In den frühen Morgenstunden des letzten Freitags im alten Jahr holte ein Sattelschlepper die Statue des Revolutionshelden Imre Nagy vom Budapester Vértanúk tér ab. Grund dafür ist die geplante Rekonstruktion des Platzes in seinem Zustand von vor 1945. Dazu gehört auch die Wiedererrichtung des 1934 an dieser Stelle eingeweihten Denkmals für die Opfer der kommunistischen Diktatur von 1918-1919, so der Hauptkoordinator des Projektes, Tamás Wachsler, gegenüber der Nachrichtenagentur MTI. Dem musste Imre Nagy nun also weichen.

Vom Parteisoldaten zum Revolutionshelden

Die aus einer Brücke und einer überlebensgroßen bronzenen Figur bestehende Installation wurde von Tamás Varga entworfen und 1996 zum 100. Geburtstag von Nagy am Vértanúk tér aufgestellt. Mit ihr sollte der Übergang Ungarns zur Demokratie geehrt werden, für den Nagy lange Zeit als Symbolfigur galt. Dabei ist der ehemalige kommunistische Parteisoldat und spätere Revolutionsheld nicht ganz unumstritten.

Geboren 1896 kam Nagy, der im Ersten Weltkrieg kämpfte, erstmals während seiner Zeit in russischer Kriegsgefangenschaft in Kontakt mit der sozialistischen Idee, für die er sich bald brennend engagierte. So schloss er sich etwa den Roten Garden an, wurde 1920 Mitglied der Kommunistischen Partei Russlands und landete im Ungarn der Horthy-Zeit mehrmals aufgrund „illegaler kommunistischer Aktivitäten“ in Polizeigewahrsam, weshalb er es vorzog, 1930 ins Exil in die Sowjetunion zu gehen.

1944 kehrte Nagy mit der Roten Armee nach Ungarn zurück. Unter der ersten kommunistischen Regierung übernahm der Bauernsohn aus Kaposvár den Posten des Landwirtschaftsministers und galt hier als Vater der ungarischen Bodenreform. Innerhalb der Partei eckte er jedoch mit seinen vergleichsweise liberalen Vorstellungen immer wieder an.

Nach dem Tode Stalins wurde Nagy 1953 überraschend Ministerpräsident und begann eine durchgreifende Reformpolitik in Gang zu setzen. Einige Punkte konnte er verwirklichen, bevor sich das politische Klima erneut änderte. Nagy, der mit seiner Idee eines „nationalen und menschlichen Sozialismus“ zum Hoffnungsträger vieler wurde, wurde 1955 von seinen Ämtern enthoben und aus der Partei ausgeschlossen. Erst als sich im Oktober 1956 der Volksaufstand zuspitzte, wurde der beim Volk beliebte Nagy als Ministerpräsident reaktiviert, um die Situation zu beruhigen.

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Am 28. Dezember wurde die Installation abgebaut. Übrig blieb nur das Bassin, über das einst die „Brücke in Richtung Freiheit führte“.

Doch entgegen der Hoffnung der kommunistischen Hardliner stellte sich dieser auf die Seite der Aufständischen. Er forderte den Abzug der Roten Armee, kündigte ein Mehrparteiensystem an und sprach sich für die parlamentarische Demokratie aus. Doch schon drei Tage nachdem Nagy Anfang November die Mitgliedschaft Ungarns im Warschauer Pakt aufgekündigt hatte, rückten sowjetische Panzerverbände in Ungarn ein und walzten den Aufstand blutig nieder. Nagy, der sich zunächst in die Jugoslawische Botschaft flüchten konnte, wurde gefangen genommen und wegen Landesverrates zum Tode verurteilt. Am 16. Juni 1958 wurde er 62-jährig im Hof des Budapester Zentralgefängnisses gehängt und anschließend in einem anonymen Massengrab verscharrt.

Verhältnis des Fidesz zu Nagy gespalten

Erst nach der politischen Wende wurde Nagy offiziell rehabilitiert und feierlich neubestattet. Mit dabei: der junge Studentenführer Viktor Orbán. Der heutige Ministerpräsident feierte hier seine erste große Stunde auf der politischen Bühne. In einer bis heute unvergessenen, flammenden Rede verneigte Orbán sein Haupt nicht nur vor den Reformkommunisten, sondern bezeichnete Nagy sogar als „letzten verantwortungsvollen Ministerpräsidenten Ungarns“. Nagy war damals eine der wenigen positiven historischen Figuren des 20. Jahrhunderts auf die sich beide politischen Seiten einigen konnten.

Heute stellen viele von Orbáns Parteigenossen, darunter auch Parlamentspräsident László Kövér, jedoch die Rolle von Imre Nagy als demokratischen Volkshelden infrage. Der konservative Historiker und Fidesz-Bezirksabgeordnete Gábor Sebes bezeichnet Nagy gar als einen „opportunistischen Kommunisten, der erkannt habe, dass ein Seitenwechsel und die Unterstützung der Revolutionäre in seinem besten Interesse sind“. Auch das Fidesz-nahe Onlineportal Pesti Scrácok schreibt: „Man hätte Nagy seine Sünden nie vergeben sollen. Damit bietet man Raum für die Annahme, dass es auch anständige Kommunisten gegeben hätte.“ Das Portal begrüßt die Umsetzung des Denkmals.

Opposition vermutet Geschichtsumdeutung

Ganz anders sehen es die unabhängigen und oppositionellen Medien. Das Nachrichtenportal index.hu wirft der Orbán-Regierung vor, die „Geschichte ausradieren zu wollen“. Die Argumentation, dass man nur den ursprünglichen Zustand des Platzes wiederherstellen wolle, lässt es nicht gelten und vermutet, dass nicht nur der Platz, sondern mit ihm auch unser Geschichtsbild restauriert werden sollen. So versuche man das Horthy-Regime zunehmend zu rehabilitieren. Eine Zeit, die, wie Index schreibt, vom „wachsenden Judenhass, der Einschränkung der Freiheitsrechte und von einer immer engeren Bindung an das faschistische Naziregime geprägt war.“ Dem stimmt auch Péter Krekó, Politanalyst und Leiter des ungarischen Thinktanks Political Capital, zu, der in einem Statement gegenüber der New York Times von dem Versuch spricht, „die rechte, autoritäre Vergangenheit Ungarns wiederzubeleben“.

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Bis zum Sommer soll am Vértanúk tér erneut das Denkmalfür die Opfer des Roten Terrors errichtet werden, das hier bereits zwischen 1934 und 1945 stand. (Foto: fortepan)

Der ungarische Historiker Krisztián Ungváry sieht in der Umplatzierung des Denkmals ebenfalls „ein schlechtes Zeichen für die Zukunft“. „Es gibt wenige Denkmäler, die künstlerisch so gut umgesetzt sind und dabei der Realität des 20. Jahrhunderts in ihrer Komplexität derart gerecht werden, wie das von Tamás Varga geschaffene Denkmal Imre Nagys“, so Ungváry. Der Historiker weist dabei auch auf das Wechselspiel zwischen Installation und Standort hin: „Nagys Blick richtet sich bewusst auf das Parlament, es ist Teil der Botschaft. Dies würde an einem anderen Standort verfälscht.“ Der Kritik einiger Politiker und Publizisten, die Nagy seine kommunistische Vergangenheit ankreiden, entgegnet Ungváry: „Als Christ denke ich, dass das Schicksal eines Mannes, der seine Sünden bereut hat, dafür sogar sein Leben ließ, viel mehr über Menschlichkeit aussagt.“ Seiner Ansicht nach sollte man das Erbe des Reformkommunisten abseits von Parteipolitik würdigen: „Nagy ist nicht nur ein Held für die Linke, sondern für alle Ungarn.“

Obwohl der ungarische Ausschuss für Gedenkstätten, bereits Anfang Dezember endgültig dem Abbau des Nagy-Denkmals zugestimmt hatte und die Pläne für den Platz auch schon davor bekannt waren, formte sich handfester Widerstand erst nachdem am 28. Dezember Tatsachen geschaffen worden waren. Einem Aufruf der Demokratischen Koalition (DK) zu einer Protestveranstaltung noch am selben Abend folgten knapp Tausend Menschen. Dort sprach unter anderem auch die Enkelin des Revolutionshelden, Katalin Jánosi, die ebenso wie die Imre-Nagy-Gesellschaft den Abbau der Statue scharf verurteilte. Viele stellten darüber hinaus am vorerst leeren Vértanúk tér Kerzen auf.

Was den Verbleib des Denkmals angeht, so befindet es sich laut Tamás Wachsler, dem verantwortlichen Projektleiter, derzeit in Restauration. Mitte des Jahres soll der Ministerpräsident der Revolution dann seinen neuen Platz auf dem nahe der Margaretenbrücke gelegenen Jászai Mari tér finden. Bis dahin werde auch das anhand von zeitgenössischen Fotografien und Dokumenten authentisch rekonstruierte Denkmal für die Opfer des Roten Terrors fertiggestellt sein.

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