Wie so oft stammt der Trend aus den USA. Dort, in einem Vorort von Los Angeles, öffnete bereits im Januar 2018 das weltweit erste Selfie-Museum. Das „Museum of Selfies“ wollte sich nach eigenen Aussagen der „Wissenschaft, Kunst und Kultur der fotografischen Selbstdarstellung“ widmen. Auf 8.000 Quadratmetern bot die temporäre Ausstellung jedoch nicht nur die Chance, sich über die Geschichte des Selbstporträts und die gesellschaftliche Bedeutung dieses Massenphänomens zu informieren, sondern praktischerweise auch die Möglichkeit, sich vor einzigartigen Kulissen selbst an dem perfekten Selfie zu versuchen. Besonders letzteres verhalf dem Museum zum Erfolg und sorgte dank der Verbreitung in den sozialen Medien bald für weltweite Nachahmer.


„Sich von der Masse abheben“

Auch Lilla Gangel und Balázs Koltai erfuhren über Instagram von der Eröffnung des Museums und waren sofort Feuer und Flamme für das Konzept. Wir treffen das Paar am Standort des nagelneuen „Museum of Sweets and Selfies“ in der Paulay Ede utca.

„Wir haben uns damals gedacht, das sollten wir auch hier in Budapest machen“, erinnert sich Gangel, damals war sie noch mitten in den Vorbereitungen für den Studienabschluss als Ökonomin. Koltai dagegen hatte bereits einige Geschäftserfahrung mit interaktiven Freizeitangeboten dieser Art. Er ist einer der Mitbegründer des Live-Escape-Room-Anbieters PANiQ-ROOM, einer der Pioniere des Genres in Budapest.

„Wir haben also schon am nächsten Tag angefangen, uns nach passenden Immobilien und Designern umzuschauen“, erzählt er.

Während Koltai an der Kasse des Spaßparks die Stellung hält, führt uns Gangel auf einen Rundgang durch ihr Selfie-Museum. Der Reiz, erzählt sie, bestehe zum großen Teil darin, dass die verschiedenen Hintergründe und Requisiten die Selfies, die man hier knipsen kann, von der Masse abheben.

Es darf aber nicht irgendeine Kulisse sein! Über den Erfolg, das weiß auch Gangel, entscheidet, ob man die richtige Mischung aus bekannten Trends, überraschenden Elementen und qualitativer Umsetzung findet. „Aber ich denke, ich habe einen guten Riecher dafür, was die Leute wollen“, so die Ökonomin, die auch selbst an der Gestaltung der verschiedenen Räume beteiligt war.


Einhörner und schwebende Teeservices

Auf zwei Etagen und insgesamt 400 Quadratmetern haben sie, ihr Partner und ein Team aus Kreativen und Handwerkern, elf einzigartige Kulissen geschaffen. Darunter ein Raum voller Plüschdonuts, eine Wand mit zahllosen Plastikbananen, ein Thron aus unzähligen rosa Flamingos und auch das heutzutage überall anzutreffende Einhorn hat seinen Auftritt vor einer Tapete in Regenbogenfarben. Die Hauptattraktion ist jedoch ein Swimmingpool voller Streusel! Bedauerlicherweise sind diese jedoch nicht aus süßem Zucker, sondern Hartplaste – auf den Fotos sieht es trotzdem toll aus. „Hier verbringen die Gäste eigentlich die meiste Zeit. Es ist definitiv unser beliebtester Hintergrund“, erklärt Gangel.

Bei der Gestaltung der Kulissen habe man auch professionelle Lichttechniker zu Rate gezogen, die bei der Ausleuchtung der verschiedenen Szenerien halfen. Insbesondere in einem der letzten Räume ist die Beleuchtung so gut, dass selbst Amateuren das perfekte Bild gelingt: Dort schwebt ein altmodischer Bilderrahmen in der Luft begleitet durch ein von unsichtbaren Händen getragenes Teeservice. Ein bisschen erinnert die Szene an die verrückte Teegesellschaft in Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“.

#

„Besonders die Details sind wichtig, wir haben wirklich viel Arbeit in jede Kulisse gesteckt“, erzählt Gangel mit Stolz. Immer wieder schaut sie während des Rundgangs nach verschiedenen Gästegruppen: „Natürlich ist hier alles interaktiv, die Leute können und sollen alles anfassen, aber wir achten darauf, dass sie dabei umsichtig mit den Materialien umgehen.“


Selfies kennen kein Alter

Doch was sind das eigentlich für Menschen, die in ein Museum gehen, dessen einziger Zweck in der Selbstdarstellung besteht? „Ursprünglich dachten wir, dass unser Publikum hauptsächlich aus 15- bis 30-jährigen Mädchen und Frauen bestehen würde. Es hat sich aber herausgestellt, dass die Zielgruppe sehr viel breiter gefächert ist“, erklärt Lilla Gangel. „Zum einen kommen auch schon jüngere Teenager und Kinder, die das hier unglaublich cool finden und zum anderen kommen auch ältere Leute und Familien. In der ersten Woche marschierte hier ein ungarisches Rentnerpärchen rein. Wir dachten, sie hätten sich verlaufen und fragten sie, ob sie wüssten, dass das hier ein Selfie-Museum ist. Sie antworteten Ja und dass sie genau deshalb gekommen seien. Sie sind dann durch alle Räume gegangen und haben Fotos von sich gemacht.“

Prinzipiell ist ein Besuch im „Museum of Sweets and Selfies“ also ein Vergnügen ohne Altersbegrenzung. Manchmal kämen auch Profi-Fotografen in den Spaßpark: „Wir hatten schon ein Modeshooting hier; und es hat sogar eine deutsche Firma bei uns angefragt, ob sie ihre ProduktShoots hier machen können“, erzählt Gangel stolz.

Und auch sogenannte Influencer (Trendsetter des Instagram-Zeitalters) hätten dem Selfie-Museum bereits einen Besuch abgestattet – und auch solche, die es gerne werden würden: „Manche Mädchen kommen hier gleich mit mehreren Outfits an, wir überlassen ihnen dann gerne unser Backoffice, um sich umzuziehen“, sagt Gangel mit einem Schmunzeln.


Instrument der Selbstdarstellung

Dass die Selfie-Kultur an sich und Einrichtungen wie Selfie-Museen im Speziellen auch harscher Kritik ausgesetzt sind, störe sie und Balázs Koltai nicht. „Wir wussten, dass es mit dem Moment der Eröffnung auch Kritik geben würde. Es gibt zahlreiche Vorurteile, wenn es um das Thema Selfies geht, dass es zum Beispiel etwas mit Oberflächlichkeit zu tun hat“, sagt Lilla Gangel.

Auf die Frage, ob denn der Selfie-Kult noch dazu vor offensichtlich künstlicher Kulisse, wie hier im Museum, nicht dazu führen würde, ein verfälschtes Selbstbild zu kommunizieren, antwortet sie: „Ob wir das gut finden oder nicht, es herrscht in der Welt eine Art unsichtbarer Wettbewerb und wir stecken da alle mit drin.“ In ihrem Museum sieht sie eine Art demokratisches Instrument, um im Wettbewerb der Selbstdarstellung mitzuhalten. Schließlich muss man nicht erst um die Welt reisen, um tolle Hintergründe zu finden, sondern hat sie hier alle kompakt an einem Ort versammelt und: „Es reicht schon ein bisschen Talent, um wirklich tolle Fotos zu schießen.“

#

Balázs Koltai und Lilla Gangel sind die Gründer des "Museum of Sweets and Selfies". Der Spaßpark eröffnete Anfang Dezember in Budapest.

Es wirkt wie ein Scherz, aber das Anfertigen von Selfies kann auch zur Sucht werden. Das fanden Forscher der englischen Nottingham Trent University und der indischen Thiagarajar School of Management 2017 heraus. Die sogenannte „Selfitis“ könne dabei Ausprägungen annehmen, die zu einem unkontrollierbaren Zwang führen, rund um die Uhr Selfies zu machen und zu posten. Besonders Menschen mit geringem Selbstbewusstsein würden mit den Selfies versuchen, ihre Stellung in ihrer sozialen Gruppe zu verbessern.

Allerdings muss man einräumen, dass Stichprobe und Methodik der Forscher noch nicht ausreichend waren, um verlässliche Aussagen zu treffen.


Ist das Kunst?

Eine andere Frage, die oft diskutiert werde, so Lila Gangel, sei die Frage, ob sich ein Spaßpark wie der ihre überhaupt Museum nennen dürfe. Die eigentliche Diskussion ziele dabei jedoch vielmehr darauf ab, ob es sich bei den Kulissen um Kunst handle. „Ich finde sehr wohl, dass das Kunstwerke sind“, sagt sie. Durch die Interaktion mit den Requisiten und Hintergründen, werde außerdem der Besucher gleich mit zur Kunst. „Ich liebe es, zu sehen, wie die Leute mit dem, was wir ihnen hier zur Verfügung stellen interagieren, und was schlussendlich dabei rauskommt“, findet Gangel. Auf Instagram kann man die mal mehr, mal weniger gelungenen Resultate bewundern, denn viele Besucher verweisen beim Posten der Bilder auf das Museum.

#

Dass Instagram mittlerweile auch in Ungarn zu den populärsten sozialen Medien gehört, trägt zum Erfolg ihres Spaßparks, der an guten Tagen über hundert Besucher hat, bei, weiß Gangel. Sie selbst sei auch auf der Online-Plattform aktiv. Anders als bei vielen ihrer Besucherinnen, gehe es auf ihrem Profil jedoch nicht so sehr um Selfies und poppige Hintergründe, sondern um die einfache Schönheit und die feinen Dinge des Lebens.


Für 10 Euro 90 Minuten Knipsen

Ein Besuch im Selfie-Museum ist natürlich nicht umsonst: Doch während das Original in den USA mit 38 Dollar zu Buche schlägt, kommen Selfie-Fans in Budapest recht „günstig“ davon. Ein Eintritt von umgerechnet rund zehn Euro berechtigt zum eineinhalbstündigen Aufenthalt im Selfie-Museum.

Die zeitliche Begrenzung mussten Lilla Gangel und Balázs Koltai einführen, weil es in der Anfangszeit zu regelrechten Tumulten und Wartezeiten vor einzelnen Attraktionen gekommen sei. In 90 Minuten kann man locker alle Räume sehen und bei den meisten auch eine intensivere Knipssession einlegen. „Und wenn wenig Andrang ist, schauen wir natürlich nicht so streng auf die Zeit“, merkt Lilla Gangel an.

Wer beim Fotografieren im Selfie-Museum seine Ruhe haben möchte, sollte lieber unter der Woche und am Vormittag vorbeischauen. „Am Wochenende, insbesondere am Samstag ist hier richtig viel los“, so die Besitzerin. Alternativ kann man das „Museum of Sweets and Selfies“ sogar mieten, ob nun für private Fotoshootings, Teambuildings oder andere Events.

#

Beim Verlassen des Museums zeigt uns Gangel noch schnell die Konditoreitheke, die Bestandteil des Namens, aber am Ende doch eher süße Nebensächlichkeit ist. Hier verkaufen Lilla Gangel und Balázs Koltai liebevoll angerichtete Süßspeisen, darunter bunte Macarons, Schokoladentorten und Tiramisuschnitten. Diese beziehen die beiden aus der Stella Cukrászda in Paks. Im hauseigenen Café am Eingang des Museums kann man außerdem vor, während oder nach einer auslaugenden Knipsstunde auch einen Latte macchiato oder Espresso zu den Leckereien genießen.


Museum of Sweets and Selfies

Budapest, VI. Bezirk, Paulay Ede utca 43

Anfragen unter +36-30-396-8402

Öffnungszeiten: täglich 10 bis 20 Uhr

Eintritt pro Person: 2.990 an Wochentagen und 3.500 Forint am Wochenende

Weitere Informationen finden Sie auf http://szelfimuzeum.hu/

Was ist eigentlich ein „Selfie“?

Eigentlich gehört das „Selfie“ ja zu jenen Begriffen, die man als Bewohner des 21. Jahrhunderts kennen sollte. Aber falls es Ihnen bisher noch nicht untergekommen ist, hier eine kleine Erklärung: Ein Selfie ist nichts anderes als ein Selbstporträt. Dafür wird meist das Smartphone oder die Digitalkamera genutzt. Typisch für ein Selfie ist der ausgestreckte Arm, mit dem die Person die Kamera hält und der meist noch auf dem Bild zu sehen ist. Mittlerweile werden oft auch Fotos als Selfies bezeichnet, bei denen eine andere Person das Bild macht, aber das Ziel der Selbstinszenierung im Vordergrund steht.

Interessante Fakten rund um das Thema Selfie:

  • laut der britischen Zeitung The Telegraph werden täglich 2,4 Millionen Selfies verstreut über alle sozialen Medien hochgeladen
  • Der Begriff Selfie tauchte erstmals im Jahr 2002 auf
  • 2013 wurde Selfie vom Oxford Dictionary zum „Wort des Jahres“ gewählt
  • Erst seit 2017 mit dem Erscheinen der 27. Auflage ist das Wort „Selfie“ auch im Duden zu finden
  • Seit 2011 wurden 358 selfiebezogene Todesfälle gemeldet, besonders die männlichen Bewohner des indischen Subkontinents scheinen für ein Selbstporträt beträchtliche Risiken auf sich zu nehmen
  • Das erste Selfie der Welt ist übrigens eine Daguerreotypie, die Fotopionier Robert Cornelius 1839 von sich selbst anfertigte, dafür musste er knapp 15 Minuten stillstehen
Konversation

WEITERE AKTUELLE BEITRÄGE
Mercedes-Benz Kecskemét

Noch mehr Berufe in der dualen Ausbildung

Geschrieben von BZ heute

In diesem Schuljahr begannen 264 Azubis und 89 Studenten ihr Lehrjahr an der Mercedes-Benz-Akademie…

Ausflugstipp: Eger

Auf den Spuren der Osmanen

Geschrieben von Michelle Dörner

Im Norden von Ungarn befindet sich der historische Ort Eger. Eine Stadt, die nicht nur durch ihre…

16. Jameson CineFest

James Bond in Miskolc

Geschrieben von György Sándor Frenyó

Wer schon immer mal einem echten James-Bond-Darsteller wie dem australischen Schauspieler George…