Spätestens seit der Aufnahme des Mohácser Faschingsumzugs in das immaterielle UNESCO-Weltkulturerbe kennt man die mit Schafsfellen und fratzenhaften Holzmasken verkleideten Ungeheuer, genannt Busós, auch über die ungarischen Grenzen hinaus.


Türkische Wurzeln?

Der Ursprung dieses Faschingsbrauchs, so erzählte man es sich lange Zeit in Mohács, gehe auf eine heroische Verteidigung der Stadt gegen die osmanischen Truppen im 16. Jahrhundert zurück. Die Legende besagt, dass die ersten Masken von den Männern der in der Stadt ansässigen südslawischen Schokatzen geschnitzt wurden, nachdem diese zunächst vor den die Stadt besetzenden Soldaten in nahegelegene Sumpfgebiete geflohen waren.

Mit den furchterregenden Holzfratzen maskiert und die Kleidung ausgestopft mit Stroh, um größer und angsteinflößender zu wirken, versteckten sie sich auf die Gunst der Dunkelheit wartend im Schilf entlang des Donauufers. Bei Anbruch der Nacht setzten die als Ungeheuer verkleideten Mohácser dann in Booten auf die andere Seite des Flusses über, wo die Truppen des Osmanischen Reiches stationiert waren.

Die Türken, heißt es in Mohács, seien so verängstigt beim Anblick dieser teuflischen Wesen gewesen, dass sie die Flucht ergriffen. Den verkleideten Verteidigern der Stadt werde seitdem mit dem Busó-Gang (ung.: Busójárás) sowie mit einer vor großem Publikum inszenierten Bootsüberfahrt der Busós am Faschingssonntag gedacht.

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Zwei erwachsene „Jankele“ ziehen einen Leiterwagen auf dem zwei in schokatzischer Tracht gekleidete Mädchen und ein Busó sitzen.


Nichts als ein Märchen

Ungünstig angesichts dieser gut klingenden Erzählung ist allerdings, dass historisch belegt ist, dass die Schokatzen, die sich zum größten Teil als Kroaten zählen, erst gegen Ende des 17. Jahrhunderts nach Südungarn und damit auch nach Mohács kamen.

Laut der ungarischen Ethnologin und Folklore-Forscherin Tekla Dömötör hatten die Ungarn in ihrer Geschichte zudem nie Masken aus Holz hergestellt, weshalb ein Import dieser Tradition durch Zuwanderung am wahrscheinlichsten ist.

Der schwedische Ethnologe Carl Wilhelm von Sydow prägte für dieses Phänomen der erdichteten nachträglichen Begründung einer Sitte den Begriff „Kausalfiktion“. Diese hätte, erklärte Dömötör bereits in einem Aufsatz aus dem Jahre 1967, oft den Zweck, altertümliche abergläubische Bräuche mit rationaleren Erklärungen zu versehen, indem man sie an historische Ereignisse bindet und dadurch dem modernen Verständnis näherbringt.

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Viele Mohácser Familien nehmen verkleidet an den Festlichkeiten teil und besonders beiden Kindern scheint das eigentlich für Erwachsene vorgesehene Busó-Kostüm beliebt zu sein.

Als die demnach irgendwann aus der Mode gefallene ältere Begründungsvariante des Busójárás, dürfte daher eher eine andere Erzählung die wahren Ursprünge dieser Tradition aufdecken. Demnach hat das Mohácser Faschingsfest nicht etwa in einer Vertreibung der Türken seine Anfänge gefunden, sondern vielmehr im heidnischen Brauch des Winteraustreibens. Die symbolische Verbrennung einer den Winter repräsentierenden Strohpuppe, die traditionell am Sonntagabend des sechstägigen Festes stattfindet, wird beispielsweise so ähnlich auch in anderen Regionen Europas praktiziert.


Die Rettung der Ungeheuer

Was den Mohácser Fasching trotzdem einzigartig und daher schützenswert macht, ist, dass es die Busós mit ihren hölzernen Masken, voluminösen Pelzkostümen und ihrer lärmenden und krachenden Prozession so nur noch in der südungarischen Donaustadt gibt. Die vermutlich aus Kroatien stammende Tradition ist in ihren Ursprungsregionen heute ausgestorben und auch in Mohács stand es einst schlecht um das Überleben dieses Brauches.

Antal Englert, einer der bekanntesten Maskenmacher der Stadt, und seine Frau, die Kulturorganisatorin Andrea Antoni, erzählen im Gespräch mit der Budapester Zeitung davon, wie vor einigen Jahrzehnten die pelzigen Ungeheuer auch in Mohács kaum noch zu sehen waren. Es habe eine Zeit gegeben, in der die Kirche den Fasching der Busós verbieten wollte. Das Fest sei nicht christlichen Ursprungs und außerdem würden sich die Busós unsittlich gegenüber Frauen verhalten, war die Begründung. Ungefähr zwanzig Jahre lang hätte es daraufhin keinen größeren Fasching mehr in der Stadt gegeben.

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Auch Hexen können auf dem Fasching in Mohács angetroffen werden.

In ihrer Dissertation aus dem Jahr 2012 wies die Ethnologin Tünde Minorics allerdings darauf hin, dass das Verschwinden des Busó-Gangs aus der Öffentlichkeit vielmehr mit einem gesellschaftlichen Rückzug der kroatischen Bewohner von Mohács in Folge der angespannten ungarisch-kroatischen Beziehungen nach dem Zweiten Weltkriegs zusammenhänge. Doch betont sie ebenfalls, dass die Tradition innerhalb der Gemeinschaften der Schokatzen auch während dieser Zeit noch weiterlebte – wenn auch hinter verschlossenen Türen.

Eine Wiederbelebung erlebte der Brauch ab Ende der 50er-Jahre. Zwei Kurzfilme, die die Regisseurin Anna Raffay 1955 mit István Szőts und 1959 mit János Lestár produzierte, brachten der Mohácser Tradition ungarnweite Bekanntheit ein. „Doch es gab in dieser Zeit überhaupt keine Maskenmacher mehr in Mohács“, berichten Antal Englert und seine Frau, Andrea Antoni, die heutzutage Besucher durch ihre Maskenwerkstatt führen.

Ebenso hätte es damals nur noch wenige Busó-Kostüme gegeben. Speziell für die Filme widmete man sich daher erneut der fast vergessenen Kunst und begann, neue Masken und Fellkostüme herzustellen. Da auch viele Bewohner der Stadt als Darsteller an den Filmproduktionen beteiligt waren, kurbelten die Projekte die Wiederaufnahme der Maskenkunst in Mohács an.

#Der Maskenmacher Antal Englert führt die Besucher durch seine Werkstatt und erklärt wie die Busó-Masken hergestellt werden.

„Heute gibt es fast 30 Menschen, die in Mohács Masken anfertigen“, erzählt Antoni. Auch ihr Sohn, Gábor Lukács, sei dieser Tradition gefolgt. Nach Beendigung seines Kunststudiums habe er jedoch neben dem Schnitzen der Masken auch andere artistische Wege erkundet, die Holzmasken der Busós, etwa mit Kunstdrucken, darzustellen.


Die verschiedenen Kostümierungen der Mohácser

Nicht weniger kunstvoll als der Busó, sind die anderen Figuren des Mohácser Faschings. Während die Rolle der Busós traditionell erwachsenen Männern vorbehalten ist, sollen die Kinder als sogenannte „Jankele“ verkleidet den Umzug begleiten. Diesen in bunten Lumpen und Fetzen gekleideten und in der Regel mit einem Sack, Strumpf oder ähnlichem Stoff maskierten kleinen Wesen kommt eine wichtige Rolle während des Busójárás zu.

Ihre Aufgabe ist es, die großen Ungeheuer quasi als Wegweiser zu unterstützen. Denn die Holzmasken der Busós sind oftmals nur mit kleinen Sichtlöchern ausgestattet, sodass eine helfende Hand, die sie an all den Besuchern vorbeiführt, unumgänglich ist. Die weiteren Aufgaben der Jankele sind jedoch weniger ernster Natur: Ähnlich wie die Busós erlauben sie sich etwa den Spaß, die Besucher des Festes mit Mehl, Federn oder Sägespänen einzureiben.

Auch die Frauen der Stadt sind mit zwei Arten von Figuren vertreten. Die am häufigsten zu sehende Verkleidung ist dabei eigentlich vielmehr eine traditionelle Tracht der Schokatzen: Bestickte Kleider und Schürzen, weiße Wollstrümpfe mit roten Punkten, ein schwarzes Tuch um die Schultern sowie zahlreiche rote Schleifen und eine venezianische Maske mit Schleier, der den Mund verdeckt.

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In den 60er-Jahren versuchte die Stadt aktiv die Tradition wiederzubeleben. Mit Erfolg: Dieses Jahr unterhielten rund 1.700 Busós die Besucher des Festes.

Ein optisches Gegenprogramm zu diesen adrett zurechtgemachten Frauen bieten die Hexen mit ihren dunklen Gewändern und oft grau beschmierten Gesichtern. Allerdings scheint die Hexe keine rein den Frauen vorbehaltene Verkleidung zu sein, denn auch einige Männer begleiten so verkleidet den Umzug.

Auch sonst sind die Regeln heute bei Weitem nicht mehr so streng, wie sie einmal waren. Etliche Kinder verkleiden sich bereits als Busós und zahlreiche Männer verzichten wiederum lieber auf die dicken Pelze und drückenden Holzmasken und gehen stattdessen als Jankele.


Ein multikulturelles Fest

Anders als früher wird das Fest heute auch keineswegs mehr nur von den Schokatzen der multikulturellen Kleinstadt gefeiert. „Mein Mann zum Beispiel ist schwäbischen Ursprungs“, erklärt Andrea Antoni über Antal Englert, der ungefähr seit seinem elften Lebensjahr die Holzmasken herstellt. Heutzutage sei es ein Fest der Stadt Mohács und aller seiner Bewohner.

Und auch wenn Folklore-Gruppen anderer Nachbarländer – etwa aus Polen, Slowenien oder der Slowakei – eingeladen sind, um ihre traditionellen Trachten und Tänze zu zeigen, sei man doch sehr darauf bedacht, die Mohácser Tradition zu bewahren. In den 1960er- und 70er-Jahren hätte man daher sogar Busó-„Schönheitswettbewerbe“ veranstaltet. Jeder Busó erhielt einen Zettel mit einer Nummer und zum Schluss wurde das beste Kostüm von allen gewählt.

Interessanterweise bezogen sich die ungarischen Filme der 50er-Jahre, die den Faschingsbrauch des Busójárás in Mohács wiederbelebten, auf die Vertreibung der Türken als Entstehungsgeschichte des Fests. Und auch wenn diese Geschichte erwiesenermaßen erfunden ist, hat es den Mohácsern doch geholfen, ihren Brauch zu retten und die Tradition am Leben zu erhalten.

Das Fest zieht inzwischen immer mehr Besucher und Touristen an und hat sich zu einem Großereignis in der Region entwickelt. Fast 500 Jahre nach dem Einmarsch der Osmanen in Ungarn, hat der Türken-Mythos quasi die Busós gerettet.

Das nächste Mal treiben die Busós vom 20. bis zum 25. Februar 2020 in Mohács ihr Unwesen. Mehr über die sehenswerte südungarische Stadt erfahren Sie auf www.mohacs.hu/de/

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