Auch in den letzten Jahren hat sich in Ungarn einiges ereignet, was Frauen in besonderem Maße tangiert hat oder noch betreffen wird. Die von Ministerpräsident Viktor Orbán bei seiner „Rede zur Lage der Nation“ verkündeten neuen familienpolitischen Maßnahmen sind da nur das aktuellste Beispiel. Diese hatten sowohl im In- und im Ausland auch Kritik auf sich gezogen. Der lauteste Vorwurf war dabei der, dass die Pläne versuchen würden, Frauen auf ihre Mutterrolle zu reduzieren, sie als „Gebär-Mütter“ darzustellen und dafür sorgen sollen, dass Frauen sich „in den häuslichen Bereich zurückziehen“.

Familien brauchen mehr Unterstützung vom Staat

Eszter Kováts, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der sozialdemokratischen Friedrich-Ebert-Stiftung in Budapest für Fragen der Geschlechtergerechtigkeit in Ostmitteleuropa zuständig ist und mit der sich die Budapester Zeitung anlässlich des Weltfrauentags unterhalten hat, glaubt, dass auch „unabhängig von den demographischen Zielen der Regierung“ Menschen mit Kindern in Ungarn mehr staatliche Unterstützung bräuchten.

Ein großes Problem sieht sie jedoch darin, dass die versprochenen Maßnahmen, nicht für alle und insbesondere nicht für diejenigen, die sie am nötigsten brauchen, zur Verfügung stehen werden. Sowohl in Orbáns Ansprache zur Lage der Nation sowie im „Aktionsplan für Familienschutz" käme sehr stark zum Ausdruck, welche Kinder geboren werden sollen. Und diese seien „weiß und reich“, spitzt Kováts zu. In seiner Rede habe sich Orbán ihrer Meinung nach „offenkundig antiziganistischer Formulierungen“ bedient. „Wenn er sagt, dass man denen gegenüber, die nicht für ihre Kinder, sondern von ihren Kindern leben wollten, weder verständnisvoll noch nachsichtig begegnen werde, dann spielt er auf das Anti-Roma-Vorurteil an, wonach die Roma von Sozialgeldern leben würden“, so die Wissenschaftlerin.

Mit Ausnahme der versprochenen massiven Erhöhung der Krippenplätze – also lediglich einer der sieben angekündigten Maßnahmen – würden praktisch nur Familien aus mittleren und höheren Schichten von den familienpolitischen Plänen der Regierung profitieren können. Und obwohl ein Ausbau der Krippenplätze zu begrüßen wäre, sei auch dies mit Zurückhaltung zu genießen, da die Regierung bereits vor fünf Jahren ähnliche Versprechungen gemacht und nicht eingehalten habe. Doch falls der Bau von Krippen tatsächlich stattfände, „reicht es nicht, die Gebäude zu bauen, sondern wir brauchen auch Menschen, die diese Arbeit machen“, betont Kováts angesichts des Mangels an Krippenerzieherinnen. Dieser sei aber vor allem durch schlechte Arbeitsbedingungen und ein niedriges Gehalt bedingt.

Frauen müssen schultern, was an sozialen Institutionen fehlt

Als Co-Autorin der wissenschaftlichen Studie „Frauensachen 2018“ (englische Zusammenfassung unter dem Titel „Women's Affairs 2018“ online verfügbar), in der in Fokusgruppen-Interviews und Umfragen die gesellschaftlichen Probleme von Frauen und Lösungsstrategien für Ungarn erarbeitet wurden, hat Kováts gemeinsam mit der Soziologin Anikó Gregor, einen besonderen Schwerpunkt auf Frauen aus unteren Schichten gelegt. Die Forscherinnen wollten verstehen, was die Probleme des überwiegenden Anteils von Frauen in Ungarn sind.

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Für den VII. Internationalen Frauenwahlrechtskongress sind Frauenrechtlerinnen, wie die hier an der Fischerbastei stehenden beiden Deutschen Lida Gustava Heymann (v.l.) und Dr. Anita Augspurg (v.r.) nach Budapest gereist.


Dabei kam heraus, dass die Spannung zwischen Beruf und Familienfürsorge in Ungarn besonders stark ist und die Last dabei fast immer die Frauen tragen. Daraus würden sich gleich mehrere Probleme ergeben, die viel weitreichendere Konsequenzen nach sich zögen, als nur die Lage der individuellen Frau. In ihrer Forschung konnte Kováts feststellen, dass Frauen jeden Alters in Ungarn aufgrund der ihnen im Bereich der Familie zugesprochen Fürsorgerolle auf dem Arbeitsmarkt diskriminiert werden.

Diese Diskriminierung ziehe sich durch das ganze Leben einer Frau und trete in unterschiedlichen Altersgruppen nur anders in Erscheinung. Wenn man jung ist, so Kováts, werde man diskriminiert, „weil man jede Minute ein Kind bekommen könnte“. Habe man bereits ein Kind, werde angenommen, dass man nicht zuverlässig genug im Beruf sein könnte, weil in Ungarn bisher kaum Institutionen existieren, die Eltern unterstützen. Laut Kováts gebe es derzeit für gerade mal rund 17 Prozent der Kinder unter drei Jahren einen Krippenplatz. Ist man in so einem Szenario alleinerziehend, und das sind ungefähr 500.000 Menschen in Ungarn – davon 86 Prozent Frauen – oder ist das Kind etwa krank, werde die Situation zur Zerreißprobe.

Viele Frauen aus der „Sandwich“-Generation, also der Gruppe derer, die jetzt um die 40 bis 50 Jahre alt sind, erklärt Kováts weiter, müssten sich, kaum sind die Kinder aus dem Gröbsten raus, bereits um die Eltern oder Schwiegereltern kümmern – nicht selten auch um beide. Dies gelte auch noch für Frauen in ihren 60ern, die dann teilweise selbst schon Unterstützung gebrauchen könnten, aber noch immer ihre hochbetagten Eltern pflegen müssen. Hier liegt laut Kováts eine problematische Besonderheit des ungarischen Sozialstaats: Pflege werde als private Angelegenheit im Rahmen der Familie angesehen. Um in einer der wenigen staatlichen Institutionen unterzukommen, müsse man gemeinsam mit Zehntausenden anderen mehrere Jahre auf einen Platz warten. Und auch im Bereich der Alten- und Krankenpflege seien die Bedingungen und Gehälter ähnlich schlecht wie bei der Kinderbetreuung. Außerdem würden diese Berufe wiederum in der Regel von Frauen ausgeübt.

Erhöhtes Armutsrisiko

Dieses Dilemma, so Kováts, betreffe auch die Politik und Wirtschaft. Diese Frauen, die ihr eigentliches Potential aufgrund der enormen Belastung nicht ausschöpfen können, fehlen auf dem Arbeitsmarkt. Angesichts der oft geringen Löhne feminin konnotierter Berufe in Ungarn, stehen Frauen und Familien aus unteren Einkommensschichten – ebenso wie alleinerziehende Eltern – mangels eines Solidaritätsnetzes vor einem erhöhten Armutsrisiko, insbesondere dann, wenn ein Gehalt in der Familie wegfällt.

Dies wiederum versetze die Frau in eine finanzielle Abhängigkeit. Gerade für Frauen aus niedrigeren Schichten sei es oftmals noch problematischer, weil sie in gering qualifizierten Tätigkeiten leichter zu ersetzen und damit ihren Arbeitgebern besonders ausgeliefert sind. Durch die neuen Maßnahmen, welche die Regierung zur Förderung von Familien ankündigte, würden diese Menschen jedoch keine Unterstützung erfahren, meint Kováts, da sie in den meisten Fällen die Voraussetzungen für eine Förderung nicht erfüllen können.

Auch das Überstundengesetz der Regierung, das Ende letzten Jahres zu Protesten im Land geführt hatte, steht für Kováts im Widerspruch zu einer Förderung von Familien. Mehr Überstunden würden die Spannung zwischen beruflicher und häuslicher Sphäre für Männer und Frauen nur erhöhen und insbesondere Familien zusätzlich belasten.

Mögliche Lösungsansätze

Wie kann man diese Situation ändern? „Wir müssen es als Gesellschaft komplett neu denken“, ist die Antwort von Eszter Kováts. Es gebe die große gesamtgesellschaftliche Aufgabe, stereotypisch von Frauen ausgeübte Fürsorgeberufe, wie die der Kindergärtnerin, der Altenpflegerin und der Krankenschwester, stärker gesellschaftlich und finanziell anzuerkennen: „Das sind sehr wichtige Berufe, ohne die wir nicht leben und uns als Gesellschaft nicht reproduzieren können.“

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Eine ungarische Frauenwahlrechts-Karikatur aus dem Jahr 1913. „Wir sind das Volk!“ „Sind wir nicht das Volk?“ „Wir kämpfen für das Recht des Volkes“.


Ein weiterer auch historisch bewährter Weg könne in einer neuen Frauenbewegung liegen. Ende letzten Jahres habe sich eine solche Initiative mit ihrem Anliegen in Ungarn durchsetzen können. „Ich glaube, dass eine der einflussreichsten Frauenbewegungen der letzten Jahre die Bewegung der Mütter von behinderten Kindern war“, erzählt Kováts. Diese Mütter hätten es geschafft, mit einer groß angelegten und sehr professionellen Kampagne ihr Anliegen in das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu bringen.

Hintergrund war, dass diese Frauen, „die aus dem Arbeitsmarkt komplett ausgeschlossen sind, weil ihr Kind Tag und Nacht Betreuung braucht“ nur rund 50.000 Forint an staatlicher Sozialhilfe erhielten. Angesichts des großen gesellschaftlichen Drucks, der im Zuge der Kampagne auf die Regierung entstand, bekommen diese Frauen seit dem 1. Januar 2019 rund 100.000 Forint für die 24-Stunden-Pflege ihrer Kinder. Für die Pflege erwachsener pflegebedürftiger Angehöriger, die zwei Drittel der Zuhause gepflegten ausmachen, wurde der Betrag nur um 15 Prozent erhöht, das sind umgerechnet nicht mal 20 Euro Unterschied.

„Damit sich die Situation der Frauen in Ungarn verbessern könne, muss sich auch etwas in der Politik verändern“, findet Kováts. Das ungarische Parlament stelle mit gerade mal 12,6 Prozent weiblichen Abgeordneten ein absolutes Schlusslicht im europäischen Vergleich dar. Auch außerhalb Europas sehen die Zahlen oft rosiger aus, in Afghanistan zum Beispiel liegt der Frauenanteil im Parlament bei 27,7 Prozent. In der ungarischen Regierung sieht es mit nur einer Ministerin ebenfalls spärlich aus. Dabei brachten Eszter Kováts und Anikó Gregor in ihrer „Women’s Affairs 2018“-Studie in Erfahrung, dass die Ungarn keineswegs gegen mehr Frauen in der Politik sind und sogar davon ausgehen, dass Politikerinnen den Angelegenheiten von Frauen mehr Aufmerksamkeit zuwenden würden.

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Die Meilensteine der Frauenbewegung in Ungarn:

  • 1790: Erstmals werden öffentlich zumindest beschränkte politische Rechte für Frauen von Stand gefordert.
  • 1828: Gräfin Therese Brunsvik, Vorreiterin der ungarischen Frauen- und Kleinkinderbildung, gründet in Buda den ersten Kindergarten Ungarns.
  • 1848: Gräfin Blanka Teleki verfasst die erste politische Proklamation, in der gleiche Rechte für Frauen (Wahlrecht, Recht auf Universitätsbesuch) verlangt werden.
  • 1869: Hermin Veres (ungarisch Veres Pálné) gründet die erste weiterführende Schule für Mädchen in Ungarn.
  • ab 1895: Universitätsstudien werden für Frauen beschränkt erlaubt (Geisteswissenschaften, Medizin und Pharmazie).
  • 1904: Rosika Schwimmer, Vilma Glücklich, Eugénia Miskolczy Meller und andere bekannte Feministinnen gründen den ungarischen Feministinnenverein (ungarisch Feministák Egyesülete).
  • 1913: Tagung des VII. Internationalen Frauenwahlrechtskongresses in Budapest mit internationalen Frauenrechtlerinnen.
  • 1919: Einführung eines beschränkten Wahlrechts für Frauen; Höherer Alterszensus (aktives Wahlrecht: 24 Jahre für Männer, 30 Jahre für Frauen) und höhere Beschränkungen hinsichtlich Staatsangehörigkeits-, Wirtschafts- und Bildungsvoraussetzungen für Frauen.
  • 1945: Einführung des uneingeschränkten allgemeinen Frauenwahlrechts ab 20 Jahren und vollständige Gleichberechtigung vor dem Gesetz. Aber: Mutterschaft als gesellschaftlicher Auftrag und Schweigen über Doppelbelastung.
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