Notenbankpräsident György Matolcsy strebt an, die Staatsschulden komplett in ungarische Hand zu nehmen. Wie lange braucht es dafür?

Zweifellos hat der MNB-Präsident den Einsatz erhöht. Seitdem ich Generaldirektor der ÁKK bin, also seit 2015, streben wir dieses Ziel intensiv an. Dabei ist uns die Notenbank ein wichtiger Partner, vor allem über ihr Programm der Selbstfinanzierung, mit dem erreicht wird, dass auch die Handelsbanken Staatsanleihen kaufen. In der Zwischenzeit nimmt der Devisenanteil an den Staatsschulden systematisch ab: Ende 2018 erreichte dieser Anteil noch zwanzig Prozent, für Ende dieses Jahres erscheint ein Anteil von siebzehn Prozent realistisch. Als das Land einst den Beistandskredit von IWF und EU aufnahm, lag diese Abhängigkeit bei etwa fünfzig Prozent, wobei sogar zwei Drittel der Schulden von Ausländern gehalten wurden. Nach unseren Kalkulationen erreichen wir 2025 ein Niveau, bei dem nur noch ungefähr drei Prozent der Staatsschulden in Devisen verbleiben werden.


Demnach kann keine Rede von der Begebung neuerlicher Devisenanleihen sein!

Jährlich laufen Devisenschulden im Volumen von durchschnittlich zwei bis drei Milliarden Euro aus, die wir schon seit Jahren komplett auf dem Wege von Forint-Emissionen tilgen. Konkret hat Ungarn bereits seit 2015 netto keine Euro-Anleihen mehr aufgelegt, sondern ausschließlich in Kombination mit dem Rückkauf von Devisenanleihen.


Was bleibt im Devisen-Portfolio?

In sechs Jahren werden praktisch nur noch zwei Emissionen, und zwar Anleihen mit Ablaufdaten in 2027 und 2041, im Portfolio verbleiben, neben so manchen Devisenkrediten. Im Wesentlichen werden die Devisenschulden unserer Heimat dann also durch ganze zwei Anleiheserien verkörpert. Historisch betrachtet befreit sich Ungarn bis 2025 von einer fünfzigjährigen Last, denn die Verschuldung in Devisen nahm in den 1970er Jahren ihren Lauf. Seit Jahrzehnten wissen wir nun aus eigener Erfahrung: Es ist leicht, Schulden zu machen, und umso schwerer, diese zurückzuzahlen.


Ist es im Übrigen nicht vollkommen gleichgültig, wer die ungarischen Schulden finanziert, internationale Anleger oder einheimische?

Theoretisch ja, in der Praxis nicht. Die Weltwirtschaftskrise von 2008 hat dies mit ihrer knallharten Realität widerlegt. Devisenschulden bedeuten gewöhnlich Auslandsschulden. Hinter vielen globalen Währungskrisen verbargen sich hohe Auslandsschulden. Zum anderen hat die Finanzierung der Schulden durch einheimische Gläubiger den Vorteil, dass die vom Staat gezahlten Zinsen zu Hause bleiben, also die hiesige Kaufkraft erhöhen.


Welchem Rezept folgen Sie hierbei, dem japanischen oder dem italienischen?

Wegen der hohen inländischen Anteile eher Ersterem: In Japan konzentrieren sich 95 Prozent der Staatsschulden aufs Inland. Lange Zeit war das in Italien ähnlich, doch als das Land der Eurozone beitrat, mit ihrem sinkenden Zinsniveau, gab man das Segment der Privatanleger auf. Heute versucht Italien, unter enormen Anstrengungen die Privathaushalte zu neuen Anleihekäufen zu bewegen. Das größte Drama spielte sich jedoch in Griechenland ab, weil sich die Griechen nahezu vollständig gegenüber dem Ausland verschuldeten.


Bei allen drei großen Ratingagenturen gilt der ungarische Staat wieder als kreditwürdig, S&P sowie Fitch Ratings haben die Bonität kürzlich sogar angehoben. Haben die Agenturen ihre neue Liebe für Ungarn entdeckt?

Diese Entscheidungen der Ratingagenturen waren logische Schritte, auf die wir lange warten mussten: Für die jüngste Aufwertung gingen anderthalb Jahre ins Land. Unsere makroökonomischen Indikatoren entwickeln sich seit längerer Zeit überzeugend, entscheidend war jedoch der beträchtliche Abbau der Schuldenrate. Wir konnten die Rate seit 2010 um rund zehn Prozentpunkte drücken, was sich auch international sehen lassen kann. Ohne die Schulden der staatlichen Eximbank würden wir mittlerweile unter siebzig Prozent am Bruttoinlandsprodukt (BIP) liegen.


Wie stehen wir innerhalb unserer Region?

Wir rangieren vor den Rumänen, die Polen werden etwas besser bewertet, wobei in der Region eindeutig die Tschechen den Ton angeben.


Ist es nach Rückerlangen der Kreditwürdigkeit überhaupt relevant, in welcher „Liga“ der Bonitätsstufen wir mitspielen?

Selbstverständlich! Es gibt nichts Besseres als ein AAA. Dieses Prädikat können Volkswirtschaften wie Norwegen, die Schweiz oder Singapur vorlegen. Länder in einer besseren wirtschaftlichen Verfassung können sich preiswerter finanzieren. Sie gewinnen enorm über die geringeren Zinsaufwendungen.

Niemand bestreitet, dass die Ratingagenturen die Herren der Welt sind, dabei bewerteten sie Titel als ausgezeichnet, die in der Weltwirtschaftskrise 2008 wenig später zu Ramschpapieren wurden.

Keine Frage, dass ihr Ansehen darunter sehr gelitten hat. Seit 2008 lässt sich eindeutig beobachten, dass sich das Rating von der Preisbildung am Markt entfernt hat. Das mussten wir auch selbst erleben.

Während in China oder Japan eigene Ratingagenturen für die Binnenmärkte agieren, sind die drei großen Ratingagenturen im „allmächtigen“ Westen auch weiterhin grundsätzlich tonangebend: An den internationalen Geld- und Kapitalmärkten achtet man unverändert auf ihre Urteile.


Hat sich der Plan von einer europäischen Ratingagentur in Schall und Rauch aufgelöst?

Europa setzt sich aus vielen Ländern zusammen, deren Interessenlagen sich nur schwerlich austarieren lassen. Obendrein ist Fitch Ratings als eine der drei großen Ratingagenturen britisch. Es ist keinesfalls sicher, dass in Europa eine Ratingagentur mit deutsch-französischem Hintergrund einhellig begrüßt würde.

Führt es nicht früher oder später zu Anomalien am Markt, wenn die Bevölkerung Staatsanleihen kauft, anstatt ihre Ersparnisse bei der Bank anzulegen?

Diese Anmerkung ist berechtigt, solange aber eine Geldschwemme den Markt bestimmt, ergeben sich keine Probleme. Zum anderen sind die Handelsbanken die größten Distributoren der Staatsanleihen – zu achtzig Prozent veräußern die Banken diese Wertpapiere. Ein weiterer wichtiger Gesichtspunkt sind die hohen Sparrücklagen der ungarischen Bevölkerung: Die Menschen suchen nach attraktiven Alternativen.


Ein weiteres Zitat von Notenbankchef György Matolcsy: In den nächsten Jahrzehnten können wir den Euro einführen. Was würde es aus dem Blickwinkel der Staatsschuldenverwaltung bedeuten, wenn wir schon heute Mitglied der Eurozone wären?

Wegen des niedrigen Zinsniveaus würde sich die Mitgliedschaft kurzfristig auszahlen. Auf mittlere und längere Sicht jedoch könnte es uns genauso ergehen, wie den Italienern, ganz zu schweigen vom Drama der Griechen. Der Konvergenzprozess hat nicht nur finanzwirtschaftliche Gründe, dafür muss auch ein entsprechendes Entwicklungsniveau der Realwirtschaft geschaffen sein. Es ist unschwer zu erkennen, dass allein jene Länder mit dem Euro prosperieren – wie Deutschland, Österreich, Belgien und die Niederlande –, die der Eurozone auf einem hohen Niveau ihrer Realwirtschaft beitraten. Man kann der Eurozone beitreten, die Betonung liegt jedoch darauf, ob dies ein guter oder schlechter Beitritt ist.


Um den Euro einzuführen, muss auch die Voraussetzung einer Schuldenrate von sechzig Prozent erfüllt werden. Wann könnte das gelingen?

Finanzminister Mihály Varga definierte zum Auftakt des Wirtschaftsjahres der Kammer als Zielstellung der Regierung, die Staatsschulden am BIP bis Ende 2022 unter sechzig Prozent zu senken. Dazu bedarf es eines niedrigen Budgetdefizits und eines vorteilhaften Inflationsumfeldes.

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György Barcza


1999 Absolvent der Corvinus-Universität. Zwei Jahre Tätigkeit als Analyst im Finanzministerium und in der Zentrale zur Verwaltung der Staatsschulden (ÁKK), anschließend Analyst der ING Bank und der K&H Bank.


2012 Geschäftsführer beim Wirtschaftsforschungsinstitut „Századvég“.


2013 Chefredakteur der von „Századvég“ übernommenen Wirtschaftszeitung „Napi Gazdaság“.


2015, Februar Berufung zum Generaldirektor der ÁKK. Schreibt derzeit an der Corvinus-Universität seine Dissertation zum Thema Staatsschulden.

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