Wie ist momentan der Status Quo beim Bildungswesen? Es ist ja schon mal ein gutes Zeichen, dass das Bildungswesen in der Top 5 der Forderungen der Opposition bei den Demonstrationen im Dezember und Januar nicht vorkam.

Das hatte mich sogar etwas verwundert, schließlich war noch im Herbst von Seiten der Opposition zu vernehmen, dass das Bildungswesen eines der Hauptthemen ihrer Auseinandersetzung mit der Regierung werden würde. Das Bildungswesen spielt in jedem Land und zu jeder Zeit eine herausragende Rolle. Kein Wunder: Immerhin sind beispielsweise in Ungarn rund 1,5 Millionen Schüler und Studenten davon berührt. Zusammen mit den Lehrkräften und Familienangehörigen haben wir es also mit einem Thema zu tun, das mehrere Millionen Bürger betrifft. Deswegen ist es von außerordentlicher Wichtigkeit, dass das Bildungswesen gut funktioniert.


Und, funktioniert es in Ungarn gut?

Ein so großes System hat immer seine Stärken und Schwächen. Die Leitung des Bildungswesens muss bestrebt sein, sowohl den Erwartungen der Gesellschaft als auch der Wirtschaft zu entsprechen. Auftauchende Probleme müssen jedoch zügig gelöst werden. In letzter Zeit ist Lage wesentlich ruhiger als zuvor. Sowohl im Schulwesen als auch im Hochschulwesen. Es gibt natürlich immer noch offene Aufgaben und Herausforderungen. Wir haben keinen Grund, uns zurückzulehnen. Das liegt schon allein in der Natur der Sache begründet. Heute müssen wir die Schüler auf Erwartungen der Zukunft vorbereiten, die wir teilweise noch gar nicht kennen.


Was befindet sich derzeit ganz oben auf Ihrer Agenda?

Die Vorbereitung auf die Einführung des neuen Nationalen Lehrplans. Die dafür notwendigen fachlichen Materialien haben wir bereits ausgearbeitet und befinden uns jetzt am Ende einer recht langen gesellschaftlichen Diskussion. Wir vertrauen nun darauf, dass sich aus der Verschmelzung der fachlichen Materialien mit den erzielten Diskussionsergebnissen ein gutes Dokument ergeben wird, das in naher Zukunft von der Regierung angenommen werden wird. Erst dann kann der nächste Schritt erfolgen, nämlich die Einführung des Nationalen Lehrplans. Ich gehe davon aus, dass dies frühestens zum Schuljahr 2020/21 der Fall sein wird.


Welche neuen Elemente beinhaltet dieser Lehrplan?

Ganz wesentlich zielt er auf eine auf Kompetenzen beruhende Bildung ab. Das Lernen soll stärker entlang von Erlebnissen erfolgen. Das Interesse der Schüler soll jedoch noch stärker geweckt werden. So sollen sie noch besser auf das Leben vorbereitet werden. Dieses Lernen auf Grund von Kompetenzen entspricht übrigens einem weltweiten Trend. Gleichzeitig ist es auch wichtig, dass unsere Traditionen nicht zu kurz kommen. Die Kenntnisse rund um unsere Nation, unsere Kultur und unsere Geschichte müssen einen festen Platz im neuen Lehrplan erhalten. Schließlich geht es hier um unsere Wurzeln. Wir sind stolz auf unsere bisherigen Errungenschaften. Unsere Verantwortung besteht nun darin, diese an zukünftige Generationen weiterzugeben. Würden wir das vernachlässigen, dann würden wir unsere Wurzeln verlieren.

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Was verstehen Sie unter der erwähnten Erlebnispädagogik?

Wenn das Interesse geweckt wird, dann wird unser Gehirn offen für neue Informationen. In der heutigen Welt ist das reine Faktenwissen nicht mehr so entscheidend. Mit nur wenigen Handbewegungen kann man über das Internet rasch Wissenslücken schließen. Das ist eine große Herausforderung für das Bildungswesen. Unter anderem das hat sich der neue Nationale Lehrplan auf die Fahnen geschrieben. Und natürlich muss er im Einklang sein mit dem Programm zur Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit und der Innovationsstrategie, die das neue Ministerium von Herrn Prof. Palkovics noch im Frühjahr präsentieren wird.


Welche Arbeitsteilung gibt es zwischen Ihrem Staatssekretariat und dem neuen Ministerium?

Die Beziehungen zwischen unseren beiden Organisationen sind korrekt und gut. Die wissenschaftliche Arbeit der Universitäten wird von dem neuen Ministerium finanziert. Schon allein deswegen ist eine enge Zusammenarbeit sehr wichtig. Auch weil beide Strategien, also die Bildungsstrategie und die Innovationsstrategie harmonisch miteinander verbunden sein müssen. Schließlich liefert das Bildungssystem die Grundlagen dafür, was dann später im Rahmen des Innovationsministeriums oder mit dessen Hilfe in der Praxis realisiert wird. Die Berufsausbildung gehört vollständig zum Innovationsministerium. Gemeinsam möchten wir erreichen, dass der Übergang von der einen zur anderen Bildungsform viel harmonischer und offener gestaltet ist.


Was muss in punkto Wettbewerbsfähigkeit von Seiten Ihres Staatssekretariats verbessert werden?

Bei den Fremdsprachenkenntnissen stehen wir noch immer nicht gerade gut da. Mit Blick auf die Zahl der Fremdsprachenstunden stehen wir im internationalen Zahlenvergleich zwar noch recht gut. Bei den tatsächlichen Sprachfähigkeiten gibt es jedoch noch Nachholbedarf. Wir müssen also das System des Fremdsprachenunterrichts verbessern. Zu diesem Zweck haben wir bereits eine Fremdsprachenstrategie entwickelt, deren erstes Element vor kurzem von der Regierung angenommen wurde. Danach können Schüler der Klassenstufen 9 und 11 zwei Wochen in einem englisch-, deutsch-, französisch- oder in chinesischsprachigen Land verbringen, um ihre Sprachkenntnisse zu verbessern. Die Ausarbeitung der Details des diesbezüglichen Bewerbungssystems ist bereits im Gange. Die Regierung wird ab dem Schuljahr 2020-2021 insgesamt 90 Milliarden Forint für diese Programm bereitstellen. Wir müssen mehr Gewicht auf die realen Kommunikationsfähigkeiten legen.

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Worauf noch?

Wir müssen noch besser auf die Bedürfnisse eingehen, die von Seiten der Wirtschaft formuliert werden. Wir brauchen mehr Ingenieure, Informatiker und Agrar-Experten. Es geht aber auch um die Wettbewerbsfähigkeit des ungarischen Hochschulwesens. Derzeit studieren in Ungarn fast 30.000 ausländische Studenten. Deutlich über 20.000 von ihnen zahlen für ihr Studium. Es gibt aber immer noch mehr Interesse aus dem Ausland, als wir Plätze anbieten können. Wir dürfen also auch hier nicht die Hände in den Schoß legen.

Wie sieht es mit der Abwanderung von ungarischen Absolventen ins Ausland aus?

Diese stellt nach wie vor eine große Herausforderung dar. Es gibt aber diverse Lösungsvorschläge. Wichtig finde ich es auch, dass wir die Perspektiven für das Bleiben in Ungarn attraktiver gestalten. Das seit einigen Jahren aktive Programm zur Finanzierung von Ärzten weist beispielsweise in diese Richtung. Dadurch konnte die Abwanderung von Ärzten spürbar verringert werden. Ebenso wichtig ist auch eine weitere Angleichung der Lohnverhältnisse. Wenn wir diese Herausforderung nicht meistern, dann kommt eine noch viel größere auf uns zu.


Wie sieht es diesbezüglich inzwischen bei den Pädagogen aus?

In Ungarn gibt es in der Wirtschaft inzwischen beachtliche Reallohnentwicklungen. Wir müssen aufpassen, dass die Dynamik der Lohnentwicklung bei den Pädagogen nicht zu sehr dahinter zurückbleibt. Selbstverständlich immer mit Blick auf die finanziellen Möglichkeiten des Staatshaushaltes. Auf jeden Fall müssen wir dafür sorgen, dass sich ausreichend viele Jugendliche für den Lehrerberuf entscheiden. Schon jetzt ist abzusehen, dass wir ungefähr ab 2023 aufgrund der Altersstruktur größere Probleme bekommen werden, alle Planstellen zu besetzen. Umso wichtiger ist es, auch dafür zu sorgen, die vorhandenen Lehrkräfte zu halten. Ich sehe hier durchaus noch Handlungsbedarf. Als Staatssekretär muss ich bei den Entscheidungsträgern nachdrücklich und immer wieder für die Interessen des Bildungswesens eintreten. Schließlich geht es hier um mehrere Millionen ungarischer Bürger. Zum Glück laufe ich hier aber offene Türen ein.


Wie hoch ist der Lehrermangel derzeit in Ungarn?

Nicht sehr hoch. In Ungarn gibt es rund 4.000 Schulen. Der durchschnittliche Lehrermangel pro Schule bewegt sich zurzeit bei etwa ein bis zwei Prozent. Von einer solchen Rate können einige Sektoren in der freien Wirtschaft nur träumen! Unser System funktioniert also. In den vergangenen Jahren haben sich bereits mehr ungarische Jugendliche für eine Lehrerausbildung entschieden als bisher. Der Lehrerberuf wird also attraktiver. Jährlich betreten etwa 4.000 frisch ausgebildete Lehrer den Arbeitsmarkt. Das Problem ist nur, dass nicht alle von ihnen beabsichtigen, auch wirklich als Lehrer zu arbeiten. Wir müssen also dafür sorgen, dass jemand, der sich für den Lehrerberuf entschieden hat, auch tatsächlich diesen Beruf ergreift. Und wenn er diesen Beruf ergriffen hat, dann soll er dort ein Karrieremodell vorfinden, das ihn dazu motiviert, diesem schönen Beruf langfristig treu zu bleiben.

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Abgesehen von der Bezahlung werden von Lehrern auch andere Dinge beklagt, etwa die gestiegenen administrativen Pflichten.

Mit dem IT-System, das in den letzten Jahren im Bildungssystem eingeführt worden ist, müssen sich viele Lehrkräfte noch besser anfreunden. Dann kommen sie aber darauf, dass das alles eigentlich gar nicht so schlimm ist. Als ich als Arzt in Berührung mit dem ersten IT-System kam, war ich auch nicht sehr glücklich, weil es zunächst einmal mein Leben etwas schwerer machte. Als ich das System dann aber gut beherrschte, wurde mein Leben auf einen Schlag viel einfacher und ich sparte letztlich viel Zeit.


Beschwerden gibt es auch hinsichtlich der gestiegenen Stundenzahl.

Derzeit beträgt die Zahl der obligatorischen Stunden 22 bis 26. Dabei handhaben es die Schulen recht unterschiedlich, welcher Teil davon inner- und welcher außerhalb der Schule abgearbeitet wird. Nach intensiven Abstimmungen mit den Interessenvertretungen werden wir jetzt ein System schaffen, in dem der Anteil der innerhalb der Schule verbrachten Stunden fixiert ist.


Sie setzen bei solchen Entscheidungen eher auf Dialog?

Die ersten Monate meiner Amtszeit haben, glaube ich, genug bewiesen, dass ich mich bemühe, überall dort präsent zu sein, wo es sein muss. Und dass ich gerne bereit bin, strittige Fragen zu besprechen. Ich bin ein Freund von Verhandlungen und gemeinsamen Lösungen. Jetzt sind wir gerade dabei, auf Vorschlag der Gewerkschaften eine strategische Vereinbarung zu treffen. Diese wird unter anderem regelmäßige Konsultationen beinhalten. Es gibt nie Lösungen, mit denen alle voll zufrieden sind. Es ist aber wichtig, dass die Trends in die richtige Richtung weisen und dass wir die wichtigsten Probleme wahrnehmen und behandeln. Diese Bereitschaft ist bei mir voll vorhanden. Ich sehe auch, dass ich Partner für entsprechende Lösungen habe.

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Bei meinem letzten Interview mit Herrn Palkovics vor knapp einem Jahr in seiner damaligen Funktion als Bildungsstaatssekretär kamen wir auch auf das Tablet-Programm für ungarische Schüler zu sprechen. Wie hat es sich seitdem weiterentwickelt?

Mit dem Programm geht es weiterhin sehr gut voran. Während wir zunächst die Marke von 21.000 Tablets anpeilten, sind es inzwischen schon deutlich mehr Tablets, mit denen ungarische Schüler bereits arbeiten können. Ich halte es für außerordentlich wichtig, dass wir nicht nur von der Digitalisierung sprechen, sondern diese durch ganz konkrete Schritte in der Praxis auch verwirklichen. Mittlerweile arbeitet auch eine große Gruppe an Experten an der Entwicklung von digitalen Lehrbüchern.


Wie ist Ihre Strategie, was die kleineren Brüder, also die Smartphones betrifft?

Wenn ich erreichen wollte, dass sich die Verwendung von Smartphones durch die Schüler blitzschnell ausbreitet, dann müsste ich dafür sorgen, dass sie verboten werden. (lacht) Aber das wäre natürlich eine Dummheit. Man muss die Verwendung von Smartphones in Schulen natürlich regeln. Aber verbieten, nein davon halte ich nichts. Solange ich hier in dieser Position bin, wird es keinerlei derartige Initiativen geben.

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