Was waren das noch für Zeiten, als die Preise stabil waren, wie der Schweizer Franken! Zwischen 2014 und 2016 konnten die Ungarn eine kurze Zeitspanne der Preisstabilität genießen. Das war zumindest für die kapitalistische Wirtschaftsgeschichte dieses Landes einmalig. Nun scheint sich Ungarn aber besonders anzustrengen, den Wertverfall des Geldes zu beschleunigen. Es ist mitnichten die Rede davon, den Prozess zurück in die gewohnten Bahnen zu lenken. Die zweistelligen Inflationsraten der Nachwendezeit wurden glücklicherweise nicht in dieses Jahrtausend mitgenommen. Die Notenbank hat ihr Inflationsziel mit drei Prozent definiert, inklusive eines Korridors von zwei bis vier Prozent. Bewegt sich die Teuerung innerhalb dieses Korridors, ist dies den Währungshütern genehm. Seitdem György Matolcsy der Ungarischen Nationalbank (MNB) vorsteht, wurde dieses Unterfangen gewissermaßen ohne jeden Makel bewerkstelligt. Im März 2013 trat er seine sechsjährige Amtszeit als MNB-Präsident an, und selbst wenn ihm interne wie externe Faktoren in die Hände spielten, wird die in Kürze endende Matolcsy-Ära auch dank seines Dazutuns für Niedriginflation und Niedrigzinsen stehen.

Keine Überraschung zu erwarten?

Wer seinen Job so gut macht, darf zurecht auf eine Prolongation seines Mandats hoffen. Ob Matolcsy eine zweite Amtszeit bekommt, darauf wollte sich sein „Chef“, Ministerpräsident Viktor Orbán, auf einer Pressekonferenz vergangene Woche noch nicht festlegen lassen. Allerdings deuteten die Experten seine auch auf Nachfrage nicht präzisierten Worte, wonach keine Überraschung zu erwarten sei, als klares Bekenntnis zu seiner rechten Hand, wie der Premier den Notenbankpräsidenten wiederholt bezeichnete. Da gibt es nur ein Hindernis: Matolcsy selbst möchte nicht so gerne verlängern.

Schon im Vorjahr wurde im Umfeld der Parlamentswahlen spekuliert, er würde gerne wieder als Minister gestalten. Als Leiter des Wirtschaftsressorts ist er der Vater des Széchenyi-Plans, der als großangelegtes Konjunktur- und Modernisierungsprogramm zwei Auflagen erlebte. Seither hat Matolcsy diesen Stil auch bei der Zentralbank beheimatet, die quasi im Jahresrhythmus mit sogenannten „Kreditprogrammen für Wachstum“ aufwartet. Auf diese Weise hat sich die MNB als Partner an der Seite der Regierung um eine kohärente Wirtschaftspolitik verdient gemacht.

Weltweit noch mehr Beachtung findet allerdings die extrem lockere monetäre Politik, die zum Aushängeschild der MNB unter Matolcsy wurde. Den Leitzins drückte sein Team seit 2013 in unzähligen kleinen Schritten, mit nur kurzen Verschnaufpausen bis auf 0,9 Prozent, wo dieser seit dem Mai 2016 in Stein gemeißelt scheint. Diese Politik ging anfänglich mit einer ziemlich rasanten Abwertung des Forint einher: Gegenüber dem Euro fiel die ungarische Währung binnen zwei Jahren von 290 auf 320 Forint. Als die Währungsturbulenzen die Geduldsschwelle der Matolcsy-Crew erreichten, hielt diese vorübergehend mit den Zinssenkungen inne. Sobald aber Spekulanten den Forint neuerlich unter 300 zum Euro zu drücken versuchten, intervenierte die MNB still und heimlich am Markt, bis auch die letzten Geldhändler begriffen hatten, dass es keine Rückkehr zum starken Forint geben wird. Mit dem Rekordtief beim Leitzins traf eine relative Stabilität des Forint zusammen, der sich im Jahresverlauf 2017 in einem schmaleren Band bewegte, als noch 2013.

Kein Grund zur Panik

Damit war es im vergangenen Jahr aber auch schon wieder vorbei: 2018 brachte ein Rekordtief von 330 im Euro-Kurs des Forint. In diesen Breitengraden bewegte sich die heimische Währung zuvor nur zweimal, als nämlich die Märkte mit einem Staatsbankrott rechneten beziehungsweise als die britischen Wähler für den Brexit plädierten. Im Gegensatz zu jenen Jahren hatte Ungarn 2018 keine attraktiven Zinsen mehr zu bieten. Als jedoch die Europäische Zentralbank (EZB) die ersten Hinweise gab, der Fed auf dem Weg einer Geldverknappung zu folgen, blieb jede Reaktion von Seiten der MNB aus. Es war klar, dass die extrem lockere ungarische Geldpolitik durch das internationale Umfeld immer weniger gestützt wird. Mitte vergangenen Jahres machte man sich in Budapest dennoch keine Sorgen wegen der Ölpreise oder des Inflationsziels.

Die überaus zurückhaltende Kommunikation lief darauf hinaus, dass die MNB auf jeden Fall die erste Zinserhöhung der EZB abwarten und auch im Anschluss daran zunächst die unkonventionellen Instrumente zurückfahren würde. Mit dieser Herangehensweise lässt sich der niedrige Leitzins aktuell noch mindestens bis zur Jahresmitte 2019, vielleicht aber sogar bis 2020 halten. Derweil steigen die Erträge für die langfristigen US-Bonds viel schneller, als für die ungarischen Staatsanleihen. Die Ausländer geben ihre ungarischen Positionen auf, was den Forint schwächt. Die Aufwertung der Bonität durch die Ratingagenturen sorgt mitsamt der stabilen politischen und makroökonomischen Lage zur gleichen Zeit für den nötigen Rückhalt, weshalb die MNB weiterhin keinen Grund hätte, in Panik zu verfallen. Was aber, wenn nun die Inflation in Wallungen gerät?

Eine phänomenale Statistik

Die soeben vom Zentralamt für Statistik (KSH) vorgelegten Zahlen für 2018 verraten nichts dergleichen. Zumindest auf den ersten Blick flaute der deftige Preisanstieg in den Herbstmonaten wieder ab. Die mittlere Jahresinflation landete demnach bei 2,8 Prozent, bei einem Preisanstieg von 2,7 Prozent im letzten Monat des Jahres. Die im Jahresvergleich gemessene Teuerung hatte sich zwischen Februar und Oktober bis auf 3,8 Prozent glattweg verdoppelt. Seit dem Juni lag die Preisentwicklung über dem Inflationsziel der MNB von drei Prozent, im Oktober drohte die Teuerung sogar über den oberen Rand des Toleranzintervalls zu schwappen. In diesem Sinne dürfen die aktuellen Zahlen des KSH getrost als Entwarnung aufgefasst werden. Schließlich hat sich die Inflationszahl seither um mehr als einen Prozentpunkt von der kritischen Zone entfernt. Tatsächlich aber ist diese Entwicklung weitgehend allein auf die Kraftstoffpreise zurückzuführen.

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Deren Preis stürzte allein im letzten Monat gegenüber dem November um knapp sieben Prozent ab. Hatten die Ungarn im Jahresverlauf bis zu 18 Prozent mehr an den Tankstellen zu bezahlen, vollzogen Benzin- und Dieselpreise am Jahresende geradezu eine Punktlandung. Das bescherte uns eine phänomenale Statistik: Praktisch das ganze Jahr über wurde den Leuten beim Betanken ihrer Autos das Geld aus der Tasche gezogen, am Jahresende aber darf man sagen, es sei alles beim alten. Nun darf man sich dazu denken, dass die Leute nicht im Dezember und im Januar den meisten Sprit verfahren. So wie sich die große Mehrheit den längsten Urlaub im Sommer gönnt. Da aber lagen die Angebote von Hotels und Campingplätzen um ein Fünftel höher, als im Winter.

Unter den Hauptpositionen im Warenkorb erwiesen sich bei einer mittleren Jahresinflation von 2,8 Prozent Tabakwaren und Spirituosen mit einem Zuwachs um 5,6 Prozent und Lebensmittel mit einem Plus von 4,2 Prozent im abgelaufenen Jahr als die größten Preistreiber. Die Dienstleistungsbranche hob ihre Preise laut KSH im Schnitt nur um 1,6 Prozent an – in dieser Zahl sind die Hotels versteckt. Haushaltsenergie legte offiziell um 1,4 Prozent zu, obgleich Leitungsgas, Strom und Fernwärme zu amtlich festgezurrten Tarifen angeboten werden. Den Preisanstieg dieser Warengruppe besorgten die weitaus geringfügiger gewichteten Brennstoffe der Ärmsten, für die sich Feuerholz und Flaschengas zweistellig verteuerten. Bekleidung und langlebige Verbrauchsgüter zeigten auch 2018 weitgehend Preisstabilität. Nur zu schade für die ungarischen Familien, dass diese zwei Produktgruppen nicht mehr als ein Zehntel des Warenkorbs ausmachen.

Druck durch Löhne und Konsum

In der Betrachtung der Notenbank wiegen andere Aspekte schwerer. Die noch um die indirekten Steuern bereinigte Kerninflation ist im Dezember bei 2,9 Prozent angelangt. Experten gehen davon aus, dass diese um saisonal schwankende Produkte wie Lebensmittel und die Energiepreise bereinigte Kennziffer im Jahre 2019 dauerhaft drei Prozent betragen könnte. Zwar wiegelt die MNB in ihrer aktuellen Lagebewertung noch ab. In Wirtschaftsmedien wird jedoch längst diskutiert, dass die Notenbank angesichts des Sechs-Jahres-Hochs der Teuerungsrate ihre Komfortzone bald verlassen muss. Schließlich handelt es sich hierbei nicht um eine Laune der Märkte; die robuste Kerninflation verweist auf tieferliegende Trends.

Der zunehmende Preisdruck ist im Umfeld des anhaltenden Wirtschaftsbooms (mit dem stärksten Wachstum der Nachwendezeit überhaupt) nur zu natürlich. Laut MNB verteuern sich Dienstleistungen so rasant wie seit der Krise nicht. Dieser Sektor reagiert am sensibelsten auf Veränderungen in der Binnennachfrage. Der Privatverbrauch legt seit 2013 kontinuierlich um ungefähr fünf Prozent im Jahr zu. Das Lohnniveau hat auf Volkswirtschaftsebene unter der seit 2010 amtierenden Orbán-Regierung um die Hälfte zugenommen, darunter überdurchschnittlich für traditionell schwächer vergütete Berufsgruppen (Textilindustrie, Landwirtschaft). Das gilt aber auch allgemein für das verarbeitende Gewerbe und darunter insbesondere beim Flaggschiff der ungarischen Wirtschaft, der Fahrzeugindustrie, wo die Löhne in acht Jahren um 60 Prozent stiegen.

Nicht in alle Ewigkeit

Längst hat der Aufschwung eine Blase am Wohnungsmarkt erzeugt, die vom MNB-Stab aufmerksam verfolgt wird. Der Wohnungspreisindex schießt seit Jahren ungebremst in die Höhe; gegenüber 2017 ging es in 2018 erneut um rund ein Fünftel hinauf. In Budapest werden Neubauwohnungen bereits zu Quadratmeterpreisen von 2 Mio. Forint (6.250 Euro) angeboten – am Vorabend der Krise galt schon die eine Million, die für Luxuswohnungen mit Donau-Panorama gefordert wurde, als impertinent. Der Rest des Landes bleibt wie üblich weit hinter der Hauptstadt zurück: Das aktuelle Spitzenangebot in Pécs erreicht 750.000 Forint, die Durchschnittspreise bewegen sich in allen Komitatshauptstädten um 400.-500.000 Forint und somit ungefähr bei der Hälfte des Budapester Standardniveaus.

Die Preise werden zu einem nicht eben geringen Teil durch spekulative Geldanlagen ausländischer Käufer in für hiesige Verhältnisse exorbitante Höhen getrieben. Die MNB steuert gegen, indem sie die Kreditaufnahme für die ungarische Durchschnittsfamilie zunehmend erschwert. Noch eine Katastrophe wie mit den Fremdwährungskrediten geschehen will man sich ersparen, egal wie die Werbetrommeln für das Wohnungsbauförderprogramm CSOK gerührt werden.

All diese Begleitumstände werden die Notenbank früher oder später zur Aufgabe ihrer ultralockeren monetären Politik nötigen. Die idealen Rahmenbedingungen, wie sie intern und extern in den vergangenen Jahren gegeben waren, können nicht in alle Ewigkeit Bestand haben. Ein Grund mehr für Matolcsy, auf eine zweite Amtszeit an der Spitze der Notenbank zu verzichten. Nicht umsonst heißt es im Volksmund, man soll aufhören, wenn es am schönsten ist.

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