Drei seiner einst siebzehn Spatzenuntertanen, die alle in seiner Wohnung umherflatterten, lebten noch, während er an den Evidenzgeschichten seines Langen Sargs in aller Kürze saß, einem Buch, in dem nichts geschrieben steht... und das ein interpunktiert extremes Buch ist. Alles, was in diesem Buch dennoch geschrieben steht, ist identisch mit Dezső Tandori, noch mehr, es ist der in Schriftzeichen, Zeichnungen, existentielle Betrachtungen, Verzweiflung, Hoffnung gegossene Tandori, der König aller am Leben leidenden Kreaturen. Und wenn er als Stellvertreter die Krone, die Mütze, absetzte, weil er angesichts des Todes seiner geliebten Sperlinge nur noch beredt schweigen konnte, erschien er auf der Bühne mit einem als Turban gewundenen Badetuch um den Kopf und warf das Handtuch.

Seit seine Sperlingkolonie wohl endgültig vom Aussterben bedroht war, begegneten wir dem Autor auf dem Papier wie auch in leibhaftiger Gestalt auf den europäischen Trabrennbahnen, wo er in den Namen der Pferde die Lichtgestalten der von ihm gegangenen gefiederten Freunde entdeckte und entsprechend setzte. Die Reminiszenzen gehen über in philosophische Betrachtungen. Die Spatzen als privat erlebte Realität von Leben und Tod, von Sinnlichem und Übersinnlichem gaben Tandori die Möglichkeit, literarisch Verknüpfungen herzustellen zu Endre Ady, Heimito von Doderer, Heraklit, Heavy Metal, Franz Kafka, Immanuel Kant, Frigyes Karinthy, Dezső Kosztolányi, Robert Musil, Ágnes Nemes Nagy, Géza Ottlik, János Pilinszky, Sylvia Plath, Ezra Pound, Rainer Maria Rilke, dem Maler de Staël, der am 16. März 1955 Selbstmord begangen hat, Ernő Szép, Tarantino, Sándor Weöres, Ludwig Wittgenstein, Virginia Woolf und vielen anderen.

Gaben ihm die Möglichkeit? Mehr noch, für ihn war die Welt eins, ein unteilbares Ganzes. Eine Einheit auch das Werk. Gedichte, Essays, Romane, Kriminalromane, Übersetzungen vom Besten der Weltliteratur gehören zum Oevre des Graphomanen. Der Bogen spannt sich für mich zwischen zwei Höhepunkten, dem 1968 erschienenen Gedichtband „Fragmente für Hamlet“ und dem 1996 publizierten Essayroman „Langer Sarg in aller Kürze“, 1997 deutsch bei Ammann in Zürich herausgegeben.

Wer Tandori nicht kennt, nun schon: nicht kannte, könnte meinen, mit seiner Verknüpfung von Spatzen und Dichtung in die Phantasiewelt des Dichters geraten zu sein. Weit gefehlt: Dichtung und Sperlinge sind für Tandori eine durchaus real existierende Welt. Als ich Dezső Tandori vor etwa dreiundzwanzig Jahren mit dem Versprechen, ihn übersetzen zu wollen, in seiner Wohnung am Donauufer aufsuchen durfte, seinerseits nicht ohne mehrere krankheitsbedingte Terminverschiebungen, betrat ich das Tandori-Königreich, das er sich mit dem Spatzenkönigreich in friedlicher Koexistenz teilte. Krank war wohl nicht er gewesen, sondern seine Spatzen, die seiner Intensivpflege bedurften.

Tandori in Hochstimmung, führte mich in sein Menschenreich ein, wo er gleich einem Schachgroßmeister von einer Schreibmaschine zur nächsten hastete, um Gedichte, Romane und Übersetzungen entstehen zu lassen. Doch mit dieser Ehre nicht genug, gestattete er mir auch Zutritt zu seinem Spatzenkönigreich. „Deckung!“ rief er, bevor ich eine ganze Armada von Spatzen aufgeschreckt hatte. Nun ja, es könnten auch nur drei der letzten Überlebenden gewesen sein, die angesichts des fremden Eindringlings ängstlich im Zimmer umherflatterten.


Wirst spärlicher

Wirst spärlicher. Deine Abstände

schwindelt es, und sie gewinnen dich

nicht mehr zurück.

Windstille deines Seins bist du gewesen.

Pendelst dein Geschwundensein ein.


(Aus: „Fragmente für Hamlet“, 1968)

Konversation

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