Skorpione mit USB-Schwänzen, gepiercte Äpfel und tanzende Teletubbies tummeln sich auf den Bildern von Botond Keresztesi. Ebenso wie eine prägnante Bergkuppe, inspiriert vom belgischen Maler René Magritte, und der verzerrte Totenschädel aus Hans Hohlbeins „Die Gesandten“. Keresztesi verarbeitet in seinen Bildern alles, was er liest und sieht. So mischt er in ein und demselben Bild Referenzen der Kunstgeschichte mit Alltagsgegenständen von heute und erschafft damit alternative Realitäten, in denen verschiedene Zeitalter und Perspektiven aufeinanderprallen.

Surreale Welten

Botond Keresztesi ist Anfang 30. Sein dunkles, kurzes Haar hat er locker zur Seite gestylt; hier und da blitzt es silbergrau hervor. Bis auf einen goldenen Anstecker, der sein Jeanshemd ziert, ist er schlicht gekleidet. Vor Kurzem hat er ein neues Studio im Budafoker Kunstzentrum Art Quarter Budapest (AQB) bezogen. Hier treffen wir ihn zum Gespräch.

In der Gemeinschaftsküche des AQB legt Keresztesi einen Stapel Bilder auf den Holztisch. Sie sind im November während eines mehrwöchigen Aufenthaltes in Wien entstanden. „Dort hatte ich nicht viel Platz“, sagt er fast entschuldigend, um zu erklären, warum er nur Papier und keine Leinwände präsentiert. Dabei ist Keresztesi als Künstler nicht auf ein Material festgelegt. Mal baut er Installationen, arbeitet mit Holz, mal malt er traditionell mit dem Pinsel. Die in Schwarz und Weiß gehaltenen Bilder, die sich nun auf dem Tisch stapeln, sprühte er mit einer Airbrush-Pistole.

#

Nude Descending A Staircase – 2016 (Acryl auf Leinwand – 70x50 cm).

Oft beginne die Idee für ein Bild mit einem einzelnen Objekt, das er irgendwo gesehen hat. Häufig handelt es sich dabei um Alltagsgegenstände. Diese führe er dann mit anderen zusammen und lege sie schichtweise übereinander. Er vergleicht sein Vorgehen mit klassischer Musik: „In einem Orchester spielt jedes Instrument seine Stimme, aber zusammen schaffen sie etwas Großes.“ Ebenso trage jedes Element seiner Bilder einen Teil zur Gesamtwirkung bei. Seine Werke entstünden in seiner Vorstellung, dafür nutze er keine Bildbearbeitungssoftware. „Das ist sozusagen mentales Photoshop“, sagt er lächelnd. Mit seiner eigenen Mischung möchte Keresztesi Welten darstellen, die einer Halluzination entsprungen sein könnten. Als sein Vorbild nennt er den Surrealisten René Magritte.

Für Anfänger und Fortgeschrittene

Indem Botond Keresztesi seine Bilder um alltägliche Dinge wie Feuerlöscher, Wasserspender oder Handtaschen herum aufbaut, sind seine Darstellungen für jeden greifbar. Man müsse kein Kenner sein, so Keresztesi, um einen Anknüpfungspunkt zu finden. Seine Bilder sollen den Betrachter erfreuen und ihn nicht vor den Kopf stoßen wie es manche zeitgenössische Kunst tue, die, wie Keresztesi sagt, schwer lesbar sei und dadurch ein schlechtes Gefühl vermittle. „Die Leute fühlen sich dumm, wenn sie ein Bild nicht verstehen können. Das will ich vermeiden“, so der Künstler. In Wien sei er einer Managementstudentin begegnet, die zeitgenössische Kunst kategorisch ablehnte, sich aber trotzdem an seinen Bildern erfreute. An ihrer Reaktion konnte er sehen, dass es Vergnügen bereitet, Dinge wiederzuerkennen.

Laut Keresztesi müsse der Betrachter nicht jede Referenz auf Kunstgeschichte oder Popkultur in seinen Werken erkennen – manchmal seien seine Darstellungen auch sehr eigenartig, räumt er ein. „Ich mag es, dass man auf der einen Seite die Referenzen erkennen kann und auf der anderen Seite frei ist, Eigenes hineinzulesen.“ Manche Elemente tauchen immer wieder auf. Das schenke seinen Bildern Wiedererkennungswert. Es sei für ihn interessant, die gleiche Figur in verschiedene Kontexte zu setzen. Eine dieser Figuren, erzählt er, sei Lara Croft, die Protagonistin des Video- und Computerspiels „Tomb Raider“ aus den 90ern. Am liebsten stelle er sie in der aus dem Spiel bekannten „Verfolgerperspektive“ dar, also mit dem Rücken zum Betrachter. Dadurch wirke es, als blicke sie auf sein Bild – quasi eine moderne Umsetzung der berühmten Rückenfigur in Caspar David Friedrichs „Der Wanderer über dem Nebelmeer“.

#

Standing and Sitting Solariums – 2017 (Acryl und Airbrush auf Leinwand – 160x120 cm).

Kurator und Besitzer der Budapester Everybody-Needs-Art-Galerie Péter Bencze, der Keresztesi als Kunstagent vertritt, hält dessen Stil für einzigartig. Es sei zwar nicht ungewöhnlich, verschiedene Dinge zu verbinden und dadurch etwas Neues zu schaffen. Aber Keresztesis Herangehensweise, prominente Artefakte der Kunstgeschichte zu zitieren und mit Alltagsgegenständen zu kombinieren, sei etwas Besonderes.

Caravaggio trifft Apple-Watch

Botond Keresztesi holt ein weiteres Bild hervor. Es zeigt den Arm eines Skeletts, an dessen Handgelenk eine Apple-Watch befestigt ist. Auf dem Display ist Caravaggios „Knabe, der von einer Eidechse gebissen wird“ zu sehen. „Es ist nicht eindeutig, ob es sich dabei um eine digitale Datei oder eine Reflexion auf dem spiegelnden Display handelt“, erklärt der Künstler. Das zu entscheiden, überlässt er dem Betrachter. Aus Keresztesis Sicht handelt das gesamte Bild vom Tod. Der junge Künstler spielt gerne mit Erwartungen. Eine seiner letzten Ausstellungen in der Berliner Future Gallery nannte sich „D.D.R.“, was sich nicht etwa auf den ehemaligen ostdeutschen Staat bezieht, sondern für „Digital Dreams Recording“ steht.

Viele von Keresztesis malerischen Gedankenexperimenten beziehen sich auf die Zukunft. In letzter Zeit habe er sich etwa von der populären Fernsehserie „Black Mirror“ inspirieren lassen. Die britische Science-Fiction-Produktion erörtert die Auswirkungen der zunehmenden Technisierung auf die Gesellschaft. In diesem Zusammenhang lässt sich auch ein weiteres Werk Keresztesis interpretieren. Darauf sind Skorpione zu sehen. Statt Scheren und einem Stachel sind sie mit Stromsteckern und USB-Sticks ausgerüstet, wirken aber nicht minder bedrohlich. Seine Bilder stellen futuristische Ängste und Dystopien dar, die in unserer Gegenwart wurzeln. Nichtsdestotrotz lehnt Keresztesi moderne Technik und Kommunikationsmittel nicht etwa ab, im Gegenteil: Es gehöre zu seiner Routine, täglich rund 2.000 Bilder auf der Online-Plattform Instagram zu sichten.

Weg zur Kunst

Botond Keresztesi wurde 1987 im heutigen Rumänien geboren. Als die Grenzen geöffnet wurden, zog seine Familie nach Ungarn, wo seine Eltern ein neues Leben begannen. Das Erbe der kommunistischen Ära spielte in seiner Kindheit trotzdem eine große Rolle. Aber auch der entstehende Kapitalismus und die Digitalisierung prägten Keresztesi und seinen Blick auf die Kunst. „Ich kann und mag beide Welten – die analoge und die digitale“, sagt er. Kurator Péter Bencze ordnet Keresztesis Werke dem post-digitalen Stil zu. „Künstler, die diesen Stil vertreten, wurden meist in den späten 1980ern geboren. In ihren Werken spiegeln sich sowohl die Stimmung einer Kindheit im Sozialismus als auch die populär werdenden Videospiele“, erklärt er.

#

Endlich Vollzeitkünstler:Botond Keresztesi kann heute von seiner Kunst leben, aber das war nicht immer so. „Als Künstler in Ungarn ist es nicht einfach, sich finanziell über Wasser zu halten“, sagt er. (Foto: Áron Weber)

Keresztesi erzählt, dass er schon immer gerne gemalt und nie damit aufgehört habe. „Immer, wenn ich ein Atelier sah, war ich glücklich“, erzählt er. Mit 18 Jahren entschied er sich für ein Kunststudium in Budapest. Stipendien ermöglichten ihm zudem Studienaufenthalte in Leipzig und Stuttgart. Seit 2010 stellt Keresztesi seine Bilder regelmäßig aus und hatte schon einige Einzelausstellungen, unter anderem in Budapest und Berlin.

Vollzeitkünstler

Botond Keresztesi legt die Hände vor sich auf den Tisch, unter seinen Fingernägeln haben sich Farbreste gesammelt. Sie zeugen von seinem Beruf. „Früher brauchte ich für jedes Bild einen Monat. Heute bin ich schneller“, sagt er. Zwei bis drei Tage seien optimal, sodass er wöchentlich mindestens ein Bild fertigstelle.

Trotzdem sei es als Künstler in Ungarn nicht immer einfach, sich finanziell über Wasser zu halten, versichert Keresztesi. Lange Zeit habe er unter der Woche für einen geringen Lohn an einer Kunstschule unterrichten müssen. Nur abends konnte er zum Malen ins Studio fahren. Im letzten Sommer verbesserte sich aber seine Lebenssituation. Da er 2018 viele Bilder verkaufen konnte und eines der begehrten Derkovits-Stipendien erhielt, könne er sich nun ganz auf seine Kunst konzentrieren. Das sei nicht vielen jungen Künstlern möglich, weiß Péter Bencze. „Ich bin jetzt quasi Vollzeitkünstler“, lacht Keresztesi und fügt hinzu: „Was auch immer das bedeutet.“

Während wir durch seine Werke blättern, entdeckt der Künstler noch hier und da Details, mit denen er unzufrieden ist. Trotzdem sagt er: „Wenn ich ein Bild beendet habe, lasse ich es so.“ Das fällt ihm nicht immer leicht. Kritisch schaut er auf seine neueren Werke: „Die Airbrush-Pistole hat mir Ärger gemacht und war ein Albtraum“, erzählt er. „Ich muss schon während der Arbeit sehr vorsichtig sein.“

#

Inspiration findet Botond Keresztesi in der Kunstgeschichte, der Popkultur, aber auch im Alltäglichen. (Foto: Áron Weber)

Während er an einem Projekt sitze, denke er oft schon an das Nächste. Er müsse nicht bewusst nach Ideen suchen. Inspiration finde er überall, unter anderem auf seinen häufigen Reisen, wenn er sich in ganz Europa Kunstausstellungen ansieht.

99 Prozent Arbeit, ein Prozent Inspiration

Botond Keresztesis neues Studio ist schlicht mit weißen Wänden und Holzbalken an der Decke gestaltet. An einer Wand lehnt ein fertiges Bild auf Leinwand, auf der gegenüberliegenden Seite ist der Boden mit Folie abgeklebt. Darauf ruht ein Bild, an dem der Künstler in dieser Woche arbeitet. Rundherum stehen Becher mit Pinseln und neben einigen Papierstapeln mit Skizzen liegt die Airbrush-Pistole ordentlich in ihrem Karton. „Ich brauche nicht viel zum Malen“, sagt Botond Keresztesi. „W-LAN und eine Heizung vielleicht, mit kalten Händen kann ich nicht gut arbeiten.“

Auf einem Schreibtisch, den der Künstler offenbar nur als Ablagefläche nutzt, liegt eine To-do-Liste. Darauf steht gleich mehrfach „Paint“ – das Malen nach Plan wird nur von Essenspausen unterbrochen. Hinter einem Bild stehen, so Keresztesi, 99 Prozent Arbeit und nur ein Prozent Inspiration. „Für mich ist es am besten, wenn ich konstant arbeite“, sagt er, „sonst verliere ich mich.“ Am effizientesten sei er, wenn er sich auf eine Ausstellung vorbereite. In diesem Jahr bereitet sich Keresztesi auf etwa 15 Ausstellungen vor, unter anderem in Berlin, London und Mailand. Dazu versuche er, immer auch ein paar aktuelle Bilder beizutragen.

Wie ein Hai

Seine Arbeitseinstellung habe sich Botond Keresztesi bei den Haifischen abgeschaut: „Sie schwimmen ihr Leben lang, bis sie sterben“, weiß er. Deshalb bestehe seine tägliche Routine darin, sich stundenlang mit seinen Bildern auseinanderzusetzen. Vor Haien habe er auch schon immer großen Respekt gehabt: „Als Kind sah ich mich auch in Swimmingpools um, ob ich vor ihnen sicher bin“, erzählt er und muss lachen. In diesem Sinne, sagt Keresztesi, würden Haie auch eine Metapher für die Kunstwelt darstellen, in der sich nur die Stärksten und Lautesten behaupten könnten. Er wolle sich von den Raubfischen zwar die Furchtlosigkeit abschauen, aber nicht unbedingt selbst im Rampenlicht stehen. Dabei könnte genau das bald der Fall sein.

#

Danse Macabre – 2015 (Acryl auf Leinwand – 100x100 cm).

Denn nach der Einschätzung seines Kurators Péter Bencze steht Keresztesi am Tor zum internationalen Erfolg. Laut ihm müsse jeder, der sich auf dem Kunstmarkt behaupten wolle, drei Stufen erklimmen: Der erste Schritt äußere sich in persönlichen Referenzen, wenn erste Kritiker und Galeristen Respekt für das künstlerische Schaffen bekunden. „Das ist befriedigend und ausschlaggebend in der ersten Zeit als Künstler“, sagt Bencze, „aber davon kann man sich kein Brot kaufen.“ Das werde erst im zweiten Schritt möglich, wenn Menschen auch Geld für die Kunst zahlen. Der dritte Schritt, mit dem man internationale Popularität erlange, sei der schwerste. „Wenn acht von zehn Befragten auf der Straße deinen Namen kennen, hast du es geschafft“, meint Bencze. Auch wenn dieser Weg beschwerlich sei, habe es sich Keresztesi doch zum Ziel gesetzt, international erfolgreich zu werden.

Prophet im eigenen Land

Sein rumänischer Geburtsort helfe Botond Keresztesi auf dem Kunstmarkt. Die Szene zeitgenössischer Künstler in Rumänien sei stark und anerkannt, während es für Ungarn noch schwer sei, international bekannt zu werden. Viele Galeristen und Käufer seien zurückhaltend in Bezug auf Kunst, die aus dem „Land mit der Orbán-Regierung“ kommt, erklären Keresztesi und Bencze übereinstimmend. Ungarn selbst sei als Markt nicht groß genug: „Bekanntlich zählt der Prophet im eigenen Land wenig“, sagt Péter Bencze. Zudem würden Sammler in Ungarn abstrakte Bilder bevorzugen. Keresztesis figurativer Stil werde dagegen schlechter angenommen. Trotzdem würden sich zunehmend mehr Interessenten bei dem Künstler melden.

Für seine Kunst sieht Botond Keresztesi die größten Chancen in den Vereinigten Staaten. Problematisch sei jedoch, dass die Verschiffung der Bilder kostspielig ist. Ein Schritt in die richtige Richtung sei seine Zusammenarbeit mit der Future Gallery, die in Berlin und Mexiko aktiv ist. „Erfahrungsgemäß ist Berlin ein Sprungbrett zu internationaler Anerkennung“, meint Bencze. Zuletzt habe Botond Keresztesi für seine Werke positive Rückmeldungen aus der deutschen Hauptstadt erhalten, weshalb er optimistisch sei, seine Ziele erreichen zu können.

Gut vernetzt

Auch in Ungarn sei Botond Keresztesi mit den wichtigsten Menschen auf dem Markt vernetzt. Generell seien Beziehungen die wichtigste Voraussetzung, um in dieser Branche erfolgreich zu werden.

Um seine Bekanntheit voranzutreiben, ist Keresztesi mit seiner Kunst im Internet präsent. Dabei hilft ihm auch, dass Ausstellungsbesucher unter #Botondkeresztesi Fotos seiner Bilder auf Instagram hochladen. Bei der Internetgemeinde kam besonders das Werk „Danse Macabre“, welches der Künstler 2015 gemalt hat, gut an. Es wurde besonders oft geteilt. Auf dem Bild sind drei Teletubbies zu sehen, die um ein Artefakt aus Hans Holbeins Gemälde „Die Gesandten“ herumtanzen. Über Instagram schaffte es Keresztesi auch, neue Kontakte zu knüpfen, die über Anfragen zu diesem einen Werk hinausgehen.

Botond Keresztesi weiß um die Bedeutung des sozialen Netzwerks: „Wer einen ersten Eindruck von Künstlern bekommen will, checkt zuerst deren Profil auf Instagram.“ Wenn einem gefällt, was man dort sieht, würden Kontaktanfragen verschickt. So nutzt Keresztesi sein öffentlich zugängliches Profil als aktives Portfolio, das er regelmäßig aktualisiert.


Weitere Informationen, Bilder und Kontakt zu Botond Keresztesi finden Sie auf der Webseite www.botondkereztesi.com und auf seinem Instagram-Profil @keresztesiBotond.

Konversation

WEITERE AKTUELLE BEITRÄGE
Blue Fox The Bar präsentiert neues Cocktailmenü

Sommerlich frisch und ökologisch grün

Geschrieben von Katrin Holtz

Klimagipfel, Klimaproteste und Klimakiller – in diesem Sommer, so scheint es, geht am Thema Klima…

Lucky Chops live in Budapest

Blasmusik, die mitreißt

Geschrieben von Katrin Holtz

Obwohl Blasmusik ja allgemein als eher altbacken gilt, schafft es die US-amerikanische Musikgruppe…

VR Tours Budapest

Virtuelle Zeitreise durch die Geschichte der ungarischen Hauptstadt

Geschrieben von Michelle Dörner

Majestätisch prangt er über der ungarischen Hauptstadt: Der Palast auf dem Budaer Burgberg zählt…