die Magyaren wissen wollte. Selbst wer schon ein paar Jahre in Budapest lebt, kann hier noch etwas lernen!

Die größte Belohnung dieses Kulturangebots ist jedoch, wenn man sich am Ende des Nachmittags an einem Tisch zusammensetzt und die Früchte seiner Arbeit gemeinsam genießt.

Im Anschluss an den Kochkurs erhalten die Teilnehmer übrigens das Rezept, der von ihnen zubereiteten Leckereien, sodass daheim einfach nachgekocht werden kann.

Bisher vermarkten Sophie und Lujza ihre Veranstaltungen vor allem über Airbnb-Entdeckungen, wo sie ihre Kochkurse für Budapestreisende anbieten. Diese würden das Angebot besonders schätzen, da es „persönlicher als nur eine Stadttour oder der Besuch in einem ungarischen Restaurant ist“, so Lujza. „Bei uns bekommt man Kontakt mit echten Ungarinnen, die man sonst nur schwer auf so einer privaten Ebene kennenlernen könnte.“

Auf Facebook richten sich die Failed Housewives aber auch an Expats und überhaupt alle, die sich für die ungarische Küche interessieren. Die Teilnahme an dem Kurs kostet pro Person 20.000 Forint, schließt hochwertige Zutaten für Vorspeisen, Hauptgericht und Dessert sowie mehrere Gläser Wein ein. Das Programm sowie Termine können ganz individuell gestaltet werden. So sind beispielsweise auch vegetarische Menüs möglich. Auch für internationale Teambuildings im kleineren Kreis ist der kreative Kochkurs gut geeignet.


Falls auch Sie die ungarische Kultur und Küche durch einen einzigartigen Nachmittag mit Sophie und Lujza besser kennenlernen möchten, können Sie eine Nachricht an failedhousewives@gmail.com schreiben.

Weitere Informationen zu den Failed Housewives of Budapest finden Sie auf www.facebook.com/pg/failedhousewives/

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