Spektakuläre, internationale Vorstellungen des Cirque Nouveau, des zeitgenössischen Zirkus, der dressierte Tiere durch theatralische Elemente und das Erzählen von Geschichten ersetzt; neuartige Tanzvorstellungen der hiesigen und globalen Szene; Konzerte internationaler Stars; Ausstellungen zeitgenössischer, ungarischer Künstler; mitreißende Theateraufführungen; Workshops für Amateurkünstler oder auch einen Mix dieser Genres — all das kann man im Trafó erleben. Sein künstlerischer Leiter und Gründer, György Szabó, stellt gemeinsam mit seinen 34 Mitarbeitern jedes Jahr ein spartenübergreifendes Programm ungarischer und internationaler Gastspiele zusammen, das nun schon seit über 20 Jahren das Budapester Publikum verzaubert, fasziniert, aber auch provoziert und aufrüttelt. In einem BZ-Interview gibt er einen Einblick in das Haus und die Produktionsbedingungen sowie einen Überblick über neue Angebote.


Was ist die Grundessenz des Trafó?

Ideale Bedingungen für Innovationen in der Kunst zu schaffen — das war schon immer mein Ziel. Das gilt vor allem für die darstellende, aber es schließt auch die bildende Kunst mit ein. Denn Innovation wurde in der ungarischen Bühnenkunst oft hintenan gestellt. Auch weil in Ungarn das Repertoiretheater-System vorherrscht.


Wie unterscheidet sich das Trafó von den Repertoiretheatern?

Das Trafó ist sehr einfach strukturiert. Der Fokus liegt auf dem Neuen: auf Evolution und neuen Ideen. Das bedeutet: wir treten aus dem bestehenden System aus. Wenn es einen interessanten, ungarischen Künstler gibt, dann können wir ihm Raum geben und gemeinsam etwas ausprobieren. Das große System und die großen Institutionen stehen für solche Experimente oft nicht zur Verfügung. Folglich sind wir eine Art Laboratorium, quasi ein Kindergarten oder Ort des Studiums, wo etwas neues passieren kann. Und wenn etwas aus diesen Kinderschuhen herauswächst, dann kann es das große System übernehmen.

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Was für Kunst kann man im Trafó erleben?

Tanz, Theater, Cirque Nouveau (zeitgenössischen Zirkus), Konzerte, Design, Ausstellungen. Wir erweitern unser Profil beständig. Auch wird es immer schwieriger — besonders bei ausländischen Produktionen — sie zu klassifizieren. Derzeit findet eine starke Fusion verschiedener Kunstrichtungen statt, die nicht mehr unseren üblichen Kategorien entspricht.


Warum der Name Trafó? Gab es hier wirklich einmal ein Trafohaus, also ein Umspannwerk?

Wir transformieren, indem wir neue Dinge produzieren. Ja, in der Tat war hier früher einmal ein Umspannwerk. Besonders in den 70ern und 80ern war es ein Trend, die Originalfunktion eines Gebäudes auch als Titel einer neuen Institution zu behalten. Wenn eine Bewegung von unten kam, sollte der Name Vertrauen schaffen und wollte ehrlich sein. Dieses Phänomen existiert bis heute.


Wie führte Sie Ihr beruflicher Weg zur Gründung des Trafós im Jahr 1998?

Schon während meines Wirtschaftsstudiums organisierte ich sehr erfolgreich alle möglichen Veranstaltungen, egal ob Konzerte, Pantomime oder Theater. Deswegen ging ich nach meinem Studium als Kurator an das damals sehr populäre Konzert- und Jugendzentrum PeCsa, die Petőfi-Halle, welche Veranstaltungen mit bis zu 60.000 Besuchern präsentierte. Mich überraschte es, dass damals viele Menschen glaubten, zeitgenössische Kunst sei nur etwas für Universitätskreise. Es gäbe für die Kunst-Avantgarde keine Nachfrage und auch kein Bedürfnis in der breiten Masse der Gesellschaft. Diese Haltung fand ich lächerlich, ich war da völlig anderer Meinung. Und genau diese Veranstaltungen, die bis dahin in der Uni-Szene stattfanden, habe ich dann an öffentlich finanzierte Orte übertragen. Nach fünf Jahren hatte ich ein Riesenpublikum! Es gab also doch eine gesellschaftliche Nachfrage, das habe ich bewiesen!

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Wie ging es weiter?

Mein nächster Schritt bestand darin, staatliche Finanzierungen zu erlangen. Weder Geld noch eine Infrastruktur standen der Szene damals zur Verfügung. Ich sah mich also nach einer Räumlichkeit für Probemöglichkeiten um. Allerdings musste ich während dieser Suche einsehen, dass Politiker lieber eine popularitätssteigernde Bühne unterstützen, anstatt einfach nur in Infrastruktur und Proberäume zu investieren. So schloss ich einen Kompromiss und fand das Trafó als Haus mit Bühne und Probestudios. Leider verloren wir in letzter Minute durch eine Etatkürzung den Vorderteil des Hauses und damit den Hauptteil der Proberäume. So sind wir nun eher zu einer Spielstätte geworden. Wir verfügen über einen großen Bühnenraum, einen kleinen Trafóklub, eine Galerie und ein Tanzstudio.


Welche Veränderungen hat das Haus im letzten Jahrzehnt durchlaufen?

Ein massiver Wandel ging vonstatten. Die freie Szene und ihre Häuser verloren im Jahr 2012 einen Großteil ihrer öffentlichen Finanzierung. Die derzeitige Regierung nahm enorme Kürzungen vor, oder besser gesagt, verlagerte diese Fördermittel der freien Szene auf — wie ich sie nenne — „Service-Kunstgruppen“, eine Art Dienstleister-Kunst, die kaum oder gar nicht auf der Suche nach Innovation sind und einfach ihre Stücke produzieren wollen. Der fürs Trafó interessante, ungarische Künstlerkreis musste erst einmal ein neues finanzielles Gleichgewicht finden. Die Künstler mussten sich mehr auf den Markt begeben. Auch die Ticketeinnahmen wurden wichtiger, um das System aufrechtzuerhalten — zu wichtig, wie ich meine. Die freien Theatermacher und Ensembles büßten so eine wichtige Grundlage ein, um Experimente auf der Bühne zu machen. Im zeitgenössischen Tanz war das weniger spürbar.

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Tänzerin Kaori Ito (JP) tritt am 21. und 22. Februar im Trafó auf.


Woran liegt das?

Die Tanzszene erfuhr eine seltsame Veränderung. Sie hatte eine intensivere Verbindung zum internationalen Markt und ist in den letzten sechs Jahren international bekannt geworden. Das heißt, wir schauen heute von Ungarn aus nicht mehr, welche Innovation es im Westen gibt, sondern die zeitgenössische ungarische Tanzszene ist selbst innovativer Teil der globalen Tanzszene mit Häusern wie dem Mu-Theater, dem Trafó, dem Nationalen Tanztheater und dem Bakelit.


Und im Theater?

Im Theater liegen die Dinge anders. Die richtig großen Regienamen wie Árpád Schilling oder Kornél Mundruczó begannen aufgrund der Kürzungen ebenfalls sehr international zu arbeiten. Vorher hieß es, das sei aufgrund von Sprachbarrieren im Theater unmöglich, aber sie haben bewiesen, dass dieses Statement falsch ist. Der jüngeren, ungarischen Generation mangelt es jedoch an größeren Visionen. Anstatt wachsen zu wollen, versuchen sie in erster Linie zu überleben. Deswegen haben wir jetzt ein Problem, denn wir finden wenig größere Produktionen und nicht viel Innovatives für unser Haus. Diese ungarischen Theatermacher brauchen einfach mehr Geld. Und unsere finanzielle Stärke reicht leider nicht aus, um die fehlenden Förderungen auszugleichen.

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Warum ist innovative Kunst eigentlich so wichtig für die Gesellschaft?

Die Leute wollen ständig Neues. In Ungarn hat sich der Glauben eingebürgert, dass man das Neue aus dem Ausland bekommt, dass man ausländische Produktionen, also Import, kaufen muss. Es wird nicht in hiesige Produktionen investiert. Das ist sehr schade. Zur Zeit ist eines der großen EU-Themen Technologie und Kunst. Bei der Frage an mich, welche Stücke und Künstler in diesem Rahmen interessant sein könnten, muss ich allerdings passen. In Ungarn gibt es in diesem Bereich so gut wie gar nichts. Viele Aufführungen sind sehr Low-Tech, nicht High-Tech. Ich glaube, dass die Innovation auf der Bühne heute nicht mehr durch den Körper kommt, dieser Diskurs ist vorbei. Neue Gebiete sind gefragt! Und das muss auch finanziert werden.


Wird das Trafó nur über öffentliche Gelder finanziert oder auch durch Sponsoren?

Ja, wir brauchen auch Sponsoren. Leider ist der gute, bisherige Kontakt zu ausländischen Firmen in den letzten Jahren eingeschlafen. Vor einiger Zeit gab es zahlreiche Sponsoren, besonders seitens der hiesigen, deutschen Unternehmen. Die Großunternehmen, wie beispielsweise Bosch, traten mit der unabhängigen Szene in Verbindung, um sie zu unterstützen. Es gab eine gewisse Aufmerksamkeit für die Szene. Diese ist allerdings seit sechs, sieben Jahren nicht mehr spürbar. Das überrascht mich. Schließlich sind diese Unternehmen hier in Ungarn erfolgreich tätig, scheinen aber nicht mehr daran interessiert zu sein, mit den Intellektuellen vor Ort zu kommunizieren. Es wäre schön, wenn sich daran etwas ändern würde.


Wie zugänglich ist Ihr Programm einem nicht-ungarischsprachigen Publikum?

Momentan beläuft sich der Anteil englischsprachiger Produktionen auf circa 20 Prozent, die man im Programm unter dem Label „english friendly“ findet. Wir versuchen auch Schritt für Schritt mehr ungarische Theateraufführungen zu übertiteln; die Produktionen selber richten sich ebenfalls immer internationaler aus. Dabei wollen wir vor allem das anspruchsvolle Publikum hier ansässiger Ausländer ansprechen und weniger die Touristen.


Werden wir dieses Jahr auch Aufführungen aus dem deutschsprachigen Raum erleben?

Ja! Wir freuen uns auf die sensationelle, preisgekrönte, aber auch schockierende Inszenierung des deutschen Star-Regisseurs und Theatererneuerers Milo Rau namens „Five easy pieces“. Des weiteren wird es auch spannende deutsch-ungarische Koproduktionen geben, zum Beispiel von der international bekannten, in Deutschland lebenden Choreografin Eszter Salamon oder der ungarischen Choreografin Adrienn Hód.


Weitere Informationen unter: www.trafo.hu

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