Diese Veranstaltungsreihe organisiert die Bibliothek gemeinsam mit dem Goethe-Institut Budapest. Die Idee dazu entstand aufgrund vergangener erfolgreicher Kooperationen mit dem Französischen Institut sowie dem British Council.

Für den Gesprächsclub stellt das deutschsprachige Institut, dessen Hauptaufgabe in der Förderung der deutschen Sprache im Ausland und der Vermittlung eines umfassenden Deutschlandbildes besteht, sechs Lehrkräfte bereit. Diese erarbeiten Treffen zu jeweils unterschiedlichen Themen. Inhaltlich erinnert das Ganze an einen bunten Blumenstrauß: Vom deutschen Wirtschaftswunder im Ruhrpott über die Armut in europäischen Großstädten und die Flüchtlingskrise bis hin zur Frage, wie es ist, ohne Geld zu leben, werden wichtige gesellschaftliche und politische Herausforderungen diskutiert.

Am 6. November des letzten Jahres fiel der Startschuss für die Veranstaltungsreihe. Am Dienstag vergangener Woche kam es in deren Rahmen bereits zum neunten Treffen. Bis zum 30. April wird es noch drei weitere Treffen des Gesprächsclubs geben, die je für anderthalb Stunden im Silbernen Salon der Ervin-Szabó-Bibliothek in der Nähe des Pester Kálvin térs stattfinden.


Wer nimmt teil?

Teilnehmen kann jeder Schüler aus Budapest zwischen 14 und 18 Jahren, dessen Deutschkenntnisse mindestens das Niveau B2 des europäischen Referenzrahmens erreichen. Auf diesem Niveau können sich die Schüler bereits spontan und fließend unterhalten, wobei das Gespräch durchaus in unterschiedlichen Richtungen verlaufen kann. Darüber hinaus sind sie bereits in der Lage, ihre Meinung in deutscher Sprache zu artikulieren und Sachverhalte aus bestimmten Interessenfeldern zu erklären. Eine wichtige Voraussetzung also um bei den anspruchsvollen Themen des Gesprächsclubs mitdiskutieren zu können.

Die Veranstaltung ist kostenfrei, allerdings muss sich vor jedem Treffen registriert werden. Die Nachfrage ist da, schwankt aber je nach Thema.

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Zsuzsanna Németh und Martin Frey schauen sich die neu gelernten Vokabeln an.

Um „Das Ruhrgebiet als Motor des ‚Wirtschaftswunders‘ im Nachkriegsdeutschland“ zu diskutieren, erscheinen am Dienstag der vergangenen Woche gerade einmal fünf Schüler. Bei anderen Themen waren es schon mal fünfzehn.

Punkt 16 Uhr geht es los. Nachdem jeder seinen Namen in die Anwesenheitsliste eingetragen hat, eröffnet Deutschlehrer Bernd Rolle die Sitzung des Gesprächsclubs. „Der alte Mann hier wird euch etwas über Deutschland als Wirtschaftswunder erzählen“, stellt er sich selbstironisch vor und bringt damit bereits die Ersten zum Lachen. Die langjährige Lehrerfahrung, die er als Lehrer und später Schuldirektor an deutschen Gymnasien erworben hat, merkt man ihm an. Seit 2000 arbeitet Rolle am Goethe-Institut in Budapest. Den Gesprächsclub leitet er bereits zum zweiten Mal.


Warum gerade Deutsch?

„Es geht um das Ruhrgebiet und um seine starke Kohleindustrie”, erklärt er den Teilnehmern. Bevor er tiefer einsteigt, will er wissen, warum sich die fünf ungarischen Schüler für die Veranstaltung interessierten. Nacheinander stellen sich alle kurz vor. Viele erzählen, dass sie an der deutschen Kultur interessiert seien, andere wollen vor allem den Umgang mit der Fremdsprache üben.

Auch Schüler Martin Frey (18 Jahre) will im Jugendgesprächsclub seine Deutschkenntnisse verbessern und unter anderem neue Ausdrücke lernen. Sein Ziel ist es, in absehbarer Zukunft Raumplanung und Stadtordnung in Wien zu studieren. Deutschland verbinde er vor allem mit deutschen Firmen wie Siemens oder Volkswagen, aber auch mit Bayern-München. Seine Klassenkameradin Zsuzsanna Németh (17) sieht in dem Gesprächsclub eine tolle Möglichkeit, um ihr Deutsch anzuwenden. Eine Fremdsprache zu beherrschen, findet sie besonders nützlich. Hinzukomme, dass ihr Vater in Köln arbeitete, wo sie ihn auch schon mal besucht habe. Beide Schüler besuchen die elfte Klasse des Óbudaer Árpád-Gymnasiums in Budapest.

Von der Veranstaltung haben Németh und Frey über die Facebookseite der Ervin-Szabó-Bibliothek erfahren. Angespornt vom Wunsch, ihre Kenntnisse zu verbessern, haben sie bisher an beinahe allen Treffen des deutschen Jugendgesprächsclubs teilgenommen.

Um diesen Club überhaupt möglich zu machen, werden die Organisatoren – sowohl das Goethe-Institut als auch die Ervin-Szabó-Bibliothek – von der Stadt Budapest durch das Bildungsförderprogramm „Iskolakapun kívüli” (dt.: „Außerhalb des Schultors”) finanziell unterstützt.


Zukunft der Jugend

Während des Gesprächsclubs herrscht eine heitere Stimmung, oft gestikuliert Bernd Rolle mit seinen Händen, um schwierige Begriffe zu verdeutlichen, hin und wieder schreibt er verschiedene Wörter an ein Flipchart. Er erklärt beispielsweise, dass Kohlearbeiter im Deutschland der 1960er-Jahre „Kumpels” hießen und bei ihrer Arbeit einschienige Zugfahrzeuge, genannt „Dieselkatzen”, verwendeten, um die Kohle aus den Bergwerken hinauszubefördern. Eifrig kritzeln die Schüler in ihren Unterlagen, wobei Rolle immer wieder Fragen stellt. Er spricht von der Gemeinschaft der Bergarbeiter, dass sie eine eingeschworene Gruppe waren. Im Verlauf der Sitzung, spielt er mehrere Videos ab, die zeigen, wie die Bergleute gemeinsam das Steigerlied singen. Gegen Ende erklärt er aber auch, warum Deutschland 2018 den endgültigen Ausstieg aus dem Kohleabbau bis 2038 beschlossen hat.

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Im Silbernen Salon der Ervin-Szabó-Bibliothek finden die Treffen des deutschen Jugendgesprächsclubs statt.

Wenige Minuten vor halb sechs beschließt Rolle die Veranstaltung mit einigen letzten Worten zum Klimawandel: „Wir alten Kerle können nichts mehr ändern. Es liegt an euch, an der jungen Generation, etwas zu tun – so wie die 16-jährige Greta Thunberg in Schweden. Nun gehen wir aber erstmal in den Feierabend. Wenn es euch gefallen hat, heiße ich Bernd Rolle, wenn nicht, heiße ich Peter Müller.” Letzte Lacher mischen sich mit dem Rascheln von Unterlagen, die in Rucksäcke gestopft werden. Langsam stehen die Schüler von ihren Stühlen auf und verabschieden sich.

Das nächste Treffen des deutschen Jugendgesprächsclubs findet am 16. April statt.


Deutscher Gesprächsclub in der Ervin-Szabó-Bibliothek

Budapest, VIII. Bezirk, Szabó Ervin tér 1

jeden zweiten Dienstag bis zum 30. April 2019, zwischen 16 bis 17.30 Uhr

Weitere Informationen finden Sie unter www.fszek.hu


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