Die meisten Menschen stellen sich unter der Post einfach eine Institution vor, die den schriftlichen Verkehr organisiert und regelt. In Ungarn gehörte in der Vergangenheit jedoch weit mehr zum Postgeschäft. In einem Interview mit der Budapester Zeitung erklärt Kurator und Museumsmitarbeiter des Budapester Postmuseums Attila Becsei: „Bis zum Jahr 1990 standen neben dem klassischen Versandgeschäft auch der Telefonservice, das Fernsehen und das Radio unter der Ägide der nationalen Post.“ Daher thematisiere sein Museum nicht nur die Geschichte von Postkästen und Briefmarken, sondern auch allerlei technische Fakten rund um Hörfunk, Telefon und Fernsehen.


Geschichte des Postmuseums

Seit 1881 existiert in Budapest eine offizielle Postsammlung. Damals fingen die ungarischen Postbüros an, Materialien und Arbeitsgeräte aus dem Postbetrieb zu archivieren. Größtenteils diente das dem Zweck, diese Objekte bei der Budapester Millenniumsausstellung von 1896 – einer Landesausstellung anlässlich des 1.000-jährigen Jubiläums der ungarischen Landnahme – zu zeigen. Im Anschluss wurden sie auch an weiteren Orten präsentiert, und während den beiden Weltkriegen sicher eingelagert. Das Museum verfügt heute deshalb noch immer über eine erstaunliche Anzahl gut erhaltener Artefakte der Telekommunikationsgeschichte. Im Jahr 2012 zog es von seinem ursprünglichen Sitz in der Andrássy út in die Benczúr utca um, wo es sich noch heute befindet.

Im Postmuseum erfahren Besucher unter anderem, dass die Leitung des Postwesens auf dem Gebiet des heutigen Ungarns schon verschiedenen staatlichen Strukturen unterstand. „Die Post stand zuerst unter österreichischer, dann unter österreichisch-ungarischer, und schließlich nur unter ungarischer Führung“, erklärt Museumskurator Attila Becsei. Diese Entwicklung sehe man auch an den sich verändernden Postlogos. Diese sind natürlich ebenfalls in der Ausstellung des Budapester Postmuseums zu sehen. Finanziert wird das Museum laut Becsei durch Ticketeinnahmen, aber auch durch die Unterstützung der Postakürt Alapítvány (dt.: Posthorn-Stiftung).


Auf Interaktivität wird Wert gelegt

An der Rezeption des Museums können Besucher informative Texte zu den gezeigten Exponaten auf Ungarisch, Englisch und Deutsch erhalten. So haben auch internationale Gäste die Möglichkeit, die Ausstellung zu genießen. Von historischen Briefkästen und vergilbten Postkarten über beeindruckende Postkutschen bis hin zu antiken Telefonen sind im Postmuseum eine große Zahl vielfältiger und besonderer Artefakte zu finden.

Neben Ausstellungsstücken zum Ansehen legt das Museum einen besonderen Wert auf Interaktivität: Es kann mit Schreibmaschinen und alten Telefonen experimentiert und sogar nachgestellt werden, wie früher in den Vermittlungszentralen die Verbindung zwischen zwei Gesprächsteilnehmern hergestellt wurde.

Attila Becsei erzählt: „Mein Lieblingsexponat ist aber die Rohrpost. Mithilfe von Luftdruck kann ein kleiner Zylinder mit Briefen oder Telegrammen in Sekundenschnelle von einem Raum in einen anderen befördert werden. Auch das kann natürlich in unserem Museum ausprobiert werden und ist insbesondere bei Kindern sehr beliebt.“ Weiterhin gebe es eine Station, die das Ver- und Entschlüsseln von Morsezeichen zeigt. An anderer Stelle könne über spezielle Telefone Märchen zugehört werden.


28.000 Besucher jährlich in ganz Ungarn

Ein Raum des Postmuseum ist für halbjährlich wechselnde Ausstellungen vorgesehen. Zurzeit wird hier gerade die Geschichte des Telegrafen präsentiert. Im Anschluss werde eine Ausstellung über das Elektrofon – ein elektroakustisches Musikinstrument – folgen, kündigt Becsei an.

#

Augmented Reality im Museum: Dank der App kann man sich mit einem historischen Postboten ablichten lassen. (Foto: Postamúzeum)

Das Postmuseum bietet Führungen an. Aber auch bei einer Begehung auf eigene Faust stehen die anwesenden Museumsmitarbeiter gerne für Fragen zur Verfügung. Laut Becsei sind unter den 28.000 jährlichen Besuchern hauptsächlich Kinder, Familien, Seniorengruppen und Schulklassen. „Die Besucherzahl bezieht sich allerdings sowohl auf das Hauptmuseum als auch auf Zweigstellen in ganz Ungarn. Wir haben Teilausstellungen mit verschiedenen Schwerpunkten, die etwa in Pécs oder Miskolc gezeigt werden. Das Postmuseum in Budapest ist aber der Hauptsitz, an dem alle Ausstellungsstücke aufbewahrt werden“, erklärt der Museumsmitarbeiter. In der Hauptstadt unterhalte das Museum darüber hinaus noch eine weitere Ausstellung speziell zum Thema Telefone.


Emanzipation ist ein wichtiges Thema

Ein besonderes Augenmerk legen Attila Becsei und die anderen Mitarbeiter des Museums bei den Führungen auf die Rolle der Frau in der Geschichte der Telekommunikation: „Wir konzentrieren uns in unseren Ausstellungen über die Telefongeschichte unter anderem auf den Beruf der Telefonistin.

Ab dem 20. Jahrhundert konnten die Menschen mit privaten oder öffentlichen Apparaten telefonieren und wurden in Zentren der Post mit ihrem gewünschten Gesprächspartner verbunden“, erklärt Becsei. Laut dem Kurator hielt man damals Frauen aufgrund ihrer angeblichen Schnelligkeit und Belastbarkeit als am besten für die damit verbundene Tätigkeit – das Umstecken der Telefonkabel zwischen verschiedenen Buchsen – geeignet. Diese Aufgabe, so Becsei, sei für Frauen eine der ersten Berufsmöglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt gewesen und daher ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Emanzipation.


Am Puls der Zeit

Attila Becsei betont, dass das Museum versuche, immer am Puls der Zeit zu sein und aktuell zu bleiben. „Wir möchten bei der Gestaltung unserer Ausstellungen moderne Museumstechnologien einsetzen, um unsere Inhalte anschaulich darzustellen“, so der Museumsmitarbeiter.

1867 wurde die ungarische Post von Österreich unabhängig. Zum 150-jährigen Jubiläum dieses Ereignisses schickte sie 2017 einen Post-Truck inklusive Miniausstellung über das ungarische Postwesen durch ganz Ungarn. Ein besonderes Highlight für die Besucher des umfunktionierten Lastwagens war dabei der „digitale Postbote“, dem man hier mithilfe einer App und Augmented Reality in Lebensgröße begegnen konnte. Heute trifft man ihn im Budapester Postmuseum wieder, wo er auch für lustige Schnappschüsse zu haben ist.

Den neusten Trends auf der Spur ist das Postmuseum auch mit der Veranstaltung sogenannter Escape-Room-Spiele im Keller des Gebäudes: Dabei müssen sich die Besucher durch das Lösen verschiedener postalischer Rätsel aus einem verschlossenen Raum befreien. Dieser ist natürlich mit Gegenständen aus dem Bereich des Postwesens gestaltet. Bisher konnte diese besondere Museumsattraktion erst zwei Mal angeboten werden, in Zukunft soll es aber häufiger werden.

Auch inhaltlich wolle das Postmuseum nicht an Aktualität verlieren. Wie der Museumskurator erklärt, versuche man, wo man nur könne, Bezüge zur Gegenwart herzustellen. Das meistbenutzte digitale Kommunikationsmittel der Neuzeit, die E-Mail, habe es aber noch nicht in die Ausstellung geschafft. Demnächst soll aber auch diese neuzeitliche Errungenschaft im Museum gewürdigt werden.


Postmuseum Budapest

Budapest, VI. Bezirk, Benczúr utca 27

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr

Eintritt: Erwachsene 1.000 Forint, Studenten und Kinder 500 Forint

Weitere Informationen finden Sie auf www.postamuzeum.hu/de/

Konversation

WEITERE AKTUELLE BEITRÄGE
Junges ungarisches Design: INQ concept

„Weniger ist mehr”

Geschrieben von Cindy Strauss

Selbstbewusstsein, Zielstrebigkeit und Komfort – das alles strahlt Éva Marillai sofort aus. Kein…

Englischsprachiger Buchclub im Buchcafé Massolit

Wie ein offenes Buch

Geschrieben von Patricia Rocha Dias

Ein Buch. Ein Café. Eine Mission: Nämlich gemeinsam einen spannenden Roman zu diskutieren. Dafür…

Tierschutzverein Herosz in Budapest

„Ich bete für jedes Tier“

Geschrieben von Emely Schalles

Der Tierschutzverein Herosz ist einer von mehreren in Budapest, der verwaiste oder misshandelte…