„Ungarn ist auf dem besten Weg, die Herausforderungen der Automatisierung und der Digitalisierung in der Automobilindustrie zu meistern!“ Mit diesen Worten eröffnete Martin Wodraschke, Partner der Anwaltskanzlei CMS Cameron McKenna, am Donnerstag der vergangenen Woche die Konferenz in der Andrássy Universität Budapest (AUB). Seine These sollte im Verlauf der Veranstaltung durch fundiertes Wissen der Gäste aus verschiedenen Firmen erklärt und belegt werden. Prof. Dr. Dietmar Meyer, Rektor der AUB, betonte, dass die Verbindung von Theorie und Praxis in der Automobilindustrie unerlässlich sei, um zu eindeutigen Forschungsergebnissen zu gelangen. Die Konferenz sei ein erster Schritt, sich über Erfahrungen mit der Digitalisierung und Automatisierung in diesem Sektor auszutauschen.

Intelligente Technologien auf dem Vormarsch

In der Automobilindustrie sind Begriffe wie künstliche Intelligenz, Industrie 4.0 und das Internet der Dinge (IoT) in aller Munde. Neben dem selbsterklärenden Ausdruck künstliche Intelligenz meint die Industrie 4.0 eine komplette Digitalisierung der Produktionsprozesse und das Internet der Dinge steht für die Vernetzung verschiedener elektronischer Geräte. Hierzu zählt zum Beispiel die Verbindung des Smartphones mit dem Auto.

Jens Brüning, der Leiter des zu Continental gehörigen Kompetenzzentrums für maschinelles Lernen in Budapest, erklärte die neuen Geschäftszweige seiner Firma: „Wir beschäftigen uns mit elektronischer Mobilität, kabellosen Netzwerken, autonomem Fahren und maschinellen Lernprozessen.“ Dass Autos mit anderen Geräten verbunden und Teil des Internets der Dinge sind, könne unter anderem dafür sorgen, leichter Parkplätze zu finden und in Unfallsituationen schneller Hilfe zu bekommen. Brüning stellte außerdem das System eHorizon vor. Dieses arbeite mit Kameras und Netzwerken und ermögliche präzise Karten, Stauwarnungen, einen Parkassistenten und eine Geschwindigkeitskontrolle.

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Martin Wodraschke, Gastdozent und Jurist, bei seiner Eröffnungsansprache.
Nachfolgende Sprecher griffen auch erweiterte Realität (eng.: augmented reality), das maschinelle Lernen und die Blockchain-Technologie als wichtige Innovationen auf. Durch die erweiterte Realität sei es beispielsweise möglich, sich Verkehrshinweise direkt auf der Windschutzscheibe anzeigen zu lassen.

Veränderung von Geschäftsmodellen

Mit den neuen Technologien müssen auch neue Produktionsabläufe und Geschäftsmodelle bei Autoproduzenten und ihren Lieferanten her, ist sich Imre Kovács sicher. Der CEE des ungarischen Standortes der Firma Siemens erläuterte Änderungen in seiner Firma: Die Wertschöpfungskette werde komprimiert und basiere heute schon auf den folgenden drei Schritten: Vorstellung, Realisierung und Nutzbarkeit.

Um das bestmögliche Ergebnis zu erzielen und Fehler zu vermeiden, würden alle Arbeitsschritte eines Produktes vorher an einem „digitalen Zwilling“ simuliert. Kovács erklärte, dass Siemens bei der Optimierung der Produkte auch mit Ergebnissen des firmeneigenen Betriebssystems MindSphere arbeite. Das System enthalte Apps und Netzwerke, die die Daten des Nutzers verarbeiten und speichern. Das trägt bei Siemens zur Verbesserung und Entwicklung von Produkten bei. Darüber hinaus beschäftige sich das Unternehmen mit der Entwicklung von Ladestationen für elektronische Autos, mit elektronischen Bussen und mit elektronischen Oberleitungen.

Die CEO von ABB Schweiz, Taira-Julia Lammi, sprach über Auswirkungen für Arbeitskräfte im Automotiv-Sektor, schließlich würden immer mehr Roboter und Maschinen in die Arbeitsprozesse integriert. Da sei die Angst berechtigt, dass viele Arbeitsplätze in Zukunft verloren gehen könnten.

Gegenüber der Budapester Zeitung stellte Lammi im Anschluss fest: „Jeder Mitarbeiter in den Fabriken von ABB nimmt an Aufbaukursen teil, um zu lernen, wie man mit den Maschinen umgeht. Die Arbeit wird nicht weniger, sondern die Arbeitsfelder verschieben sich. Es wird zunehmend um die Bedienung von Robotern gehen. Daher wird es auch immer eine Nachfrage nach ‚menschlichen‘ Mitarbeitern geben.“

Vielfältige Herausforderungen

Experten sind sich einig, dass die Automobilindustrie und der zukünftige Verkehr global vor vielfältigen Herausforderungen stehen werden. Nicht nur in der privaten Automobilnutzung, sondern auch im öffentlichen Verkehr braucht es Änderungen, um den zukünftigen Anforderungen gerecht zu werden.

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Der Minister für Innovation und Technologie, László Palkovics, zeigte in seinem Vortrag Statistiken über die zu erwartenden Neuerungen in der Automobilindustrie.

Der ungarische Minister für Innovation und Technologie, László Palkovics, sprach in diesem Zusammenhang von drei Hauptaufgaben: „Nachhaltiges Fahren, autonomes Fahren und veränderte Kundenwünsche sind die Themen, mit denen wir uns in der Zukunft beschäftigen. Alle Themen müssen gleichermaßen betrachtet und miteinander verknüpft werden.“ Dabei dürfe man laut dem Minister auch die Wettbewerbsfähigkeit nicht aus den Augen verlieren.

Als aktuelle Herausforderung nannte Palkovics auch den US-Handelskrieg mit China. Er konstatierte zudem: „Städte und Gemeinden müssen auf neue Bedürfnisse der Bürger wie zum Beispiel Car-Sharing eingehen. Der Besitz eines Autos ist für die meisten Menschen kein Muss mehr. Es geht eher um den Service, den ein Auto bieten kann.“ Das Thema Mobilität sei für die Regierung daher auch eine soziale Aufgabe.

Ungarn hat viele Standortvorteile

Allgemeiner Konsens bestand im Rahmen der Konferenz darin, dass sich Ungarn durch einige Vorteile in der Automobilindustrie von anderen Ländern abgrenze. Das Land sei vor allem für viele High-Tech-Firmen, aber auch klassische Autohersteller wie Mercedes und Audi anziehend. Diese könnten hier kosteneffizienter produzieren und daher „mehr Geld in neue Techniken investieren und die Wünsche des Marktes noch besser erfüllen“, so Ágnes Halász, die Leiterin des Bereichs „Economics & Strategic Analysis“ bei der UniCredit Bank in Ungarn. Jens Brüning von Continental lobte darüber hinaus die ungarischen Ausbildungsmöglichkeiten für Fachkräfte: In Ungarn gebe es viele Studiengänge, die sich auf innovative Aspekte der Automobilindustrie spezialisieren würden.

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Ein großes Publikum verfolgte gespannt die Vorträge der Gastredner.

Minister Palkovics würdigte bei der Konferenz auch die neue Teststrecke bei Zalaegerszeg. Diese solle die Bedingungen in einer durchschnittlichen Stadt simulieren – dort könnten autonom fahrende Autos in realen Verkehrssituationen ausprobiert werden.

Ethik, Haftung und Sicherheit

Alle Redner äußerten aber auch Kritik und Bedenken hinsichtlich der Neuerungen der Autoindustrie. Ein wichtiger Aspekt sei, so war man sich einig, die Sicherheit in Cloud-Netzwerken. Diese könne besser gewährleistet werden, wenn innerhalb eines Autos nur ein Betriebssystem genutzt und dieses mit einem einheitlichen Virenschutz und Firewalls geschützt wird. Ein weiterer Schritt gegen Hacker und Missbrauch sei die Auslagerung der netzwerkbasierten Systeme an Spezialfirmen. Wie Zoltán Szekeres, Verkaufsleiter im Bereich IoT und Digital Supply Chain bei SAP, erklärte, habe sein Unternehmen beispielsweise seine Netzwerke mit Onlinezugang an Experten ausgelagert, die sich um tägliche Updates und Sicherheitseinstellungen kümmern würden.

Im Rahmen der Konferenz wurden auch Fragen zu Ethik und Haftung diskutiert, insbesondere in Bezug auf das autonome Fahren. Aktuell seien gänzlich autonom fahrende Autos in Europa gesetzlich noch nicht erlaubt. Die Autos müssten zuerst so entwickelt werden, dass sie in der Lage sind, eigenständig ethische Entscheidungen zu treffen. Diese Fähigkeit besitzen Maschinen bisher noch nicht. Es müssten, so der Konsens der Experten, Spezialisten verschiedener Fachrichtungen zusammenkommen, um diese Entwicklung verstärkt voranzutreiben.

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Ágnes Halász von der UniCredit Bank Ungarn informierte über die Standortvorteile für Autoproduzenten in Ungarn.
Wie Martin Wodraschke zudem betonte, müsse festgelegt werden, wer die Haftung übernimmt, falls Menschen oder Güter durch Maschinen zu Schaden kommen. Wodraschke stellte dafür verschiedene Haftungsmodelle vor, deren Nutzbarkeit derzeit diskutiert werde. Darunter waren freiwillige sowie obligatorische Versicherungssysteme, aber auch das Konzept der „ePerson“, bei dem der Roboter selbst haftet. Alle bisherigen Vorschläge seien jedoch noch nicht ausgereift, so der Jurist, und müssten noch intensiv geprüft werden.

Aussichten der Automobilindustrie

László Palkovics erklärte, dass bis 2030 fast alle neu produzierten Autos mit autonomen Funktionen wie Warnsystemen ausgestattet sein würden. „Ein komplett autonomer Verkehr kann bis 2100 realisiert werden“, wagte er einen Blick in die weitere Zukunft.

Jens Brüning fokussierte sich mit seiner Einschätzung zur künftigen Entwicklung auf das erste theoretisch nutzbare autonome Auto: Dieses könnte laut Brüning frühestens ab dem Jahr 2025 produziert werden. Die tatsächliche Entwicklung der Autoindustrie bleibe abzuwarten. Taira-Julia Lammi zog zum Abschluss ihrer Rede eine historische Bilanz: „In den 1970er-Jahren galt es als verrückt, über Videoanrufe nachzudenken. Heute ist das eine ganz normale Sache.“ Exakte Aussichten könnten natürlich zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht abgegeben werden. Klar sei jedoch, dass sich in der Automobilindustrie in den nächsten Jahren viel verändern wird.

Die Budapester Konferenz „Automotive in Transition“ sei ein erfolgreicher Anfang, wenn es darum gehe, ein Bewusstsein für die notwendigen Veränderungen in der Automobilindustrie zu schaffen, so Martin Wodraschke abschließend.

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