Bestimmt jeder hier in Budapest ist schon einmal daran vorbeigelaufen und hat für eine oder mehrere Sekunden betrachtend inne gehalten. Kein Wunder, denn bei ihrer Größe sind sie auch kaum zu übersehen. Große, freistehende Hauswände, bunt bemalt, versehen mit einzigartigen Kunstwerken, den sogenannten Murals.

Zu finden sind sie in der ganzen Stadt, doch vor allem der VII. Bezirk kann mit einer breiten Dichte solcher Kunstwerke glänzen. Das ehemalige eher verwahrloste jüdische Viertel hat sich in den letzten Jahren zu einem der beliebtesten Teile von Budapest gemausert. Vor wenigen Jahren prägten hier noch heruntergekommene Häuser und kahle Parkplätze das Bild, umgeben von tristen Brandmauern.

Dem Bezirk eine neue Chance geben

„Wir wollten dem Bezirk eine neue Chance geben“, erklärt uns Barnabás Jankovits, Gründer von Neopaint, als wir ihn fragen, wie er denn eigentlich auf die Idee kam, ganze Hauswände zu bemalen. „Wir wollten dem Bürgermeister zeigen, dass wir hier sind und im Stande sind, etwas Einzigartiges zu erschaffen, was gut für den Bezirk und die Stadt ist.“ 2011 schuf Neopaint auf einer Brandmauer in der Király-Straße, am Rande eines Spielplatzes ihr erstes Mural. „Dieses Mural war als Beispiel gedacht, um zu zeigen, wie man die Stadt innerhalb kurzer Zeit um soviel verschönern kann. Deshalb haben wir das erste auch umsonst gemacht”.

Dabei war es, wie Jankovits erzählt, bei weitem nicht einfach, die Genehmigung für die Wand zu bekommen. „Es hat mehr als ein Jahr gedauert, bis der Bürgermeister eingewilligt hat. Es gab bisher keine Referenz, man wusste nicht, wie es ankommen würde.” Außerdem sei es generell schwierig, das Recht zum Bemalen einer Wand zu bekommen. Fünf verschiedene Ämter müssten dafür ihre Zustimmung erteilen. Als die Genehmigungen dann endlich alle da waren, war die ehemals kahle Brandmauer innerhalb einer Woche nicht wiederzuerkennen. „Es war ein Riesenerfolg”, erzählt uns Jankovits voller Stolz. „Die Medien berichteten darüber und jeder war begeistert.“

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Als er das Unternehmen Neopaint vor gut 15 Jahren gründete, hätte er es sich wohl nicht träumen lassen, einmal so bekannt in der Budapester Street Art-Szene zu sein. Tatsächlich steckten aber nicht die Murals, sondern eine ganz andere Geschäftsidee hinter dem Unternehmen, das sich aus drei Stamm-Mitarbeitern und ungefähr zehn freischaffenden Künstlern zusammensetzt.

Kontakt zu den Künstlern herstellen

Es habe alles im Jugendalter angefangen, erinnert sich Jankovits, zu einer Zeit, als dieser ganze Lifestyle noch irgendwie neu war. Viele seiner Freunde fingen an, sowohl legal als auch illegal zu malen und sprayen. „Irgendwann habe ich gemerkt, dass diese Art der Kunst vielen Leuten gefällt; nicht nur die Graffitis, auch die wirklich künstlerisch wertvollen Werke an den legalen Wänden. Die Menschen suchten den Kontakt zu den Künstlern, mit der Absicht, ihre Wohnungen, Restaurants oder Geschäftsräume von ihnen verschönern zu lassen.“ Und somit war die ultimative Geschäftsidee für den Gründer von Neopaint geboren. Mit einem Achselzucken verrät er: „Ich bin nicht der beste Künstler, aber ich war schon immer sehr gut im Organisieren. Deshalb habe ich angefangen, als Kontaktperson zwischen den Künstlern und den an guten, qualitativen Bildern interessierten Leuten zu fungieren”. Mit der Zeit erhielt das junge Unternehmen mehr und mehr Aufträge, hauptsächlich von Unternehmen, die ihre Büroräume verschönern wollen, aber auch von Privatpersonen. Der Preis für eine bemalte Wand setzt sich aus verschiedenen Komponenten zusammen, so etwa der Größe der Wand, den Materialkosten, den Arbeitsstunden aber auch dem Schwierigkeitsgrad des Malens.

Auf unsere Nachfrage hin, ob es denn schon einmal Unfälle beim Malen gab, klopft Jankovits dreimal auf den Holztisch vor uns und antwortet sichtlich erleichtert: „Zum Glück nicht, wir sind immer sehr vorsichtig. Wir arbeiten eng mit einer Firma zusammen, die für uns die Gerüste stellt und jeder wird durch Gurte gesichert.”

Gerade die Arbeit an den Murals spielt sich oft in schwindelerregender Höhe ab. Eine der ersten Fragen, die er immer stellt, wenn sich ein Künstler bei ihnen bewirbt, ist, ob er schwindelfrei sei. „Ich selber bin es nicht”, gesteht Jankovits grinsend, was für den Kopf der Neopaint-Truppe auch nicht zwingend notwendig sei. Seine Arbeit als Verantwortlicher für den bürokratischen Aspekt und die Organisation der Projekte findet hauptsächlich am Boden statt. Für jeden Künstler von Neopaint ist allerdings Pinselsicherheit in mehreren Metern Höhe ein Muss, schließlich arbeitet die Truppe nicht etwa mit vorgefertigten Folien, die nur angeklebt werden müssen, sondern gibt jedem einzelnen Mural von Hand mit Pinsel und echter Fassadenfarbe Gestalt.

Ein wahrgewordener Traum

Wie der 37-jährige berichtet, war es harte Arbeit, um dahin zu kommen, wo Neopaint heute steht. „Ich wollte nie etwas anderes machen. Wir wollten nie einfach nur reich werden. Das hier war schon immer mein Ziel und ich wusste, wenn wir hart arbeiten und viel Zeit und Energie investieren, dann können wir es schaffen.” Mit einem breiten Lächeln ergänzt er: „Es ist ein wahrgewordener Traum.“

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Das Team von Neopaint bemalt nun schon seit sieben Jahren die Brandmauern Budapests. Doch damit sind sie nicht alleine. Im Rahmen des Színes Város Festivals (Bunte Stadt Festival), das nun schon viermal in der ungarischen Hauptstadt stattfand, wurden Künstler aus aller Welt eingeladen, die kahlen Wände der Stadt mit ihren Murals zu verschönern. Ziel des Festivals war es, die Vielzahl der vorhandene Stile zu zeigen, verbunden mit dem Appell an die Menschen, offener für Neues zu sein und die Vielfältigkeit schätzen zu lernen. Wer genauer hinsieht, kann deutliche Unterschiede zwischen den Werken von Neopaint und den Künstlern des Színes Város Festivals feststellen.

Kunst, die Informieren soll

Den teilweise abstrakten, farbenfrohen Gemälden dieser Künstler, die vor allem ihren eigenen Stil ausleben, steht Neopaint eher konservativ gegenüber. In unserem Gespräch betont der Gründer ausdrücklich, dass sie sich selbst nicht als Street Artists sehen. „Wir sind Grafik Designer! Im Gegensatz zu den Straßenkünstlern sind wir nicht darauf aus, unseren eigenen Stil zu präsentieren. Alles was wir machen, machen wir nicht für uns selbst, sondern für die Menschen.”

Der Fokus von Neopaint liegt auf der Wirkung auf die Öffentlichkeit. Es sei für sie am wichtigsten, ihre Murals der Umgebung und ihrer Geschichte anzupassen. „Wir wollen auf etwas hinzuweisen und Informationen geben”, erläutert Jankovits. „Es macht mich stolz und glücklich, wenn ich sehe, wie Touristen vor einem unserer Werke stehen und ich sehen kann, dass sie nicht nur ein Foto machen und weitergehen, nein, sie interessieren sich tatsächlich dafür, was dahinter steckt.“

Beispielhaft hierfür präsentiert sich eines der populärsten Murals, der Rubik’s Cube. Von Neopaint im Jahr 2014 entworfen wurde es aus gleich zwei besonderen Anlässen umgesetzt: Zu Ehren des 70. Geburtstages des ungarischen Erfinders Ernő Rubik, (der im selben Jahr sogar zum Ehrenbürger der Stadt ernannt wurde) und zugleich zur Feier des 40. Jahrestags des berühmten Zauberwürfels.

Jankovits erzählt uns, dass er zu diesem Mural eine besondere Bindung hat. „Wir durften uns mit Ernő Rubik persönlich über das Bild beraten, wie wir daraus etwas besonders Künstlerisches machen können.“ Dies ist ihnen durchaus gelungen, betrachtet man den Würfel genauer, stellt man schnell fest, dass er aus einer Vielzahl an Kreisen besteht, die sich aus der Ferne zu einem 250 Quadratmeter großen Zauberwürfel zusammenfügen. Der Erfinder selbst wurde auf der linken Seite auf einem Zitat verewigt: „Es gibt immer eine Lösung - und nicht nur eine.”

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Die Murals sind unumstritten einzigartige Werke, schon alleine wegen ihrer Darstellung auf den größten Leinwänden der Stadt. Gerade das kann allerdings auch schnell den Nachteil der Vergänglichkeit mit sich bringen. „Wir achten bei der Auswahl darauf, dass die Brandmauer nicht in den nächsten Jahren verschwindet. Um das sicherstellen, sammeln wir im Voraus Informationen über die Wand und sprechen mit den Besitzern”, erläutert Jankovits. Eine Garantie gibt es aber leider nicht immer. Erst kürzlich wurden zwei Werke der Neopaint-Gruppe zerstört, da man die Hauswände nun für Werbezwecke nutzen will. Auch die Artisten des Színes Város Festivals sind betroffen, mehr als sechs ihrer Murals mussten in letzter Zeit Neubauten weichen. „Murals sind wie meine Kinder“, findet der Neopaint-Gründer, „natürlich macht es mich traurig, wenn sie zerstört werden.“

Auf politische und gesellschaftliche Missstände aufmerksam machen

Die in oft großen Dimensionen verwirklichte Street Art gibt es aber auch kleiner. Vor allem für die Verbreitung von kritischen Botschaften gegenüber der Politik und der Gesellschaft wird von vielen Künstlern auf kompaktere Formate zurückgegriffen. Ein aufsteigender Trend der Szene ist, einer Botschaft durch kleinere Werke Ausdruck zu verleihen, oftmals handelt es sich dabei sogar nur um kleine Aufkleber. Trotz ihrer Größe werden die Botschaften vor allem von den Einheimischen gesehen und verstanden. Ein hervorragendes Beispiel dafür lieferte im Juni letzten Jahres der Aufruhr um eine parodistische Darstellung des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán. Das Wandgemälde stellt ihn sitzend auf einem kleinen blauen Zug dar - basierend auf der Kindersendung „Thomas die kleine Lokomotive“. Obwohl es recht schnell wieder entfernt wurde, ging das Mural in den wenigen Stunden seiner Existenz viral. Zu dem Mural bekannt hatte sich die Satirepartei MKKP, die durch Straßenkunst aller Art immer wieder die politische Elite parodiert und provoziert.

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Neopaint-Gründer Barnabás Jankovits lebt seinen Traum.

Beim Erkunden der manchmal schwer auffindbaren Botschaften dieser Art hilft das Team von Budapestflow. Im Rahmen einer dreistündigen Tour für 45 Euro pro Person bekommt man Einblicke in die Geschichte, Kultur und den kreativen Kontext der Budapester Street Art-Szene. Neben der Besichtigung der großen Murals zeigt der Tourguide auch Graffitis und andere Formen der Straßenkunst und teils sein großes Wissen zu diesem Themenfeld, so etwa Infos über die Künstler, aber auch die sozialpolitischen Hintergründe der Werke.

Um die Straßen Budapests kennenzulernen und mehr über die Botschaften hinter den Kunstwerken zu erfahren, sind die Touren in kleinen Gruppen mit bis zu acht Leuten genau richtig. Budapestflow nimmt mit ihren einzigartigen Touren Abstand von den klassischen Führungen mit großen Menschengruppen. Wie uns der Gründer erklärt, ist den Mitstreitern von Budapestflow der direkte Austausch sehr wichtig. Sie wollen den Leuten die vielfältige und ständig wachsende Street Art-Szene näher bringen, ihre Gäste in die Hintergründe einweihen und die Zusammenhänge der Kunstwerke mit Geschichte und Kultur aufzeigen.

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Auch die Satirepartei MKKP setzt zuweilen auf Street Art. (Foto: Budapestflow.com)

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