Sie zählt zu den Schlüsselfiguren der zeitgenössischen, ungarischen aber auch internationalen Tanzszene und stellte beim Festival ihr generationsübergreifendes Projekt „Nibiru“ vor, das letztes Jahr die angesehene „Stafeta“-Förderung der Stadt Budapest gewann. Das Projekt überraschte vor allem durch den pädagogischen Ansatz der Choreografin sowie die überzeugende Präsenz der 17 jugendlichen Darstellerinnen auf der Bühne. Im Gespräch erzählt sie uns mehr über ihr Tänzerleben und den Schaffensprozess des Stücks.


Wie sind Sie zum Tanz gekommen?

Seit meiner frühen Kindheit tanze ich und bis in meine Jugendzeit war ich ungarische Volkstänzerin. Damit habe ich dann allerdings aufgehört, denn die interessanteren Tanzschritte im ungarischen Volkstanz werden von Männern ausgeführt, nicht von den Frauen. Außerdem ist der Volkstanz eine festgelegte Form, mich interessierte aber mehr, zu improvisieren, zu experimentieren und herauszufinden, was mit Bewegung noch alles möglich ist. Dabei entdeckte ich auch, dass ich durch den Tanz mit der Welt und den Menschen anders in Kontakt treten kann, vieles lernen, erfühlen und durchleben kann. Deswegen habe ich mich entschieden, Tänzerin zu werden.


Wie ging es nach dem ungarischen Volkstanz weiter?

Mit 18 Jahren begann ich meine Tanzausbildung an der Schule für zeitgenössischen Tanz, der „Budapest Contemporary Dance Academy“. Das ist eigentlich die einzige, wirkliche Schule für zeitgenössischen Tanz in Budapest, die übrigens gerade ausläuft. Sie hat kaum mehr staatliche Finanzierung und auch niemanden, der den Leitungsposten vom Gründer Iván Angelus übernehmen würde.


Sie sind eigentlich das Gegenteil einer Solokünstlerin, oder?

Ja, ich arbeite sehr gern in Kollaborationen. Seit meinem Tanzstudium hat sich ein Netzwerk entwickelt, wo viele Einzelkünstler immer wieder in verschiedenen Gruppierungen zusammenarbeiten — ich vergleiche es gern mit dem Bild einer Amöbe. Diese Arbeitsform schätze ich sehr. Dabei interessiert mich immer erst einmal der andere Mensch an sich. Zu welchem Thema wir arbeiten, ist für mich eher sekundär, vielmehr interessiert mich, in welcher Form wir zusammenarbeiten und wie verschiedene Kunstformen aufeinandertreffen. Auch ist es dann wiederum spannend für mich zu sehen, was verschiedene Künstler aus mir herausholen, welche unterschiedlichen Seiten in den Arbeiten zum Tragen kommen.


Wo können Sie Ihre Arbeiten in Budapest präsentieren?

Neben meinen Auftritten als Tänzerin in Produktionen anderer Choreografen, kreiere ich pro Jahr ein bis zwei eigene, größere choreografische Arbeiten. Diese sind vor allem auf den beiden Bühnen für zeitgenössischen Tanz in Budapest — im Trafó und im MU-Theater — zu erleben. Ich habe auch Glück gehabt, denn ich habe schon seit meiner Ausbildung immer viele Aufträge bekommen und zwar solche, mit denen ich mich gut identifizieren konnte. Neben den großen Arbeiten schätze ich auch kleinere Formate sehr, bei denen man mehr Risiko eingehen kann und spontaner arbeitet. Ende letzten Jahres habe ich zum Beispiel an der Eröffnung der Ausstellung „Future Skills“ im Österreichischen Kulturforum mitgewirkt. Solche grenzüberschreitenden Formate interessieren mich sehr.

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Csaba Molnar: The Ox (Foto: Michal Hančovský)


Sie waren in den letzten Jahren viel international und auch im deutschsprachigen Raum unterwegs, oder?

Ja, angefangen hatte es mit einer Teilnahme am international bedeutenden ImPulsTanz-Festival in Wien. Mehrmals war ich in den letzten Jahren beim „Montagsmodus“-Residenzprogramm des Collegium Hungaricum in Berlin vertreten, das regelmäßig ungarische Künstler in der deutschen Hauptstadt präsentiert. Auch hatte ich zahlreiche Gastspiele auf internationalen Festivals mit Produktionen wie „Skin Me“ oder „Taking place“, auch in Deutschland. Die internationalen Ausflüge sind wichtig für mich, denn sie geben mir Inspiration und zeigen mir, wie die Arbeit auf ein fremdes Publikum wirkt. Welche Aspekte der Arbeit sind auch in einem fremden Kontext interessant und auch dort aktuell? Dort gibt es ja andere Tendenzen.


Kann man bei Ihnen auch tanzen lernen?

Neben meiner künstlerischen Bühnenarbeit, verdiene ich meine Existenzgrundlage auch mit wöchentlichen Tanzkursen - so wie viele Choreografen. Wöchentlich gebe ich Stunden für Kinder und Jugendliche im Alter von 6 bis 18 Jahren im Budaer Jurányi-Inkubatorhaus. Ich nenne das „kreativen Kindertanz“ beziehungsweise dann für Jugendliche „zeitgenössischen Tanz“. Mein Impuls für diese Kurse war das Gefühl, dass Sport heutzutage in Ungarn an den Schulen kaum noch ein reines Hobby ist. Wenn man gut in einem Sport ist, wird man sofort zu Wettbewerben gebracht. So steht bei vielen Freizeitaktivitäten der Wettbewerb oder die Aufführung im Vordergrund. Mein Kurs bietet hingegen an, den Spaß an Bewegung zu entdecken und auszuleben. Ohne aufwendig einstudierte Programme und Aufführungen. Die Teilnehmer können so ihren eigenen Stil finden. Ich lehre üblicherweise keine Figuren und Schritte, sondern setze auf die Improvisation der Kursteilnehmer. Anstatt ihnen Schritte beizubringen, gebe ich ihnen beispielsweise Bilder, konkrete Körpergefühle oder eine Qualität der Bewegung vor, zu denen sie dann improvisieren sollen. Es ist Wahnsinn, was dabei entstehen kann und wie kreativ sie sind. Dabei lernen sie spielerisch Koordinationsvermögen und Teamarbeit.



Nun ist es aber doch so weit, dass sich aus einem Ihrer Kurse eine Aufführung entwickelt hat. Wie ist es dazu gekommen?

Dieses Bedürfnis ist ganz von selbst in der Gruppe entstanden. In den letzten Jahren ist im Kurs ein eingeschworenes Team von rund 20 Mädchen im Alter von 10 bis 17 Jahren gewachsen, das engagierter war und intensiver arbeiten wollte. Außerdem organisieren wir jedes Jahr auch ein Sommercamp. Dort wurde mir klar, dass es an der Zeit sein könnte, eine gemeinsame Aufführung zu kreieren. Mit dem bildenden Künstler Márton Emil Tóth und dem Medienkünstler und Musiker Ábris Gryllus habe ich auch vorher schon zusammengearbeitet. Uns verbindet ein gemeinsames Interesse an Visualität, dem jeder von uns seine eigene Kunstform beisteuern kann.

Gemeinsam bewarben wir uns erfolgreich bei der Stafeta-Ausschreibung, einer Förderung unabhängiger Theater- und Tanzproduktionen durch die Stadt Budapest. Das Kulturzentrum SíN produzierte das Projekt gemeinsam mit dem Tráfo-Haus und dem Kulturverein Katlan-Csoport.

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Tanzstunde mit Kindern (Fot: BZT / Nóra Halász)

Worum geht es in dem Stück „Nibiru“?

Inspiration war die Verschwörungstheorie und Pseudowissenschaft vom Ende der Welt durch den fiktiven Planeten Nibiru. Gerade als wir anfingen zu arbeiten, erschien ein Artikel, dass heute das Ende der Welt sei, weil wir vom Planeten Nibiru getroffen werden würden. Diese pseudowissenschaftlichen Theorien waren der Ausgangspunkt für unser Stück.

Wir sind davon ausgegangen, dass der Nibiru die Bewohner der Erde auslöscht und die Bewohnerinnen des Nibiru-Planeten, also die Darstellerinnen auf der Bühne, als einzige überleben.


Ein ganz schön dunkles Thema!

Ja, auf den ersten Blick schon. Wir haben sogar eine Psychologin eingeladen, um sicherzustellen, dass das Projekt in keiner Weise den Jugendlichen schadet. Sie hat uns aber versichert, dass durch solche kritischen Fragen über die Zukunft der Welt oder das Spiel mit Verschwörungstheorien kein Kind mehr traumatisiert wird. Jedes Kind sei in diesem Alter schon auf die eine oder anderer Weise traumatisiert. Das Durchleben solcher Szenarien helfe hingegen bei der Bearbeitung von Ängsten und schade nicht. Unser Prozess war auch gar nicht düster, sondern eher ein sehr angeregter Austausch. Verschiedenste Visionen kamen auf und spielerische Formate wie eine „Konferenz vom Ende der Welt“ brachte das Thema auf eine leichte Ebene. Das Thema „Nibiru“ war unser Hintergrund und Ausgangspunkt, der aber nicht als Geschichte durchgespielt werden sollte, sondern uns vielmehr als Inspiration bei der Vorbereitung und Strukturierung des Arbeitsprozesses diente. So haben wir viele Bilder, viel Referenzmaterial zum Thema gesammelt und dieses für verschiedene Workshops verwendet. Das Stück entstand dann aus einer Vielfalt von Aktivitäten, nicht nur aus einer Tanzstunde.

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Szene aus Nibiru (Foto: László Bellai)

Wie sah dieser Prozess aus?

Während der Arbeit ist uns klar geworden, dass unser Ziel nicht die Aufführung an sich sein sollte, denn dann gibt es die Gefahr, dass wir die Teilnehmer nur für unsere eigenen Zwecke und für unsere eigene künstlerische Vision ausnutzen. Vielmehr schufen wir eine Struktur, in der die Kinder verschiedene Gestaltungs- und Ausdrucksmöglichkeiten erlernen können und daraus quasi wie von selbst eine Aufführung entsteht. Ein organischer Prozess, der so den Stress herausnimmt und gleichzeitig ein kollektives Experiment ist. Dabei waren zwei Begriffe für mich entscheidend: einerseits die Metapher einer Zwiebel für unsere gesamte Arbeitsweise, andererseits sogenannte „Instant-Schöpfungen“ für jeden Schritt.


Wie muss man sich diese Zwiebel vorstellen?

Im Kern sind die Kinder und Jugendlichen. Die erste Schicht darum sind wir, die drei künstlerischen Leiter des Projekts, Márton, Ábris und ich. Ein halbes Jahr lang haben wir zweimal pro Woche gemeinsam an diesem Stück gearbeitet, jede Woche kam eine weitere Schicht hinzu, nämlich Künstler unserer Generation, die wir einluden, um verschiedenartigste Workshops mit den Kindern durchzuführen. Wir bauten Sci-Fi-Landschaften, probierten Initiationsriten aus oder fertigten Masken an. Jeder Workshop brachte ein neues Mittel mit sich, und damit auch eine sogenannte „Instant-Schöpfung“ hervor, die fast alle Ebenen der Aufführung, also auch Musik oder Bühnenbild, geprägt haben. Die nächste Schicht der Zwiebel stellt eine erfahrenere Generation von Pädagogen wie die Choreografin Viktória Varga dar, die uns noch einmal mit einer anderen Sichtweise unterstützt haben und zu guter Letzt sind als Außenschicht die Produktionshäuser, die Eltern und das Umfeld der Jugendlichen zu nennen.


Was nehmen die Kinder davon mit?

Auch wenn ich die Tanzlehrerin bin und wir zu dritt das Leitungsteam sind, gab es doch viele Teile des Ablaufs, bei dem die Teilnehmerinnen gleichrangig waren. Der richtige Umgang mit den Kindern, und wie ich schon erwähnte, sie nicht auszunutzen, waren uns enorm wichtig. Sie lernten Methoden und Arbeitsstrukturen von uns, die es nicht in jeder Schule gibt. Ebenso Improvisation und gemeinsame Verantwortung zu übernehmen. Auch hatten sie dabei wunderbare Ideen, die ins Stück eingeflossen sind.

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Taking Place - im Collegium Hungaricum Berlin im Montagsmodus-Residenzprogramm (Foto: Barbara Antal)


Es ist ja sehr bewundernswert, wie präsent alle Teilnehmerinnen auf der Bühne sind und was sie für unterschiedliche, ganz eigene Stile entwickeln. Was sagen die Familien zu diesem zeitgenössischen Tanzexperiment?

Die Eltern sind natürlich stolz auf ihre Kinder und finden es ganz toll. Zu meiner großen Freude kommt das Stück aber auch total gut im Freundeskreis und bei den jugendlichen Zuschauern an. Oft sagen uns Teenager, dass sie Tanzvorstellungen sonst hassen oder uncool und langweilig finden, aber diese Aufführung gefällt ihnen. Auch generell scheinen die Aufführungen, in denen ich mitwirke, aufgrund des vielfältigen Einsatzes verschiedenster Mittel oft einem breiteren Publikum zugänglich zu sein als eine „normale“ zeitgenössische Tanzvorstellung.


Wie geht es mit diesem Projekt weiter?

Die nächste Aufführung findet im April statt. Auch werden wir uns jetzt erst einmal mit den Mädchen zusammensetzen und ihren Wünschen zuhören. Außerdem haben wir die europäische Förderung „BeSpectACTive“ für workshopbasierte Aufführungen gewonnen, die es uns erlaubt, dieses Konzept an andere Orte wie Prag, Novi Sad oder Kortrijk in Belgien zu bringen, und dort vor Ort mit Kindern zu arbeiten und eventuell auch die ausländischen mit den ungarischen Teilnehmerinnen zu vernetzen.


Was bedeutet für Sie „zeitgenössischer“ Tanz?

Das Wörtchen „zeitgenössisch“ ist ein Sammelbegriff, den ich eigentlich gar nicht so gerne mag. Darunter kann man alles mögliche verstehen. Mich interessieren dabei eher die experimentellen Richtungen. Ich erforsche neue Aufführungsformen, indem ich beispielsweise verschiedene Kunstformen anders als gewohnt kombiniere und neue Zwischenräume schaffe. So arbeiten wir beispielsweise in „Skin Me“ mit Bandmusikern als Performern auf der Bühne, die mit den Tänzern auch in einen physischen Dialog treten. Ich nenne alles Tanz, was ich mache. Von außen sieht das manchmal aus, als ob wir uns gerade gar nicht bewegen, aber für mich ist das trotzdem Tanz.

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„Die Kinder lernen Methoden und Arbeitsstrukturen von uns, die es nicht in jeder Schule gibt. Ebenso Improvisation und gemeinsame Verantwortung zu übernehmen.“ (Foto: Krisztina Csányi)


Was können Sie jemandem mit auf den Weg geben, der mit zeitgenössischem Tanz nichts anfangen kann?

Viele Leute ohne eine Kunstausbildung haben Angst vor zeitgenössischem Tanz oder lehnen ihn ab, weil sie denken, dass sie nicht alles verstehen. Dabei muss man gar nicht alles verstehen. Wenn du in ein Konzert gehst, willst du ja auch nicht das Konzert verstehen, sondern vielmehr die Musik aufnehmen und auf dich wirken lassen. Tanz ist etwas Schwieriges, weil es eine Kunstform ist, die ebenso schwer in Worte zu fassen ist.

Die Leute sind oft verunsichert, weil sie nicht wissen, ob das, was sie mitnehmen, die Intention des Choreografen trifft. Das kommt vor allem dadurch, dass einem oft eine große Interpretationsfreiheit gegeben wird. Alle Gefühle und Reflexionen haben ihre Berechtigung und das Durchleben einer Aufführung kann sehr voneinander abweichen und hängt einfach auch von der Person des Zuschauers ab. Es gibt da kein Richtig oder Falsch. Ich glaube, man muss dieses Gefühl einfach loslassen. Dazu kann ich nur jeden ermutigen!


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