Im Terminkalender der global tonangebenden Ratingagenturen war Freitag, der 15. Februar, neben anderen Schuldnern auch für Ungarn vorgemerkt. Standard & Poor´s Global Ratings (S&P) gab in der Nacht in London bekannt, die Bonität der langfristigen ungarischen Staatsschulden auf „BBB“, jene der kurzfristigen Schulden auf „A-2“ heraufgestuft zu haben. Beide Prädikate wurden jeweils mit stabilem Ausblick versehen. Genau eine Woche darauf folgte Fitch Ratings: Am 22. Februar hob diese Ratingagentur die Bonität für die langfristigen, in Devisen wie in Forint bestehenden ungarischen Staatsschulden auf „BBB“ an, ebenso mit stabilem Ausblick.

Gewissermaßen hatte S&P Fitch die Show gestohlen. Letztere Agentur merkte nämlich noch vor Jahresende in einer Lagebewertung der Region Mittelosteuropa für das Jahr 2019 an, ausgehend von dem seit 2017 bestehenden positiven Ausblick gleich sieben Ländern rund um Ungarn eine verbesserte Bonität bescheren zu können – einzig die Türkei dürfe sich keine Hoffnungen machen. Man hatte das Jahr 2018 tatenlos verstreichen lassen und räumte nun gewissermaßen Nachholbedarf ein. Tatsächlich haben die großen Ratingagenturen in der Vergangenheit bei der Einschätzung der makroökonomischen Entwicklung Ungarns ganz sicher keine Pionierleistungen vollbracht.

Phasenverschiebung

Moody´s stellte den Status des Landes als sichere Anlage erstmals Ende 2008 in Frage und zog Ungarn erst im Dezember 2010 auf jenes Prädikat „Baa3“ zurück, das die Vorstufe zum Ramschstatus darstellt. Bis heute hat Ungarn bei dieser Ratingagentur kein besseres Prädikat verdient. Nachdem die ungarischen Staatsschulden Ende 2011 endgültig zur spekulativen Anlage erklärt worden waren, hielt Moody´s das Land geschlagene fünf Jahre im Ramschstatus. Im November 2016 wurde die de facto Verbannung Ungarns von den internationalen Geldmärkten mit der Vergabe der Kategorie „Baa3“ aufgehoben. Der dabei bescheinigte stabile Ausblick wurde zwei Jahre später lediglich bekräftigt. Damit hat Moody´s schlichtweg den Anschluss verpasst, wenngleich die „Konkurrenz“ von S&P und Fitch gewiss nicht als Sprinttalente gelten.

Standard & Poor´s drohte Ungarn seit März 2009 mit dem Entzug des Investmentgrades. Darauf folgten 2010 und 2011 zwei letzte Vorwarnungen des negativen Ausblicks, bevor der Ramschstatus Ende 2011 wirksam wurde. Immerhin bescheinigte diese Agentur Ungarn schon ab 2014 Fortschritte, sah die Staatsschulden ab September 2016 nicht länger als spekulative Geldanlage und benötigte nur ein Jahr, um das schwächste Investmentgrade „BBB-“ mit einem positiven Ausblick zu versehen. Von dieser Entscheidung an mussten weitere anderthalb Jahre ins Land gehen, bis Ungarn nun eine Bonität erhielt, die um einen einzigen Grad über jener aus dem Jahre 2009 steht!

Sehr ähnlich verhält es sich bei Fitch Ratings, wo das „BBB“ mit stabilem Ausblick zuletzt im November 2008 Anwendung fand. Damals erklärte die sozialistisch-liberale Gyurcsány-Regierung kurz nach dem offenen Ausbruch der Weltwirtschaftskrise faktisch den Staatsbankrott. Fitch war der letzte Akteur im Trio der großen Ratingagenturen, der Ungarn Anfang 2012 in den Ramschstatus verbannte, und der erste, der verbesserte Aussichten wahrnahm: nämlich schon Anfang 2013. Im Jahre 2015 wurde der ungarische Status endlich mit einem positiven Ausblick versehen, bevor Fitch im Mai 2016 gewissermaßen mutig die Initiative ergriff und Ungarn den niedrigsten Investmentgrade erteilte. Wenngleich die Märkte schon damals von dem Schritt nicht überrascht wurden, erstarkte der Forint doch. Am Rande sei erwähnt, dass sich die Notierung an diesen historischen Tagen im Frühling 2016 um 317 HUF/EUR bewegte, womit sich eine weitere Parallele zur Situation am Geldmarkt Anfang 2019 herstellen lässt.

Stabilisierte Fundamente

Vor knapp drei Jahren kommentierte das damals noch existierende Volkswirtschaftsministerium, Fitch Ratings habe den erfolgreichen Umbau der ungarischen Wirtschaft anerkannt, die Reformen funktionieren. Dieser Tage erklärte Mihály Varga in seiner neuen Eigenschaft als Finanzminister, die Ratingagenturen hätten mit der verbesserten Bonität auf das seit Jahren ausgewogene und stabile Wirtschaftswachstum Ungarns reagiert. Das Land sei den externen Faktoren an den Weltmärkten zunehmend weniger ausgeliefert und senke systematisch seine Staatsschulden. Sinngemäß meinte der Minister an die Adresse der Ratingagenturen gewandt: Es wurde aber auch Zeit.

Schließlich hatten die Geld- und Kapitalmärkte die spürbare Stabilisierung der ungarischen Fundamente längst für bare Münze genommen. Das schlage sich beispielsweise in den Notierungen des Forint gegenüber Euro und Dollar oder im Risikoaufpreis CDS nieder. (Letzterer fiel beispielsweise in dem Moment, da die Ratingagenturen Ungarn wieder einen Investmentgrade zuerkannten, unter 130 Punkte und bewegt sich in diesem Jahr stabil unter 90 Punkten.) Varga betonte als ein markantes Merkmal, warum sich die Fundamente nicht mit dem Zustand des Landes vor 2010 vergleichen lassen, dass das Wachstum nicht länger durch eine ungezügelte Verschuldung generiert werde.

Der Finanzminister erinnerte daran, dass sich die Orbán-Regierung nicht in ihrem Kurs beirren ließ, als die Ratingagenturen um die Jahreswende 2011/12 dem Land nacheinander das Investmentgrade aberkannten, die Anleger ergo vor Zahlungsausfällen in Ungarn warnten. Der Fidesz konzentrierte sich darauf, das Wachstum anzukurbeln, um der Schuldenfalle auf dem Wege eines zunehmenden Bruttoinlandsprodukts beizukommen. Um die internen Konjunkturfaktoren zu stärken, setzte die neue Wirtschaftspolitik auf mehr Beschäftigung und steigende Löhne, während parallel der Staatshaushalt stabilisiert wurde.

Nachzügler mit umgekehrten Vorzeichen

Ungarn ist nun – zumindest bei S&P und Fitch – noch zwei Schritte davon entfernt, als sichere Anlage bewertet zu werden. Das war historisch betrachtet bislang ein einziges Mal der Fall, nämlich unmittelbar nach der Jahrtausendwende, als die Ratingagenturen ganz offensichtlich die Arbeit der ersten Orbán-Regierung (1998-2002) anerkannten. Auf die überraschende Wiederkehr der Sozialisten an die Macht und ihren haltlosen Kurs der Wohlfahrtsprogramme reagierten die beiden oben genannten Ratingagenturen, indem sie ab 2005 ganz offiziell mit Problemen rechneten. Moody´s sah derweil kaum Grund zur Beunruhigung. Die Amerikaner gingen den Phrasen der Gyurcsány-Regierung dermaßen auf den Leim, dass sie die Lage in Ungarn dauerhaft um zwei Grade besser als die Konkurrenz bewerteten.

Die Bonitäts-Analysten von Moody´s werden ihrem Ruf als Nachzügler auch heute gerecht. Nur geschieht das mit umgekehrten Vorzeichen. Dem Bekenntnis der damaligen Budapester Führung zum Neoliberalismus folgten sie blind bis in den Untergang 2008/09. An der unorthodoxen Wirtschaftspolitik des Fidesz können sie auch nach neun Jahren keine positiven Seiten erkennen.

Da wirkt die nüchterne Lagebeurteilung des Finanzministers professioneller. Varga vergaß über alle Jubelgesänge auf die jüngsten Entscheidungen von S&P und Fitch nicht, auf die kommenden Herausforderungen zu verweisen. Besonders die lahmende Konjunktur in Westeuropa und die erschöpften Arbeitsmarktreserven bedrohen das ungarische Wirtschaftswachstum. Noch immer ungelöst ist die Problematik des Bevölkerungsschwunds, und weiterhin wirkten zahlreiche Faktoren gegen mehr Wettbewerbsfähigkeit. Immerhin ist sich Budapest dieser Problemfelder bewusst. Es werden deshalb garantiert noch mehr Weichen gestellt, um das hohe Wachstum so lange wie möglich aufrechtzuerhalten.

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