AImotive, in dessen Titel „AI“ für Artificial Intelligence steht, ist inzwischen ein bedeutsames Unternehmen auf dem Markt für autonome Autos. Gábor Pongrácz ist Experte auf seinem Gebiet. Bei AImotive ist er in den Bereichen Geschäftsentwicklung und Geschäftsbeziehungen tätig. Vorher hatte er bei Bosch in Wien als Ingenieur gearbeitet. Pongrácz erklärt uns, wie die Zukunft des autonomen Fahrens aussieht und wie AImotive die Entwicklungen mit voran treibt.


Wie gestaltet AImotive die Zukunft des autonomen Autofahrens?

Wir wollen einen signifikanten Beitrag für die Entwicklung des autonomen Fahrens leisten. Unser Ziel ist es dazu beizutragen, dass der Markt für das autonome Fahren erweitert und verbessert wird.


Wie sieht denn aktuell der Markt für das autonome Fahren aus?

Es gibt zwei Perspektiven auf dem Markt für autonome Autos, die zum jetzigen Zeitpunkt unterschieden werden müssen. Auf der einen Seite gibt es den Markt, der von der Nutzung ausgeht. Hierbei gibt es zwei Anwendungsbereiche: Es gibt die traditionellen Autohersteller, die bei ihren neuen Autos immer mehr Technologien des autonomen Fahrens integrieren wollen. Andere Firmen zielen auf die Etablierung von Robotertaxis ab. Diese sind aber teuer in der Entwicklung und zum aktuellen Zeitpunkt nur unter eingeschränkten Bedingungen realisierbar. Wirtschaftlich wäre das Konzept nur im Fall einer entsprechend dauerhaften Nutzung und Einsparung des Fahrers.


Robotertaxis könnten ja dann komplett alleine fahren. Gibt es denn auch einen Markt für einen autonomen Paket- oder Postservice?

Das ist auch ein interessantes Thema. Insbesondere in der Logistik und beim Transport von Gütern kann das autonome Fahren eine enorme Hilfe werden. Güter werden oft per LKW auf langen Strecken transportiert. Hier könnte das autonome Fahren helfen, indem auf der Autobahn einfach der Autopilot geschaltet wird und der LKW dann von selbst fährt. So könnte der LKW-Fahrer auch seine vorgeschriebenen Ruhepause einhalten. Außerdem könnte die Sicherheit gesteigert werden, da viele Unfälle von LKW auf der Autobahn durch Müdigkeit und Überlastung entstehen.

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Gábor Pongrácz: „Viele Partner undInvestoren unseres Unternehmens haben ihren Sitz in Deutschland.“

Sie sprachen von einer anderen möglichen Sicht auf den Markt für autonome Autos. Wie sieht diese zweite Perspektive aus?

Der Markt für autonome Autos kann von der technologischen Perspektive aus betrachtet werden. Hier gibt es nämlich zwei Ansätze: Die Intelligenz der Autos wird durch Kameras gewonnen oder man basiert das autonome Fahren auf hochauflösendem Kartenmaterial. Dieses ist aber schwer zu beschaffen und zu erstellen. Die Karten müssen außerdem dauerhaft aktualisiert werden und das erfordert sehr viel Arbeit.


AImotive konzentriert sich demnach bei seinen Entwicklungen auf die Kameranutzung?

Kameras allein können nie die Lösung sein. Sie sind gut und enthalten sehr viele Informationen, jedoch müssen aus Gründen der Sicherheit, Redundanz und Genauigkeit auch andere Mittel, wie zum Beispiel Radarsensoren, verwendet werden


Wie würden Sie das Konzept von AImotive beschreiben?

Unsere Kernvision ist es, eine Softwareplattform für das autonome Fahren zu entwickeln, die auch Level 4 des autonomen Fahrens erreichen kann. Auf dem Weg dorthin werden wir auch die anderen Level abdecken und dafür benötigte Technologien des autonomen Fahrens entwickeln.


Was sind die Level des autonomen Fahrens?

Die Fähigkeiten des autonomen Fahrens sind in Level eingeteilt. Die aktuellen Möglichkeiten auf diesem Gebiet werden dem Level 2 zugeordnet. Level 2 wird so definiert, dass der Fahrer noch die manuelle und visuelle Kontrolle über das Auto hat. Bei Level 2-Autos sind daher nur Assistenz-Systeme vorhanden, die den Fahrer unterstützen. Bei Level 3 kann man die Hände schon permanent vom Lenkrad nehmen, soll aber immer noch die visuelle Kontrolle haben. Der Fahrer muss jederzeit in der Lage sein einzugreifen. Hier ist es die Herausforderung zu überprüfen, dass der Fahrer wirklich dauerhaft seine Augen und seine Aufmerksamkeit auf den Verkehr richtet. Aus unserer Sicht ist richtiges autonomes Fahren erst ab Level 4 erreicht. Das Fahren erfolgt dann vollautomatisiert, der Fahrer hat aber immer die Möglichkeit, in das Geschehen einzugreifen. Beim Level 5 gibt es keine Möglichkeit mehr, dass der Fahrer die Kontrolle übernimmt. Die Level sind aber keine fest verankerten Konzepte, sondern eine grobe Einteilung.


Wie will AImotive Level 4 erreichen?

Wir wollen versuchen, uns zu den Technologien des vollautomatisierten Fahrens vorzuarbeiten. Daher ist unsere Software offen aus einzelnen Bausteinen zusammengesetzt. Jede entwickelte Funktion des autonomen Fahrens kann einzeln genutzt werden. So können die Technologien von AImotive die Entwicklung von anderen Fahrzeugherstellern oder Fahrzeugteileherstellern ergänzen. Es soll nicht mit großen Autofirmen konkurriert werden. Die Expertise von AImotive soll die anderen Hersteller unterstützen und so modular und unabhängig vom jeweiligen Betriebssystem eingebaut werden können. Das bietet den größten Mehrwert. Der gestufte Aufbau ist außerdem notwendig, um wirtschaftlich mitspielen zu können und sich als Firma weiterentwickeln zu können. Level 4 beinhaltet für uns drei große Säulen: das autonome Parken, das Fahren auf der Autobahn und das Fahren in der Stadt. Letzteres ist das schwierigste Feld und bedarf noch einiger Entwicklungen.

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Welche Produktlinien entwickelt AImotive?

Wir haben drei Produkte: aiDrive, aiSim und aiWare. AIDrive ist die Software, die verschiedene Aspekte des autonomen Fahrens ermöglichen kann. AISim ist eine Simulations-Software, die die Fähigkeiten von aiDrive in verschiedenen Situationen testen kann. Durch aiSim können auch Situationen simuliert werden, die zwar vorstellbar sind, aber im realen Verkehr sehr selten vorkommen. AiWare ist ein Hardware-Design, das die notwendige Rechenleistung für aiDrive im Fahrzeugumfeld bereitstellen kann. AiSim und aiWare sind demnach aus der Notwendigkeit heraus entstanden, unseren Geschäftspartnern ein komplettes Ökosystem rund um aiDrive bereitstellen zu können.


Mit welchen Partnern arbeitet AImotive zusammen?

Aktuell arbeiten wir beispielsweise mit der PSA groupe, SAIIC, Toyota und Volvo zusammen. Wir kooperieren auch mit Zuliefern für die Autoindustrie, wie mit Samsung und Kyocera.


Was können autonome Autos zum aktuellen Zeitpunkt?

Die richtige Frage ist nicht, was autonome Autos alles können, sondern in welcher Umgebung sie agieren können. Fahren auf der Autobahn ist eine komplett andere Problematik als Fahren in der Innenstadt. Das Fahren auf der Autobahn ist weniger komplex. Es gibt weniger Reize, die das Auto verarbeiten muss. Auf der Autobahn ist es aktuell möglich, eine Sollgeschwindigkeit einzustellen. Auf den Abschnitten, wo es möglich ist, führt das Auto diese aus, ansonsten gilt das Rechtsfahrgebot. Auch sichere Überholvorgänge kann das Auto eigenständig ausführen. Auf dem Markt gibt es schon einige Dinge, die auch aktiv verwendet werden, wie zum Beispiel Parkassistenten. Das ist aber nicht alles, was möglich wäre. Viele mögliche Anwendungen sind noch zu teuer oder gesetzlich nicht erlaubt.


Wie hoch ist das Sicherheitspotential der autonomen Autos und wie wird in Unfallsituationen gehandelt?

Autonome Fahrzeuge werden versuchen, in potentiellen Unfallsituationen den Schaden zu minimieren. Eine ethische von Gefühlen abhängige Entscheidung kann von den Maschinen nicht getroffen werden. Der Mensch ist in den meisten Unfallsituationen jedoch auch nicht in der Lage, über ethische Fragestellungen nachzudenken, er versucht lediglich den Weg des kleinsten Übels zu wählen. Genauso wird es auch das Auto machen. Ein System, das die gleiche Anzahl an Unfällen produziert wie Menschen, wird jedoch für eine gesellschaftliche Akzeptanz nicht ausreichen. Es muss besser sein. Dass ein autonomes Auto beispielsweise Auffahrunfälle im Stau vermeiden kann, da diese meist durch die Ablenkung des Menschen zu Stande kommen, kann guten Gewissens prognostiziert werden. Falls doch etwas passiert, gehen wir davon aus, dass in Zukunft mit Versicherungen gearbeitet wird, die dann von den Fahrzeugherstellern abgeschlossen werden. Einen wirtschaftlichen Nutzen hätten die Fahrzeughersteller dadurch, dass die Autos weniger Risiken zulassen.


Was sind die Standortvorteile für das Entwickeln autonomer Autos in Ungarn?

Ungarn ist geografisch sehr zentral und ist nah an den Standorten vieler traditioneller Autohersteller. Viele Partner und Investoren unseres Unternehmens haben beispielsweise ihren Sitz in Deutschland. Als Beispiel für einen Investor kann ich Robert Bosch Venture Capital nennen. In Ungarn gibt es außerdem gute Voraussetzungen, um Testfahrten im realen Straßenverkehr durchzuführen. Die Regeln in Ungarn garantieren Sicherheit für alle Verkehrsteilnehmer, sind aber nicht zu bürokratisch oder unerfüllbar. Außerdem unterliegt unsere Firma ohnehin strengen Voraussetzungen bei Tests auf der Straße. Es gibt immer einen Fahrer und einen Operator, der auf das Softwaresystem aufpasst. Beide dürfen nur eine festgelegte Anzahl an Testfahrten pro Tag durchführen. Alle Fahrer und Beifahrer haben ein intensives Fahrtraining hinter sich, bis sie die Autos im realen Verkehr testen dürfen. Von der Regierung Ungarns haben wir darüber hinaus eine Subventionierung für die Hardware aiWare bekommen. Außerdem sind wir mit den Betreibern der Teststrecke in Zalaegerszeg in Gesprächen, um diese nach der Fertigstellung für das Testen von relevanten Einrichtungen von uns nutzen zu können.


Wie sehen Sie die weitere Entwicklung der autonomen Autos?

Die Nachfrage nach autonomen Autos wird weiter bestehen bleiben und die Technologien werden weiterentwickelt. Es müssen sich Marktführer herauskristallisieren, die mehr investieren können, um die Forschung voranzutreiben. Das autonome Fahren ist die Zukunft. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann sich unsere Entwicklungen auf den Straßen durchsetzen können.

Die Entstehung von AImotive

Alles fing mit László Kishonti an. Für seinen ursprünglichen Job bei einer Vermögensverwaltungsgesellschaft lernte er in seiner Freizeit das Programmieren und startete ein Projekt: Er etablierte eine Chip-Benchmarking-Plattform für Mobiltelefone. Diese Plattform zog bald reale Kunden an. 2005 machte er sein Hobby zum Beruf und gründete mit Kishonti Informatics seine erste Firma. Das Unternehmen entwickelte sich schnell zu einem 40-köpfigen Softwareservice für Anbieter von Visual Computing. Kishonti war jahrelangdas am schnellsten wachsende Unternehmen in Ungarn und arbeitete mit Firmen wie Intel und Apple zusammen. Als die Nachfrage nach intelligenten Autos aufkam, beschäftigte sich Kishonti zunehmend mit diesem Thema. Er stellte ein Forschungsteam zusammen, das kamerabasiertes autonomes Fahren untersuchte. Angezogen von den Untersuchungergebnissen fanden sich bald erste Investoren. László Kishonti verließ seine ursprüngliche Firma, um AImotive (damals noch AdasWorks) zu gründen. Später wurde Kishonti von AImotive übernommen.


Eckdaten des Unternehmens

Geschichte: 2015 als AdasWorks als Tochterunternehmen der Kishonti Kft. in Budapest gegründet, 2016 in AImotive umbenannt

Gründer/ CEO: László Kishonti

Standorte: Budapest (Ungarn), Mountain View (USA), Tokio (Japan)

Personal: ca. 200 Mitarbeiter

Jahresumsatz: wird im Mai 2019 veröffentlicht, Zahlen des Vorjahres sind laut AImotive bei der schnellen Entwicklung der Firma irreführend,

Investitionsvolumen:

• 2016: 2,6 Mio. USD, Inventure Oy.

• 2017: 6,9 Mio. USD, 5 Investoren.

• 2018: 37,9 Mio. USD, B Capital Group und Prime Ventures.

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